Serie

Ankerkind sucht Heimathafen – ein Tagebuch (VI)

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Ankerkind1„…nehmen Sie doch einen Flüchtling auf, wenn Sie unbedingt helfen wollen!“ Dieser Standardsatz fällt häufig, wenn über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland diskutiert wird. In unserer neuen Serie erzählt eine Mutter davon, wie eine Familie lebt, die zwei unbegleitete Flüchtlingskinder aufnimmt. Muslime in einer christlichen Familie, arabische Jungs bei einem Hausmann, syrische Söhne in einer Beamtenfamilie, orientalische Sitten zwischen deutschen Traditionen, Damaszener in einem bayerischen Dorf. Spannungsreiches und spannendes Zusammenleben und Zusammenwachsen. Die Namen haben wir geändert. Teil VI.

13. März 2016: „Internationaler Frauentag“ in der Festhalle von Hochstadt, ausgerichtet von Ditib (Deutsch-Islamischer türkischer Kulturverein aus Köln). Wir wurden von Muslimen, die sich um die Geflüchteten kümmerten, eingeladen zu kommen. Hier sind schwarzgekleidete Männer in festlichen Anzügen und zu neunzig Prozent mit Kopftuch bekleidete Frauen. Am Anfang sehr feierlich mit zweisprachigen Reden und Beteuerungen zur Bedeutung der Frau im Islam. Mir fällt wieder ein, dass „kadin“ (ohne i-Punkt) Frau auf Türkisch heißt. Hätte ich nur damals – 1984 in München an der Uni im Seminar die türkische Sprache weitergelernt, dann könnte ich jetzt mehr verstehen. Je älter ich werde desto mehr faszinieren mich andere Sprachen. Die türkischen Mädchen begrüßen uns sehr herzlich und freuen sich, dass wir da sind.

Plötzlich ist Hamza weg. Fortsetzung von gestern Abend – Ärger mit dem kleinen Syrer? Das Leben mit einem Zwölfjährigen ist nicht so einfach. Wir sind es nicht mehr gewohnt, dass man dauernd schauen muss, wo das Kind geblieben ist. Er sei ins Auto gelaufen sagt sein Bruder. Anlass war wohl ein Tee, den er nicht bekam. Ich überlege mir, ob ich etwas falsch gemacht habe? Ziad hat von mir einen Tee bekommen und für Paul und Lukas habe ich Kaffee gekauft, an Hamza hatte ich nicht gedacht. Hamza kommt und sieht sehr zornig aus. Sein Bruder und nacheinander fast alle Beteiligten bemühen sich um ihn. Was wirklich los ist, erfährt keiner. Er kann sich ins Auto setzen und darf sich eine ganze Weile aus dem Geschehen heraushalten.

„Ich empfinde die Frage als eine Zumutung!“

Auch wir entspannen uns und hören zu, wie die Geschichte der Geschäftsfrau Hatice, der Ehefrau vom Propheten Mohammad, erläutert wird. Die Situation wird offener, es kommt Bewegung in die Halle und das Essen ist gut. Ich sitze an einem Tisch mit der Beschriftung „Information über den Islam“. Eine sehr nette Türkin beglückwünscht uns zu unserer Entscheidung der Flüchtlingsaufnahme und spricht ganz verschiedene Themen an. Dann kommt eine Dame von Ditib und setzt sich neben mich. Die rot gekleidete Dame mit dem Namensschild vom Ditib-Verband spricht mich an: „Sie haben Kinder aufgenommen? Welche sind das denn?“ Ich zeige ihr die Beiden, Hamza hatte sich inzwischen beruhigt und sitzt an einem Tisch, wo er mit seinem Bruder arabische Schriftzeichen mit Tusche und Feder malt.

