Modellprojekt gegen Obdachlosigkeit beendet

„Durchaus positiv“ oder „Rohrkrepierer“?

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Die Stadt hatte 2016 mehrere leerstehende Stadtbau-Wohnungen angemietet, um darüber Obdachlose wieder in ein reguläres Mietverhältnis zu vermitteln. Nach etwas mehr als einem Jahr ist das Projekt beendet. Die Hälfte der Betroffenen musste wieder zurück in die städtischen Notunterkünfte und ob es eine Fortsetzung gibt, steht noch in den Sternen.

Zuständig für die städtischen Notwohnungen: Sozialbürgermeisterin und aktuelles Stadtoberhaupt Gertrud Maltz-Schwarzfischer  und Sozialamtsleiter Wilhelm Weinmann. Foto: Archiv

Zuständig für die städtischen Notwohnungen: Sozialbürgermeisterin und aktuelles Stadtoberhaupt Gertrud Maltz-Schwarzfischer
und Sozialamtsleiter Wilhelm Weinmann. Foto: Archiv

Es sollte ein „Praxistest“ für obdachlose Menschen sein, wie Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer es ausdrückte. Im März 2016 mietete die Stadt Regensburg 13 Wohnungen ihrer 100prozentigen Tochter Stadtbau an, um dort Menschen aus den städtischen Notwohnungen unterzubringen und sie von dort in ein reguläres Mietverhältnis zu vermitteln. Bevorzugt werden sollten dabei „vorrangig Personen bzw. Familien mit positiver sozialer Prognose“. Der Schwerpunkt auf Familien ist wenig verwunderlich. Aussagen von städtischen Mitarbeitern gegenüber unserer Redaktion belegen: Das Regensburger Jugendamt beurteilt die Notwohnungen in der Aussiger Straße als nicht geeignet, um Kinder aufzuziehen. Diesem wenig überraschenden Urteil gegenüber steht allerdings eine Zahl von 48 Kindern und Jugendlichen, die derzeit dort leben müssen – über 40 Prozent der gesamten Bewohnerschaft.

Nach dem Projekt zurück in die Notwohnung

Der Modellversuch ging auf eine Eingabe des Mieterbunds zurück, die sich auf länger bekannte Angaben bezog, denen zufolge etwa 300 der 6.600 Stadtbauwohnungen leer stünden. Geschäftsführer Joachim Becker stand dem Vorschlag ablehnend gegenüber. Gegenüber unserer Redaktion erklärte er damals, der Leerstand sei fluktuationsbedingt oder ergebe sich aufgrund anstehender Sanierungen. Es gebe „keine nennenswerte Wohnungsreserve, die durch welche Vorschläge auch immer zur Nutzung aktiviert werden könne“, so Becker damals. Am Ende blieben aber zumindest jene 13 Wohnungen, die von der Stadt angemietet und in die Betroffene aus der Aussiger Straße umquartiert wurden.

Vor einem Jahr lief das Projekt aus. Die 13 Wohnungen stehen wieder leer und es gibt ein äußerst gemischtes Fazit. Bei der Stadt selbst beurteilt man die Erfahrungen als „durchaus positiv“. Man habe etwa die Hälfte der betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner – „16 Personen, davon zehn Kinder“ – in eine reguläres Mietverhältnis vermitteln können. Für die übrigen allerdings endete der „Praxistest“ mit einem neuerlichen Umzug – zurück in die Aussiger Straße.

