Serie

Ankerkind sucht Heimathafen – ein Tagebuch (XIX)

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Ankerkind1„…nehmen Sie doch einen Flüchtling auf, wenn Sie unbedingt helfen wollen!“ Dieser Standardsatz fällt häufig, wenn über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland diskutiert wird. In unserer neuen Serie erzählt eine Mutter davon, wie eine Familie lebt, die zwei unbegleitete Flüchtlingskinder aufnimmt. Muslime in einer christlichen Familie, arabische Jungs bei einem Hausmann, syrische Söhne in einer Beamtenfamilie, orientalische Sitten zwischen deutschen Traditionen, Damaszener in einem bayerischen Dorf. Spannungsreiches und spannendes Zusammenleben und Zusammenwachsen. Die Namen haben wir geändert. Teil XIX.

Samstag, 25. Juni 2016: Mit Paul und Hamza und natürlich Blacky, unserem Hund, die „Kirchberg-Runde“ gelaufen. Das ist ein schöner, abwechslungsreicher, einstündiger Waldspaziergang hier in der Nähe. Zuerst dreht sich das Gespräch um die neuen Fichtentriebe und die alten Nadeln (Hamza: „Die sind schmutzig geworden.“) und um die vielen Jahre, die ein Wald zum Wachsen braucht. Hamza könnte einen Wald für seine Enkel pflanzen…

Dann dreht sich das Gespräch um Anpflanzungen in einer Waldschonung. Bald danach entdecke ich die ersten Walderdbeeren und der Rest des Spaziergangs ist ein Suchen und Bücken und Rufen nach jeder roten Erdbeere, bis wir wieder zum Auto kommen. Bitte denkt beim Lesen daran: Es ist immer noch Ramadan. Gegessen wird nicht im Wald, sondern erst nach Sonnenuntergang. Wir haben Sommeranfangs-Zeit und die kürzesten Nächte des Jahres. Heute Abend fahren Paul und ich gemeinsam zur Abersdorfer Moschee zum Iftar. Obwohl uns beiden bewusst ist, dass Ditib natürlich nicht die Organisation ist, die den Islam in Deutschland festigen sollte. Paul meint, er will die auf keinen Fall unterstützen und er will eigentlich auch gar nicht hin. Aber nachdem ich den Jungs versprochen habe, sie hinzubringen und Rahims Pflegemutter auch dort sein sollen, werden wir es aber machen.

„Syrischer Goldhamster“

Sonntag, 26. Juni 2016: Am Morgen bekomme ich Hamza nicht wach, als wir zu einer gemeinsamen Fahrradtour starten wollen. Seit sechs Jahren werden bei diesem Familien-Event alle Gemeindeteile mit Fahrrädern besucht. Überall gibt es Aktionen und nette Leute, Essen, Trinken, Informationen und Mitmach-Aktionen. Auch als wir mittags bei der Station „Bachheiden“ daheim vorbeischauen, schlafen Hamza und Ziad noch. Schade! Es wäre wirklich schön gewesen, Hamza dabei zu haben. „Syrischer Goldhamster“ fällt mir ein. Mein Goldhamster in meiner Kindheit war auch nur in wenigen Abendstunden bereit, mit mir Kontakt aufzunehmen. Tagsüber schlief er und nachts schlief ich. Sehr eingeschränkte Kommunikation.

Ich spreche mit Frau Hofereith, die eine Malschule hat und eine Ausbildung als „Kunsttherapeutin“, was immer das auch sein mag. Vielleicht will Hamza malen? Er hat schon mehrmals Comiczeichnungen abgezeichnet und mit verschiedenen Farben (Wasserfarben, Wachsmalkreiden, Buntstifte, Ölkreide, Kohlestifte) angefärbt.

Dienstag, 28. Juni 2016: Hamza braucht ein Antibiotikum, weil sein Zahn auf Eiter liegt. Nun soll er es zu den Mahlzeiten nachts einnehmen. In der nächsten Woche muss der Zahn dann gezogen werden. Ziad fährt morgen nach Berlin und kommt erst am Samstag wieder.

