"Bilder von uns" im Theater am Haidplatz

Für Opfer gibt es kein „Wir“

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„Bilder von uns“ zeigt auf berührende Weise die Folgen von sexuellem Missbrauch und Versuche der Aufarbeitung. Vielles erinnert an die Auseinandersetzungen der letzten Jahre um die Regensburger Domspatzen.

Der ehemals smart-fröhliche Malte (Michael Haake): "Jeder ist allein mit seiner Erinnerung." Fotos: Kaufhold/ Theater Regensburg

Der ehemals smart-fröhliche Malte (Michael Haake): „Jeder ist allein mit seiner Erinnerung.“ Fotos: Kaufhold/ Theater Regensburg

Kinderköpfe rollen dutzendweise über die Bühne. Verdeckt von einer Fünfergruppe im Priesterornat vergewaltigt eine zuvor noch anmutig zum Himmel blickende Maria grob und brutal die blinde und ihres Schwerts beraubte Justitia. Zwischen solchen Alptraumszenen: Zwiegespräche, die meist rasch zum Erliegen kommen und bedrückende Monologe der durchweg vereinsamten Protagonisten. Deren Realität steht auf einem unsicheren, schwankenden Fundament – einem überdimensionierten Luftkissen (Ausstattung: Julie Weideli), was ihr Leben zu einem permanenten Balanceakt werden lässt.

Mit „Bilder von uns“ hat das Theater Regensburg ein Stück auf die Bühne am Haidplatz gebracht, das auf beeindruckende Weise mit dem Versuch der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in Szene setzt (Inszenierung: Charlotte Koppenhöfer) und das einen immer wieder an Ereignisse und Akteure erinnert, wie sie seit spätestens 2010 – im Zuge der Auseinandersetzung um die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen – in Regensburg zu beobachten und zu erleben waren.

Nicht biographisch, dafür typisch

Autor Thomas Melle hat selbst das Aloisiuskolleg in Bonn besucht, jenes Elite-Internat der Jesuiten, wo es ebenfalls jahrelang systematischen Missbrauch von Kindern und Minderjährigen gegeben hat. Doch auch wenn es Anklänge an die tatsächlichen Ereignisse gibt – das Stücke ist weder autobiographisch, noch dokumentarisch.

Ohnehin sind der Ort und die Institution austauschbar. Das Stück zeigt Strukturen, Reaktionen und Mechanismen von Institutionen, wie man sie in der Vergangenheit bundesweit beobachten konnte. „allen Missbrauchsstätten scheint gemein zu sein, dass sich nach außen zunächst der Versuch einer Vogel-Strauß-Taktik vermittelt“, sagt Regisseurin Charlotte Koppenhöfer, die selbst die Odenwaldschule besucht hat.

Ebenso vermag man einige „Typen“ von Betroffenen wiederzuerkennen, ohne dass diese stereotyp in Szene gesetzt würden, sondern in all ihrer Individualität und Unterschiedlichkeit, der auf der Bühne immer wieder ausreichend Raum geboten wird.

Aus Tasten wird Gewissheit, wird Angst, wird…?

Da ist Jesko (Franz Josef Strohmeier), erfolgreicher Medienmacher, der aus zunächst unbekannter Quelle ein Foto auf sein Handy geschickt bekommt. Darauf zu sehen: ein zwölfjähriger Junge, nackt – Jesko als Kind. Was ist damals passiert? Verdrängen oder der Sache nachgehen? Der Mittvierziger nimmt Kontakt zu früheren Mitschülern auf. Malte (Michael Haake), dem smarten und ständig fröhlichen Werbefuzzie, der seine Partnerinnen im Zwei-Jahres-Rhythmus wechselt. Johannes (Gunnar Blume), dem erfolgreichen Rechtsanwalt, der seine Verletztheit hinter kühl-sachlicher Analyse versteckt. Konstantin (Jacob Keller), der schon früh an dem Missbrauch zerbrochen ist, dem keiner zuhören wollte und der sich in die Kunst und Drogen flüchtet.

Früh gebrochen: Konstantin (Jacob Keller).

Früh gebrochen: Konstantin (Jacob Keller).

