Glosse

Die Burger-isierung Regensburgs

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Alles und wirklich jeder macht auf einmal den allerbesten Burger, mit dem allerbesten Fleisch, den fluffigsten Buns, der allerbesten Soße, dem frischesten Salat und natürlich den handgeschnitztesten Kartoffelspalten. Foto: Wikimedia Commons

Alles und wirklich jeder macht auf einmal den allerbesten Burger, mit dem allerbesten Fleisch, den fluffigsten Buns, der allerbesten Soße, dem frischesten Salat und natürlich den handgeschnitztesten Kartoffelspalten. Foto: Wikimedia Commons

Seit gefühlten fünf Jahren werden es mehr und mehr und mehr. An jeder Ecke, in jeder Stadt, von der Hauptstadt bis zur Hauptstadt der Oberpfalz. Keiner kann sich anscheinend sattessen an Rindsfleischpflanzln in der Semmel, mit Pommfritz, genannt Hamburger. In Berlin gibt es mittlerweile an jeder zweiten Ecke einen. Dabei geht die Preisspanne von Fastfood (1,50) bis superedel (20€), von original amerikanisch, über türkisch-halal, hin zu gräulich-vegan.

Glosse von Flamingo (Maximilian Schäffer)

Was in der Metropole todschick ist, muss man in der Provinz natürlich auch irgendwann haben und so zählt Regensburg mittlerweile um die zwanzig Millionen Burger-Restaurants. Buddies Burger Bar, Hans im Glück, Max und Muh, Burger House, Twins Burger & Pizza, Sam Kullman’s Diner, Beach House, Burger King, McDonald’s – dazu noch die ganzen Grillhäuser, jetzt mit Smoker und Dry-Aged, sowie wöchentliche Abende in allen möglichen Kaschemmen. Dezidierte Landgasthöfe und verrauchte Sauborzen werben mit dem Fleisch auf dem Brot, von Köfering bis Dingolfing, von Viehhausen bis Rohr. Als ich letzens auf die Website einer österreichischen Berghütte schaute, wurde mir der monatliche Burgerabend angepriesen, mit Fleisch aus der Region und reschem Brot. Alles und wirklich jeder macht auf einmal den allerbesten Burger, mit dem allerbesten Fleisch, den fluffigsten Buns, der allerbesten Soße, dem frischesten Salat und natürlich den handgeschnitztesten Kartoffelspalten.

Vor allem Regensburg kennt den „American Way of Life“

Beachtlich ist, dass dieses neuimportierte Kulturgut sich in den begehrtesten Gefilden der Altstadt breit macht. Dabei dachte man, nach den 90ern – American Football, Wrestling und Tiefkühlpizza – wäre die Amerikanisierung der Deutschen bereits zu einem Ende gekommen. Die Bush-Jahre brachten schließlich eine gewisse Abneigung vor dem ach so kulturlosen Kulturimperialisten, der die Welt mit Junkfood und brachialer Eventkultur zuscheißt. Vor allem Regensburg kennt den „American Way of Life“ ja eigentlich schon lange: Rundherum Army-Stützpunkte, Baseball-Hauptstadt, Football-Verein.

Tatsächlich war es so, dass die großen Ketten und ihre Filialen sich langsam wieder aus den A-Lagen verabschiedeten. Betrefflich der Domstadt sei beispielsweise der Burger King am Neupfarrplatz angemerkt, der nach ein paar unrentablen Jahren wieder aufgab. Wer dies als paradox betrachtet, hat recht und auch nicht. Denn um das was es in den 90ern ging, geht es nicht mehr, in den 2010er-Jahren der Bundesrepublik. Vorbild ist nicht mehr das schnell-fabrikmäßig-unkomplizierte des Selbstbedienungsrestaurants, sondern das fachkundig-handwerkliche der amerikanischen Hipster.

Da steckt Liebe drin und ganz wichtig – Heimat.