Hier im Haus gibt es immer mehr Ärger. Ich hatte Katrin bei deren Einzug gesagt, dass mir sehr viel an dem Hamamelis-Strauch vor unserem Haus liegt. Meine Plazenta (nach Lukas Geburt hier im Haus) wurde darunter eingegraben und darauf der Zaubernuss-Busch gepflanzt, den Irene, die Patin von Lukas uns zur Geburt geschenkt hat. Zwanzig Jahre durfte er unbeschnitten sich verbreiten. Solche Büsche wachsen extrem langsam. Und heute nach dem Hundespaziergang finde ich ihn beschnitten. Von allen Seiten, so dass er nicht mehr sparrig wächst, sondern rund und sehr ordentlich. Ich ärgere mich. Ich bin wütend.

Ich nehme die abgeschnittenen Teile aus dem Laubhaufen und sammle sie in einem Krug, den ich auf die Terrasse stelle. Mit dem Fahrrad mache ich eine Runde, schreie meinen Ärger irgendwo auf der weiten Flur heraus und finde dann nach einer Rast auf der Wiese mit Blick in den Himmel die Antwort: „Die Liebe und die Erinnerung. Und die Erinnerung klammert sich nicht an Dinge, die Erinnerung bleibt nur in der Liebe.“ Damit komme ich wieder heim. Dann schaue ich Hamza an, wie er im Bett liegt, eingerollt und in der Ecke der Kuscheltiere. Alles in Ordnung. Die Liebe und die Erinnerung, die sich nicht an Dinge klammern kann. Alles gut.

Nur „subsidiärer Schutz“…

Freitag, 1. Juli 2016: Das Protokoll von Hamzas Anhörung ist zu uns gekommen. Ein sachlicher Bericht über Fragen und Antworten. Ziad ist in Berlin zur Klassenfahrt, auch Hamzas Zeit in der Grundschule geht zu Ende. Eine Übernachtung in der Schule am Ende der 4. Klasse bringt noch einen Höhepunkt für alle Schüler. Paul und Lukas unterstützen mich und bleiben bei den 18 Jungs der Klasse im Musikraum. Ich selbst schlafe bei den Mädchen im Klassenzimmer. Am Abend genießen wir Boardstories von einem Referenten aus Passau. Ein Fußballturnier bringt den Jungs auch den nötigen Kick und die Bewegung. Ein Schulhausrundgang im Altbau mit Kellerbesichtigung und Gruselgeschichte ist der Abschlusshöhepunkt. Hamza will als einziger in der Klasse keine Gruselgeschichte zum Rundgang. Als er dann zusammen mit den Klassenkameraden im nicht ausgebauten Kellerraum steht (mit originalem Erdboden, Löchern und herumliegendem Gerümpel) sagt er spontan: „Wie ein Haus in Syrien!“

Samstag, 9. Juli 2016: Wochenende: Wir sind zusammen unterwegs nach Seligenstadt, zu meiner Freundin. Hamza haben wir mitgenommen. Ziad ist auch mitgefahren, weil er einen Freund in der Nähe von Frankfurt hat, den er besuchen will. Am Freitag kam der Bescheid für Hamza: Nur „subsidiärer Schutz“! Jeder war davon überzeugt gewesen, dass Hamza – inshallah – den Flüchtlingsstatus erhalten wird.

Als ich von der Schule heimkam, war eine ganz seltsame Stimmung im Raum. Paul erzählte, dass kein Vormund, sondern jemand anders angerufen hätte, weil Frau Faber im Urlaub ist. Und dann reagierte jeder nach seinem Temperament und seinen Verarbeitungsstrategien: Hamza zog sich zurück, saß da und machte den Eindruck als ob er etwas Schlimmes angestellt hätte. Lukas beobachtet die ganze Szene und analysierte nachher im Gespräch jede Verhaltensweise, Paul polterte herum und schimpfte über alle möglichen wichtigen und unwichtigen Dinge. Ziad zog sich zum Schlafen zurück (gegen halb drei am Nachmittag) und schlief bis um neun Uhr heute Morgen. Ich selbst beschäftigte meine Hände, damit ich irgendwie besser nachdenken konnte und klebte die Etiketten auf die Erdbeermarmelade und redete dauernd, um beim lauten Denken meine Gedanken zu ordnen. Das wiederum regte Paul auf und so war der Nachmittag kein guter.