„… und? Erziehen Sie muslimisch oder christlich?“ Ich bin augenblicklich im Inneren getroffen und reagiere sehr emotional: „Ich empfinde die Frage als eine Zumutung!“ Ich gebe der Ditib-Frau keine Antwort sondern fragte mehrmals zurück: „Wie können Sie mich das fragen?!“ Später zeigt mir eine türkische Frau ein Video von Youtube. Baptisten taufen einen Iraner, der danach froh und glücklich bekennt, wie schön es ist, Christ geworden zu sein. Mit der Frau von Ditib komme ich am Schluss noch einmal kurz in ein Gespräch. Sie gibt zu, dass ihre Frage wohl zu spitz formuliert ist.

Lukas wird gefragt, warum er mich „Irene“ nennt. Im Lehrgang für Migrantenlehrer lernte ich, dass es sehr ungehörig ist, wenn muslimische Kinder ihre Eltern nicht ordentlich ansprechen. Der Vorname ist hier keine ordentliche Ansprache für eine Mutter.

Am Abend Deutschunterricht mit Ziad: „Fremdenverkehrsamt“ im – sonst ganz guten – Hueber-Buch. Langsam gelesen, viele Silben. Warum steht hier nicht Tourist Information, wie es in der Realität heißen würde? Die passende Vokabel ist vor allem unter der Überschrift „Besuch in Berlin“ doch wirklich so. Nächster Stolperstein: „Reiseführer“: Ich weise ihn auf den Zusammenhang mit „der Führer“ Adolf Hitler hin. Er gibt „Führer“ in seinen elektronischen Übersetzer ein. „Leiter! Mit Artikel der? Das muss doch mit Artikel „die“ sein, oder?!“ Was ist das?

14. März 2016: Ziad wird heimisch: Heute hat er beim Abendessen zum ersten Mal mit den Fingern auf dem Tisch nach Essen gegriffen. Er hat ein Stück Gurke vom Teller genommen und probiert. Vermutlich hat es ihm nicht geschmeckt, denn er hat im Laufe des weiteren Essens nichts mehr davon genommen. Ich bin mir sicher, dass er noch vor zwei Wochen nur mit der Gabel ein Stück vom gemeinsamen Teller genommen hätte.

17. März 2016: Ziad feiert seinen 18. Geburtstag. Es gibt eine Torte, die Zara gebacken hat und viel Obst und Käse und ganz verschiedene Brotaufstriche. Zara ist mit drei Freundinnen (Cousinen) da, Angela und Michaela, die Pflegemütter von Ahmad, Ismail, Rahim sind auch gekommen. Es ist lustig und ich spiele auf der Geige „Happy Birthday“. Ahmad, der gleichaltrige Freund und Ziad singen gemeinsam ein arabisches Lied.

Zara fragt nach und bekommt folgende Auskunft: Man singt das Lied immer morgens um sieben Uhr, eine Stunde lang. Fairuz (Fairouz) heißt die libanesische Sängerin, die eine wunderbare Stimme hat. Wir hören uns das auf youtube an. Die Stimmung ist richtig gut, gegen 21 Uhr gehen alle. Hamza hat Schmerzen in der rechten Hand, er hat sich beim Herumalbern verletzt.

Am nächsten Morgen fährt ihn Lukas in die chirurgische Praxis: Knochen gebrochen! Hamza hatte einen Handkantenschlag auf Rahims Schulter geschlagen. Nur so aus Spaß. Die Schulter war stärker. Wir haben wieder einen Zwölfjährigen im Haus!

…den Familiennachzug beschleunigen

17. März 2016: Es ist unser erster Eltern-Stammtisch der Pflegeeltern: Lisa mit Klaus, Albert und Katrin, Barbara und Paul und ich unterhalten uns über unsere Pflegekinder. Es ist eine gute Atmosphäre und es wird wertschätzend und wohlmeinend gesprochen. Ich mag das, weil ständiges Jammern und Klagen über Fehler, Probleme und Schwächen nur dazu führen, dass man das Gute nicht mehr sehen kann. Danach unterhalte ich mich mit Ziad und es wird ein sehr ernstes Gespräch darüber, dass er von zu Hause immer wieder aufgefordert wird, den Familiennachzug zu beschleunigen.