Bärtige Männer in Hosenträgern dienen jetzt als Vorbild für eine neue Kultur der Arbeiter-Haute-Cuisine. Man nimmt die klassischen, althergebrachten Traditionsgerichte und steigert sich in der Theorie solange rein, bis sie zur Perfektion reifen. Man ist erfinderisch und weltkundig, man nimmt sich Zeit und Qualität, man formt mit Händen und Schweiß – und man ist vor allem ein richtig guter Kumpel von Ums-Eck. Hinter den rauhen Holzfällertypen verbergen sich nämlich richtige Pfundskerle mit Geschmack und Geschick. So ist es im Traum also ein bisschen wie im Wirtshaus des Vertrauens, wo man in urigen Holzverschlägen sitzend das Fleisch vom Bauern nebenan bekommt und die Elfriede noch das Schweiners auskocht wie vor 50 Jahren. Da kann man auch noch Mensch sein und sich richtige Schmankerl für wenig Geld einverleiben. Da steckt Liebe drin und ganz wichtig – Heimat.

Soweit die schöne Illusion, die vor allem kulinarisch und finanziell nicht viel mit der Realität zu tun hat. Zuerst sollte man sich also noch einmal dessen annehmen, was ein Hamburger ist: Gepresstes Rinderhack im Brot, mit Soße. Wer nur einmal kurz darüber nachdenkt, was man da isst und wie man es isst – nämlich mit den vor Fett triefenden Händen – der kapiert schnell, dass das nicht viel mit höherer Esskultur zu tun hat. Zugegeben schmeckt es einfach ganz gut und vor allem dann, wenn es richtig fettig und pervers-schweinisch ist. Wenn einem die Soße die Kinnlade runterläuft und man vor lauter Salz noch einen Liter Cola trinken muss, dann stimmt die Einordnung und dann kann man auch ruhig damit glücklich sein.

Der Mittelständler von heute braucht all das…

Was das aber soll, plötzlich irisches Biofleisch und beste Filetstücke zu verwurschteln, bleibt fragwürdig. Der Burger ist schließlich ein Essen, das – nochmal – wegen seinem Fett und Salz schmeckt und da haben die „schlechtesten“ Schnitte einfach traditionell die besten Karten. Wer braucht schon eine feine Maserung, wenn es eh zerheckselt wird? Wer braucht einen tollen Fleischgeschmack, wenn Gewürze, Brot, Soße und Salat alles zusammenhalten?

Der Mittelständler von heute braucht all das. Das ist die einfache Antwort. Da er Weinbergschnecken und Kalbsbries tendenziell ablehnt, nicht kennt oder es sich nicht leisten kann, hat der Burger mit seiner relativen Erschwinglichkeit die kulinarische Speerspitze gebildet. Wenn man das was man kennt so gut macht wie es geht, dann ist es eben das Ultimo. Das ist wie ein Golf mit Heckspoiler, 3000-Watt-Anlage und 20 Subwoofern – geil und homemade. Man könnte sich in Relation zu investierter Zeit und Geld wohl auch einen Maserati kaufen – aber das wäre abgehoben.

Und so hat sich das schöne Märchen vom Hochgenuss Burger eingerichtet, das vor allem auf ganz ganz viel Kalkül für die Masse der Unbedarften beruht. Da legt man einfach noch eine Scheibe Gorgonzola drauf und schmiert Feigensenf darüber: Französischer Burger. Da macht man BBQ-Soße und Speck drauf: Texas Clubhouse Burger. Da streut man Röstzwiebeln und Essiggurken drauf: Dänischer Burger. Illuster wird sich jedes rassistischen Klischees bedient, das man andererorts eigentlich nicht mehr will. Jeder möchte authentisch vietnamesisch, chinesisch und peruanisch essen, aber beim Burger sind alle Regeln außer Kraft. Es ist die perfide Wiedergeburt des Toast Hawaii (oder im Sinne Gerhard Polts eher des Leberkäs Hawaii), den eigentlich Alle die letzten 20 Jahre auf den Speisekarten nicht vermisst haben – er war altbacken und ein Unding.

Schick muss es eben vor allem sein.

