Flüchtlingslager: Essenspakete bleiben liegen

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Der Ort des Protests ist nur schwer zu finden. Mehrerer Journalisten und ein Kamerateam suchen verzweifelt in der Unübersichtlichkeit der Plattenbaugegend die Hausnummern 14 bis 16. Auf der Suche nach dem Flüchtlingslager Plattlingerstraße, wo heute mehrere Asylbewerber angekündigt haben, die Essenspakete zu boykottieren. Die Fotografen haben Glück. Ganz unscheinbar im Erdgeschoss eines der mehrstöckigen Häuser werden gerade Essenspakete verteilt. Die Treppen sind schmutzig und man könnte fast meinen, Teil einer Zeitreise in den Ostblock zu sein. Hier im winzigen Aufgang drängelt sich eine Gruppe von Menschen, es wird nicht viel geredet. Einige sind noch unentschlossen. Sollen sie sich den Protesten anschließen und auf ihr Essenspaket verzichten? Die Journalisten drängeln sich vor, wollen Fotos machen, erzürnte Gesichter beim Ablehnen des Essenpakets filmen, oder ein Interview mit dem einen oder anderen Asylbewerber führen, der vielleicht fließend Deutsch spricht. Die drei Paketverteiler zeigen bereitwillig die Listen, mit denen Lagerinsassen ihr Essen bestellen können. Aus jeder Kategorie kann man sich eine bestimmte Anzahl von Produkten aussuchen: Gemüse, Reis, Obst, Huhn, sogar vegetarische Pizza. Der Zettel ist umfangreich und auch die Pakete sehen so aus, als ließen sie kaum etwas zu wünschen übrig. Pro Woche gibt es zwei Bestellungen, einmal für drei, einmal für vier Tage und einmal im Monat haltbare Lebensmittel, wie etwa Gewürze. Die Häuser außerhalb des Lagers stehen genauso geradlinig nebeneinander wie die Unterkünfte der Flüchtlinge. Ein zu kurzer Blick in das Leben der Bewohner könnte fast zur Annahme verleiten, hier sei doch irgendwie alles in Ordnung. Aber irgendwas hier ist anders. Ein kurzes Gespräch mit dem jungen Ismail Husain Bilac öffnet einem die Augen. „Ich bin krank, habe Lungenentzündung und brauche eine eigene Wohnung. Mein Mitbewohner raucht und wie soll ich da gesund werden?“ Sein Freund Kahni, 29 Jahre alt, übersetzt für ihn. Der Kurde musste vor zehn Jahren aus der Türkei fliehen und ist seitdem im Lager untergebracht. „In der Wohnung sind zehn Leute.” Sie teilen sich drei Räume „Wir haben nur ein Klo und eine Dusche. Das ist wie ein Tierhaus.“ Weg mit der Residenzpflicht, Bargeld statt Essenpakete, generelle Arbeitserlaubnis, Abschaffung der Lagerpflicht, Respekt von den Verantwortlichen in den Behörden, lauten die zentralen Forderungen in der Einladung an die Medien. Doch es gibt noch ganz andere Probleme. Im Lager haben sich auch eine indische und eine irakische Gruppe dem Boykott angeschlossen. Wir haben uns in der kleinen Wohnung versammelt. Wieder übersetzt Kahni. Einem Mann wurde die Auflage erteilt, seinen Pass übersetzen zu lassen. Er kann es sich aber nicht leisten, weil die 40 Euro „Taschengeld” im Monat nicht reichen. Der andere war mit seinem Hausarzt unzufrieden und musste drei Monate warten, bis er die Erlaubnis bekam ihn zu wechseln. „Wir wollen einfach nur unser Recht. Wir haben hier keine Rechte“, sagt der Sprecher der irakischen Gruppe, Gihad Frman Kote (Foto). „Wir leben hier wie in einem Gefängnis. Wenn wir ins Krankenhaus gehen, behandeln die uns nicht wie Menschen. Wir hatten im Irak keine Rechte, haben ein Recht gesucht und sind nach Deutschland gegangen – wegen der Menschenrechte.” Und jetzt? „Wir wollen 30 Kilometer von Regensburg weg.” Das ist verboten. Bargeld statt Essenspaketen werden den Flüchtlingen verweigert. „Das Essen ist manchmal nicht gut. Wenn wir was bestellen, kommt das Falsche. Wenn ich mich mit meinen Mitbewohnern nicht verstehe, möchte ich mich einfach mal in ein Café hocken.“ Ob es viel Streit gibt auf so engem Raum? Kahni antwortet direkt. „Ja, viele Menschen hier haben psychische Probleme durch das Lagerleben. Ich bin auch krank davon geworden.“ Was er jemanden sagen würde, der die harten Auflagen im Lager als notwendig ansieht, um Menschen aus anderen Ländern davon abzuhalten nach Deutschland zu kommen. „Möchtest du dein Heimatland einfach so verlassen? Nein. Aber wenn jemand kommt und sagt: ‚Ich töte deinen Vater, ich töte deine Mutter, du wirst gefoltert, oder wir hacken dir ganz einfach den Kopf ab, wenn du nicht gehst.‘ Würdest du dann gehen?“ Kahnis Stimme hebt sich. „Die Menschen hier hatten alle eine Arbeit daheim, eine Wohnung, Geld, das findest du überall. Aber die hatten einfach Probleme mit dem Staat oder mit den anderen Leuten, darum sind sie hier. Wenn ich könnte, würde ich sofort zurück in die Türkei gehen, das ist so Liebe zur Heimat, ja Heimatliebe, das gibt’s nur dort.“ Wie lange der Essensboykott andauern wird? Kote und die anderen sind sich einig: „Solange bis wir unsere Rechte kriegen“.
Mehr Infos: Biasyl.de fluechtlingsrat-bayern.de

