Serie

Ankerkind sucht Heimathafen – ein Tagebuch (XVII)

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Ankerkind1„…nehmen Sie doch einen Flüchtling auf, wenn Sie unbedingt helfen wollen!“ Dieser Standardsatz fällt häufig, wenn über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland diskutiert wird. In unserer neuen Serie erzählt eine Mutter davon, wie eine Familie lebt, die zwei unbegleitete Flüchtlingskinder aufnimmt. Muslime in einer christlichen Familie, arabische Jungs bei einem Hausmann, syrische Söhne in einer Beamtenfamilie, orientalische Sitten zwischen deutschen Traditionen, Damaszener in einem bayerischen Dorf. Spannungsreiches und spannendes Zusammenleben und Zusammenwachsen. Die Namen haben wir geändert. Teil XVII.

Mittwoch, 14. Juni 2016: Wie auch in den letzten Tagen wecke ich Hamza, meinen Pflegesohn und meinen Schüler der 4. Klasse, und verlasse dann mit Ziad das Haus. In der Schule mag ich es, wenn ich im Büro ohne die Schülerinnen und Schüler noch einiges in Ruhe erledigen kann. Immer noch ist kein stabiles Sommerwetter in Sicht. Wir fahren mit dem Auto, viel lieber wäre ich mit dem Rad unterwegs gewesen. Zum Glück war ich es an diesem Tag nicht, denn um halb acht ruft mich Paul in der Schule an. Hamza kann nicht kommen, er kommt heute nicht zu mir in den Unterricht, weil er schläft. Überrascht von der vermeintlichen Unfähigkeit meines Mannes, der drei eigene Söhne immer pünktlich wecken konnte, werfe ich ihm vor, sich falsch zu verhalten. Er gibt eine erstaunliche Antwort: Ich könne es mir ja selber anschauen, wenn ich will. Ich solle kommen und versuchen, Hamza aufzuwecken, er würde es nicht schaffen.

Kurzentschlossen fahre ich nach Bachheiden zurück. Hamza schläft. Doch er war wach gewesen, er hatte sich angezogen. Nun liegt er im Bett, atmet ruhig und gleichmäßig und bewegt sich nicht. Ich schüttle sein Kopfkissen und rüttle seine Schulter. Er scheint aufzuwachen. Na, bitte! Hamza schwankt ins Bad. Paul ruft mich: „Schau dir das an!“ Hamza sitzt auf dem Stuhl im Badezimmer und schläft. Ich wecke ihn, er erschrickt. Hamza schaukelt zur Garderobe, zieht seine Schuhe an, kippt dabei vornüber, er wackelt die Treppe zum Auto hinunter, schläft im Auto wieder ein. Erst in der Schule wacht er richtig auf. Dem Unterricht folgt er normal und fällt sogar im Englisch-Unterricht dadurch auf, dass er als erster bei der vorgelesenen Geschichte lacht, weil er sie verstanden hat. Die erste regulär benotete Mathematikarbeit hat er mit Note 3 geschafft.

Folgen für das Zusammenleben

Donnerstag, 15. Juni 2016: Ein Thema habe ich ausgeblendet, aber es kommt immer wieder hoch: Wir wohnen in einem Haus für zwei Familien und dieses Haus wurde eigentlich für zwei befreundete Familien ausgebaut. Paul und ich sind im Schwimmbad und ruhen uns nach der halben Stunde Schwimmen im Thermalbecken aus. Die Gedanken kommen zur Ruhe und man kann hier gut über Vieles reden. Katrin und Markus möchten, dass Thermostate im Haus eingebaut werden. Bisher wurde die Rechnung fürs Heizöl halbiert. Nun wohnen bei uns fünf Erwachsene (aha!) und bei ihnen nur zwei Erwachsene und ein Baby und deshalb sind sie mit der Aufteilung nicht einverstanden. Auch unser Argument, dass bei der Heizölabrechnung immer nur nach Quadratmetern Wohnfläche gerechnet wird, kommt nicht an. So hat der Einzug der beiden Syrer auch noch Folgen für das Zusammenleben im Haus.

Gestern Abend habe ich mit Ziad die Orte aufgeschrieben, an denen Hamza in die Schule gegangen ist. Ziad hat seine Mutter über WhatsApp gefragt und sie hat in einer Sprachnachricht geantwortet. Es berührt mich, wenn er mit ihnen spricht und „Mama“ oder „Baba“ sagt. Natürlich weiß die Mutter alle Schulen an den verschiedenen Wohnorten der Familie. Es werden auch noch Zeugnisse fotografiert und übersandt, bzw. Schulbescheinigungen, wenn ein Schulwechsel vorgenommen wurde. Nur mit einer Bestätigung des Schulbesuchs konnte man in der nächsten Schule regulär wieder aufgenommen werden. Ziad erzählt, dass es für seinen Vater auch gefährlich war, noch einmal zurückzugehen, nur um von der Schule eine solche Bestätigung zu holen. Und das tat er, damit seine Söhne eine gute Bildung bekommen. „Mit einer Acht in Englisch war er nicht zufrieden.“ In allen anderen Fächern hatten die Kinder neun oder zehn (das sind die höchsten Bewertungen). „Englisch war sehr wichtig und in Englisch nicht sehr gut zu sein, das gab Ärger.“