Schick muss es eben vor allem sein. Das Café Galerie sieht aus wie ein Plastikwald und es gibt Burger von gefrorenem Fleisch in allen Variationen für 8,50€ ohne Pommes, dazu Saft mit Schnaps und LED-Lampen. Neben dem Parkhaus am Petersweg kann man sich nun unter den immerselben, urigen Industrielampen und Schiefertafeln bekritzelt mit niedlicher Ikonografie, direkt vor der Disco noch ins 3-Michelin-Sterne-Feeling fressen. Unter den Schwibbögen gibt es zwar keine Burger, aber die assoziativ zugehörige Bar, wo bärtige Männer einem Moonshine ausschenken. Das ist geschmacksfreier, amerikanischer Maisschnaps, der in einem lustigen Schraubglas kommt. Zinn40 aus dem Stamperl wäre zwar uncool, aber im Mund ungefähr das gleiche Erlebnis.

Sicher nimmt das alles irgendwann ein Ende, es kommt der nächste Trend, die Leute werden auch nicht schlauer, alles hat seine Berechtigung und irgendwie schmeckt es ja gut und wenn es so sein soll, soll es so sein. Bis dahin sei allen ambitionierten Feinschmeckern ein Rührei empfholen: Man nimmt drei Eier und Butter, macht die Platte ganz heiß, wenn es noch schleimig ist ein bisschen Crème Fraiche rein, dann Pfeffer und Salz drüber und Schnittlauch drauf. Wirklich gut. Könnte in Flamingo’s Egg House 10,90€ kosten – in Variation „Mexiko“ mit Dosenmais, dazu selbstaufgebackenes Steinofenbrot und Klaren im Betonfass gereift.

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Kommentare (11)

  • Luchs

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    Es ist wie beim Fleisch: Man kann jedes Thema durch den Wolf drehen. Interpunktion und Kasus gleich mit. Obwohl, die Holzfällerhosenträger sind ganz treffend beobachtet .

  • Aridus Restelmann

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    „Was in der Metropole todschick ist, muss man in der Provinz natürlich auch irgendwann haben und so zählt Regensburg mittlerweile um die zwanzig Millionen Burger-Restaurants.“
    20 Millionen Burger-Restaurants in Regensburg? Sapperlott! Wie gestaltete sich denn die gefühlte Datenrecherche des restlichen Artikels so?

  • Mr. T

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    Gut geschrieben. Lustig, auch wenn nur wieder die Klischees aufgekocht werden. Aber der Gastronom macht’s nur weil er Geld verdienen will. Und wenn’s das Volk nicht wollen würde oder die Mondpreise nicht akzeptieren würde, würde der Gastronom was anderes machen. Also schiebt’s es nicht auf die Burger-Brater. Das ist eben derzeit der einfachste Weg mit wenig Eigenkreativität gastronomisch erfolgreich zu sein.

  • Christian Feldmann

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    „In der Domstadt sei der Burger King angemerkt“ … „Zuerst sollte man sich also noch einmal dem annehmen, was ein Hamburger ist:“ … „Illuster wird sich jedem rassistischen Klischee bedient“ … Leider geht der durchaus erfrischend witzige Autor genauso schlampig-gnadenlos mit der Sprache um wie die Burger-Köche mit dem Rindfleisch (nicht Rindsfleisch). Und die Sprache kann sich genauso wenig wehren wie die Kuh. Bitte so ein schludriges Gehampel nicht „Glosse“ nennen!

  • dünnster Künstler

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    …Hamburgerausstellung im rechten Balken vor der Walhalla auf der Startseite runterscrallen: http://jakob-friedl.de/
    „Wer wird Superburger?“ (A.A.)
    z.B. „Weißwurstburger“ (Schüler von Julia Leicht)
    http://europabrunnendeckel.de/?p=1267
    oder „Rotzburger“ (Urban Hüter) http://europabrunnendeckel.de/?p=696
    und „Beißburger“ (Maria Gley) http://europabrunnendeckel.de/?p=723
    sowie „Schaumburger“ (Stephan Frommberger) http://europabrunnendeckel.de/?p=1269
    (Animation: Anspielung auf Jürgen Hubers „Blumeneumel“ (2008 medienwirksam dagegen polemisiert nun selbst dafür verantwortlich) und Pravdanliub Ivanov`s Installation „Fontained Fontain“ und seiner Aufkleberaktion „Halbwahrheit“ im Rahmen der Donumenta 2005.)

