Archiv für 15. November 2010

„Ich bin ein bisschen erkältet und wenn ich heute öfter huste, müsst ihr mir das verzeihen“, sagt die kleine Frau, die am Freitag im Gloria auf die Bühne kommt. Esther Bejarano liest aus ihren Erinnerungen vor. Nur drei Mal muss sie sich räuspern, während sie von der „Begleitmusik zum Massenmord“ erzählt, die sie als „Funktionshäftling“ in Auschwitz, auf dem Akkordeon spielen musste. Wer denkt bei einer solchen Beginn daran, dass die 85jährige wenig später mit zwei Rampensäuen auf der Bühne rappen wird? Es ist ein Abend voller Kontraste. Esther Bejarano und ihre Kinder treten am Freitag in Regensburg zusammen mit der Microphone Mafia auf. Die Microphone Mafia – Kutlu Yurtseven und Rossi Pennino – sind eine Kölner HipHop-Combo der ersten Stunde. Seit sie 16 sind, stehen sie miteinander auf der Bühne, rappen auf deutsch, türkisch, italienisch und kölsch. Esther Bejarano ist eine von zwei Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz. „Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami“ war das erste Stück, das sie als 19jährige – kahl geschoren und ausgehungert – spielte, um ins Mädchenorchester Auschwitz aufgenommen zu werden – eine Chance, um das Konzentrationslager zu überleben. Die Züge, zu deren Ankunft das Mädchenorchester spielen musste, sind es, an die Bejarano sich bis heute erinnert. „Die Menschen winkten uns zu, sie dachten sicher, wo die Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein.“ Die meisten von ihnen wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet. Eine halbe Stunde liest Esther Bejarano, berichtet am Ende davon, wie sie beim Todesmarsch 1945 fliehen konnte und wie sie das Ende des Krieges mit amerikanischen Soldaten feiert und musiziert, während ein Bild von Adolf Hitler verbrannt wird. Mucksmäuschenstill ist es bis dahin im Gloria gewesen. Dann kommen Kutlu und Rossi auf die Bühne. Jetzt wird gerappt. Und das Publikum reagiert anfangs eher zögerlich, als, unmittelbar nach den bedrückenden Schilderungen, Bejaranos Gesang zu Stücken wie Judenhure, Viva la Verita oder Bella Ciao mit harten Beats unterlegt wird, als Brecht und Gedichte von KZ-Überlebenden verrappt werden oder als Kutlu und Rossi – beide „Gastarbeiterkinder“ – darüber philosophieren, dass sie „rein genetisch“ eigentlich nur Gemüsehändler hätten werden können. Darf man das? Man darf. 2008 standen die Microphone Mafia und die Bejaranos zum ersten Mal miteinander auf der Bühne. Der DGB hatte bei Kutlu Yurtseven angefragt, ob er zum Antikriegstag Gedichte von KZ-Häftlingen verrappen könnte. Er fragte bei Esther Bejarano in Hamburg an, die mit ihrer Tochter in der Band „Coincidence“ Musik macht, ob man nicht ein gemeinsames Projekt starten könnte. Nach dem ersten Schock, „weil sich da die Mafia am Telefon meldete“, folgte eine intensive Zusammenarbeit und was ursprünglich als kurzfristiges Projekt gedacht war, hat zu regelmäßigen Auftritten geführt und mündet gerade in ein zweites gemeinsames Album. „Wir sind eine Familie geworden“, erzählt Yurtseven. Und das Engagement gegen Rassismus, Antisemitismus und Menschenhass ist etwas, mit dem sich alle, die am Freitag auf der Bühne stehen, identifizieren können. Drei Generationen und Religionen – Judentum, Christentum, Islam – allein schon diese Kombination zeigt, dass ein Zusammenleben unterschiedlichster Kulturen funktionieren kann. Am Ende des Konzerts wird laut mitgeklatscht, mitgesungen und „Zugabe“ gerufen. Davon gibt es nur zwei: Umfangreicher ist das gemeinsame Programm noch nicht. Nicht allein als Konzert, auch als politische Veranstaltung will die Microphone Mafia den Abend verstanden wissen. „Aber ohne Zeigefinger, sondern mit Herz und Verstand“, sagt Rossi, ehe er und Kutlu gemeinsam mit den Bejaranos zum Essen gehen. Foto: Günther Staudinger

Streitgespräch Energiepolitik

Die Laufzeitverlängerung wurde Ende Oktober beschlossen, vergangene Woche ist der bislang längste Castor-Transport nach Gorleben über die Bühne gegangen und im Regensburger Stadtrat wurde erst vor kurzem nach kontroverser Diskussion eine Resolution gegen die Laufzeitverlängerung abgelehnt: Entsprechend dürfte Atomkraft im Mittelpunkt stehen, wenn sich am Dienstag, 19 Uhr, Vertreter von SPD, CSU, Linke, FDP und […]