Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf

Aufgescheuchte Seelen

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Der Regensburger Bischof G.L. Müller stellt seine Gegner gern als ungebildetes, ungehobeltes, selbstsüchtiges Volk dar. Ein besonders ungebildeter, ungehobelter und selbstsüchtiger Müllerkritiker starb heute vor einem Jahr: der Studiendirektor a.D. Klaus Karl. In den zahlreichen Nachrufen auf ihn, sowohl in der Zeitung als auch bei der Beerdigung, wurden Karls exorbitante Bildung und sein mustergültiges Engagement um das Gemeinwohl gerühmt. Dass er gleichzeitig einer der vehementesten und wortgewaltigsten Kritiker des Bischofs war, vergaß man zu erwähnen. Deshalb hier zum ersten Todestag ein Rückblick auf ein ungewöhnliches Leben.

Akurat jetzt muss ich gähnen. Ausgerechnet in dem feierlichen Moment, wo die fünf Konzelebranten vorn am Altar in die Hostie reinbeißen. Und das schlimmste: gleichzeitig muss ich lachen. Weil e r nämlich, wenn er mich jetzt sähe, auch lachen müsst. Er: der Karl, der Tote, wegen dem die Kirche so gerammelt voll ist. Natürlich ist es immer so eine Sache, einem Toten etwas zu unterstellen, aber es würd mich sehr wundern, wenn er nicht lachen müsst, mich hier in seiner Totenmesse gähnen zu sehen. Er wüsste nämlich erstens, warum ich so unausgeschlafen bin: ich hab in der Nacht zuvor nicht aufhören können zu lesen. Seine Satiren gegen den Bischof. Und zweitens ist es ihm selber immer so gegangen, sein ganzes Leben: er ist immer eingeschlafen. Schon damals in der Schule, wenn er als Seminarlehrer hinten dringesessen ist und den Unterricht seiner Referendare begutachten sollte. Da ist er auf seinem Stuhl gesessen, ohne einen Tisch vor sich, und hat geschlafen, zur Erleichterung sowohl der Referendare als auch der Schüler.

Immer hellwach, außer wenn er geschlafen hat

Karl war sein Nachname, mit Vornamen hieß er Klaus. Er war sehr dick, sehr agil, sehr intelligent und sehr streng. Einer von der alten Schule. Wenn es im gesamten Lehrkörper einen gegeben hat, der keine Autoritätsprobleme gehabt hat, dann war es der Karl. Immer hellwach, immer angriffslustig, immer sprungbereit. Außer wenn er geschlafen hat. Und das war gar nicht so selten. Man erzählt mir, dass er auch in den letzten Jahren seines Lebens bei Sitzungen gern eingeschlafen ist. Naja, damals in der Schule hätten wir was drum gegeben, wenn er öfter mal geschlafen hätte. Aber Pfeiferdeckel, der Kerl war immer auf Zack.

Ein allseits gefürchteter Latein- und Griechischlehrer. Nicht einer von denen, die, wenn’s sein muss, beide Augen zudrücken. Nein, wenn man beim Karl nichts wusste, hieß es „Setzen, sechs“, und eine süffisante Bemerkung fing man sich obendrein ein. Selbst die größten Aufrührer hatten Respekt vor ihm. Und jenseits der Paukerei ein freundlicher, wohlwollender, witziger Pfeifenraucher, der mit seinen 11. Klassen immer nach Griechenland flog – alle anderen gurkten auf der Abiturfahrt mit dem Bus herum und kamen bestenfalls bis nach Florenz.

Wie aus dem Bilderbuch der heiligen Allianz von Kirche und CSU

Ein Überflieger in jeder Beziehung. Der Pfarrer hat seine liebe Müh und Not, alle Ehrenämter des Verstorbenen aufzuzählen: 22 Jahre lang Pfarrgemeinderatsvorsitzender, 20 Jahre Dekanatsrat, zehn Jahre Diözesanrat. Lange Zeit redigierte er den Lappersdorfer Pfarrbrief und zeichnete als Redakteur von 1976 bis 2001 für über 300 Ausgaben des Lappersdorfer Mitteilungsblatts verantwortlich. 1972 Wahl in den Gemeinderat, dort sofort CSU-Fraktionssprecher, 1990 bis 2002 zweiter Bürgermeister, Vorsitzender in diversen Ausschüssen. Mitinitiator des Lappersdorfer Bürgerfests, maßgeblich am Aufbau der Marktbücherei beteiligt, Mitbegründer der Kolpingsfamilie, des Katholischen Frauenbunds, des Franziskusvereins, der Ambulanten Krankenpflegestation und des Elisabethenvereins, Organisator der Ausstellung „Die Geschichte von Lappersdorf“, Herausgeber des heimatgeschichtlichen Standardwerks zur 800-Jahr-Feier. Und nebenbei hat er über alle diese Aktivitäten – also über sich selbst – die obligatorischen Artikel für die Lokalzeitung geschrieben. Der Mann hatte wirklich alles im Griff.

