Ein Abgesang auf die Spielfilm-Serie

<3 Pizza und Netflix

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Die großen Serienproduktionen von Streamingdiensten und Fernsehanstalten erleben heutzutage ihren Höhepunkt. Schon bald könnte es damit vorbei sein. Zumindest, wenn es nach Flamingo geht.

Eine aktuelle Netflix-Startseite. Screenshot: om

Eine aktuelle Netflix-Startseite. Screenshot: om

Von Flamingo (Maximilian Schäffer)

Zum Leben des durchschnittsdeutschen Mittzwanzigers gehört im Jahre 2017 ganz selbstverständlich die Videoplattform „Netflix“. Nur allzu oft liest man – besonders auf Dating-Plattformen – von der Lieblingstätigkeit des Herumfläzens und Serienguckens. Dieses Hobby scheint mittlerweile so universal liebenswürdig, dass es als Aushängeschild für die zukünftige Partnersuche gewählt wird. Es ist schließlich schön, etwas gemeinsam zu haben.

Feierabendlicher Diskurs über TV-Sagas

Dass es Serien, die Familien oder Partner zusammenhalten, schon immer gab, beweisen die historischen Beispiele Dallas, Lindenstraße oder Friends. Jedes in seiner Epoche ein Geschlechter und Generationen verbindendes Ereignis. Gemeinsam vor dem Fernseher, versammelte man sich wöchentlich oder gar täglich zur gleichen Zeit, damit man etwas zu reden und lästern hatte. So ließ sich der Alltag kollektiv ausschmücken.

Die TV-Sagas der 70er bis 90er waren eher leicht konsumierbar und auf den feierabendlichen Diskurs ausgelegt. Die Kulissen wiederholten sich, oft wurde gar „live“ und vor Publikum im Theater abgefilmt und der Rest durch kleine Außenaufnahmen ergänzt. Es waren günstige Produktionen, die entweder von öffentlich-rechtlichen Geldern oder ein paar Werbespots in der einmaligen Ausstrahlung finanziert wurden.

Einen Einschnitt in diese Machart brachten im deutschen Fernsehen Helmut Dietls Serien Monaco Franze (1983) und Kir Royal (1986), die deutlich elaborierter komplexere Charaktere und Filmtechniken einspeisten. Man hatte es auf einmal mit ausgedehnten Spielfilmen zu tun, deren raffinierte Figurenzeichnungen eher zehn als zwei Stunden für nötig hielten. Mit David Lynchs Twin Peaks (1990) war schließlich zum ersten mal eine Serie im internationalen Fokus, die visuellen wie narrativen Anspruch formvollendet verband.

Beispiel eines "ausgedehnten Spielfilms": Helmut Dietls Monaco Franze. Szenenbild: BR.

Beispiel eines „ausgedehnten Spielfilms“: Helmut Dietls Monaco Franze. Szenenbild: BR.

Von der Videokassette zum Streaming

Das Mühsame am Serienkonsum der Fernsehzeit war die einfache Tatsache, sich nötigerweise zur vorgegeben Zeit in seinem Wohnzimmer, vor der Bildröhre, einfinden zu müssen. Als Videorekorder bezahlbar wurden, erleichterte dies das kontinuierliche Verfolgen der Geschehnisse enorm, jedoch war es immer noch mühsam genug, dieselbe Kassette mit mühsam programmierten Ausstrahlungen, zwischen Werbepausen und Zeitverschiebungen, zu füttern. Und außerdem: Was, wenn man die ersten fünf Folgen nicht mitbekommen hatte und alle Wiederholungen hoffnungslos vergangen waren? Eventuell musste man Jahre warten, damit man die ganze erzählte Geschichte nachvollziehen konnte. Es war mühsam. So geriet das Serienschauen vor allem zu einem Sport für Teenager und Senioren und die Fernsehanstalten kamen dieser Zielgruppe nach.

Dass sich heute junge, dynamische Menschen ganze Wochenenden in ihr Bett einigeln, um Bergtrollen, Drogendealern und Werbefachmännern bei ihren Werdegängen beizuwohnen, ist zwei entscheidenden Entwicklungen zuzuschreiben: Zum einen hat das Internet mit seinen transportablen Peripheriegeräten in jeden Haushalt Einzug gehalten und Portale wie Netflix ermöglichen das omnipräsente, zeitlose Abrufen eines jeden Anfangs und Endes einer jeden noch so umfangreich erzählten Geschichte. Zum anderen sind es die Serien selbst, die sich verändert haben.

