Archiv für 3. Dezember 2012

Reden ist teuer, Schweigen ist Gold

Der namenlose Goldjunge

Gold, aber kaum Geld: Capos anonymisierte Auszeichnung. (Foto: privat)

„Eine Freundin von mir schrieb mir gerade das sie meine Witze nicht lustig findet und ich solle das doch mal aus der Perspektive einer Frau sehen – Also stellte ich mich in die Küche und schaute dumm :D“
Noch einer gefällig?
„Was ist der Unterschied zwischen einer Muschi und einem Oettinger Bier? Das Oettinger schmeckt nur beim ersten schluck nach Pisse.“
Warum das hier steht? Weil gestern bei CaPo BeatZ „Frauenwitze-Tag“ auf der Facebook-Seite war. Was muss das für einer sein, der solche Witze verbreitet? Bestimmt ein total krasser Gangster, einer, in dessen Gegenwart es einem vor lauter Coolness die Spucke im Mund schockfrostet; bei dem man zwischen Tausenden „Yo“ und „Alda“ erst mal einen ganzen Satz ausfindig machen muss; einer, der dauernd etwas von „Street credibility“ faselt und sich nicht mit Schritten, sondern nur in Moves fortbewegt.

Der Image-Gangster

Doch der Typ, der für das Interview ins „Calis“ kommt, ist so gar nicht das, was man erwartet oder gar befürchtet. Capo ist nett, fast schon zurückhaltend. Er ist höflich, unaufdringlich, freundlich. Er spricht mich nicht mit „Schwestaaa“ oder anderen komischen Bezeichnungen an, nennt (zumindest in meiner Gegenwart) seine Freunde höchstens „Kumpel“, aber nicht „Homie“ oder „Bro“. Wie passt das zu den Facebook-Postings? „Ach, alles nur Image-Pflege“, sagt er auf das Kompliment, in natura viel netter zu sein, als man nach Lektüre seiner Facebook-Seite meinen könnte.

Das goldene Geheimnis

Capo ist Produzent. Er macht Beats und sucht sich entweder Rapper oder Sängerinnen, um selbst ganze Lieder zu produzieren, oder er verkauft sie an andere Produzenten, die sie als Grundlage für eigene Produktionen weiterverwerten. Der Beat-Verkauf hat Capo kürzlich ungeahnte Ehren eingebracht: Ein Album, auf dem ein Beat von ihm die Grundlage für einen Song ist, hat Anfang November Gold bekommen. Capo hat sogar eine Goldene Schallplatte daheim, nur: Niemand darf wissen, wofür er sie bekommen hat.

Capos Beat: abgestaubt und veredelt

Es war ein Geschäft wie schon oft zuvor. Capo ist 24, aus Burgweinting, und arbeitet im Hauptberuf Operator bei Infineon; ein Jahr als hauptberuflicher Beat-Produzent hätte ihm durch die Geschäftsmäßigkeit des Treibens fast die Freude an der Musik verdorben, weshalb er sich wieder einen schnöden Brot-Beruf gesucht hat. Er hat ein paar Beats produziert und sie an einen anderen Produzenten geschickt. Dessen Rückmeldung war äußerst erfreulich, er interessierte sich für eins von Capos Werken und hat es ihm abgekauft. 300 Euro hat er dafür bekommen. Capos Beat wurde unverändert übernommen, ein paar Zeilen wurden drüber gesungen und/oder gerappt (so genau darf man das ja nicht wissen), und schließlich ist er auf einem Album gelandet. Jetzt ist das Ding vergoldet – doch Capo darf es niemandem erzählen, den Erfolgs-Beat selbst nie wieder verwenden, und Tantiemen hat er auch nicht zu erwarten.

300 Euro für einen Song auf einem Top-20-Album

300 Euro – das klang nach einem guten Geschäft. Mehr, so erzählt Capo, gebe es in Deutschland selten für einen Beat von einem unbekannten Produzenten, sonst hat er oft nur um die 100 Euro genommen. 300 Euro klangen da schon nach Sonderangebot. Also: raus mit dem Ding. Verkauft und Vertrag unterschrieben.

Der Goldjunge. (Pressefoto)

Dieser Vertrag regelt: Capo taucht nirgendwo auf. Nicht als Produzent und nicht als Urheber. Und er darf bis an sein Lebensende nicht sagen, welcher Erfolgsproduzent unter anderem mit seinem Beat in die Top 20 der deutschen Charts kam. Hätte sich sein Vertragspartner nicht freiwillig bei ihm gemeldet und von der Goldenen Schallplatte erzählt – Capo wüsste vielleicht bis heute nichts davon.

Nur eine namenlose Nummer

Wahrscheinlich hat der Käufer und Weiterverwerter es für einen Akt der Fairness und Großzügigkeit gehalten, Capo eine eigene Goldene Schallplatte zukommen zu lassen. 150 Euro soll das gekostet haben. Die hat er extra für ihn herstellen lassen – ohne Namen, ohne Titel. Niemand soll erkennen können, wofür Capo diese Auszeichnung bekommen hat. Lediglich eine Kennziffer ist irgendwo klein eingraviert, der Labelcode, eine Identifikationsnummer ähnlich der ISBN bei Büchern. Wenn man Glück hat, kann man über diese Nummer den Titel ergooglen, aber das funktioniert nicht bei allen Veröffentlichungen, auch nicht bei dieser

Klappe halten oder zahlen

Nützlich für den zukünftigen Erfolg und für Preissteigerungen bei zukünftigen Geschäften ist die Goldene Schallplatte also auch nicht. Denn behaupten kann das ja jeder, dass er ein „Goldjunge“ sei. Und den Beweis darf Capo nicht antreten, sonst zahlt er die Vertragsstrafe in Höhe von 50.000 Euro. Wenn er als Urheber und Co-Produzent korrekt geführt worden wäre, hätte er vielleicht ein Fünftel bis ein Zehntel dieses Betrags verdient. So jedenfalls die Schätzung seines Cousins, der früher Gitarrist bei Reamonn war und von diesen Dingen ein wenig Ahnung hat. Eine ordentliche Bezahlung für den Beat von 2.000 bis 3.000 Euro plus Gema-Ausschüttungen bei Radio-Airplays oder Live-Auftritten, wo der Song gespielt wird. Das alles geht nun an Capo vorüber. Die Goldene Schallplatte ist für Capo Stolz und Ärgernis zugleich. Letzteres scheint aber zu überwiegen, denn sie hängt nicht mehr an der Wand.

Neues Spiel, neues Glück – aber unterm eigenen Namen

Und jetzt? Macht er halt alleine weiter. Er hat sein eigenes Label gegründet und bringt demnächst sein eigenes Album raus. Vielleicht erkennt das Publikum ja ein weiteres Mal die Gold-Qualitäten von Capo. Und weil’s so schön war, gibt’s noch einen zum Schluss. Vielleicht nicht gold-verdächtig, aber einen Lacher wert:
Man wacht auf, checkt Facebook und man liesst nur Zitate und das jeeeeden Tag… „Sei lieber ein verschlossenes Buch als eine offene Zeitung, denn die Menschen die dich wirklich lieben werden sich die Zeit nehmen jedes Wort zu lesen das in dem Buch steht“. Ey nur weil du auf deiner Internetsuche nach den schrecklichsten Unfällen und den neuesten Pornoseiten zufällig über irgend eine schlechte Lebensweisheit gestolpert bist die du unbedingt auch gleich teilen mußt, bist du noch lange kein Einstein… #wahnsinn #hammer #echt #lol In diesem Sinne – Guten Morgen ;)