Bildungs- und sozialpolitischer Aschermittwoch

Halbbildung im postfaktischen Zeitalter

Print page

Der Passauer Pädagogik-Professor Guido Pollak skizzierte beim bildungs- und sozialpolitischen Aschermittwoch im Leeren Beutel die humanistische Bildungsidee und hielt ein akademisches und politisches Plädoyer gegen die Verflachung der Bildung im Zeitalter des Neoliberalismus.

Guido Pollak beim bildungs- und sozialpolitischen Aschermittwoch. Foto: om

Guido Pollak beim bildungs- und sozialpolitischen Aschermittwoch. Foto: om

Seit fast zwei Jahrzehnten veranstalten die Sozialen Initiativen Regensburg gemeinsam mit zahlreichen Partnern einen Gegenentwurf zum Geplärre, Gepolter und Geplänkel des politischen Aschermittwoch der Parteien: den bildungs- und sozialpolitischen Aschermittwoch. Der Anspruch: bildungs- und sozialpolitische Themen in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken.

In diesem Jahr lud man den Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Passau Guido Pollak ein, der über die Begriffe „Freiheit, Gleichheit und Solidarität“ im Kontext einer Neufassung der humanistischen Bildungsidee referierte.

Der Vortrag, von den Polemikstammtischen des Aschermittwochs unbeeindruckt im akademischen Duktus gehalten, mag einigen der zahlreich Anwesenden ob der fehlenden Bierseligkeit recht fade erschienen sein, Pollak sparte dennoch nicht an scharfer und teils radikaler Kritik am Bildungssystem.

Bildung ist stets politisch

„Pädagogik und Politik gehören zusammen, auch in der Bildungstheorie“, so das anfängliche Credo Pollaks, mit dem er einer entpolitisierten und entpolitisierenden Debatte um und über Bildung eine klare Absage erteilte. Die Realisierungsbedingungen humanistischer Bildung seien in erster Linie nicht pädagogisch, sondern politisch.

Argumentativ stützte Pollak sein Referat im Wesentlichen auf Wilhelm von Humboldts Freiheitsbegriff als Voraussetzung für umfassende und mannigfaltige Entfaltung aller menschlichen Kräfte (Verstand, Moral, Emotion, Ästhetik etc.), der Aufklärung Immanuel Kants als Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, der allersten Forderung an Erziehung Theodor W. Adornos, dass Auschwitz nie wieder sein dürfe sowie seine Theorie der Halbbildung, die oberflächlich bleibe und sich im Gegensatz zur eigentlichen Bildung in partikularen Zwecken verstricke.

Von dem skizzierten Bildungsideal sei die Realität allerdings weit entfernt. Vielmehr würden neoliberale Bildungsauffassungen vorherrschen, die „immer affirmativ, nie kritisch“ seien und sich zunehmend auf Arbeitsmarktanpassung, Selbstoptimierung, Verwertbarkeits- und Brauchbarkeitsökonomie hin ausrichten.

Die politischen Diskurse über Bildung der vergangenen Jahre seien freiheitseinschränkend. Bildung werde als „Zukunftsressource“ betrachtet, die vom selbstunternehmerisch handelnden Menschen zu „managen“ sei. Lebenslanges Lernen werde vom Recht zur Pflicht und die Konkurrenzfähigkeit, die es zu maximieren gelte, zum Bildungsziel. Vom Kindergarten bis zur Universität werde die „Employability“ ins Zentrum der Bildungsbemühungen gerückt.

Pollak: Pegida und andere völkische Nationalisten setzen auf Halbbildung

Halbbildung zeige sich besonders „im postfaktischen Zeitalter“, so Pollak, bezugnehmend auf aktuelle politische Erscheinungen. Die Rede davon, dass das Holocaust-Mahnmal in Berlin eine Schande sei, setze auf Halbbildung. „Menschen als Wirtschaftsflüchtlinge zu bezeichnen, setzt auf Halbbildung; die Rede von deutscher Leitkultur setzt auf Halbbildung“, genauso wie die Lügenpresse-Rufe von Pegida und anderen völkischen Nationalisten.

Die Pfeiler der sozialen Integration würden unter der Oberfläche einer stabilen Gesellschaft erodieren. Das führe letztlich zur Entsolidarisierung der Gesellschaft. In Pollaks Augen eine überaus bedenkliche Entwicklung, der es entgegenzuarbeiten gelte. Pädagogisch und politisch.

