"Der Prozess" am Theater Regensburg

Kafka in Pastell

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Der Regensburger Joseph K. agiert in einer oberflächlich zarten Welt, die an „Alice im Wunderland“ erinnert. 

von Flamingo (Maximilian Schäffer)

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Einen pastellfarbenen Kafka präsentiert man uns am Theater Regensburg. Und das ist im Grunde auch gut so, denn wenn es um Joseph K. und seine Verstrickungen in das System und sich selbst geht, wird üblicherweise recht grobschlächtig gemalt. Dichte Beklemmung, übergroteske und gothichafte Szenenzeichnungen dominieren abgenutzte Interpretationen des Stoffes. Geht es dann noch ins plakativ-politische und der Prozess wird als plumpe Blaupause der gescheiterten Bürokratie gelesen, ist meist schon alles zu spät und die Inszenierung auch gar nicht mehr zu retten. Zum Glück stellt Regisseurin Melanie Huber schon von vornherein klar: Einen „normalen“ Kafka will sie nicht inszenieren, sondern eher das unfreiwillig Komische, das Würstchenhafte und Verklemmte der Bankbeamtenfigur nach außen kehren.

Die Handlung bröselt ins Belanglose

Und so agiert der Regensburger Joseph K. in einer oberflächlich zarten Welt, die mit harten Kontrasten spart und ihr diffuses Gefängnis nicht gleich auf den ersten Blick verrät. In das Bühnenbild aus drei beweglichen Naturholzpodesten wird der Protagonist in ein Tuch gewickelt hereingetragen. Seine Wärter sehen aus wie ausgewaschene Tweedledee und Tweedledum aus Lewis Carolls Wunderland und überhaupt lassen viele Begebenheiten in dieser Inszenierung an Alice und Co denken – nicht zuletzt Frau Grubach, die mit Turban und überwucherndem Schal wie eine riesige Schnecke oder eben Raupe über die Bühne gleitet (fehlt nur noch die Wasserpfeife).

Großartig: das Arrangement des Chors. Fotos: Jochen Quast/ Theater Regensburg

Großartig: das Arrangement des Chors. Fotos: Jochen Quast/ Theater Regensburg

Großartig gelungen: das Arrangement des Chors. Das Ensemble agiert in Vielfachbesetzungen, ist aber fast dauernd als menschliche Kulisse aktiv. Ständig kommt irgendjemand ins Bild, es wird hysterisch gekichert, ungläubig beäugt oder sich bizarr verrenkt. K.’s Paranoia wird so greifbar gemacht – schließlich ist er die Kultivierung der Kombination aller Einzelstörungen der Fratzen um ihn herum.

Dennoch entsteht genau hier das größte Problem der Inszenierung. Die Zurückhaltung um die Zeichnung der Hauptfigur alleine, kann das Stück nicht zusammenhalten. So klar es wird, was man emphatisch vermitteln möchte, so sehr fällt auch die Handlung auseinander und bröselt ins Belanglose. Es ist zwar richtig, dass an Josephs Misere nicht nur er, sondern sein ganzes Universum schuld ist, aber genau um ein Paradoxon von Schuldzuweisungen, nicht um die Relativierung des Geschehenden, geht es ja letztendlich.

Lachanfälle bis die Halsschlagadern platzen

Am Ende ist es irgendwo herzlich egal, ob das verklemmte, neurotische Männchen dann stirbt und auch ob menschlich, oder „wie ein Hund“ – denn in den gut eineindreiviertel Stunden baut man wenig Beziehung zu dieser Welt und ihren Figuren auf. Auch das Ende, übergehend in einen mantrischen Gesang „Das Reiten der Pferde imitierend“ als Schlussparabel, greift einerseits den kafkaschen Gestus der mystizistischen Übersymbolik mit einer guten Idee auf, schrammt aber mit einer seltsamen Tempoverschiebung doch kritisch am Rand der zu ungelenken Konstruiertheit.

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In den besten Momenten sieht man hier aber eine originelle Inszenierung mit viel Gefühl für den Bühnenraum, großartig harmonierenden Kostümen und Requisiten, wie einem guten Ensemble. Gunnar Blume darf in riesigen Federbetten voller Mehl jammern, Jacob Keller als hündischer Kaufmann Block zeigen was er auf der Schauspielschule in Improvisation gelernt hat, Susanne Berckhemer frivol bis irre ihr Handtäschchen schwingen und Patrick O. Beck psychotische Lachanfälle bekommen bis ihm die Halsschlagadern platzen.

