Bericht vom NSU-Prozess

Die Dependenz des armen, kleinen Würstchens

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Seit dem 6. Mai 2013 tuckert er in München unbeirrt vor sich hin: der NSU-Prozeß. Nach vier Jahren sind nun die Plädoyers in Sichtweite. Doch vorher landete die Zschäpe-Verteidigung noch einen Coup: ein psychiatrischer Gutachter bescheinigt Beate Zschäpe, sie sei von ihrem Freund Uwe Böhnhardt systematisch mißhandelt worden. Diagnose: pathologisch dependente Persönlichkeitsstörung. Da liegt eine verminderte Schuldfähigkeit nahe. Außer die Sache liegt doch ein bißchen anders.

Werden für zehn Morde verantwortlich gemacht, davon fünf in Bayern: Beate Zschäpe, Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos. Vor Gericht geriert sich Zschäpe mittlerweile als Opfer.

Werden für zehn Morde verantwortlich gemacht, davon fünf in Bayern: Beate Zschäpe, Uwe Bönhardt und Uwe Mundlos. Vor Gericht geriert sich Zschäpe mittlerweile als Opfer.

Aus dem Münchner Strafjustizzentrum berichtet Paul Casimir Marcinkus

NSU-Prozeß? Echt? Den gibt‘s immer noch? – Ja, den gibt‘s immer noch. Seit genau vier Jahren wird vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG) gegen den Nationalsozialistischen Untergrund verhandelt, gegen Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU-Trios, sowie vier Mitangeklagte, die beschuldigt werden, dem Mordkommando unmittelbar unter die Arme gegriffen zu haben (Waffen-, Wohnungs-, Identitätsbeschaffung etc.). Das Ende der Beweisaufnahme steht unmittelbar bevor, das heißt: der Mammutprozeß wird dieses Jahr zu einem Urteil finden.

Am Ende werden es also viereinhalb Jahre gewesen sein, die die Justiz aufwendete, um eine Mordserie an acht Deutschtürken, einem Deutschgriechen und einer Polizistin aufzuklären. Nebenbei sind noch zwei Bombenanschläge mit dutzenden teils Schwerverletzten sowie 15 Raubüberfälle Gegenstand der Anklage. Kein schlechtes Verhältnis von Aufwand und Ertrag, wenn man an so manchen anderen Prozeß denkt, wo schon wegen eines einzigen, vergleichsweise läppischen Bagatelldelikts monatelang verhandelt wird. Dennoch, kaum kommt die Rede auf den NSU-Prozeß, die erste Reaktion ist fast immer der Reflex: „Was das kostet!“ Selbst ansonsten verständige Zeitgenossen beklagen zuallererst ein angebliches „Millionengrab“, das der NSU-Prozeß darstelle.

Die beiden Uwes hätten sich totgelacht

Dabei sind die von Hoeneß neuerdings freundlicherweise wieder abgeführten Steuermillionen nirgends besser angelegt als hier, im achteckigen, fensterlosen Betonbunker des Schwurgerichtssaals A 101 in der Münchner Nymphenburgerstraße. Das zeigte sich am vergangenen Mittwoch zum 361. Mal, wenn auch mehr ex negativo. Denn an diesem 361. Verhandlungstag saß der Freiburger Psychiater Joachim Bauer am Zeugentisch, um im Auftrag von Zschäpes Lieblingsverteidigern Hermann Borchert und Mathias Grasel ein Gegengutachten vorzutragen, das dem Gutachten des gerichtlich bestellten Sachverständigen Henning Saß komplett widerspricht.

Saß attestiert Zschäpe erstens ein kerngesundes Selbstbewußtsein, zweitens eine „Neigung zum Bagatellisieren und Verharmlosen“, nämlich was die Blutspur betrifft, die der NSU hinterlassen hat, und drittens eine „Verantwortungsverschiebung nach außen“, sprich: ich hab Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos lediglich den Haushalt geführt; daß sich die beiden Herren als gelegentliche Serienmörder und Freizeitbombenleger betätigt haben, davon habe ich immer erst im nachhinein erfahren und mich mich immer aufs entschiedenste davon distanziert! (Wenn die beiden Uwes nicht seit dem 4.11.2011 tot wären, sie hätten sich am 9.12.2015, als Zschäpe über ihre Anwälte diese Erklärung vortragen ließ, totgelacht.)

Eine plötzliche Offenbarung

Während also der Aachener Psychiater Henning Saß Zschäpe diese Version nicht abnimmt (Zschäpes Einlassung mache auf ihn „keinen authentischen Eindruck“, erklärte er im Januar vor Gericht), bescheinigt ihr Joachim Bauer nun, „in hohem Maß glaubwürdig“ zu sein. Der Freiburger Kollege kann während seines fast drei Stunden dauernden Vortrags vor Gericht einen Trumpf ausspielen, der Saß nicht zur Verfügung stand: von Bauer ließ sich Zschäpe explorieren, mit Saß redete sie kein Wort. Insgesamt über 14 Stunden unterhielt sich die 42jährige mit Bauer. Und ihm offenbarte sie nun, sie sei von ihrem Freund Uwe Böhnhardt immer wieder schwer mißhandelt worden. Während ihrer gesamten Liaison sei sie von dem knapp drei Jahre Jüngeren „fest angepackt“ und nach dem Untertauchen Ende Januar 1998 bis zum großen Knall Anfang November 2011 immer wieder brutal geschlagen, getreten, einmal sogar gewürgt worden.

