Archiv für März, 2009

kartheuserElf Jahre. So lange hat der belgische Historiker Bruno Kartheuser (im Bild) recherchiert, um ein Kriegsverbrechen aufzuarbeiten, das in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbekannt geblieben ist: Am 9. Juni 1944 wurden unter der Federführung von SS, Wehrmacht und Sicherheitsdienst in der französischen Stadt Tulle 99 Menschen erhängt. 400 weitere wurden deportiert. Bis Kriegsende kommt ein Viertel von ihnen ums Leben. In vier Büchern hat Kartheuser die Ereignisse von Tulle minutiös nachgezeichnet. Vergangene Woche stellte er den Zyklus in Regensburg vor. Auf Einladung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Grünen kam Kartheuser nachmittags ins Werner-von-Siemens-Gymnasium, abends ins L.E.D.E.R.E.R. e.V.. Im Rahmen seines Vortrags zeichnet Kartheuser nicht nur die historischen Ereignisse nach, er analysiert auch die Strukturen des nationalsozialistischen Terrors in Frankreich, widerlegt revisionistische Thesen und er benennt die Täter, die im Nachkriegsdeutschland weitgehend unbehelligt geblieben sind. Anlass für das Massaker der Deutschen war ein Angriff der Resistance auf die besetzte Stadt Tulle am 8. Juni 1944. Den Widerstandskämpfern gelang es, die 16.000 Einwohner zählende Stadt vorübergehend zu befreien und 60 Gefangene zu machen. „Es war kein Kampf bis aufs Blut“, so Kartheuser. Dafür spricht auch, dass rund 30 verwundete deutsche Soldaten im dortigen Krankenhaus behandelt wurden. Am darauffolgenden Tag traf die SS-Division „Das Reich“ in Tulle ein. „Spezialkräfte aus dem Osten“, so Kartheuser, die bereits Erfahrungen bei „Säuberungsaktionen“ gesammelt hatten. So genannte Einsatzkommandos aus SS, Wehrmacht und Sicherheitsdienst töteten in Osteuropa über eine Millionen Menschen „ Das waren Mordaktionen in reiner Essenz“, so Kartheuser. Mit dem Eintreffen der SS-Division „Das Reich“ war diese barbarische Kriegsführung auch in Frankreich angekommen. Die Resistance zog sich nach dem Eintreffen der SS mit ihren Gefangenen zurück. Kartheuser hat keinerlei Belege dafür gefunden, dass es Versuche gegeben hätte, die Widerstandskämpfer zu verfolgen geschweige denn die Gefangenen zu befreien. Stattdessen trieb die SS 4.000 Männer in Tulle zusammen. Angehörige von SS und Sicherheitsdienst (SD) sortierten willkürlich 120 Männer aus, die gehängt werden sollten. Kartheuser: „Es war ein Spiel mit der Angst einen Tag lang.“ Noch am selben Tag wurden schließlich 99 Zivilisten gehängt – nach Beschluss der Zuständigen: Wehrmacht, SS und SD. Die Leichen wurden in einem Massengrab auf einer Müllhalde verscharrt. Federführend bei den Hinrichtungen dabei: SS-Obersturmbannführer Albert Stückler. tulleDie SS-Division stand unter dem Kommando des SS-Oberführers Heinz Bernhard Lammerding. Er hatte bereits im Vorfeld seines Einsatzes in Frankreich eine neue Strategie ausgegeben. Bis zum 15. Juni sollten 5.000 Menschen festgenommen werden. Ab sofort galt: Für jeden verwundeten Deutschen werden drei, für jeden toten Deutschen zehn Franzosen umgebracht. Als Hinrichtungsmethode führte Lammerding Erhängen anstelle des Erschießens ein. Das Ziel: Willkürlichen Terror unter der Zivilbevölkerung verbreiten und so die Unterstützung für den Widerstand zu schwächen. Einen Tag nach den Erhängungen von Tulle wurde mit ebendiesem Ziel auch der Ort Oradour von der SS-Division „Das Reich“ überfallen und dem Erdboden gleich gemacht. Fast alle Einwohner wurden ermordet: 642 Tote. Die Hauptverantwortlichen der Verbrechen in Tulle und Oradour blieben nach dem Krieg weitgehend unbehelligt. Die Wehrmacht wurde freigesprochen. Die meisten Verfahren gegen Angehörige von SS oder SD endeten mit Freisprüchen oder niedrigen Haftstrafen. Drei Beispiele: Angehörige des SD August Meier wurde in Bordeaux zu 20 Jahren verurteilt und nach dreieinhalb Jahren entlassen. Als seine Vergangenheit als Kommandoführer einer Einsatzgruppe mit einer Mordbilanz von über 38.000 Opfern ins Visier der Ermittler geriet, beging er 1960 Selbstmord im Gefängnis. Der SS-Brigadeführer Heinz Bernhard Lammerding wurde zwar 1951 in Bordeaux in Abwesenheit zum Tode verurteilt, von Deutschland aber nicht ausgeliefert. Er starb 1971 im Alter von 66 Jahren in Bad Tölz. SS-Obersturmbannführer Albert Stückler starb 1996 im Alter von 83 Jahren in Freising. Dort saß er ab 1960 im Stadtrat, war Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes Oberbayern und kandidierte 1962 auf dem 2. Listenplatz für den Landtag. Zeitgleich ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen der Verbrechen von Tulle gegen Stückler, stellte die Ermittlungen aber ein, nachdem dieser einen von ihm verfassten Bericht vorgelegt hatte. Kartheusers Fazit: „Die Verbrechen von Tulle wurden nicht gesühnt.“ Dafür verantwortlich macht er vor allem die deutsche Justiz, „ein Berufsstand, der sich nach dem Krieg selbst amnestiert hat“. Bei der Aufklärung deutscher Kriegsverbrechen habe sie sich „als biegsames Rohr im Wind erwiesen“. titel_tulleDem Historiker geht es aber nicht darum, Vorwürfe zu erheben. Sühne für Tulle sei ohnehin nicht mehr möglich. Es geht ihm darum, über die Fakten aufzuklären, um so Revisionisten entgegenzuwirken. Das ist ihm im Rahmen seiner elfjährigen Recherchen gelungen. „Auf Basis strikter Methodik“ hat er vier Bücher vorgelegt, welche die Ereignisse von Tulle minutiös rekonstruieren und dazu umfangreiches Quellenmaterial liefern. Andererseits beschränkt er sich bei seinen Ausführungen aber nicht nur auf dieses eine Ereignis: Er legt auch die Strukturen offen, auf denen die nationalsozialistische Herrschaft in Frankreich beruhte und räumt mit der „Legendenbildung des militärischen Anstands“ bei der Wehrmacht auf. Kartheusers Motivation für seine Arbeit ist nicht zuletzt der Wunsch nach einem würdigen Gedenken für die Opfer. „Das ist die einzige Gerechtigkeit, die ihnen jetzt noch widerfahren kann.“ Zum Nachlesen: Bruno Kartheuser: Walter, SD in Tulle. Band 3: Die Erhängungen von Tulle. Der 9. Juni 1944. Neundorf 2004. Bruno Kartheuser: Walter, SD in Tulle. Band 4: Die Erhängungen von Tulle. Ein ungesühntes Verbrechen. Neundorf 2008.

