Serie

Ankerkind sucht Heimathafen – ein Tagebuch (XXI)

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Ankerkind1„…nehmen Sie doch einen Flüchtling auf, wenn Sie unbedingt helfen wollen!“ Dieser Standardsatz fällt häufig, wenn über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland diskutiert wird. In unserer neuen Serie erzählt eine Mutter davon, wie eine Familie lebt, die zwei unbegleitete Flüchtlingskinder aufnimmt. Muslime in einer christlichen Familie, arabische Jungs bei einem Hausmann, syrische Söhne in einer Beamtenfamilie, orientalische Sitten zwischen deutschen Traditionen, Damaszener in einem bayerischen Dorf. Spannungsreiches und spannendes Zusammenleben und Zusammenwachsen. Die Namen haben wir geändert. Teil XXI.

Montag, 11. Juli 2016: Paul ruft mich in der Schule an und bittet mich gleich, mich nicht aufzuregen. Ein Anwalt will uns im Auftrag der Caritas sprechen, es wird ein Gespräch heute Nachmittag um 15 Uhr geben. Es hat aber auch die Frau angerufen, die als Stellvertretung von Hamzas Vormund (im Urlaub) arbeitet. Hamzas Entscheid lag schon seit 1. Juli bei der Caritas. Das bedeutet, dass für den Einspruch nur noch heute und drei weitere Tage zur Verfügung stehen. Ich habe mich natürlich sofort aufgeregt, wurde aber von Paul beruhigt. Auch die Caritas möchte Einspruch gegen den Entscheid einlegen.

Ich bin noch etwas voller Zweifel, aber Paul meinte, dass um 15 Uhr der Anwalt bei der Caritas anrufen würde. Trotzdem bin ich natürlich voller Ärger und wütend: Wie kann ein so wichtiges Schreiben so lange einfach liegen bleiben? Was ist, wenn die Caritas nicht damit einverstanden ist, dass wir Klage erheben? Wie können wir unsere/Hamzas/die Interessen der Caritas unter einen Hut bringen? Wird die Caritas die Klage entsprechend verfolgen? Welche weiteren Behinderungen und Nicht-Informationen wird es noch geben? Warum nur haben wir nicht seit Anfang Juni die Vormundschaft für Hamza? Ich bin in meinem Schulleitungsbüro und kann keine Zeugnisse mehr schreiben. Ich lege Aretha Franklin auf: „Chain the fools!“ – ein Lied mit dem ich bis jetzt nichts anfangen konnte. Jetzt wird es von mir in voller Lautstärke gespielt und ich bin voll auf Soul!

Die Klage ist raus!

Ich mache Paul gar keinen Vorwurf, er kümmert sich um alles, während ich in der Schule gar keine Zeit habe, solche Dinge zu bearbeiten oder Telefonate zu führen. Er denkt länger nach und überlegt gründlicher, während ich rasch entscheide. Paul hat auch sich schon darüber informiert, wieviel Geld der Familiennachzug kosten würde. 500 Euro und dann noch einmal 100 Euro pro Familienmitglied, das sind dann 1.000 Euro für Familie Sabre. Wie kann das weitergehen? Und wenn ich das schon überhaupt nicht in meinen Kopf bekomme, wie kann das ein Zwölfjähriger verarbeiten?

Dienstag, 12. Juli 2016: Der Rechtsanwalt hat die Klage per Fax bekommen und nun müssen wir abwarten… Ziad hat gestern Nachmittag eine meiner beiden Altflöten genommen. Er hat an einem Abend alle Töne einer Oktave richtig greifen gelernt. Das hatte ich nicht erwartet. Hamza steht in der Küche und sagt etwas von „…Ismael seiner Schule.“ Ziad meint: „Wie verwendest du das Genitiv? Ismaels Schule! Welche Sprache lernst du?“ Hmm, ich fürchte, er wird noch öfter Hamzas Sprache kritisieren müssen, da dieser fast jeden Tag mit den Jungs aus seiner Klasse unterwegs ist. Ich verbessere ganz leise: „Der Genitiv, maskulin!“ Die Lehrerinnen in der Schule sind der Meinung, Hamza sei dünner geworden und ernster und nicht mehr so offen und lustig. Wenn man nachliest, was in den letzten Wochen geschehen ist, kann man das gut nachvollziehen. Seit er bei uns ist, ist er über vier Zentimeter gewachsen.

Wo sind die befürchteten Flüchtlingsströme des Familiennachzugs?

Donnerstag, 13. Juli 2016: Paul und ich haben im Schwimmbad heute beschlossen, dass wir zehn Tage nach Frankreich fahren werden mit dem Wohnmobil, nur wir beide alleine. Man braucht auch mal den Kopf frei von Flüchtlingssfragen. Heute haben wir unabhängig voneinander beide beim Deutschen Roten Kreuz in Hamburg angerufen, wo eine Stelle des früheren Suchdienstes mit der Familienzusammenführung beschäftigt ist. Der Hinweis sich dort zu melden ist aus einem Artikel von Frau Rieger, die in München für den UNHCR arbeitet.

Zwei Frauen sind dort zuständig, Paul telefoniert mit der einen und ich mit der anderen Frau. Wir müssen einen Antrag für die Deutsche Botschaft in Beirut ausfüllen und brauchen dann die Unterschriften der Eltern, die diesen Antrag einreichen. Dazu brauchen wir den Aufenthaltstitel von Hamza, Kopien der Pässe der Eltern und einen Abstammungsnachweis in deutscher Übersetzung (beglaubigt natürlich). Das Ganze kann man gescannt nach Beirut schicken und dann bekommt man eventuell nach einem Vierteljahr eine Nachricht, dass der Termin im Januar 2018 (zweitausendachtzehn!!) sein wird, kann aber auch im März 2018 sein…. Und dieser Termin ist dann nur die Vorsprache in Beirut, noch nicht die Ausreise!

Unklarheiten und widersprüchliche Informationen gibt es zu: Geschwister dabei? Jetzt schon beantragen oder erst, wenn Hamza keinen subsidiären Schutz, sondern einen Flüchtlingsstatus hat? Wer zahlt den Anwalt? Völlige Finsternis in den Gedanken gibt es bei den folgenden Fragen: Wo kann die Familie Sabre wohnen? Wie kann eine Familienzusammenführung erfolgen (hier leben die Söhne dann schon jahrelang!)? Wer zahlt die Lebensführung von vier oder fünf oder noch mehr Menschen der Familie? Es ist ein sehr schizophrenes Gefühl, den glücklichsten Moment dieser Familie mit solchen Gedanken belastet zu haben. Noch viel wirrer werden die Gedanken, wenn man überhirnt, dass es noch nicht viele Fälle geben kann, in denen die Zusammenführung von geflüchteten Minderjährigen und ihrer Familie nach den Gesetzen von 2016 geben kann!! Es sind einfach zu wenig Erfahrungswerte und verlässliche Informationen da. Wir glauben es nicht! Wir fassen es nicht! Wo sind die befürchteten Flüchtlingsströme des Familiennachzugs?

Völlig klar ist uns, dass es Hamza und Ziad alleine (ohne uns und ständige Nachfragen bei der Caritas/beim Vormund) gar nicht schaffen können, ihre Eltern (mit Geschwistern) nachzuholen. Paul will sich morgen mal auf die politische Schiene setzen und nachfragen, was denn die SPD oder auch andere Parteien zu unseren Erfahrungen sagen. Eine Journalistin hat angerufen. Sie will über eine Pflegefamilie berichten, die Flüchtlingskinder aufgenommen hat.

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