Aus anfänglich tastenden Gesprächen, dem Beschwichtigen a la „Die haben uns eben hart ran genommen – für das Leben“ wird zunehmende Gewissheit über massiven sexuellen Missbrauch, der allen Vieren widerfahren ist, den „giftigen Schlamm, auf dem mein Leben steht“, wie es Malte ausdrückt, der über die zunehmende Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit zum lauten, Aufklärung fordernden Aktivisten wird.

Doch sein „Wer das Schweigen bricht, bricht die Täter“ verhallt bei Jesko. Dessen anfänglicher Wunsch nach Aufklärung über seine eigene Vergangenheit, weicht rasch dem nach Vergessen. Konstantin wagt es zwar nach Jahren, wieder über das Erlebte zu sprechen – weil man ihm nun vielleicht glaubt – doch die Hoffnung auf Erlösung hat er schon lange verloren.

Verständnis – auch für den Verdränger

Am Rande all dessen – auch das weckt Erinnerungen an die Jahre 2010 bis 2016 in Regensburg: Eine Institution, die zunächst leugnet und versucht, die Betroffenen auseinanderzutreiben, sich dann vorgeblich entschuldigt, vorgeblich handelt, um dann wieder zur Tagesordnung überzugehen, ohne tatsächliche Konsequenzen.

Ein Medienzirkus, der sich dem Skandal zunächst mit geballter Aufmerksamkeit widmet und nach einigen Wochen sogar den Suizid eines Betroffenen nicht beachtet und mit Berichten über neue Skandale, die nächste Sau, die gerade durchs Dorf getrieben wird, übertüncht.

Jesko (Franz Josef Strohmeyer) baut auf Verdrängung, Malte auf Aktivismus.

Jesko (Franz Josef Strohmeyer) baut auf Verdrängung, Malte auf Aktivismus.

Als Zuschauer fällt es schwer, nicht mit den vier Betroffenen zu fühlen. Das gilt selbst für Jesko, dessen anfänglicher Wunsch nach Aufklärung rasch dem des Vergessens weicht und der sich schließlich an die Spitze jener ehemaligen Schüler setzt, die sich mit der Schule solidarisch erklären, die vertuschen und verdrängen wollen, die den Betroffenen, die sich zu Wort melden, Geltungssucht, Profilneurose und Lüge vorwerfen. Auch das kennt man aus der hiesigen Vergangenheit.

Doch ebenso wie Konstantin, Malte und Johannes schildert auch Jesko in berührenden Monologen seine Angst und Verunsicherung, sein Schwanken zwischen den Möglichkeiten, die es (vermeintlich) gibt, um wieder die Kontrolle über sein Leben zurückzuerlangen. Dabei ist er – ebenso wie die anderen drei – nur auf sich selbst zurückgeworfen. „Jeder ist allein mit seiner Erinnerung.“ Für Opfer gibt es kein „Wir“.

In Regensburg sind die Betroffenen bei den Domspatzen – bei aller Vereinzelung und Individualität – dennoch schon weit gekommen.

„Bilder von uns“ läuft noch bis Ende Mai im Theater am Haidplatz.

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Kommentare (10)

  • Angelika Oetken

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    „Bilder von uns“:

    Eine dieser Institutionen, an der die verantwortlichen Erwachsenen ihre vorzügliche Überlegenheit demonstrierten, indem sie ihnen ausgelieferte Kinder und Jugendliche drangsalierten und sexuell ausbeuteten und das gesamte Umfeld zeigte, was es heißt, ein „braver Bürger“ zu sein, ist das Aloisiuskolleg in Bonn Bad Godesberg. Auch dort waren es Opfer und Mitbetroffene, die sich schon Jahre vor dem Missbrauchstsunami, der 2010 losbrach, für die Aufklärung der Missbrauchskriminalität am AKO eingesetzt hatten. Nur sie und sonst niemand, auch wenn es von manchen Verantwortlichen bei jeder sich auch nur ansatzweise bietenden Gelegenheit anders dargestellt wird.