Stadtbau: Gibt es ein Patt im Aufsichtsrat?

Das Gezerre um die Neubesetzung des Geschäftsführerpostens bei der Stadtbau scheint zu Ende zu gehen. Nachdem sich der beschließende Ausschuss – Oberbürgermeister Hans Schaidinger, Helgit Kadlez (CSU) und Lothar Strehl (SPD) – über Monate hinweg nicht auf einen Kandidaten einigen konnten, wird nun der Aufsichtsrat der städtischen Tochtergesellschaft entscheiden. Damit ist das ursprüngliche Ansinnen gescheitert, […]

Wieder Strom im Stadion/ Scharfe Kritik an „Jahn-Spitze“

Der SSV Jahn hat wieder Strom. Das gab die REWAG heute Nachmittag via Pressemitteilung bekannt. Der Oberbürgermeister vermittelte (erneut) zwischen der REWAG und der SSV-Führung bzw. Jahn-Vizepräsident Manfred Kraml und dem sportlichen Leiter Horst Eberl. Der Jahn wird die ausstehenden Forderungen bis kommenden Dienstag bezahlen. Präsident Franz Nerb war bei dem Gespräch nicht zugegen. Scharfe […]

BOS-Neubau: „Ohne PPP geht’s jetzt gar nimmer“

Da geht die Sonne auf! Lauter gute Nachrichten! Gestern hat der Stadtrat einstimmig Sonderinvestitionen von 21,4 Millionen Euro auf den Weg gebracht – vorbehaltlich der erhofften Zuschüsse vom Freistaat. Der soll im Rahmen des Konjunkturpakets II 75 Prozent der Kosten übernehmen. Noch eine gute Nachricht gab es zwei Tagesordnungspunkte später: Im Rahmen eines Förderprogramms des […]

Sparfuchs-Streit: Schaidinger zahlt nach!