Karin S. (Name geändert) und ihr Sohn sind zwei von ihnen. „Da gab es nicht einmal einen Monat Verlängerung, obwohl wir gerade auf die Zu- oder Absage für eine Wohnung gewartet haben.“ Bezeichnenderweise eine Wohnung der Stadtbau. „Wir mussten sofort nach dem Ende des Versuchs wieder aus den Wohnungen raus und zurück hierher.“

„Menschlichkeit und Mitgefühl – Fehlanzeige.“

Angesichts solcher Geschichten beurteilen Insider aus der Stadtverwaltung das Projekt auch als „Rohrkrepierer“. Es sei Knall auf Fall mit viel zu wenig Personal umgesetzt und ebenso schnell wieder beendet worden. „Die Mitarbeiter des Sozialamts waren teilweise völlig überfordert. Entsprechend war auch der Tonfall gegenüber den Betroffenen.“ Das bestätigt auch Karin S.. Wechselnde Mitarbeiter, ein meist vorwurfsvoller und bevormundender Ton. „Menschlichkeit und Mitgefühl – Fehlanzeige.“

Zurück in der Notwohnanlage sei die Chance erheblich gesunken, noch eine normale Wohnung zu bekommen. „Die Vermieter hören Aussiger Straße und sagen ruckzuck ohne Begründung ab“, erzählt Karin S., die aufgrund einer schweren Erkrankung 2015 ihre reguläre Wohnung verlor und schließlich hier landete. Nach dem einjährigen Intermezzo beim „Praxistest“ musste sie wieder hierher zurückkehren. Nicht nur für sie ist das eine frustrierende Erfahrung. „Mein Sohn geht jeden Morgen zu einer anderen Bushaltestelle und steigt am Nachmittag woanders aus, damit seine Mitschüler nicht mitbekommen, dass er hier wohnt.“

Keine Rückmeldung von der Stadtbau

Stadtbaugeschäftsführer Becker nimmt für das von ihm geleitete Unternehmen gerne in Anspruch, dass man noch einer der wenigen Vermieter sei, der sich um „eine gewisse Klientel“ kümmere. Karin S. hat davon nichts gemerkt. Sie wurde zwar – immerhin – mehrfach zu Wohnungsbesichtigungen bei der Stadtbau eingeladen. „Da war ich manchmal ganz allein da.“ Eine Zusage bekam sie nie, zuletzt nicht einmal irgendeine Rückmeldung.

Die 13 Wohnungen, die für den Modellversuch von der Stadtbau angemietet wurden, stehen zwischenzeitlich wieder leer. „Der Vermieter strebt eine Generalsanierung der Häuser an“, schreibt die Stadt, so als ob sie mit ihrer 100prozentigen Tochtergesellschaft nichts zu tun habe. Über eine Fortsetzung bzw. Neuauflage des Projekts entscheide der Stadtrat, so die Pressestelle. Der Abschlussbericht sei für Herbst geplant. „Eine Fortsetzung hängt aber immer davon ab, ob entsprechend nutzbarer Wohnraum zur Verfügung steht“, heißt es abschließend. Doch auch darauf, ob dieser Wohnraum zur Verfügung steht oder nicht, hätte der Stadtrat über den Aufsichtsrat der Stadtbau durchaus Einfluss.

Bewohnbarer Wohnraum steht seit Jahren leer

Allein die 13 Wohnungen, die anlässlich dieses Modellversuchs angemietet wurden, stehen bereits seit Jahren leer. Es sind nicht die einzigen. Und unter anderem der Mieterbund kritisiert Aussagen Beckers, denen zufolge sich dieser Leerstand nicht vermeiden ließe, als „reine Schutzbehauptung“. Wann die geplanten Sanierungen kommen, ist meist unklar. Zum Teil sind die betroffenen Gebäude noch bewohnt und schon mehrfach scheiterte die Stadtbau mit dem Ansinnen, diese „Hartleibigen“ (Becker über verbliebene Mieter) zum Auszug zu bewegen bzw. zu drängen.

Die Verantwortung dafür, was nun wichtiger ist, ein Leerstand von bewohnbaren Wohnungen, um diese irgendwann zu sanieren oder ein Nutzen dieser Wohnungen für Menschen, die in der Aussiger Straße unter kaum zumutbaren Bedingungen wohnen, trägt allerdings nicht der Stadtbaugeschäftsführer, sondern Stadtspitze und Stadtrat.

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Kommentare (7)

  • Helmut

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    Aha, es ist also leichter mit Adresse die anders lautet wie „Aussiger“ Wohnung zu finden….wie von mir schon gesagt, auch Arbeit :).