Missverständnisse ums Eigentum

Am Abend war ich beim Henna-Abend von Aliye eingeladen. Eine Veranstaltung nur für Frauen in einem großen Saal, laute türkische Musik, wilde Tänze von der Schwarzmeerküste und eine dramatische Verabschiedung der Tochter von der Mutter.

In dieser Woche war noch eine Besprechung über die gemeinsame Zukunft in unserem Haus. Am Dienstag trafen sich die vier Hausbesitzer unter der Linde und wir sprachen zum ersten Mal ganz deutlich über die Trennung des Gemeinschaftseigentums zur Unterbringung der Pferde von Katrin. Wir sollen dann den Saal bekommen und sie übernehmen die Scheune. Wieviel Grundbesitz dann dazu kommt und wo genau die Grenzlinien liegen sollen, das müssen wir noch genauer besprechen.

Im Anschluss an dieses Gespräch sitzen wir beim Abendessen mit Ziad und Hamza (Grüne Soße mit Kartoffeln) und sprechen über Eigentum. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist Ziad davon ausgegangen, dass die Pakete von Amazon, Hermes etc., die bei uns ankommen auch uns gehören. Seltsam findet er, dass die aber doch eigentlich für die Nachbarn sind. Es stehen doch andere Namen darauf!? Oh weh! Geht er seit einem halben Jahr davon aus, dass wir uns das Eigentum unserer Nachbarn aneignen? Paul erklärt, dass wir die Sachen annehmen, damit die Nachbarn nicht noch einmal extra zur Post gehen müssen, um ihre Pakete abzuholen.

Hamza war am Dienstag und Mittwoch nicht in der Schule. Id el Fidr – Ende des Ramadanmonats. Es ist ziemlich schwer für beide gewesen, diese Tage nicht mit der Familie und einem Fest begehen zu können. Beide haben neue T-Shirts gekauft und am Mittwochabend waren sie bei Zara eingeladen, aber das war natürlich nicht das, was diese Festtage eigentlich besonders macht. Sogar Hamza, der sich sonst nur sehr, sehr spärlich über seine Gefühlswelt äußerst, machte deutlich, dass er traurig ist, weil das kein Ende vom Ramadan ist, wie es sonst ist. Dabei konnte er doch stolz auf sich sein und auf das, was er geschafft hatte. Aber wie will man Anerkennung für die religiöse Leistung finden in einer Umgebung, die nicht diese Religion hat und die Leistung nicht als religiöse Anstrengung sondern als Störung im normalen Ablauf begreift?

Ein trauriges Lachen voller Erinnerung

Am Donnerstag bekommt dann Ziad Post: Am 26. Juli muss er zu Anhörung. Zum Glück war er in Berlin und hat sich dort vorbereiten lassen. Außerdem war dann am Donnerstag noch etwas Besonderes und Schönes: Gegen 22 Uhr kam ein außerordentlich langes Telefonat mit den Eltern zustande. Hamza und Ziad saßen in der Küche, Paul schaute sich das letzte Spiel Deutschlands dieser Europameisterschaft an, in der Pause kam er auch noch mit dazu. Herr Sabre wollte vor allem wissen, wie gut die Söhne mit der englischen Sprache vorankommen und er wollte wissen, wie gut sie Deutsch lernen. Auch die beiden Schwestern telefonierten mit ihren Brüdern. Sie schickten auch zwei Bilder, die ich mir auch anschauen durfte. Hamza sitzt neben Ziad auf der Küchenbank. Er legt den Kopf auf die Schulter seines Bruders und schiebt den Arm hinter Ziad Rücken. So eng habe ich die beiden selten miteinander gesehen.