Im Streit um ausstehende Mandatsträgerbeiträge hat Oberbürgermeister Hans Schaidinger offenbar eingelenkt. Heute nachmittag ließ Schaidinger über das Büro der CSU-Fraktion eine Presseerklärung verschicken, die wir nachfolgend im Originalwortlaut abdrucken. Die Presseerklärung kommt unmittelbar vor einer Sitzung des CSU-Kreisvorstands, bei der insbesondere die ausstehenden Beiträge thematisiert werden sollten. Presseerklärung von OB Hans Schaidinger Seit Beginn meiner […]

Fahrpreiserhöhung? Der RVV wartet noch ab

Eine gute Nachricht? Der RVV will die Fahrpreise nicht erhöhen! Vorerst wenigstens. Bekanntlich haben sich am Wochenende Arbeitgeber und Gewerkschaft auf einen Kompromiss im Tarifstreit im öffentlichen Nahverkehr geeinigt. Gewerkschaftangaben zufolge soll es damit für die Beschäftigten in fünf Prozent mehr Lohn geben. Die Städte Nürnberg und München haben bereits angekündigt, deshalb die Fahrpreise zu […]

Ohne Counterstrike wär das alles nicht passiert?

Auf der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs von Winnenden haben die Angehörigen in einem offenen Brief unter anderem ein Verbot von Killerspielen gefordert. Dieser Reflex tritt stets nach derartigen Vorfällen auf, er ist verständlich und nachvollziehbar, gleichzeitig aber auch nur Ausdruck der Hilflosigkeit. Ein Verbot ist immer die einfachste Lösung. Der Sündenbock ist schnell […]

Lagerpflicht! Residenzpflicht! Schmerzpflicht?

Am 23. April wird im Bayerischen Landtag über die Zukunft der Unterbringung von Flüchtlingen diskutiert. Die entscheidende Frage dabei: Kippt die Lagerpflicht? Knapp 8.000 Asylsuchende sind bislang einer bayerischen Spezialität – der zwangsweisen Unterbringung in so genannten „Gemeinschaftsunterkünften“ (GU) – ausgesetzt. Über die Zustände in solchen Unterkünften in der Oberpfalz hat regensburg-digital.de in der Vergangenheit […]

Gefälschte „Zeit“ in Regensburg verteilt

„Licht am Ende des Tunnels“, titelt am heutigen Samstag die Wochenzeitung Die Zeit. „Opel in Belegschaftshand, Banken verstaatlicht: Eine neue Ära beginnt“, heißt es in der Unterzeile. Weitere Neuigkeiten: Die Nato wird aufgelöst, Schuldenerlass für arme Länder und, und, und. Zu schön, um wahr zu sein? Genau. Doch nicht zu schön, um Realität zu werden. […]

Einstiegsdrogen und Werbelügen

Krank und sauer! So ist die Stimmung in unserer Redaktion. Es grassiert eine Erkältungswelle. Dabei haben wir doch so viel Danone Actimel© geschluckt, bis es uns zu den Ohren herausgekommen ist. Denn wie heißt es so schön: „Actimel – aktiviert Abwehrkräfte!“ Hätten wir doch normalen Jogurt genommen. Der wirkt in etwa genau so gut (oder […]

RVB will nicht gottlos sein

Es bleibt fraglich, wann und ob überhaupt gottlose Busse durch Regensburg rollen. Wie am Freitag von regensburg-digital berichtet, hat die Kampagne für säkulare Buswerbung nach Großbritannien, Spanien und Italien mittlerweile auch Deutschland erreicht. Schon vergangene Woche hatten die Initiatoren über ihre Internetseite www.buskampagne.de genügend Geld gesammelt, um drei Busse in Berlin, Köln und München mit […]