Die Diskussion im Anschluss verlief in Teilen inhaltlich etwas skurril. Pollak wusste dabei beispielsweise Fragen nach genetischen Vorbedingungen und biologischen Möglichkeitsgrenzen des Menschen sowie Themaverfehlungen über die städtebauliche Entwicklung Regensburgs im Bereich des Ernst-Reuter-Platzes geduldig zu meistern und so mancherlei Ausdruck von Sehnsucht nach Halbbildung kontern.

Trackback von deiner Website.

Bitte unterstützen Sie eine unabhängige Berichterstattung in Regensburg.

 
Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.
IBAN: DE14750900000000063363
BIC: GENODEF1R01

Kommentare (18)

  • Hans (1st)

    |

    Ich fand den Vortrag zwar etwas anstrengend, aber ich konnte folgen und der Inhalt war gut und durchdacht.

    „Die sozialen Initiativen setzen auf Bildung.“ (MZ)

    Bayern braucht also eine humanistische Bildungsoffensive!
    Nur wer wählt dann noch die CSU? :D

  • Roland Hornung

    |

    D a n k e für diesen Artikel. Ich stimme Herrn Professor Pollak zu !

  • joey

    |

    was hat denn Pegida mit Bildung zu tun?
    Auch ein gebildeter Mensch kann (gewaltig) irren. Umgekehrt: auch eine Putzfrau/mann – mit schlichter Hauptschule und sonst nix – kann Recht haben.

    Ein Professor sollte sich nicht als beamteter (sehr gut bezahlter) Politiker verstehen. Er darf und soll politisch aktiv sein, sich darin aber einer demokratischen Abstimmung stellen. Alles andere ist Papst.

    „Lebenslanges Lernen werde vom Recht zur Pflicht“: das war schon immer Pflicht. Nur die Innovationszyklen wurden lange immer schneller und die Digitalisierung ist eben eine sehr weitreichende Revolution. Dafür kann aber der Neoliberalismus nix.
    Daß Innovationszyklen menschengerecht bleiben, ergibt sich von allein, weil Menschen der Endkunde sind.

  • dünnster Künstler

    |

    „Die Diskussion im Anschluss verlief in Teilen inhaltlich etwas skurril. Pollak wusste dabei beispielsweise Fragen nach genetischen Vorbedingungen und biologischen Möglichkeitsgrenzen des Menschen sowie Themaverfehlungen über die städtebauliche Entwicklung Regensburgs im Bereich des Ernst-Reuter-Platzes geduldig zu meistern und so mancherlei Ausdruck von Sehnsucht nach Halbbildung kontern.“

    Was soll das?

    Pollack sprach unmittelbar vor meinem kurzen Diskussionsbeitrag, den ich ganz zum Schluß der Veranstaltung einbrachte, über leerstehende Jugendzentren im Osten Deutschlands und die daraus erwachsende Abgehängtheit und „Halbbildung“ einer ganzen Generation und die politischen Folgen. Er betonte mehrmals, das Bildung immer den Raum brauche um subversiv sein zu können, was sie immer auch sein müsse. Unmittelbar darauf bezog sich mein Einwurf ganz am Ende der Veranstaltung mit der Anregung an die Anwesenden sozialen Gruppen dies doch einmal mit den wirtschaftsideologischen und touristischen Begründungen für ein RKK abzugleichen, das unter anderem den „Wissenschaftsstandort“ Regensburg nach vorne bringen und das Profil=Image der Stadt schärfen soll. In einem beispielsweise von der Regensburg Touristik betriebenen „Kulturzentrum“ wird subversives Denken nie möglich sein. Kein Sozialpädagoge oder Kulturwissenschaftler oder auch Künstler wird sich hier engagiert einbringen können. Es geht also auch um die Rahmenbedingungen für Bildung, Austausch und Engagement in der Gesellschaft – in öffentlichen Räumen.
    Die das verhältnis von Bürger und Staat und das Gesellschaftliche Klima bestimmen.

    Viele Regensburger werden an einem an einem verkehrstechnisch optimal angebundenen, weithin strahlendem, Kongresszentrum vorbeilaufen müssen, dessen Inhalt sie nicht mehr beeinflußen können und wo ihnen nur Veranstaltungen vorsetzt, ihre Bedürfnisse jedoch nicht ergründet werden. Kultur und angewandte Gesellschaftswissenschaften werden an diesem zentral gekegenen Ort nicht in der Lage sein soziale und gesellschaftliche Probleme unmittelbar vor Ort zu bearbeiten. „Angsträume“ im Umgriff des RKK werden dadurch nicht durch „Begegnungsräume“ ersetzt. Hier ist kein Platz für gesellschaftliche Bildung und subversives Denken.
    Die Richtung für ein RKK ist schon stadtplanerisch vorgegeben (siehe Römerrastplatz mit Grenze), während der Inhalt offensichtlich nicht von besonderem gesellschaftlichem Interesse ist – im Gegensatz zu ÖPNV und Busbahnhof. Hier haben jede Partei und einige Gruppen groß was zu melden. Das RKK ist meiner Ansicht nach ein sozioales Thema…zu dem bisher fast niemand kritisch konstruktiv Stellung bezieht.