Die wichtigsten Ehrungen, die ihm zuteil wurden: Silberne Bürgermedaille, Bundesverdienstkreuz am Bande, Ehrenbürgerrecht des Marktes Lappersdorf. Am Sonntag, das sagt jetzt nicht der Pfarrer, sondern das hat mir ein Freund erzählt, erschien er in streng patriarchaler Rangordnung zum Gottesdienst: Er voran, hinter ihm seine Frau, dann, wie die Orgelpfeifen, die fünf Kinder. Ein Mann wie aus dem Bilderbuch der heiligen Allianz von Kirche und CSU. Und doch hat sich irgendein Schatten auf sein Leben gelegt, orakelt der Pfarrer. Irgendwas von aufgescheuchten Seelen ist zu hören, der Pfarrer nuschelt ziemlich. Aufgescheuchte Seelen? Die meisten wissen, was gemeint ist: Dem Klaus Karl, diesem mustergültigen Christenmenschen, ist die Frau abhanden gekommen.

Es begann damit, dass seine Frau eines Tages anfing, in jedem Zimmer Altäre zu errichten. Für die Gottesmutter und selige Jungfrau Maria und vor allem für ominöse Engel. Bis der kreuzkatholische Klaus Karl eines Tages kapierte, dass ihn seine Frau rechts überholt hatte: sie hatte sich vom Engelwerk anheuern lassen, einem obskuren ultraorthodoxen Geheimbund. Gleichzeitig war dieser Frömmlerverein, der sich dem finstersten Aberglauben verschrieben hat, der Notausgang aus der freudlosen Ehe mit einem unumschränkten Patriarchen. Für letzteres war Klaus Karl natürlich blind.

Karl schießt auf alles, was eine Mitra aufhat

Das Abdriften seiner Frau ins Engelwerk war die Geburtsstunde des Aufklärers Klaus Karl, freilich nur in religiöser Hinsicht: Die letzten Jahre seines Lebens schrieb er so viele kirchenkritische Artikel, dass man damit ein ganzes Buch füllen könnte. Der Bischof, der Papst – Klaus Karl schießt auf alles, was eine Mitra aufhat. Denn die Eminenzen und Heiligkeiten sind es, die ihre Hand schützend über das Opus Angelorum (OA) halten, das Engelwerk, jene innerkirchliche Sekte, die auf die Offenbarungen der Gabriele Bitterlich schwört.

Klaus Karl erklärt die Sachlage: „Die Lehre des OA besagt, dass sich die Welt derzeit in einem Endkampf apokalyptischen Ausmaßes befinde, der von 400 Engeln und 200 Dämonen geführt werde. Die Waffen sind Strahlkräfte, die überall zu finden seien; dämonische Strahlen gingen aus von ‚grauen, gefleckten und schwarzen Katzen, gefleckten und schwarzen Hennen, Schweinen und glatthaarigen Hunden, Schmeißfliegen, Ratten und Schlangen, Hebammen, Zigeunerinnen und alten, rachsüchtigen Bauern.’“ Ratzinger erließ als Glaubenswächter in den 80ern und 90ern mehrere Dekrete gegen das Engelwerk – um es als Papst 2008 in aller Stille heimzuholen. Erst als er dann ein paar Wochen später auch noch die Piusbrüder in den Schoß der Una Sancta zurückholte, geriet das an die große Glocke.

Klaus Karls letzter Artikel trägt die Überschrift „Die Engel kehren heim“ und ist mit einer Zeichnung von Georg Schmidt (siehe oben) illustriert, die eine „R.K. Geisterbahn / O.A.“ namens „Engelwerk“ zeigt, über deren Eingang der „Zölibatman“ wacht, darunter der „Schirmherr Bene XVI.“, flankiert von Schlangen, Teufeln, schwarzen Katzen, Schmeißfliegen und diversen Höllenhunden, einer Geisterbahn, die als special event „100 Jahre Ablass“ und „Live-Exorzismus“ verspricht. Klaus Karl zum päpstlichen Gnadenakt, das Engelwerk anzuerkennen: „Ratzinger hat damit seiner Kirche einen Bärendienst erwiesen und sich als Theologe disqualifiziert.“ Der Studiendirektor a.D. attestiert dem Papst: „Abtrittsreif.“

Drei Texte von Klaus Karl

Pecunia non olet – Geld stinkt nicht – oder doch?

Die „Engel“ kehren heim

Das römische Rechts-Kartell

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Kommentare (7)

  • victor lustig

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    vielen dank für diesen beitrag!

    klaus karl ist mir aus schulzeiten noch ein begriff – der artikel bringt jedoch viel neues über seine persönlickeit.

    seine wut und verzweiflung war wohl genauso tief wie seine verwurzelung in der humanistisch-altbayerischen-katholischen welt…

  • norbert e. wirner

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    danke für diesen nachruf!

    klaus karl war eine der persönlichkeiten, denen nicht nur ich in der schulzeit viel gutes zu verdanken haben.