Sparfuchs-Affäre: Anwalt eingeschaltet

Im CSU-Streit um nicht gezahlte Mandatsträgerbeiträge bleiben die Fronten zwischen dem Regensburger Oberbürgermeister und dem Kreisvorstand weiter verhärtet. Während sich Bürgermeister Gerhard Weber mit dem Kreisvorsitzenden Franz Rieger über die Zahlungsmodalitäten geeinigt hat, ließ Hans Schaidinger mittlerweile seinen Anwalt einschalten. Er selbst will sich zu dem Thema nicht mehr äußern. Ohnehin hatte der Oberbürgermeister sich […]

Privater Online-Waffenkauf: Der
Sportschützenbund macht´s möglich

Aktionismus. Das ist die erste Reaktion auf den Amoklauf eines 17jährigen aus Winneden. Ein Großteil der Medien ergeht sich in Voyeurismus. Pop-Kriminologe Christian Pfeiffer fordert wieder einmal ein Verbot von Killerspielen. Schärfere Waffengesetze müssen her schreit zuerst das Volk und Politiker aller Couleur plappern die Forderung nach. Dabei hat Deutschland das schärfste Waffengesetz Europas. Hätte. […]

46 Millionen für ein neues Rathaus

Ein wirtschaftliches Millionengrab:
PPP-Projekt Verwaltungszentrum

„Private Public Partnership“ (PPP) – das bedeutet nichts anderes als eine Kooperationen zwischen dem Staat – meist Kommunen, Landkreisen oder Gemeinden – und privaten Investoren. Der private Träger realisiert beispielsweise Bauvorhaben, die eine Kommune früher in Eigenregie erledigt hat. Der Investor wird dafür entlohnt; meist über Mietverträge, die häufig 20 oder 30 Jahre laufen.

Brückenpreisträger auf Abwegen

1995 verlieh die Stadt Regensburg zum ersten Mal den Brückenpreis. Preisträger: Professor Wladyslaw Bartoszewski (rechts im Bild). Der polnische Politiker und Publizist war Botschafter und Außenminister seines Landes. Aktuell bekleidet er das Amt eines Staatssekretärs und berät den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk in außenpolitischen Fragen. Bisher fiel Wladyslaw Bartoszewski vor allem durch seine ausgleichenden Reden […]

CSU Regensburg: Schaidinger-Gegner
weiter auf dem Vormarsch

Zufrieden dürfte der Regensburger CSU-Kreisvorsitzende Franz Rieger mit dem ausklingenden Wochenende sein. Bei weiteren zwei Ortsverbandswahlen gab es für das Lager von Oberbürgermeister Hans Schaidinger nichts zu holen. Neben den Ortsvorsitzenden dürften auch die 20 neu gewählten Delegierten für die Wahl des Kreisvorstands samt und sonders auf Seiten des Rieger-Lagers stehen. Bereits am Freitag wurde […]

Flüchtlinge im Landkreis Schwandorf: „Behandelt wie der letzte Dreck“

Die Gemeinschaftsunterkunft Teublitz-Koppenlohe liegt abseits der Hauptstraße, kaum sichtbar in einem Waldstück, nahe Burglengenfeld. Einst war das Gebäude ein Aussiedlerwohnheim, jetzt ist es eine so genannte „Gemeinschaftsunterkunft“ (GU) für Flüchtlinge. 109 Menschen unterschiedlicher Herkunft – Iraker, Syrer, Libanesen, Afghanen, Pakistani, Kongolesen, Sudanesen, Vietnamesen, Iraner – fristen dort ihren Alltag, darunter viele Familien mit Kindern. In […]

Gottlose Busse!

Begonnen hat das Ganze in Großbritannien. Mittlerweile ist es auch in Regensburg angekommen. Angesichts religiöser Werbung an öffentlichen Verkehrsmitteln rief die Britische Humanistische Gesellschaft (BHA), unterstützt durch den bekannten Schriftsteller und Atheisten Richard Dawkins, zu Spenden auf: Der religiösen Botschaft „Wenn der Menschensohn kommt, wird er auch Glauben finden auf Erden?“, die auf Londoner Bussen […]

Lethargie in ALG-Moll

Zwei junge Männer standen am Donnerstagvormittag wacker, aber etwas verloren vor dem Arbeitsamt Regensburg. Sie verteilten Flyer der Partei Die Linke zum Thema Hartz IV. Anlass war ein bundesweiter Aufruf, vor Arbeitsämtern und Betrieben in Sachen Wirtschaftskrise mobil zu machen. Die Aktion gehört mit zum Vorwahlkampf der Partei und soll in 40 Städten stattgefunden haben. […]