    usw…Foto einer Burgerverkostung mit Fuffis 2010: http://jakob-friedl.de/download/augustendefr094.jpg
    Mc Donalds Kinderhilfe: http://europabrunnendeckel.de/download/kinderhilfe550.jpg
    Burgersound mit Fotos von der Brunnenentgiftung 2009: https://youtu.be/-k58c3ujeMs

  • altstadtkid

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    Super, endlich kann ich meine Burger genießen, und das mit gutem Gewissen.
    Da kann auch mal die Öko-Family mit den Kindern hingehen, und die Speisekarte ist vielleicht auch noch ein Märchenbuch.
    Ist zwar das selbe wie das Big M und der BK, aber die können sich die Mieten in der Innenstadt einfach nicht mehr leisten, Burger zu billig :o(

  • Lothgaßler

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    Seits ihr narrisch? Ein Baier frisst koan „Burger“, der haut sich die Leberkassemmeln eine nach der anderen in den Schlund. Auch nicht gesünder!
    Und wenn ein Baier einen „Burger“ frisst, dann a Fleischpflanzerl mit Senf. Na guat, der Franke nimmt seine „Drei im Weckla“.
    Also Widerstand und Verteidigung der bayerischen Leitkultur. Wo bleibt die CSU, wenn man sie braucht? Sitzns wieder alle im Biergarten und saufen sich blöd? Und wo bleibt der selbst ernannte „Burger“-Meister, der alte Spezi vom Ex-OB Schaidinger? Der wurde nicht mal namentlich erwähnt, das ist schlimm, ganz schlimm!
    Das einzig amerikanische an diesem Fastfood ist die Schlabbersemmel.

  • Mr. T

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    Lothgassler, der Burger ist der perfide Versuch, dem Bayern ein Salatbladl und ein Radl Tomaten mit einem Fleischpflanzerl unterzujubeln. Jüngst hat sogar ein durch kostenlose, redaktionell getarnte und gespezelte Berichte in der Kittelbayrischen weit über die Grenzen der Altstadt hinaus bekannter Blogwart und Subkulturgastronom versucht, das altehrwürdige Bürgerfest zu verbörgerisieren und in der Glockengasse als Börgermeister den armen Unwissenden Analogfleischpflanzerl über und unter dem Gemüse reinversctekt wie wenn es Subventionen für die lokale Immobilienwirtschaft zwischen sozialem Wohnungsbau wären. Und keiner merkts …

  • Renterin

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    Wir leben heute in einer wunderbaren Zeit.
    Als ich ein Kind war oder eine Jugendliche, gab es keine Geschäfte dieser Art.
    Man konnte sich bestenfalls eine Wurstsemmel bei einem Metzger kaufen.
    Meistens hatten wir dazu kein Geld.
    Nun haben wir an jeder Strassenecke die Wahl zwischen bayerischer und internationaler Küche, so wie wir überhaupt viel Auswahl haben zu unserer Lebensgestaltung.
    Jeder kann entscheiden, in welchem Geschäft er einkauft.
    Jeder kann entscheiden, wie er seine Freizeit verbringt und sein Geld ausgibt.
    Jetzt müssen wir nur darüber nachdenken, was wir eigentlich wollen.
    Ich kann mich für „Brot und Spiele“ entscheiden, oder interessantere Gepflogenheiten leben.
    Ich kann mich für ein Eis aus der Gefriertruhe bei Aldi entscheiden oder ein Eis in der Stadt kaufen, die Kugel für 1,30 € 2,60 DM ).
    So locker ist die Welt geworden und so frei dürfen wir uns fühlen, auch wenn wir dabei ganz hinterhältig für dumm verkauft werden.
    Jeder hat heutzutage genügend Chancen und das ist gut so.

  • hf

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    Wirklich lustiger Text mit viel Wahrheit zum nachdenken.

    Nur eine Lanze für Kullman’s Diner sei gebrochen: Der ist inzwischen wirklich ein alteingesessenes Original, ursprünglich entwickelt von Amerikanern für Amerikaner. Dollars galten als offizielles Zahlungsmittel. Vor vier-fünf jahren musste man da selbst Wochentags reservieren, weils so voll war – das schaffen nur wenige. Ich selber gehe schon über zehn Jahre hin und bin ganz froh, dass für Trendfolger inzwischen eigene Angebote geschaffen wurden.

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