    (Nun gut, ich gebe es zu, ich verwies in meinem Diskussionsbeitrag -ganz zu Ende der Veranstaltung- auf meinen subversiven vollcornform Bürgerbeteiligungs-Infostand für das Bürgerbeteiligungsverfahren hinten im Saal: http://europabrunnendeckel.de/?p=5573 (…den freilich der Autor Martin Oswald und seine Clique vor Pollaks Vortrag, in der Pause und nach der Diskussion nicht besuchte.. sondern stattdessen „Themaverfehlung“ in meine Ausführungen hineinplärrte, wohl weil sie anderweitig politisch eingebunden sind und zu einer entsprechenden Transpher-Leistung nicht in der Lage sein wollen. )

    Pollak verstand entsprechend leider nur Busbahnhof und erwiderte, dass Kunst und Wirtschaft immer zusammenhängen würden und das auch gut so sei. Ausserdem bemühte er Brecht: „Erst kommt das Fressen dann die Moral.“ Zuvor hatte er eine Stunde lang oft moralisch argumentiert und die Bildung vor dem Kapitalismus verteidigt. Was würde er wohl dazu sagen: „Ohne Wirtschaft keine Wissenschaft – keine Richtung für die Bildung…Deshalb sollte die Wirtschaft die Universität pachten und betreiben…?“… Ach so, das war ja im Grunde auch sein Thema…Vielleicht ist mein Diskussionsbeitrag etwas unglücklich gelaufen („THEMAVRFEHLUNG!!! plärr…), aber was solls, wir haben noch kurz geredet und ich werde Pollak schreiben, dann werden wir uns besser verstehen und unterstützen. Ich habe meinen Beitrag -der letzte der Veranstaltung- ohnehin auch als Überleitung zum Schluß begriffen.

    Der Autor des Artikels trägt, aus mir unerfindlichen Gründen, in seinem letzten Satz leider nur persönliche Befindlichkeiten aus. Das ist Schade. Die Veranstaltung hieß “ Freiheit, Gleichheit, Solidarität.“

    Nicht erwähnt hat der Autor, das ich bereits vor dem Vortrag alle Anwesenden mit einem länglichen Ticket persönlich zum Brainstorming am Montag, den 6.3. um 19 Uhr im Vorraum der Sparkasse am Ernst eingeladen habe. Ich bringe Zettel mit und kopiere alle Ideen für die Anwesenden. Es geht darum sich sprachfähig und inhaltlich sattelfest zu machen um eigene Positionen in die Bürgerbeteiligung – und darüber hinaus- einzubringen.
    http://europabrunnendeckel.de/download/vollcornform/ticket_vollcornform.pdf

  • hf

    |

    Das „postfaktische Zeitalter“ ist doch auch nur eine Konstruktion, ein neuer Begriff für ein altes Problem. Seit eh und je kann nicht sein, was nicht sein darf. Nur die massenhafte Verbreitung von Smartphones und Tablets macht neuerdings besser sichtbar, was immer schon der Fall war. Kein Grund, ausgerechnet jetzt in Panik auszubrechen.

    „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen…“ beginnt Aristoteles seine Metaphysik und ich habe noch nie größeren Bullshit gelesen. Tragischerweise wird dieser Mist immer noch gelehrt, als Teil eines sogenannten Bildungskanons. Dabei ist vielmehr das Gegenteil der Fall; alle Menschen streben von Natur aus nach Nahrung, Kleidung und Unterkunft und nur einige wenige kommen je in den Genuss, in einer Sklavenhaltergesellschaft den Müßiggang zur Muße weiterzuentwickeln.

    Der Humanismus ist eine von vielen klassischen Utopien, der Mensch könne sich selbst über seine Bedingungen erheben. Zusammengesponnen in einer Zeit, in der man wohl tatsächlich hoffen durfte, die Aufklärung, die Wissenschaft würde den Menschen an sich verbessern. Alles Einbildung. Das lange 19. Jahrhundert mündete nicht eben zufällig im Ersten Weltkrieg, der auch das wahre Gesicht der aus heutiger Warte vollgebildeten Menschen zeigte.