Sogar der Slapstick ist gelungen – in Regensburg eher ein rares Ereignis – und es gibt nicht wenige Momente, wo das Publikum nicht nur schmunzelt, sondern wirklich schallend lacht. Einzig bei Benno Schulz weiß man nicht, ob er sich in seiner Hauptrolle wirklich wohlfühlt, oder er sich bewusst ist, dass seine Figurenzeichnung im Weichzeichner des Stücks etwas untergeht.

Feines Pastell, schöner Kontrast

Besonders bemerkenswert ist die Musik von Martin von Allmen. Die Chorpassagen sind nicht nur perfekt einstudiert, sondern auch hervorragend komponiert und arrangiert. Jede Musikeinlage ist eine Überraschung, die mit Versatzstücken von Neuer Musik, industriellen Lärmfragmenten und klassischen Chanson-Anklängen aufwartet. Genau hier schimmert auch manchmal der schwierige Textwulst Kafkas hindurch, dessen ständige selbsterklärerische Geschwätzigkeit und das seitenlange Monologisieren in vereinzelte Rezitative verpackt wurden. Stephan Teuwissen hat den Text ansonsten stark entschlankt – vielleicht etwas zu sehr unkenntlich gemacht, im Hinblick darauf so auch Joseph K.’s innere Dämonen kaum noch sichtbar zu haben.

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Insgesamt: Gutes, kurzweiliges, modernes Theater. Das Premierenpublikum klatscht zwar anständig, aber auch nicht mehr – das ist etwas unanständig. Es ist anzunehmen, dass man sich in Regensburg zu Bratwurscht, süßem Sämpft und Spital-Maß etwas dickeren Butter auf die Brezn gewünscht hätte. Dultzeit is und ein paar hundert Meter weiter patroullieren volltrunkene Jugendliche mit roten Schädeln.

In diesem Sinne: feines Pastell, schöner Kontrast.

4 Flamingos von 5.

DER PROZESS

Inszenierung: Mélanie Huber – Bühne: Nadia Schrader – Kostüme: Lena Hiebel – Dramaturgie: Meike Sasse – Musik: Martin von Allmen – Licht: Wanja Ostrower – Stückfassung: Stephan Teuwissen – Mit: Benno Schulz, Patrick O. Beck, Gunnar Blume, Jacob Keller, Christin Wehner, Franziska Sörensen, Susanne Berckhemer

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Kommentare (3)

  • Luchs

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    „gothichaft“ – was für ein schönes Adjektiv!

  • Mayr Tom

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    „Das Premierenpublikum klatscht anständig, aber mehr nicht – das ist etwas unanständig.“ — Also, das habe ich doch ganz anders erlebt! Ich denke, da muss man das Regensburger Publikum nicht auf Biegen und Brechen in die Provinz-Ecke stellen; das wäre doch etwas unanständig. Beifall war authentisch und durchaus überschwänglich. Pointiert! Bemerkenswert, zumal die Vorstellung zwar „gutes … und modernes Theater“, aber keine leichte Kost war; hier und da etwas langatmig. Ich hätte im Vorfeld dem Publikum nicht soviel Anteilnahme zugetraut. Und eins ist auch klar: mit Dultdimpfeln und Vollpfosten-Kids muss sich das Theater nicht messen. Und: Benno Schulz war für mich ein kafkaesker Joseph K. Gut gemacht, wurde auch entsprechend gewürdigt. So habe ich die gelungene Premiere erlebt.

  • Jürgen Huber

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    … ich schließe mich gerne „Mayr Tom“ an, ansonsten trifft auch die Besprechung mein Empfinden.
    Ein Stück mit dem Denken des 20sten Jahrhunderts in der Postmoderne des 21sten zu inszenieren, für ein Publikum, das vielleicht nur Redundanz und Schenkelklopfen will, also im „Retro-Overkill“ watet, oder eh schon alles weiß und kennt und so rum im „Retro-Overkill“ bleibt, das ist schon mal eine Ansage.

    Ich finde: Geglückt, ich denke darüber nach, seit ich das Stück gesehen habe. Benno Schulz, super! Kostüme, eine Wucht. Musik, sehr spannend.

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