Andere Pflegefamilien, andere Regeln

Paul erzählte gestern, dass Frau Leusenink angerufen hat und wissen wollte, wie wir durch den Ramadan kommen. Paul sagte ihr, dass wir wenig oder keine Probleme hätten. Man dürfe eben einige „Ordnungen und deutsche Regeln“ nicht so sehen wie sonst, dann käme man ganz gut durch. Es wäre nur schade, dass das soziale Leben der Jungs und vor allem das von Hamza tatsächlich eingeschränkt ist. Kein Schwimmunterricht (man könnte Wasser schlucken, außerdem ist es anstrengend), kein Fußballspiel, bzw. -training, kein Fahrradausflug nach Hochstadt zum Eisessen, kein Aufenthalt auf den Dorf-Bolzplatz. Allerdings sind auch in den letzten Tagen Jungs aus der vierten Klasse hier aufgetaucht. Unser Saal ist vor allem bei dem Regenwetter beliebter Spielplatz.

„Es ist immer noch kein Sommer, allerdings auch kein richtiger Winter mehr!“, sagt Ziad. Es ist eine Zeit, in der es für die Muslime tagsüber langsamer, leiser und innerlicher sein soll. Dass dann in der Nacht gegessen, geredet, geskypt und getrunken wird ist für uns einfach ungewohnt. „Abends nach sechs Uhr gibt es für Ismail kein Cola mehr“ erzählt Ziad mit großem Unverständnis in der Stimme. Tja, andere Pflegefamilie, andere Regeln. Wer bestimmt, welche Regeln gelten? Welche Regeln nimmt man einfach so als richtig und sinnvoll an? Warum sollen Regeln für alle gelten ohne Rückfragen und Begründungen? Meine Familie kommt ins Nachdenken…
Hamza ist stolz darauf, dass er fasten kann. Das gehört dazu, wenn man erwachsen werden will. Ein Zwölfjähriger in einer fremden Kultur braucht viel Kraft und Unterstützung, um erwachsen zu werden.

Freitag, 17. Juni 2016: Mein Chor hat sein Sommerfest bei uns im Saal. Lukas und Paul haben sich viel Mühe gegeben und alles vorbereitet. Alle Gäste sind zufrieden oder begeistert, es ist ein schöner Abend, auch wenn es draußen in Strömen regnet. Nach 22 Uhr verabschieden sich die meisten und nun kommen Hamza und Ziad dazu. Einige übriggebliebene Chormitglieder beginnen ein Billardspiel, die beiden schauen interessiert zu und spielen dann eine Partie selbst. Mit großem Können und sichtlicher Freude werden die Kugeln gekonnt in den Löchern versenkt. Dann sitzen wir nur noch zu viert mit Brigitte und Stephan am Gartentisch. Ziad macht für uns Mokka mit Kardamom. Draußen ist es einfach zu kalt, aber im Saal bei Kerzenlicht und leckeren Erdbeeren ist es wunderschön. Wir stellen fest, wie gut es uns geht und Paul meint, dass er kein Paradies braucht. Nun wird es schwierig für Ziad, denn die Gemeinsamkeit im Dialog mit den Christen sollte der Glaube an den einen Gott und den Jüngsten Tag sein. Wir kommen ins Diskutieren. Hamza meldet sich ab und geht ins Bett. Ich sage zu ihm: „Gute Nacht Hamza, morgen darfst du schlafen, so lange du willst.“ Und Ziad antwortet, während er lacht: „Diesen Satz möchte ich auch einmal von dir hören.“


Zu fünft beginnt nun ein Gespräch, das bis weit nach zwei Uhr in der Nacht zwischen Islam und Christentum Verbindungen schafft, aber auch Trennendes benennt. Es sind sehr angenehme und interessante Stunden. Ich bedanke mich bei Ziad und hoffe, dass er sich das Wort „Barmherzigkeit – barmherzig“ merkt. Ziad macht Kaffee: Er hat einen kleinen Topf dafür, den er in unsere Familie mitgebracht hat. Auch kleine weiße dickwandige Tassen hat er selbst gekauft. Eine davon hat leider keinen Henkel mehr, nachdem ich ihn beim Abspülen leider abgeschlagen habe. Zur Vorbereitung wird Wasser im Wasserkocher heißgemacht und genau gefragt, wer Kaffee trinken möchte, damit die Wassermenge abgemessen wird.

Ziad steht am Herd, das Wasser kocht, die Tassen stehen schon bereit. Ziad fragt, ob jemand Zucker möchte. Paul und ich trinken den Kaffee, wie er selbst, ohne Zucker. Der Kaffee (aus dem kleinen Laden in Hochstadt, der alles für die arabische Küche bereithält) wird aufgekocht und dann auf die Tassen verteilt. Das geschieht sehr vorsichtig und langsam. Ziad achtet darauf, dass er abwechselnd das Getränk auf die Tassen verteilt. Dabei ist eine Tasse immer die letzte in der Runde. Das ist die mit dem abgeschlagenen Henkel. In dieser Tasse wird sich am Schluss am meisten Kaffeesatz befinden. Dann bietet er den Gästen den Kaffee an und achtet genau darauf, dass für ihn am Schluss die kaputte Tasse übrigbleibt. „da’ime“ – „auf ewig“ So bedankt man sich arabisch für diese Wohltat. In der Antwort wünscht man Gesundheit für beide.

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Kommentare (1)

  • Sita

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    Ein sehr interessanter Bericht. Tashakor/Danke!

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