    Wenn die Stadt etwas positives daraus zieht, was gibt es dann zu zweifeln? Wie oft soll so ein Test wiederholt werden?

    Komischer Test, am Rande, finde ich schon etwas unmenschlich. Befristet der Aussiger zu entfliehen. Die die nichts gefunden haben, nicht weiterkamen, sind vermutlich die, welche mehr Hilfe benötigen.

    Wieso heißt es immer Behauptung? Genau, weil die Aussagen der Stadtbau scheinbar nicht belegt werden können? Dann gäbe es auch Grund zum zweifeln.

  • R. G.

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    Für mich lesen sich die Berichte rund um die Sozialwohnungen von Regensburg, als sähe man die dortigen Bewohner im internen Arbeitsjargon als potentielle „Schwer Erziehbare“, oder „Unerziehbare“, oder als „eventuelle Wohnsubstanzschädiger“.

    Nur „Schwer Erziehbare“ hätten bei entsprechend strengen und engmaschigen Kontrollen noch die Chance, ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Deshalb mühe man sich, die Menschen, zu klassifizieren.

    Unerziehbare müssten aus der solcherart intensiv betreuten Immobilie raus. Für diese seien Schlafstellen ohne tagsüber Aufenthaltsrecht, und Tageszentren ohne Nächtigungsmöglichkeit das Maximum – ein Leben als täglich wandernde Nomaden.

    Interessant sind an dem Konzept einige Punkte:

    Welches interne Merkblatt oder technische Datenblatt geht davon aus, dass das reine Lüftungsverhalten, bei bloßem Vorhandensein eines Elektro-Radiators oder Elektro-Fixheizkörpers, bereits vorhandenen massiven Schimmelbefall völlig tilgen könne?

    Die Häuser wurden bereits saniert und zumindest außen geschönt.
    Gab es in den Anboten Posten zur Schimmelsanierung?
    War also das Problem schon vordem bekannt?
    Lag es damals schon am schlechten Lüftungsverhalten der Bewohner?

    Wenn es schon vor der Sanierung bekannten Schimmelbefall gab,
    wie tilgte man das Problem? Mit chemischen Mitteln? Durch Übermalen? Welche (Durch-)Trocknungsmaßnahmen wurden gesetzt, bevor man die Wände neu anmalte?

    Wurde DANACH in der Wahl der Baumaterialen inklusive Fassadenfarben darauf geachtet, dass die Wände ensprechend atmen können müssen?

    Zur Zumutbarkeit der Wohnkosten:
    Wie hoch wurden für die Sozialfälle die potentiellen Heizkosten bei Benutzung eines Elektroheizkörpers veranschlagt, und welche Mindesttemperatur müsste erreicht werden, dass die eventuell bereits vordem Schimmel produzierenden Mauern und Böden entsprechend trocken werden oder bleiben hätten können?

    Die Frage als Laie nach moderneren Gesichtspunkten formuliert:
    Welchen Energieausweis müsste man dem Objekt ausstellen?

    Für Bausachverständige unter den Lesern:
    Was ergeben Fotografien mit Wärmebildkameras?
    Sind eventuell Kältebrücken vorhanden, die logisch Schimmelbefall begünstigen Können oder gar müssen?

    Wären die Höhe der Miete und die Heizkosten (in dem Fall Stromkosten) bei der für die Trockenhaltung des Wohnobjektes nötigen Temperatur, überhaupt mit dem vorhandenen Einkommen (z.b. Hartz IV) leistbar? Wieviel konkret machte die Summe aus?

    Wurde ausgerechnet, ob mit den bei Anmietung vorhandenen(!) Heizmöglichkeiten die entsprechende Temperatur in allen Bereichen der Wohnung überhaupt erreicht werden kann?

  • waage

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    Gibt es Erfahrungen mit einfach nutzbaren Feuchtigkeits- und Taupunktanzeigern, mit aktiver Nutzungsbetreuung? Gibt es fernablesbare Geräte?