    Systematisch betriebene Missbrauchsverbrechen aufzuklären ist sehr komplex. Ein Eindruck: http://www.christoph-fleischmann.de/media/downloads/download_ako_wdr_hp_953.pdf

  • Peter Lang

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    Vorweg: Hauptdarsteller Franz Josef Strohmeier ist großartig. Wuchtig, massiv, verletzt, waidwund, zerrissen, präsent, glaubhaft. Das komplette Ensemble um ihn herum ist drin in den Rollen und dran am Geschehen. Jacob Kellers Studie geht unter die Haut! Wohl gut eine Minute lang stiert er nach seiner zentralen Szene schweigend ins Publikum, nichts geschieht, sein Blick sagt alles – ein Gänsehautmoment.
    Der Luftkissenbühnenboden – ja, ja, wir alle wandeln auf schwankendem Grund! -, das indifferente Videoflimmern, beliebige Geräusch- und Klangcluster- das alles tut nichts für den Text, der solchelei Zutat nicht braucht. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Regisseurin dem Stück nicht ganz traut. Und auch nicht ihrem Ensemble, das auch ohne rollende Puppenköpfe und „Hostien“-Overall zu überzeugen verstünde. Ein Missgriff in toto ist das Kostümbild, das wirkt wie wahllos aus dem Altkleidercotainer geklaubt. Es hätte ein guter und wichtiger Theaterabend werden können wie schon „Caligula“ und „The Kings Speech“. Schade!

  • Angelika Oetken

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    „Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Regisseurin dem Stück nicht ganz traut. Und auch nicht ihrem Ensemble, das auch ohne rollende Puppenköpfe und „Hostien“-Overall zu überzeugen verstünde.“

    Vielleicht wollte Frau Koppenhöfer auf Nummer sicher gehen @Peter Lang. Das könnte damit zusammen hängen, dass sie die Odenwaldschule besucht hat https://www.welt.de/vermischtes/article143901377/Der-letzte-Sieg-des-boesen-Geistes.html

    Wenn Jungen und Mädchen in Regelschulen nirgends eine Nische finden und Schulangst entwickeln, liegt das manchmal in ihnen selbst begründet. Oft aber daran, dass sie in ihrem häuslichen Umfeld durch ihre psychisch kranken Angehörigen gestresst werden und keinen Nerv mehr für die Schule haben. Eigentlich wäre dann die beste Lösung, dass eben dieser Anhang (Mutter, Vater, deren PartnerInnen, ältere Geschwister usw.) sich Hilfe holen, statt die Kinder zu reaktiven Symptomträgern zu machen und sie womöglich in ein Internat zu entsorgen. Falls diese verantwortlichen, aber psychosozial überforderten Erwachsenen uneinsichtig sein sollten, müsste an sich konsequent interveniert werden. Aber unser gesellschaftliches System gibt das – noch! – nicht her. Lieber opfert es einen Teil der Kinder. Manche davon gehen sofort kaputt, andere erst später. Viele arrangieren sich, haben aber tief verinnerlicht, dass man letztlich niemandem trauen kann, unter Umständen auch sich selbst nicht.

  • Herbert Turetschek

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    „“Bilder von uns“ im Theater am Haidplatz
    Für Opfer gibt es kein „Wir““
    Genau, das Thema muss am Laufen gehalten werden; ich hoffe ich kann auch meinen kleinen Teil dazu beitragen – denn der sexuelle Missbrauch ist so schnell wieder aus den Medien verschwunden, im Jahr 1995, im Jahr 2000, im Jahr 2010, im Jahr 2013 usw. usf.: Diesmal müssen wir dran bleiben.

  • Ebba Hagenberg-Miliu

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    Ja, bleiben Sie auch in Regensburg weiter „dran“! Das Melle-Stück baut ja auf authentischen Betroffenenberichten vom sogenannten „Heiligen Berg“ in Bonn auf. Es muss noch einiges aufgearbeitet werden, in Bonn wie an anderen Orten.

  • „Regensburg stehen die Auseinandersetzungen noch bevor“ » Regensburg Digital

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    […] Die Veranstalterinnen wollten „Mechanismen von institutionellen Missbrauchssystemen“ beleuchten, herausfinden, was die Aufklärung verhindere, welche Mechanismen bei der Aufarbeitung sichtbar werden und Präventions- und Schutzmaßnahmen erörtern. Angesichts dieser ellenlangen Liste von Aspekten überrascht es nicht, dass der Abend nicht reichte, um all das näher thematisieren zu können. Das anregende und etwas sprunghaft geführte Gespräch steht im Zusammenhang mit dem noch bis Ende Mai laufenden Theaterstück „Bilder von uns“ (Thomas Melle). Das Stück (Dramaturgie: Meike Sasse, Regie: Charlotte Koppenhöfer) zeigt, wie vier Betroffene auf… […]

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