    Dabei ist es eine Perspektivvfrage, ob Bildung sich verflacht oder verbreitet. Nie gab es mehr Akademiker als heute, das dürfen wir nicht vergessen. Dass wir offenbar an die Grenzen der Erkenntnis gestoßen sind, was Zeit und Raum angeht, pfeifen die Spatzen vom Dach. Bin gespannt was sich mit Gravitationswellendetektoren hören lassen wird, aber ich fürchte, es wird auch nur unsere bisherigen Theorien stützen. Der Menschliche Verstand ist – so legt die Quantenmechanik nahe – auch nur eine Filterblase, in der man stets zur Antwort erhält, was man als Frage zu stellen vermag.

    Und: Wissenschaft ist ja vom Prinzip her nicht dazu gemacht, herausragende Genies zu züchten die mit sich selbst und der Welt in Harmonie schweben, sondern umgekehrt: um selbst dem fadesten und dumpfesten Zeitgenossen mittels reproduzierbarer und skalierbarer Methodik ein wie auch immer geartetes Voranschreiten zu ermöglichen. Ohne dass damit gesagt wäre, dass die Richtung, in die man schreitet, eine gute wäre. Fatalistisch ausgedrückt: irgendwie muss man die Zeit ja totschlagen und wer sich am liebsten in Bücher vergräbt, wird sich das auch zeitlebens schönreden.

    Das wirft nur die Frage auf, was hinter solchen Appellen steckt; ist es Einsamkeit? Ist es angewidert sein? Letztlich war nie jemand voll-gebildet, da es kein Ankommen, kein Erreichen von irgendeinem endgültigen Stand geben darf. Falsifizierbarkeit ist Bedingung. Halbbildung ist dementsprechend nonsens. Menschen vorzuwerfen, dass sie nicht fähig oder willens sind, sich so zu bilden, wie man es selbst tut – da könnte man auch gleich die eigene Sexualität zur Norm erheben. Warum jetzt der eine Imperativ besser sein soll als der andere, geht leider aus dem Text nicht hervor. Nur die Ansage: Humanismus ist gut, weil ich selbst die Deutungshoheit über den Begriff beanspruche. Pffrt.

  • Schwalbe

    |

    @joey
    Pegida (und Konsorten) hat sehr viel zu tun – mit Bildungsverweigerung; viele der einschlägigen Überzeugungen sind nur aufrecht zu halten, wenn man sich standhaft weigert, Informationen zur Kenntnis zu nehmen (Bildung ist da vielleicht schon etwas hoch gegriffen). Bildung für sich genommen garantiert natürlich noch gar nichts, vor allem keinen gelebten Humanismus, sie läßt sich ganz wunderbar mit der größten Barbarei kombinieren. Mit „Recht haben“ hat sie aber nichts zu tun, auch wenn sie oft dazu missbraucht wird.
    Erstaunlich finde ich, dass es in dieser Stadt offenbar zum Schlimmsten gehört, das einem Menschen passieren kann, wenn er Professor ist; dann kann er sagen und tun was er will, es ist alles falsch. Auch eine Art Bildungsverweigerung.
    Was meinen sie mit Innovationszyklen? Den Zeitraum, bis Wissen in bestimmten Gebieten veraltet und ersetzt wird? Oder den Zeitraum bis das allerneueste-von- irgendwas in die Welt kommt und das neueste von gestern zu Müll macht? Für letzteres kann der „Neoliberalismus“ schon etwas, für ersteres eher weniger; zumindest, solange man sich nicht mit dem Inhalt, dem Vermittlungsweg und den Folgen der Innovationen beschäftigt. Tut man das nämlich, kann man den Satz von der Pflicht zum lebenslangen Lernen nicht gar so schnell abhandeln.
    Ihr letzter Satz impliziert, dass alles menschengerecht sei, was sich an den Menschen richtet, eben weil es sich an den Menschen richtet; wenn sie das tatsächlich glauben können, bleibt ihnen einiges erspart, Glückwunsch.

  • reminder

    |

    @hf: auch wenn Sie aus meiner Sicht an verschiedenen Stellen Gefahr laufen, das Kind mit dem Bade auszuschuetten, kann ich Ihnen leider nicht ganz widersprechen.