  • Else E.

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    Die Fragen oben sind es wert, genauer unter die Lupe genommen zu werden – unbedingt. Und im Namen der Menschen, die unter diesen unsäglichen Bedingungen hausen, hoffe ich, dass sich die Stadtspitze und der Stadtrat ernsthaft damit beschäftigen werden.

  • R.G.

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    Weil Leser vielleicht nicht wissen, wie man den Leuten aus den Notwohnungen helfen könnte, ohne womöglich in einen Strudel zu geraten.

    Kleidung und Wäsche:
    Enorm wichtig wäre, dass Betroffene frisch geduscht und in „angepassten“ Kleidern ohne Armuts- und Schimmelgeruch, zu Vorstellungsgesprächen erscheinen könnten, sei es wegen einer neuen Wohnung, sei es bei AMS-Terminen.

    Wenn die Mieter einverstanden wären, könnte man ihnen mit Trockenpacks für die Schränke( diese Packs legt man von Zeit zu Zeit in die Sonne oder auf den Radiator zum Trocknen) und feuchtigkeitsbindenen Granulaten samt Behältern (gibt es in Baumärkten und im Bürobedarf) zur Entfeuchtung der Räume helfen, und in ihre Wohnungen zusätzlich Hygrometer installieren.

    Nach Rücksprache mit den Bewohnern könnte man Waschmarken und Trocknungsmarken für Waschsalons verschenken, außerdem…

    Bons für ein Tröpferlbad=öffentliches Duschbad wären nett.

    Bons für ein Hallenbad wären fein, auch dort könnte man sich gut duschen.

    In einigen italienischen und österreichischen Kaffehäusern und Imbisstuben ist es möglich, zum selbst Konsumierten etwas zusätzlich zu bezahlen und sofort auf der Tafel öfentlich „anschreiben“ zu lassen, damit es ein Mensch aus der Armutsschicht ohne Scham kostenfrei „bestellen“ können („eins konsumieren, zwei bezahlen“).

    Auf einer Österreichischen Universität taten sich Studenten zusammen, um noch brauchbare Lebensmittel geschenkt zu erhalten. Diese verkochten sie, luden Bedürftige aus der Umgebung regelmäßig zum Essen, oder brachten die Mahlzeiten zu den Menschen.

    Wenn Sie einen Club oder ein Lokal in der Nähe besitzen, vielleicht können Sie nach Rücksprache mit dem Rechtsanwalt, einen (Personal-)Tisch stundenweise anbieten, wo z.B. Mutter und Sohn Schreibarbeiten erledigen oder TV-sehen können.

    Ein Club einer teuren(!) Sportart bot einer angeblich asozialen Familie die Möglichkeit, ein Kind ohne Gebühr trainieren zu lassen.
    Es wurde ein Erfolg für beide Teile, den Verein und die Familie.

  • hutzelwutzel

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    Was ist eigentlich mit den Dignitärenwohnungen welche der Freistaat Bayern für die höheren Geistlichen der RKK finanziert und unterhält?
    Da stehen meines Wissens seit Jahren genügend davon leer, und könnten da auch mit passabler Zimmer- und Quadratmeterzahl für solche Notbelange genutzt werden.

  • Bruno Schillinger SAFOB

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    Irgendwie riecht dieses Projekt nach Fördertopf der geleert werden konnte (vielleicht Sonderkosten für Renovierung, usw.) und/oder 1 Jahres Vertrag für Sozialmafia/Parteifreunde.
    Das man so ein Projekt aber auf 1 Jahr beschränkt ist UNMENSCHLICH! Erinnert uns irgendwie an einen Rattenversuch oder höflicher Experiment. Denn was geschieht mit den Wohnungen nun? Die werden doch sicher auch weitervermietet und die Wohnungsnot bleibt bestehen. Oder geht es der Stadt darum, nun andere Mieter reinzulassen, die die Miete selbst bezahlen?

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