Ziad kann inzwischen so gut Deutsch, dass er zwischendurch auch übersetzt. Leen und Hala haben Geld bekommen. Umgerechnet 25 Cent. Das Bild mit einigen syrischen Münzen auf einem Teppich neben einer Dose schaute sich Ziad an und rechnete. Außerdem gab es ein Bild von einer Kinderschaukel mit zwei Bänken, die vor dem Haus steht. Das Metallgestell erinnerte mich sofort an meine Kindergartenzeit in den 60er Jahren. Ziads Mutter erzählte, dass sie daran dachte, wie Ziad zum Geldverdienen einmal bei einem Fest eine große Schaukel angeschoben hat, bis seine Hände voller Blasen waren. Ziad lachte, als er es übersetzte und zeigte seine Hände, aber es war ein trauriges Lachen voller Erinnerung an bestimmt noch viele Erlebnisse in Damaskus.

Ich wollte auch etwas zu Halima sagen, aber mir fiel irgendwie nur der Satz ein, den ich mir seit Wochen immer wieder denke. Dieser Satz steht bei mir als Frage fest: „Wie konntest du dir diese wundervollen Söhne aus dem Herzen reißen?“ Wahrscheinlich war das viel zu direkt gefragt und außerdem auch noch falsch, weil sie Hamza und Ziad ja immer noch im Herzen bei sich hat. Aber diese Frage war bei mir und nun war sie raus. Ziad hat übersetzt – denke ich…

Am Freitagmorgen fragte ich, wie lange er noch telefoniert hatte. Es war eine Stunde und 15 Minuten insgesamt. Ein Nachbar hat sein Internet-Passwort gegeben, sonst wäre ein so langes Gespräch gar nicht möglich geworden. Ich meinte: „Das war bestimmt gefährlich.“ Ziad nickt und sagt: „Das ist ein guter Nachbar, das würde nicht jeder machen.“

Wir stehen im Stau mit unserem Wohnmobil auf dem Weg nach Seligenstadt. Hamza hat ein Kartenspiel auf dem Tisch liegen und isst die Kirschen, die er selbst vom Baum gepflückt hat. Blacky liegt unter dem Tisch. Ich sitze auf dem Bett hinten im Wohnmobil und tippe, Ziad beschäftigt sich mit seinem Handy. Lukas, unser erwachsener Sohn ist zu Hause und fand es sehr albern, dass ich ihm sagte, was er im Haushalt zu machen hätte. Einen Scherz aus seiner Kindheit: „Mach` dem bösen Gasmann nicht auf!“ (Gruß an alle Pumuckl-Kenner!) gibt er mir als Antwort auf alle Ermahnungen und Anweisungen. Es ist einfach schön, älter zu werden und die Söhne selbstständig zu sehen und sie auch aus der Entfernung im Herzen zu tragen. Gruß an Halima in Syrien!

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Kommentare (3)

  • Stadtbürger

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    Als regelmäßiger RD-Leser möchte ich loswerden, dass ich diese Artikelreihe als zu lang und ungut empfinde. Ich habe mich bemüht, den Artikel oben zu lesen und okay, jeder hat seine Sichtweisen, aber ich persönlich finde das alles als zu viel. Mir fehlt auch der Informationscharakter. Als ich das oben mit dem Plazenta-Baum gelesen habe, dachte ich mir, ich schreibe diesen Kommentar, auch auf die Gefahr von Anfeindungen hin. Mein Kommentar ist nicht böswillig gemeint, aber ich meine, dass die Reihe in dieser Länge nicht zu RD passt.

  • Mr. T

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    Mach’s wie ich und lies nur die Artikel, die Dich interessieren. Das mach ich hier so, in der Süddeutschen oder auch entsprechend beim Fernsehen. Damit fahr ich bislang ganz gut. Solltest Du allerdings so einen Zwang haben, immer alles lesen zu müssen, geh bitte nicht in eine Bücherei …

  • Schwalbe

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    @Stadtbürger
    gibt es irgendwo eine Verpflichtung, etwas zu lesen, das man nicht lesen mag?
    Der Stil, in dem die Reihe abgefasst ist, ist natürlich Geschmackssache, Tagebuch eben, steht ja immerhin drüber. Und, um Himmels Willen, welche Informationen erwarten sie von einem Tagebuch, außer das Leben des Tagebuchschreibers betreffende?

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