    Allzuoft gilt auch aus meiner Sicht: „Von der Wiege bis zur Bahre, paedagogisches Gehabe“. Allzuhaufig platte, wenn auch beredsam ummaentelte Pseudo-Gesellschaftskritik, von Leuten vorgetragen, die von der boesen, boesen neoliberalen Gesellschaft mit am meisten profitieren. Weil sie ihnen nicht nur die Gehaelter organisiert, sondern auch als Ausrede fuer die eigene Bedeutungs- und Wirkungslosigkeit bestens geeignet ist. Weil diese angeblich so Neoliberalen (wird uebrigens selten naeher erlaeutert, wer genau das sein soll) ja so furchtbar ignorant seien.

    Das beklagen dann ausgerechnet Leute, die sich in der Regel nie in nennenswertem Umfang ausserhalb irgendwelcher Bildungsinstitutionen aufgehalten haben und haufig kaum mehr zustande bringen, als um sich selbst zu kreisen und uns das als der Weisheit letzten Schluss verkaufen moechten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass sie genau deswegen nicht wahr haben wollen, dass ‚die Wirtschaft‘ selbst (nicht an allen, aber) an vielen Stellen schon viel weiter ist, als sie es in ihren Zerrbildern zugestehen wollen. Weil das unangenehme Rueckfragen an sie selbst zur Folge haette. Z.B. mit welcher Gegenleistung sie den Aufwand rechtfertigen, der fuer die Schaffung und Aufrecherhaltung ihrer Positionen betrieben wird. Schwarz-Weiss-Malerei ausgerechnet von Leuten, die sonst gerne betonen, wie wichtig eine differenzierte Betrachtungsweise waere. Bildung als unhinterfragbarer Wert an sich muss als Erklaerung dafuer herhalten, warum haeufig nicht mehr als heisse Luft produziert wird.

    (Sinngemaeses) Zitat von Popper: „Am Ende wird (in der Gesellschaft) der schlimmste Anti-Intellektualismus den Sieg davon tragen, weil es der Wissenschaft (kann wahrscheinlich auch durch „Politiker“ ersetzt werden) an intellektueller Redlichkeit mangelt.“

    Es waren ja leider nicht die angeblich so humanistisch gepraegten Intellektuellen, die soziale Ungleichheit zum Thema in Europa gemacht haben. Es war nicht zuletzt die Oecd mit ihrer vielgescholtenen Pisa-Studie. Die hat tatsaechlich viele Maengel, ist dessen ungeachtet aber mit das Substanziellste, was wir derzeit zur Thematik haben. Nicht zuletzt weil sich diejenigen, die sich auf einer moralisch/ethisch hoeheren Stufe waehnen, nie dazu herabliessen, wirkungsvolle Alternativen auszuarbeiten.

    Und haetten – in Analogie dazu – die etablierten Parteien zugunsten ihrer Goenner bzw. des eigenen Eitelkeit nicht an vielen Stellen tatsaechlich aktiv verdraengt, dass sie eigentlich dem Allgemeinwohl verpflichtet sind, wuerden nicht alle Naselang irgendwelche Populisten solche Erfolge feiern koennen.

    ABER TROTZDEM: Erklaeren Sie die nicht zu leugnenden Schwaechen einzelner/vieler Vertreter der Wissenschaft/des Humanismus / der Demokratie bitte nicht zu Schwaechen der Wissenschaft/des Humanismus an sich. Das sind alles grundsaetzlich gute und wichtige Sachen. Infolge dessen, dass wir uns alle nicht gut genug darum gekuemmert haben, sind sie allerdings an einigen Stellen ziemlich verkommen und entglitten. Es wird anstrengend sein, dass wieder hinzubekommen. Aber ich will mir gar nicht vorstellen, was das fuer eine Welt wuerde, wenn wir diese Ideale aufgaeben.

  • Hans

    |

    umso länger die Kommentare umso dünner das Eis.

    Ok, Ihr wart nicht dort und der Artikel gibt nicht wirklich rundum wieder worum es ging.

    Prinzipiell ist es schon so, dass Unbildung Pegida als Massenbewegung ermöglicht auch wenn man bestimmt auch Professoren in deren Reihen finden wird.

    Es ist auch so, dass die Bolognareform nicht Vereinheitlichung der Bildung, sondern eine Masse billiger Pseudoakademiker als Ziel hatte. Man freut sich über den Bachelor, und schnallt gar nicht wieviel man genommen bekommen hat. Ein Bachelorphysiker kann halt nicht besonders viel und ist schön billig (tarifmässig dann dem früheren FH-Abschluss etwa gleichgesetzt). Letztlich eine Entwicklung die mit Befristungen usw. den Stream der Leiharbeit für die Konzerne noch süßer macht.