Oft geht es um ganze Konzerne, Familien oder Lebensläufe, die allerdings nicht in der Lethargie eines Denver Clans erzählt werden, sonden sich eher an den perfekten Narrationen eines Martin Scorsese anlehnen. 1999 waren die Sopranos dieser Urknall des neuen Verständnisses der Serie als Möglichkeit des cineastischen Jahrhundertromans. Die bis heute anhaltende Renaissance des Formats brachte 2008 der gefallene Chemielehrer Walter White in Breaking Bad.

Aufwand für Konsumierbarkeit

Schnell schienen die Fernsehstudios sowie neuerdings die Streaming-eigenen Produktionsfirmen das riesige Potenzial zu erkennen und seitdem ist es jährlicher Konsens eine neue Mega-Serie auf den Markt zu werfen, die wieder und wieder kein Ende finden will. Nicht zuletzt ist diese Prokrastinationsmentalität, nie auf den Punkt kommen zu wollen, die Katharsis nie zu finden, auch Rhetorik der neuen Zielgruppe: Jugendliche, Studenten, junge Erwachsene generell, die sich abstrakt „Generation Y“ nennen möchten. Außerdem verwunderlich ist, dass auf einmal besonders junge Männer, deren wöchentliche Prosa früher höchstens die Sportschau gewesen wäre, dem Serienwahn verfallen. Die Charaktere werden cooler, die Effekte aufwendiger, aber eines bleibt: Die Konsumierbarkeit.

Aufwendig, aber Von HBO - www.wherepenmeetspaper.com, Logo, Link

Aufwendig, cool, vor allem aber konsumierbar: Boardwalk Empire. Foto: HBO – www.wherepenmeetspaper.com, Logo, Link

Es ist ein großer Trugschluss, dass die Qualität von Serien in den letzten Jahren besonders zugenommen hätte – sie sind in Wahrheit vor allem eines, nämlich aufgeblasener geworden. Wo alleine der Soundtrack und die Kostüme schon zweistellige Millionenbeträge verschlingen, herrscht vor allem der Bombast, der allzu gerne mit mehr als Handwerk verwechselt wird. Nun ist die Perfektion der historischen Abbildungen in Boardwalk Empire (2010) oder Mad Men (2007) fraglos beachtlich, aber ihre Skripte lesen sich wie die Blaupause aus dem Kurs für kreatives Schreiben: „Erfinden Sie kantige Charaktere, statten Sie sie mit liebenswürdigen, wie hassenswerten Eigenschaften aus und verpassen sie ihrer Story unvorhersehbare Twists, die Alle überraschen.“

Keine Frage, diese Rezepte funktionieren. Sie funktionieren bei Alfred Hitchcock, genauso wie bei Akira Kurosawa, Stanley Kubrick oder eben Martin Scorsese. Doch ist Kino mehr als nur die ewige Erzählung von gut und böse, von Intrigen und Macht. Kino ist vor allem, auf den Punkt zu kommen. Sich wie in der Oper seinem Libretto zu bedienen, aber es so auszugestalten, dass es nicht dauernd im historisierenden Theater der amerikanischen Kitsch-Bühne hängenbleibt.

Es bedarf einer Portion Mut, sich seiner Figuren zu entledigen und den geeigneten Absprung zu schaffen. Aber Abschiede und die Courage sie zu vollziehen, gehören nicht unbedingt zu den Stärken von Menschen, die Andere nach links und rechts wischen, Profile blockieren, Nachrichten ignorieren oder sich ihrer Partner via Facebook entledigen. Gemäß dem Credo dieses leichtesten Wegs funktioniert auch die künstlerische Feigheit, die Ausgestaltung eines erfolgreichen Konzepts niemals abzuschließen. Das Produkt entwickelt sich zu einer um das Mittelmaß pendelnden Ereignislosigkeit, dessen Ansammlung an zu vielen Ereignissen niemand mehr überblicken kann und will. Ein perfektes Rezept für das Ruhiggestelltsein des ewigen Prokrastinators.

Sequels und Prequels – Muss das sein?

Schrecklich zum Beispiel, dass die bemerkenswerte Serie Stranger Things (2016) nun wieder eine Fortsetzung erfahren muss. Wieso wäre es nicht möglich gewesen es bei der mysteriösen Einmaligkeit eines verschwundenen Kindes zu belassen? Letztendlich ist es so, als würde man den Monaco Franze direkt nach seinem herzzerreißenden Ende, immer und immer wieder auferstehen lassen. Sequels und Prequels bauen Charaktere nicht aus, sie entzaubern sie. Doch es ist die Unersättlichkeit des dauerprokrastinierenden Menschen, der nach immer mehr Futter verlangt, weil er seine liebgewonnenen Identifikationsobjekte nicht gehen lassen möchte.