Warum verließ Beate Zschäpe ihren Peiniger nicht? Bauers Antwort auf diese Frage ist gleichzeitig seine Diagnose: schwere, pathologische dependente Persönlichkeitsstörung. Aufgrund der „in Teilen objektiv desolaten häuslichen Verhältnisse“ während ihrer Kindheit (die Mutter war Alkoholikerin, einen Vater gab es nicht) habe Zschäpe „in ihren ersten fünf Lebensjahren fünfmal einen Wechsel der Betreuungssituation“ erlebt, woraus als geradezu „lehrbuchtypische Folge“ eine „unsichere Bindungserfahrung“ resultierte. Die panische Angst, den Geliebten zu verlieren, habe dazu geführt, daß die junge Frau „auch schwere Nachteile in Kauf zu nehmen bereit war“ und ihrem Liebhaber/ Peiniger alles verzieh, alles für ihn tat.

Zahllose Zeugen wissen von alledem nichts

Diese Darstellung ist in sich durchaus schlüssig. Nur paßt sie so gar nicht mit den zahllosen Zeugenaussagen zusammen, denen zufolge Zschäpe diejenige in der Nazi-Dreier-WG war, die die Hosen anhatte und die sich so schnell von niemandem was sagen ließ. Und dabei hätte sie sich von Uwe Böhnhardt sozusagen privatissime über 15 Jahre lang mißhandeln lassen? Und niemand hätte das mitbekommen? Keiner der ihr gewogenen Zeugen (all die Freundinnen, die regelmäßig zu Besuch waren) hätte die entsprechenden Hämatome als Belastungsindiz zu Protokoll gegeben?

Die Nebenklägeranwälte Björn Elberling und Alexander Hoffmann bescheinigen Bauers Gutachten, „daß es sich hier nicht um ein objektives, aus der Beobachterperspektive geschriebenes Sachverständigengutachten handelt, sondern um eine aus dem Arzt-Patientin-Verhältnis erwachsene parteiische Stellungnahme, die sich sehr eng an den Angaben Zschäpes und ihrer Verteidiger orientiert.“ Sie verweisen unter anderem auf Zschäpes zwischenzeitliche Liebesbeziehung zu dem „Blood & Honour“-Kader Thomas Starke 1996/ 97, die nach Starkes Aussage von Zschäpe beendet wurde – nicht so wahnsinnig typisch für eine „hochpathologische Dependenz“. Doch die muß natürlich vorliegen, damit Bauer eine „beeinträchtigte Steuerungsfähigkeit“ konstatieren kann. Aus der sich dann eine verminderte Schuldfähigkeit ableiten und das Strafmaß reduzieren ließe.

Leidet man als Nazi nicht per se unter einer dependenten Persönlichkeitsstörung?

Abgesehen davon, was heißt das schon: hochpathologische Dependenz. Eine Nazifrau, die eine von anderen abhängige Person ist, die keine seelisch selbständige Persönlichkeit ist – ist das nicht eine Tautologie? Leidet man als Nazi nicht per definitionem unter einer dependenten Persönlichkeitsstörung? Ist pathologische Dependenz nicht die Diagnose, die in der guten, alten Zeit auf den Großteil der deutschen Bevölkerung zutraf? Wenn man (dazumal) in Reih und Glied steht und „Führer befiehl, wir folgen!“ brüllt und es einem dabei so richtig gut geht, dann ist man nun mal ein armes Würstchen, das auf Gedeih und Verderb von irgendeinem Hamperer abhängt und für den zu jedem Verbrechen bereit ist. Und wenn man (heute) notorisch eine Einmannpartei wählt (wobei der starke Mann durchaus auch eine starke Frau sein kann) und sich an dem Gefühl berauscht, daß sich alle unter den e i n e n unterordnen, dann schaut‘s mit der eigenen Persönlichkeit auch nicht gerade rosig aus. Wenn man selber ein Nichts ist, dann kann‘s halt auch mit der Demokratie nichts werden.