  • norbert e. wirner

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    … und seine watschn für den schreibfehler in meinem post von eben, die habe ich jetzt im geiste regelrecht gespürt…

  • Nicht-Beamter

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    Na ja. Warum kriegt jeder Studiendirektor, Oberstdiendirektor, im Prinzip jeder höhere Beamte – so auch Herr Karl, das Bundesverdienstkreuz am Bande? Dessen persönliche Fehde mit der kath. Kirche ist seine Sache, aber Studiendirektor und CSU-Mitglied zu sein, ist m. E. noch kein Grund, einen Mann so auszuzeichnen. Ich gönne es ihm ja, aber was hat er für die Gesellschaft getan? Für seine „Pamphlete“ hat er die Auszeichnung nicht erhalten. Das wäre ja mal wenigstens was, oder?

  • norbert e. wirner

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    naja, lieber nicht-beamter, ob jetzt wirklich jeder höhere beamte automatisch das verdienstkreuz bekommt, entzieht sich meiner kenntnis.

    aber dass kerr karl diese tragödie mit den engelswerkern – ausgelöst durch persönliche umstände – für einen ganzen kreis von anderen betroffenen mitausgefochten hat, ist bekannt. unter verdienst (ob nun mit oder ohne orden am ende) verstehe ich aber durchaus, dass eine breitere öffentlichkeit durch sein unermüdliches tun überhaupt kenntnis von deren realer existenz und einigen hintergründen erlangt hat.

    es steckt vielleicht mehr als wir ahnen hinter der tatsache, dass ausgerechnet einer, der eben bei der csu ist und die kirche scharf kritisiert, hierzulande überhaupt eine auszeichnung bekommt.

    und für die gesellschaft, vor allem die jüngere, hat dieser pädagoge jedenfalls mehr oder wertvolleres als viele seiner kollegen und wohl auch die meisten von uns getan.

    kannten sie ihn?

  • Küchenlateiner

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    Also ich hab den Karl auch als Lateinlehrer „genossen“, und ich muß sagen: nach einem Jahr war ich bedient! Wenn am Anfang des Schuljahres die Lehrer verlesen wurden, fiel fast jedem ein Stein vom Herzen, wenn dieser Kelch namens Karl an einem vorüberging! Insofern grenzt dieser ansonsten recht interessante Nachruf schon ein bißchen an Glorifizierung eines Paukers und Schülerschrecks!
    Auch in anderer Hinsicht kommt Klaus Karl bei Paul Casimir Marcinkus ein bißchen zu gut weg. Zufällig kam mir eine alte Pipeline in die Finger (vom Dezember 2009), mit einem Artikel von Klaus Karl: „Difficile es saturam non scribere“. Darin macht sich Karl über die Atheisten lustig, die damals mit einem Omnibus auf Werbetour waren und auch in Regensburg vor dem Dom Station machten: „ein paar Außenseiter“ nennt sie Karl, die „mehr Gelächter als Aufmerksamkeit“ geerntet hätten. Die Missionstour der Gottlosen habe, so Karl, „es nicht einmal verdient, daß man sie ignorierte.“ – Und im nächsten Satz watscht er dann den Bischof ab, der in einer Predigt „gegen die Atheisten wetterte – und sie so erst interessant machte“. – Naja, beim Schmähen und Verächtlichmachen der Atheisten wollte Klaus Karl aber hinter dem Bischof nicht zurückstehen! Nicht unbedingt ein Ausweis von Geistesgröße, wenn man Bischof Müller in was auch immer nacheifert (auch wenn man sich gleichzeitig über ihn aufregt). Direkt als Freigeist steht Karl hier nicht da. Ja gut, anschließend zerpflückt er Müllers Behauptung, der Humanismus sei „erst mit Christus in die Welt gekommen“ – in der Religions-Schulaufgabe in der 11. Klasse würde man mit sowas durchfallen. Da ist Karl dann schon zur Stelle: „Jeder, der nur ein wenig von Geistesgeschichte gehört hat (was man von einem Theologieprofessor und Bischof als selbstverständlich voraussetzt), kann da nur den Kopf schütteln.“ Schon Jahrhunderte vor Christus, stellt Karl richtig, hat es eine humanistische Ethik gegeben. Aber daß er deswegen den Atheisten auch nur in einem Nebensatz irgendeine Existenzberechtigung zugestehen würde – dafür reicht’s eben auch bei ihm nicht.

  • henriette

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    Mein erster Versuch führte ja nicht zur Veröffentlichung meiner Meinung. Daher ein zweiter Versuch:
    Auch ich kannte Herrn Karl sehr lange und wohl auch sehr gut. Seine Urlaubsreisen nach Griechenland sind unvergessen, und über sein Wissen in Latein, Deutsch, Griechisch und Geschichte brauchen wir hier nicht lange zu philosophieren.
    Dennoch frage ich mich: er war immer ein konservativer Mensch. Auf die berühmte Schaufel durfte man ihm nicht springen. Aber passte es zu einem erz-konservativen Menschen, eine andere zu heiraten? Die Rahmenbedingungen kenne ich zufällig ganz gut. Aus Respekt vor dem Menschen Klaus Karl werde ich dazu schweigen. Dennoch: das passt überhaupt nicht die wahre katholische Kirche, zu der er sich zählte.

    Requies in pacem! Die guten Seiten vergesse ich nicht, über die weniger guten Seiten lasst uns schweigen.

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