Vorher ein beliebter Breaking-Bad-Charakter, nun bereits in der 3. Staffel seiner eigenen Sendung: Saul Goodman aka Jimmy McGill (Bob Odenkrik.). Foto: amctv.com

Vorher ein beliebter Breaking-Bad-Charakter, nun bereits in der 3. Staffel seiner eigenen Sendung zu sehen: Saul Goodman aka Jimmy McGill (Bob Odenkrik.). Foto: amctv.com

Das große Problem an der Serienproduktion ist auch, dass die Macht des Schlussmachens nicht mehr einem autoritären Regisseur unterliegt, sondern vermehrt den Studios. Und die sind die Gelddruckmaschinen, die sie historisch schon immer gewesen sind. Die Serie ist im Jahr 2017 tot und sie wird dem gleichen Schicksal unterliegen wie die gierigen, bombastischen Sandalenfilme der 1950er-Jahre. Zu einer Zeit, als ganz Hollywood kollabierte, weil man sich in austauschbaren Mammutprojekten überschlug.

Auch dies kann eine Chance sein, denn aus der Asche des alten Hollywoods erwuchs eine neue Begeisterung für den europäischen Film, sowie die vitale Szene der Underground- und Exploitation-Movies. Vielleicht zeigt ein Konvolut von Ideen, wie Black Mirror (2011), wohin das Format Serie in künstlerisch positiver Weise gehen kann, damit es endlich aufhört, dass man sich an Kneipentischen über den Werdegang programmatischer Kantenfiguren austauscht. 

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Kommentare (3)

  • R.B.

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    Ich stehe zwar auf Dedektiv Rockford, aber
    so wichtig sind diese Abrufdienste für mich heute auch wieder nicht. Am Wochenende gihts entweder in die Berge , oder mit dem Rad on Tour.
    Ein guter Bericht zum Thema, danke Reg Digi!

  • altstadtkid

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    Guter Artikel,
    Man kann sein Leben zwischenzeitlich mit Schlafen, Arbeit und Serien anschauen verbringen.
    ….sorry, hab keine Zeit mehr für nähere Einlassungen, ich muss gleich die 3. Folge von „Fargo 3“ anschauen :o)

  • hf

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    ich hab ja nur zeit, das zu lesen, weil die zweite staffel von „the expanse“ noch immer nicht bei uns raus ist…

    der text strotzt nur wieder mal so vor absurden apodiktionen, die bestenfalls induktiv geschlossen, höchstwahrscheinlich aber bloße idiosynkrasien sind. kino ist… wenn ich mir das schon wieder gefallen lassen, muss, dass jemand für mich definiert, was ich am ende denken soll!

    ja, was ist denn guter geschmack und hohes niveau? was ist falsch an dauerunterhaltung und berieselung? klar, bildung ist das meiste nicht, aber haben wir nicht alle mindestens ein menschenrecht auf abschalten durch einschalten? die serie ist tot? bullshit, es kommt halt wohl grad nix, was der autor selbst „bingen“ könnte.

    übrigens kommt auch der artikel zu keinem punkt – anders als beispielsweise in böhmermanns epischem rant gegen max giesinger, gibt es hier keine substantielle kritik an gespielter realness. es ist schließlich schauspielerei! der unterhaltungsindustrie vorzuwerfen, dass sie unterhaltungsindustrie ist, was soll das? künstlertruppen vorzuwerfen, dass sie ein publikum da abholen, wo es dank streaming auf noch mehr, noch bunteren stoff wartet, was soll das? und wenn uns serienmacher nicht weismachen wollten, dass ihre produktionen der jeweilige state of the art seien, hätten sie schließlich auch was falsch gemacht.

    übrigens ist das schon immer so bei literatur, malerei, oder musik, dass zeitgenossen aus ihrer froschperspektive nicht wirklich einschätzen können, was am ende als große kunst im gedächtnis bleiben wird und was einfach nur zeitgeist war.

    daran ändert sich auch nix, wenn man so tut, als hätte man den überblick, damit aber nur seinen eigenen tellerrand in quasi-exhibitionistischer weise offenbart. vielleicht ist nicht die serie im jahr 2017 tot, sondern vielmehr die kritik? oder gar das publikum selbst, wenn es sogar bibi und xavier zu nennenswerten verkaufszahlen bringen?

    außerdem sollte man bedenken, dass demnächst in virtueller realität produziert werden muss. da könnte ich mir gut vorstellen, dass so mancher stoff im augenblick gezielt dafür weiterentwickelt wird und erst gar nicht mehr als normale serie verschleudert wird.

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