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Kommentare (4)

  • Schwalbe

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    Zunächst zum Inhalt: trotz des in allen Bereichen der Justiz um sich greifenden Gutachterwesens trifft die Entscheidung in einem Prozess immer noch das Gericht. Im Artikel werden ja einige Aspekte genannt, die so gar nicht zur Diagnose von Herrn Bauer passen; darüber hinaus stellt sich die Frage, warum Frau Zschäpe diesen Trumpf nicht schon längst ausgespielt hat, sie hätte dazu mit niemandem reden brauchen, ein entsprechendes Schriftstück hätten auch die Anwälte verlesen können. Überdies gehört schon viel Phantasie dazu , will man auf grund einer solchen Persönlichkeitsstörung zu einer verminderten Schuldfähigkeit kommen (so man sie überhaupt einräumt).
    Jetzt noch eine Bemerkung zur „Schreibe“ dieses Artikels: der Ton ist zumindest in Teilen schon arg flapsig, m. E. wird die Ausdrucksweise der Sache nicht gerecht; vielmehr drängt sich der Eindruck auf, dass der Autor vor allem originell rüberkommen will. Insgesamt deutlich unter dem sonstigen Niveau von rd. Und das Pseudonym … na ja, über Geschmack(losigkeit) muss man nicht streiten.
    Vollends die Orientierung scheint der Autor bei seinem Ausflug in die Volkspsychologie zu verlieren; was hätten sie denn in diesem letzten Absatz sagen wollen? Das, was dasteht, nämlich, dass Nazis generell und die Deutschen im 3. Reich im Ganzen vermindert schuldfähig waren? Oder vielleicht das Gegenteil? Oder sollte in das Artikelchen unbedingt noch ein ganzes weltbild rein?

  • joey

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    wer ist eigentlich diese rechtsradikale EinFraupartei? Merkels CDU? Also Rechtsextremismus wirft man ihr nicht vor. Petry kann man auch nicht als Führerin bezeichnen, oder ist Höcke insgeheim eine Frau und Marcinkus hat das jetzt aufgedeckt?

    Deutschland also immerNazi, nur der Verfasser selbstverständlich nicht. Selbsterhöhung (diesmal als extremer Umkehrnationalismus) sagt uns was über „Wenn man selber ein Nichts ist…“.

  • Fr. Streng

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    Ich finde den Artikel interessant zu lesen. Das letzte Kapitel („Leidet man als Nazi nicht …) führt allerdings m.E. ins Abwegige.

    Auch wenn hier einiges mit Fragezeichen versehen, also offen ist, macht es keinerlei (historischen oder erkenntnistheoretischen) Sinn, die Nazis und ihre Verbrechen mit Diagnose „pathologische Dependenz“ in Verbindung zu bringen. Die NS-Täter handelten in vielerlei Hinsicht eigeninitiativ und eigenverantwortlich. (Nebenbei oder andersrum: das unabhängige Subjekt generell, ist eh ein männliches Phantasma.)

    Dies führt aber weg vom Thema des Herrn PCM (ist der nicht schon tot, oder handelt es sich um dessen Wiedergänger??), dem NSU. Was der Autor offenbar übersieht, ist der Umstand, dass die beiden Nazis und Serientäter namens Uwe keinen „Führer“ brauchten, um eine beispiellose Mordserie zu begehen. Die zwei Herren hatten sicherlich mehrere Störungen, ein rassistisches und antisemitisches Weltbild, ein deutsche Sendungsbewusstsein usw. – einen „Hamperer“ brauchten sie für ihre Taten offenbar nicht.
    Zu Joey. Ihre Kommentare zu lesen, waren früher meist eine Bereicherung. In letzter Zeit hat man den Eindruck, dass Sie die Texte kaum mehr lesen, oder nicht verstehen, oder es ihnen eh nur darum geht, den immer gleichen relativierenden Senf abzugeben: Man dürfe die Rechten keinesfalls als Nazis bezeichnen; es gebe viel schlimmere als die Deutschen; oder neulich, es gebe viel schlimmere als den Bischof Buchberger, der war doch nur Durchschnitt; die eigentliche Gefahr läge im Islam …. Kurz gesagt: bleiben sie doch beim eigentlichen Thema, sie müssen doch nicht bei jeder Gelegenheit, auf ihrer lebenserfahrene Ansicht hinweisen, dass es woanders, oder dass andere viel schlimmer sind und die Merkel bzw. die AfD und ihre Anhänger tatsächlich keine Nazis seien.

  • joey

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    @Fr. Streng
    werfen Sie bitte nicht alle meine postings in einen Topf, auch wenn es Ihnen ähnlich vorkommt.

    Ich relativiere sicher nicht den historischen NS und auch heute keinen Terrorismus. Gerade deswegen ist es für mich ein Anliegen, die immer wieder zu lesende Haltung zu kontern: „alles was rechter als die linkspartei ist, ist rechts und damit Nazi.“ Alles und jeden (der einem nicht gefällt) als NS zu bezeichnen, ist eine inflationäre Verharmlosung des historischen NS. Es werden heute eben nicht täglich Leute verhaftet, gefoltert, totgeschlagen, …

    Der NS hat zwar eine klare historische Entstehung mit dem historischen Deutschland, Deutschen heute aber eine irgendwie krankhafte Neigung dazu zu unterstellen ist beleidigend und außerdem sehr unrichtig, daher äußere ich mich hierzu.

    Ich freue mich, daß Sie meine postings lesen. Sie müssen mir nicht zustimmen. Ich bin auch nicht immer gleich gut oder schlecht. Wahrscheinlich haben wir ziemlich viel gemeinsam. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine weiterhin erkenntnisreiche Zeit.

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