Archiv für 16. November 2010

Ein wahrer Christ. Das ist Schulbürgermeister Gerhard Weber. Und ein Mann klarer Worte, der diesen seinen Glauben auch zu verteidigen weiß. Gegen Ungläubige. Gegen Ausländer. Und gegen das Grundgesetz. Wenn da ein Professor meint, er könne einfach geltendes Recht einfordern, hat er sich geschnitten und zwar gewaltig. Wie die Mittelbayerische Zeitung in mittlerweile drei aufeinanderfolgenden Ausgaben berichtet, hat dieser Professor das Kreuz in der Schulklasse seines Sohnes abhängen lassen. Eine Forderung, die mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1995 in Einklang steht, das die bayerische (!) Praxis, Kreuze in Schulen aufzuhängen für grundgesetzwidrig erklärt hat. Dass dieser Professor dieses Recht nun in die Praxis umgesetzt hat und noch dazu mit seiner Familie, wie ebenfalls aus der Mittelbayerischen Zeitung zu erfahren ist, „aus dem englischssprachigen Ausland eingereist“ ist, nimmt der Bürgermeister als Steilvorlage, um (man kennt das irgendwoher) mal was zu sagen, was schon erlaubt sein muss. „Die Frage muss erlaubt sein, ob damit nicht das Gastrecht, das wir Ausländerinnen und Ausländern gerne gewähren, überstrapaziert wird, wenn nämlich jahrhundertealte deutsche Traditionen wie das Kreuz in Schulzimmern angegriffen werden“, lässt er am Montag in einer Pressemitteilung verlauten. Und Weber fordert den Vater auf – nein, nicht das Land zu verlassen, wie man angesichts dessen meinen könnte – sondern „sich in der Öffentlichkeit zu seinem Vorstoß zu bekennen“. Dabei ist die Familie anhand der Informationen in der MZ sowieso ohne weiteres zu identifizieren. Aber ein noch etwas öffentlicherer Pranger scheint besser zu sein, um diesen Mann mal Mores zu lehren. Weber darf sich dabei in guter Gesellschaft fühlen. „Hat hier eine extreme Minorität die Schul-Autorität unter Druck gesetzt?“, wird ganz unprätentiös in der Mittelbayerischen Zeitung gefragt, die ziemlich unverhohlen zum Halali auf den Gottlosen bläst. Dabei wird das Thema am Albertus-Magnus-Gymnasium, wo sich das vermeintliche Drama abspielt, weit weniger hoch gehängt, als die Berichterstattung einen glauben machen könnte. Im Kollegium herrscht recht wenig Aufregung über den Fall an sich, wenn man den Aussagen einiger Lehrer glauben kann. Auch in der Klasse hatte man mit dem Andachtskreis ohne katholischen Bezug eigentlich eine Einigung gefunden. Es ist eher der Medienrummel, der für Unruhe sorgt und der wurde Wochen später, nach einem Elternabend, losgetreten. Gerade mal sechs von 32 Elternpaaren der betroffenen Schulklasse haben sich tatsächlich über das abgehängte Kruzifix beklagt, vier von ihnen haben schließlich einen Brief geschrieben. Diese Eltern werden nun von der Mittelbayerischen Zeitung zur vermeintlichen Mehrheit erhoben. Die „AMG-Familie“, also das ganze Gymnasium, 1.000 Schüler nebst Angehörigen, sei „geschockt“ wird am Montag gar geschlagzeilt, ohne dass dafür konkrete Belege genannt würden. Stattdessen kommen drei Stadträte und ein anonymer Lateinlehrer (nicht des Albertus Magnus-, sondern des Pindl-Gymnasiums) zu Wort, die von einem „unerhörten Skandal“ (Eberhard Dünninger, ödp) und „Intoleranz“ (Margit Wild, SPD) sprechen oder „schlechte Zeiten“ angesichts abgehängter Kreuze heraufziehen sehen (Bernadette Dechant, CSU). Zudem berichten „Quellen“ der Mittelbayerischen Zeitung davon, dass der Sohn dieser gottlosen Familie als Teufel verkleidet zur Schule gekommen sei. Da scheint Satan nicht weit zu sein – entsprechende Reaktionen im Internet gibt es bereits. Die Familienmitglieder werden auf einschlägigen Seiten als Satanisten beschimpft. Einem Bericht von Radio Ramasuri zufolge sollen sie bereits Drohbriefe erhalten haben. Bürgermeister Weber wird dagegen in rechtsradikalen Internetforen gefeiert. Der ansonsten nicht eben dafür bekannte Regensburger Bischof bleibt dagegen fast moderat. Der sähe es zwar auch lieber, wenn das Kreuz in der Schule hängen bliebe und definierte Toleranz anlässlich eines Pontifikalamts am Montagabend als etwas, dass die atheistische (oder andersgläubige) Minderheit gegenüber dem Christentum zu üben habe. Im Gegensatz zu Weber und der Mittelbayerischen Zeitung drischt er aber nicht auf die Familie ein, lässt den konkreten Fall sogar unerwähnt und von seinem Sprecher Clemens Neck verlautet gar gegenüber dem Regensburger Wochenblatt, es sei zunächst nicht zu kritisieren, wenn der Vater sich auf „in Deutschland geltendes Recht“ berufe. Über das Recht müsse man diskutieren. Nun kann es einem gleichgültig sein, ob in einem Klassenzimmer ein Kreuz hängt oder nicht. Man kann es andererseits auch bedauern, schade finden und kritisieren, wenn da kein Kreuz mehr hängt, weil man es doch mit seiner persönlichen Weltanschauung verbindet. Was aber mehr als nur zu bedauern ist, als ein fehlendes Kreuz im Klassenzimmer ist das Haberfeldtreiben das hier eine Tageszeitung und ein Bürgermeister gegen eine einzelne Familie veranstalten, die schlicht ihr grundgesetzlich garantiertes Recht wahrnimmt, das übrigens auch für Menschen gilt, die „aus dem englischsprachigen Ausland eingereist“ sind. Da mag sich Weber als guter Christ fühlen, doch er ist nichts anderes als ein Hetzer.