    Insgesamt wurde die Bildung zur Fähigkeit des kritischen Hinterfragens eingefordert. Ich habe das noch erlebt und wir hatten uns gegen Schmalspurstudiengänge und Outsourcing von Bildung in die Industrie (was heißt: Unterordnung unter deren oft kurzsichtigen Interessen) gewehrt. Heute ist das leider Wirklichkeit.

    Was kritisiert wurde ist die lebenslänglich (auf technokratisches eingeschränkte Fachidioten-) Fortbildung im Gegensatz zur (wie ich das verstehe) umfassenden Bildung die das kritische Verständnis der Gesellschaft auch zum Gegenstand hat. Dass Lernen niemals aufhört, hat gerade dieser Referent sicherlich nicht in Frage gestellt.

    Der Artikel bringt nicht besonders gut herüber was der Inhalt des Vortrags war. Es war aber angesichts des recht akademischen Vortrag bestimmt auch nicht einfach für den jungen Autor die zentralen Punkte herauszukristallisieren. Obiges fiel mir auf weil ichs schon tasuendmal gehört habe ;) (und es ist auch nicht vollständig)

  • hf

    |

    @reminder: ich muss erst mal damit klarkommen, dass Sie mir fast zugestimmt haben. Und wo Sie mir widersprechen, haben Sie auch noch recht!

    Das Gute, das sich der Humanismus zu eigen machen will, kommt aber nunmal nicht vom Humanismus, sondern ist in Wirklichkeit eine viel ältere Idee. Man bräuchte an sich gar keinen Humanismus, um ein guter Mensch zu sein. Die Idee des Guten an sich, da sind wir schon wieder bei Platon…

    Gewiss war es ein wichtiges Bildungsziel, über den Umweg des Altgriechischen und des Lateinischen den Geist an der antiken Philosophie zu schulen. Nur dürfen wir nicht vergessen, dass der Humboldtsche Humanismus, die deutsche Universität, von Anfang an eine Zweckveranstaltung war, um dem preußischen Staat aus der Schmach der französichen Hegemonie zu erlösen. Sonst hätte von Stein den Süvern-Lehrplan und viele andere Königsberger Reformen ganz schnell abgewürgt, wenns nicht nützlich gewesen wäre. Klügere, selbstbewusste Bürger als Voraussetzung für einen stärkeren Staat, und zwar in allen Schichten, nur eben „dem Stande angemessen“. Der Humboldtsche Bildungsbegriff ist so gesehen das Fundament der Klassengesellschaft, weil Halbbildung kalkuliert mitkultiviert wird. Kritikfähige Massen, Gott bewahre!

    Die wirkliche Befreiung des Menschen, das Selbst-sein als Selbstzweck, ist eine wesentlich jüngere Idee und kommt wohl eher aus der Schnittmenge von Christentum und Sozialismus – dass nämlich Bildung eine, wenn nicht DIE Antwort auf die Soziale Frage wäre. Wir können uns heute kaum vorstellen, wie das gewesen sein muss, ohne soziale Absicherung und vor allem ohne Menschenrechte. 14 Stunden arbeiten am Tag, ohne Wochenende und Urlaub.

    Arbeiterforderungen mussten gegen zunächst noch monarchistische, aber bestens gebildete Humanisten bitter erstritten werden und dieser Kampf dauert bis heute. Ich erinnere nur daran, dass Ehefrauen noch bis 1977 nicht als völlig geschäftsfähig galten oder dass Vergewaltigung in der Ehe sogar erst 1997 eine Straftat wurde. Heute würde freilich niemand mehr hinter diese Grundlagen zurücktreten wollen, schließlich haben ja alles was davon, dass der Staat massenhafte Verwahrlosung wirksam verhindert. Und entsprechend wird soziale Gerechtigkeit auch als Errungenschaft des Humanismus gefeiert, hat man so doch seinen höheren Stand gegenüber dem ansonsten zur Revolution tendierenden Pöbel erhalten können. Und doch; Gleichberechtigung ist noch lange nicht erreicht, ganz abgesehen davon, dass man Ungebildete als Wurzel des gesellschaftlichen Übels diffamiert. Sozialneid ist gewollt. Nazis gegen Gutmenschen. Divide et impera.

    Das alles heißt jetzt nicht, dass der Humanismus obsolet wäre. Er ist als Sammelbegriff für das Streben nach menschlicher Größe sogar ganz geeignet, weil er beispielsweise Religiöse und Atheisten um einen gemeinsamen, im positiven Sinne spirituellen Geistesbegriff versammelt. Aber als Abgrenzung von den „Halbgebildeten“ taugt er gerade nicht, weil – wie @joey absolut treffend bemerkt hatte – auch der ungebildetste Mensch sich überaus klug und weise verhalten kann, in dem er einfach seinem Gewissen folgt, auch wenn es keinen Gewinn bringt oder gar den Hals kostet. Und das ist der eigentliche Kern, um den es mir geht.