Mit seinem neuen Laptop zeigt er mir über Google-Maps die für ihn wichtigen Stellen in Syrien: Wo die Eltern wohnen, wo er in den Sommerferien gearbeitet hat (er war Betonbauer für Straßensperranlagen), wo eine Tante wohnt, wo ein Gefängnis ist. Seine Schule, die Schule von Hamza, Häuser, die deutliche Bombenschäden zeigen, Straßensperren mit Anlagen für die Soldaten, die die Straßen bewachen. Er erzählt von Al- Nusra und von beschämenden und menschenunwürdigen Schikanen bei Kontrollen an der Straße. Nackt ausziehen vor den Freunden und dann auf dem Rücken auf die schneebedeckte Straße legen.

Ich werde gefragt, ob ich weiß, was das ist, was man da auf der Google-Karte sieht: Panzer im Schnee, Militäranlagen auf den Bergen, Stellen, von denen man genau weiß, dass dort Gefängnisse sind, in denen die Menschen systematisch gequält werden. Es gibt auch schwarze Striche quer durch: Gräben, damit man sicher vor den Granaten zum Beispiel in die Schule laufen kann. Er hat mit Paul den Themenabend Syrien angesehen und erzählt davon, dass er davon wusste, bevor er es im Fernsehen sah.

18. März 2016: Hamza hat einen orangefarbigen Gips an der rechten Hand. Die Finger sind zwar frei, aber er ist in seinen Bewegungen sehr eingeschränkt. Am Freitag hat der Elternbeirat Osternester im Schulgarten versteckt. Und so hat Hamza den Osterhasen kennengelernt. Er weiß auch, dass es nicht nur Sommerferien gibt. Er zählt die vielen deutschen Ferien auf: „Es gibt Osterferien, Weihnachtsferien, Nikolausferien…“

Schon vor einigen Wochen hat Hamza am Auto versucht den Heckscheibenwischer zu bewegen und dabei ein Stück abgebrochen. Paul hat einen neuen bestellt. Aber auch dieser wurde von Hamza unabsichtlich zerlegt. Als ich heute heimkam, stand ein geöffnetes Paket in der Küche und Paul meinte, dass das nun der dritte Heckscheibenwischer sei. Er hält Hamza die Rechnung unter die Nase. „Hier schau!“ Hamza liest:“ E-U-R vierzehnkommanullzwei. Was ist EUR?“ Paul wird laut: „Kartoffeln, oder?“ Ich meine, dass er mit dem Jungen nicht so reden soll, er muss ihm erklären, was Euro ist. Und dann will Paul die Rechnung weglegen. Aber ich sage, dass Hamza wissen soll, was das ist. Er soll auch lesen, wofür das Geld ist. Paul sucht auf dem Blatt das Wort „Scheibenwischer“. Er sagt zu mir: „Was das ist…?“ Und Hamza sofort und blitzschnell mit einem breiten Lachen: „Kartoffeln!“

Das alles ist doch weit weg und plötzlich doch hier in meiner Wohnküche.

20. März 2016: Mit Lukas, unserem Sohn, saßen Paul und ich gestern Abend beieinander am Küchentisch und haben uns über die aktuelle Situation und unser Zusammenleben unterhalten. Ein großes Thema bei uns ist immer noch der Leserbrief an die regionale Tageszeitung hier über das Verhalten unseres Bundestagsabgeordneten. Aber es geht auch um die Situation in Syrien, in Deutschland usw. Wir reden mehr miteinander, seit die beiden Syrer bei uns sind. Paul, mein Mann, meint, dass wir mit Ziad noch einmal darüber sprechen sollten, ob er wirklich den Jahresvertrag für das Fitness-Studio unterschreiben will. 720 Euro sind doch eine Menge Geld. Er war nun zwei Mal dort und hat nun die Unterlagen für den Vertrag mitgebracht.

Gestern war der erste Frühlingstag und wir haben im Garten aufgeräumt und die Sommermöbel auf die Terrasse gestellt. Hamza hat beim Straße kehren mitgeholfen und bei den Beeten, Ziad hat mit mir die Terrasse gekehrt.