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Kommentare (7)

  • Joachim Datko

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    Arbeitslosigkeit ist ein globales Phänomen

    Zitat: „Kahnis Stimme hebt sich. „Die Menschen hier hatten alle eine Arbeit daheim, eine Wohnung, Geld, das findest du überall. … Wenn ich könnte, würde ich sofort zurück in die Türkei gehen, “

    Damit soll meinem Eindruck nach suggeriert werden, dass es sich nicht um Wirtschaftsflüchtlinge handelt.

    Wirtschaftszahlen: Türkei / Deutschland im Vergleich:
    http://www.europa-auf-einen-blick.de/tuerkei/index.php

  • Elisabeth

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    IGNORANZ IST EIN EU-PHÄNOMEN

    @joachim datko:
    kahni ist kurde und kurden werden in der türkei verfolgt. versuche nicht, deine eigenen vorurteile zwischen den zeilen bestätigt zu finden!
    hast du angst vor deiner eigenen unwissenheit? mit statistiken kannst du keinen beeindrucken. die erreichen nämlich sowieso nicht den einzelnen menschen und haben somit keine aussagekraft über einzelne schicksale von flüchtlingen.
    außerdem: nur weil du durch zufall in einem reichen land geboren wurdest, hast du noch lange nicht das recht deinen mund so weit aufzureißen.

  • Der Besserwisser

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    Sein Freund Kahni, 29 Jahre alt, >>>übersetzt<<>>zehn Jahren<<< aus der Türkei fliehen und ist seitdem im Lager untergebracht.

  • Bert

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    @datko

    ja. wir wissen, dass sie angst haben, dass irgendjemand ihnen auch nur einen cent abknappsen könnte.
    was ist denn ein wirtschaftsflüchtling? ist hunger kein fluchtgrund für sie? endet ihr verstand an den deutschen grenzen?

  • Albert K

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    Es ist das gute Recht dieser Menschen, die Annahme von Lebensmittelpaketen zu verweigern.

  • Max

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    @ Duldomar

    zu den Piktogrammen kann ich etwas Aufklärung beitragen:
    fast die gleichen findet man bei jedem Spielplatz im Stadtbereich.
    Übersetzt bedeuten diese :
    Kinder dürfen beim Spielen keine Kleidung mit Kordeln tragen und keine Fahrradhelme auf dem Kopf haben. Grund: Unfallschutz. Dass Hunde nichts auf einem Spielplatz verloren haben dürfte wohl klar sein.
    Eigentlich fehlen noch zwei Bilder: Alkohol- und Rauchverbot.
    Wie man sieht hat das nichts mit Gängelung der Bewohner zu tun, da -wie schon erwähnt – diese Schilder bei jedem Spielplatz im Stadtbereich stehen.
    Der Grund dass das „Lager“ an dieser Stelle ist, dürfte wohl eher der sein, dass sich viele Nachbarn und Gemeinden weigern, diese Unterkünfte bei bzw. neben sich zu haben.
    Sollten die „Lager “ aufgelöst werden, hätte man dieses Problem nicht mehr.

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