  • reminder

    |

    Es soll da mal ein Wortspiel gegeben haben, dass ich hier gerne in leicht abgewandelter Form einbringen moechte:

    Demnach lassen sich Menschein grundsaeztlich ganz gut mit drei Woertern charakterisieren. Problem dabei: Ein Mensch kann immer nur hoechstens zwei Woertern gleichzeitig entsprechen. Der jeweils dritte Begriff steht immer unweigerlich im Widerspruch zu den beiden anderen. Die drei Woerter sind: Inteligent, anstaendig, ideologisch. Spielen Sie es mal durch. Ich finde es recht ueberzeugend.

  • reminder

    |

    @hf: einen bissigen Kommentar zu Ihrem letzten Kommentar erlaube ich mir aber doch noch (einfach damit es hier nicht zu harmonisch wird ;-), wobei der sich nicht (!) gegen Sie persoenlich richtet:

    Man soll also dem Gewissen/dem eigenen Anstandsempfinden folgen, auch wenn es einen Kopf und Kragen kosten kann.

    Darf/muss ich daraus folgern, dass letztlich kaum jemand das durchsichtige Gebahren des Regensburger Stadtrats anstoessig findet? Wie sonst waere es zu erklaeren, dass es bislang bestenfalls zu besserwisserischen/grantigen Kommentaren in irgendwelchen Blogs reicht, die Beteitschaft zu echten Aktivitaeten sich aber doch recht in Grenzen haelt?

    Und alle die jetzt gleich wieder plaerren, dass da doch erstmal die Leute vom ‚Neuanfang‘ die Hosen runterlassen sollten: Das haben wir zum einen die letzten vier Wochen regelmaessig bei realen Treffen getan, zu denen man sich eben mal haette hinbewegen muessen. Und zum anderen erklaert das nicht, warum von den vielen kritischen Geistern hier keine besseren / alternativen Aktivitaeten in Angriff genommen wurden.

    Kann es sein, dass es schlicht bequemer ist, darauf zu warten, dass einem andere die Kohlen aus dem Feuer holen? Das ist dann fast so wie ’staatlich besoldeter Intellektueller‘ (oder Stadtrat/Parlamentarier) zu sein und permanent dazu aufzufordern, dass doch das bloede/halbgebildete Volk endlich die Probleme loesen moege, an die man sich selbst nicht so richtig herantraut. Obwohl einen das bloede/halbgebildete Volk genau dafuer bezahlt, diese Probleme zu loesen?

    Na dann warten wir einfach noch eine Weile, bis sich ein Dummer findet, der uns unsere Arbeit abnimmt. Aber dann bitte auch genauso, wie wir uns das vorstellen. Weil daran, dass wir ganz genau wissen, wie’s geht, besteht keinerlei Zweifel. Das beweisen wir hier ein ums andere Mal mit unseren schlauen Kommentaren. Zu bloed, dass das wohl alles recht frucht- und folgeloses Geschreibsel bleiben wird. Weil uns einfach keiner die Arbeit abnehmen will. So ein Mist aber auch.

  • joey

    |

    @hf
    darf ich hier aus meiner Bildung was beisteuern?
    14 Stunden Arbeit… Moment bitte…
    Ohne Gas- oder elektrische Beleuchtung kann man nur im Tageslicht arbeiten. Sie können auf Feldern kein Unkraut jäten und im Wald keine Bäume fällen, auf Baustellen gerade Flächen herstellen oder Stoffe weben. Arbeit war sehr Witterungs- und Kalenderbezogen. Kalender waren eine der ersten Forschungsgegenstände jeder Agrarkultur.

    Urlaub: religiöse Feiertage waren der praktische Urlaub für arbeitende Bevölkerung. Davon gab es nicht wenige – durchaus vergleichbar und im 18. Jhdt mehr als heute Urlaubstage: der Katholizismus hatte viele Heilige und lokale Wallfahrten. Wallfahrten waren das Malle von 1777, inkl. Besäufnis. Einer der Gründe für die Säkularisierung war, die „sakrosankt“ religiös fundierten Freizeitansprüche im Rahmen der „Vernunft“ und sonstigem „gebildetem“ Tugendblabla diskutierbar zu machen bzw gleich abzuschaffen. Die Aufstände gegen die franz. Revolution waren nicht nur doofe katholische Bauern, die vor der Hölle Angst … Auch in Bayern gab es nach Montgelas „illegale“ aber praktisch durchgesetzte Wallfahrten und Feiertage. An z.B. Kirchenpatron Sebastiani hat in dem Dorf einfach keiner gearbeitet, nachdem aber in einem Dorf mehrere Kapellen vorhanden waren, sind das locker eine Woche lokaler Urlaubsanspruch, dann kommen ja noch die allgemein geltenden (vielen) Feiertage, die ich hier nicht aufzähle.