Eigentlich sollten die Zwei am Sonntag mit Frau Rausch, einer Betreuerin aus der früheren Unterkunft zum Ostermarkt. Aber Hamza hat sich übergeben und liegt jetzt – Sonntagnachmittag – im Bett. Ziad hat auf den Ausflug verzichtet und ist bei ihm geblieben.

Gestern Abend waren Paul und ich in der Therme. Wir kommen mit zwei Frauen ins Gespräch, zu deren Tisch wir uns im Restaurant setzten. Nur mit Bademantel bekleidet kommt man irgendwie recht schnell ins Plaudern, das haben wir schon oft festgestellt. Die Frau erzählt, dass sie aus dem Frankenwald kommt. Da gibt es ganz viele nette türkische Nachbarn und sie ist immer wieder begeistert von der Freundlichkeit der Leute. Sie fragt: „Wie viele Kinder haben sie denn?“ Ich sage: „Nachdem sie vorhin so freundlich über die Frankenwälder Türken gesprochen haben, sage ich ihnen etwas, was ich sonst nicht sagen würde: Drei plus zwei.“ Und so wird das weitere Gespräch natürlich von den zwei Pflegekindern eingenommen. Die Frau meint mehrmals: „Also Respekt, dass sie das machen! Also, ich hab‘ jetzt ‚ne Gänsehaut, des nimmt mich jetzt mit, was sie da erzählen…“ Fazit: Wieder eine freundliche Stimme mehr auf dem Weg.

Frau Leusenink (Jugendamt) und Frau Faber (Vormund) haben sich angemeldet. Sie wollen in drei Wochen zu einem Entwicklungsgespräch zu uns kommen. Ziad hat noch immer keinen „Aufenthaltstitel“. Ich mache mich immer weiter schlauer in diesem Gebiet. Außerdem interessiert mich die arabische Sprache und der muslimische Glaube. Irgendwie sind das zwei angenehmere Themen, als sich für die aktuelle Lage in Syrien zu interessieren. Mich hat das letzte längere Gespräch mit Ziad mitgenommen, ich denke immer wieder daran und weiß nicht, wie ich diese Gedanken einordnen soll. Das alles ist doch weit weg und plötzlich doch hier in meiner Wohnküche.

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Kommentare (2)

  • erik

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    ich sehe vor allem die Politiker in der Pflicht Flüchtlinge aufzunehmen und als Vorbild für andere zu dienen. kann man mal in Erfahrung bringen welche Politiker und wie viele Flüchtlinge die Politiker von SPD CSU CDU bei sich aufgenommen haben und ob Merkel, Seehofer, Gabriel und die anderen Spitzenverdiener im Politikzirkus, die es sich auch finanziell problemlos leisten können andere aufzunehmen, in ihren Villen Geflüchteten ein Obdach gegeben haben?

  • Peter Willinger

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    @erik, überleg doch mal, ob sich eine der von Dir genannten Person(-kreise) um die aktive Integration persönlich kümmern könnte – oder das eh nur aus outsourcen muss, da Zeitmangel. Da hätten es andere Stände doch deutlich einfacher: Gymnasiallehrer mit relativ hohem Einkommen, regelmäßige Arbeitszeit mit lokaler Verwurzelung und Grundzügen der pädagogischen Ausbildung. Oder Ingenieure bei BMW, Conti und Co.

    Ohne Zweifel sehe ich einen Bedarf an mehr Investitionen für eine langfristige Integration durch den Bund und das Land, um die Kommunen und freiwilligen Helfer zu entlasten.

    Aber vielleicht spenden auch all diese politisch und wirtschaftlich hochgestellten Personen auch an diverse lokale – regionale – internationale Hilfsverbände und Einrichtungen, um dadurch womöglich Arbeitsplätze für Sozialpädagogen, Psychologen und anderen Helfern mit Qualifikation(sabsicht) zu schaffen? Könnte zumindest sein.

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