    Arbeitslosenversicherung und Rente: in jeder Stadt findet sich eine Reihe von historischen Sozialeinrichtungen. Klöster oder rein bürgerliche Stiftungen. Betbruder- und Betschwesternhäuser, Benefiziatenhäuser… waren dazu da, arbeitslose oder arbeitsunfähige Menschen zu versorgen und sie sozialpädagogisch zu betreuen. Es gibt als Quellen die Gebäude und Rechnungsbücher.

    „Früher“ war sicher nicht alles besser, aber die Menschen waren schon immer so.

  • mkveits

    |

    Demokratie: Aufklärende Bildung

    Vortrag Prof. Rainer Mausfeld
    Oligarchie – Korruption – Mentalvergiftung

    Ab 26. Minute bis etwa 46. Minute
    https://www.youtube.com/watch?v=Rk6I9gXwack

    – Weitere Übersicht/Gliederung –> „Mehr anzeigen“ anklicken

  • hutzelwutzel

    |

    @ dünnster Künstler:

    Darf man das Zitat von Brecht (Erst kommt das Fressen, dann die Moral.) im Umfeld der weiteren Aussage, dass Kunst und Wirtschaft zusammen hängen so deuten, dass man den Leuten erst mal das Fressen vorenthalten muß, um denen dann übers wieder gewährte „Fressen“ über bestimmte Kunst eine bestimmte Moral anlernen zu können?
    ——————————————
    Dann wären wir jetzt dank Ex-Kanzler Schröder seit 2003 auf dem besten Weg dazu.

    @Hans (1st):
    „Bayern braucht also eine humanistische Bildungsoffensive!
    Nur wer wählt dann noch die CSU? :D“
    ———————————————————
    Wer sagt denn, dass man die CSU oder auch die CDU überhaupt noch wählen muß/ soll, wenn erreicht ist, was (wieder ?) erreicht werden sollte?
    Bei allem Verständnis, eine echte „humanistische Bildungsoffensive im Sinne einer säkularen Bildungsoffensive dürfte Prof. Pollak mit Sicherheit nicht gemeint haben.

  • hutzelwutzel

    |

    @joey: Sie haben erkannt was das Ziel ist? ;-) Bravo!

  • Hans (1st)

    |

    @hutzerwutzel“Wer sagt denn, dass man die CSU oder auch die CDU überhaupt noch wählen muß/ soll, wenn erreicht ist, was (wieder ?) erreicht werden sollte?“

    Mir wär ganz recht, dass wenn man das Radio anmacht nicht mehr Seehofer rauskäm ;)

    Ziel wieder wenn… und Feiertage pfft.

    Es geht und ging um die Wiederherstellung eines umfassenden Bildungssystems das diesen Namen auch verdient im Gegensatz zu dem Scheuklappen-Fachausbildungssystem zugunsten kurzsichtiger Konzerninteressen das wir inzwischen haben.

    Die Frage ist, wie man das erreicht mit all jenen die es weder kennen und darum auch nicht zu brauchen glauben.

  • gustl

    |

    Vielleicht sollten Bürgermeister auch über eine gewisse berufliche Qualifikation für ihren Job verfügen? Ohne oder nur mit geringer Ausbildung führt der Weg halt zwangläufig zu einer ungewissen Altersvorsorge und Anfälligkeit für finanzielle Verlockungen.

  • Schwalbe

    |

    @hf
    „…wie @joey absolut treffend bemerkt hatte – auch der ungebildetste Mensch sich überaus klug und weise verhalten kann, in dem er einfach seinem Gewissen folgt, auch wenn es keinen Gewinn bringt…“
    joey spricht nicht von „klug und weise“, sondern von „Recht haben“; das ist doch hoffentlich auch für sie nicht das Selbe. Vom Gewissen, dem man folgt oder der Frage nach dem Gewinn aus seinem Verhalten ist dort überhaupt keine Rede.
    Merkwürdige Zitiererei, die sie da betreiben.
    Aber in der Sache haben sie natürlich Recht (ein zweifelhaftes Kompliment, nach allem, fällt mir gerade auf).

Kommentieren