Salome am Theater Regensburg

Nicht kopflos, aber sehenswert

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Am Sonntag feierte im Theater am Bismarckplatz „Salome“ Premiere. Das plakative Köpferollen blieb aus, dafür strippte Oscar Wilde.

Vor der Tretmühle: Salome (Dara Hobbs), Jochanaan (Adam Kruzel) und Oscar Wilde (Martin Dvořák). Foto: Jochen Quast / Theater Regensburg.

Vor der Tretmühle: Salome (Dara Hobbs), Jochanaan (Adam Kruzel) und Oscar Wilde (Martin Dvořák). Foto: Jochen Quast / Theater Regensburg.

Der Auftritt Papagenos mit seinem Vogelkäfig; Parsifal, der den heiligen Gral enthüllt; das Gießen der Kugeln in der Wolfsschlucht: Beinahe jede Oper hat dieses eine Bild, das meist einen zentralen Punkt der Handlung markiert, häufig weit bekannter ist als die Oper selbst und in fast jeder Neuinszenierung erhöhte Aufmerksamkeit erfährt.

Bei „Salome“ von Richard Strauss ist dieses Bild besonders drastisch: Salome, die schöne Prinzessin von Judäa, die den ihr in einer Silberschüssel servierten abgeschlagenen Kopf des Propheten Jochanaan küsst. Macht und Ohnmacht, Liebe und Hass, Sünde und Sinnlichkeit: Sämtliche Motive der Oper spiegeln sich in dieser Szene wider.

Regensburger „Salome“ trifft Oscar Wilde

In der neuen Regensburger „Salome“ tritt sie dennoch eher in den Hintergrund. Regisseurin Brigitte Fassbaender betritt mit ihrer Inszenierung insofern Neuland, als dass sie den Versuch wagt, die fiktive Opernhandlung mit der – sehr realen – Lebensgeschichte ihres Autors zu verknüpfen. Das klingt spannend – und vor allem nach ambitionierter künstlerischer Bearbeitung eines vielleicht ansonsten etwas angestaubtem Klassikers des Musiktheaters.

Die Handlung beginnt schon nicht wie üblich auf der Terrasse des Königspalastes von Herodes, sondern im Arbeitszimmer von Oscar Wilde. Von dem stammt nämlich das Drama, auf dem das Libretto von Straussens „Salome“ basiert. Wildes Einakter ist zwar nicht halb so populär wie seine musikdramatische Umsetzung, sorgte aber zur Zeit seiner Erstausgabe 1893 für Skandale sondergleichen.

Mal Puppe, mal Puppenspieler

Wilde tritt also in der „Salome“-Inszenierung von Brigitte Fassbaender selbst als Figur auf. Er fungiert mal als Beobachter, mal als Puppenspieler bzw. Deus Ex Machina, der die Handlung scheinbar nach eigener Willkür vorantreibt, und manchmal auch selbst sozusagen als „Puppe“, die in Vertretung einzelner Figuren der Oper agiert – und leidet. Zu jeder Zeit bleibt er dabei stumm. Sein ganzer Ausdruck liegt im Tanz von Martin Dvořák, der Wilde spielt.

Martin Dvořák gibt Oscar Wilde in der Regensburger Inszenierung von "Salome". Foto: Jochen Quast / Theater Regensburg.

Martin Dvořák gibt Oscar Wilde in der Regensburger Inszenierung von „Salome“. Foto: Jochen Quast / Theater Regensburg.

Dieser dramaturgische Kniff, der quasi eine zweite Handlungsebene in das Stück einzieht, könnte den eigentlich recht handlungsarmen Einakter durchaus spannender machen. Denn was passiert, ist schnell zusammengefasst: Prinzessin Salome verzehrt sich nach dem im Königspalast gefangenen Propheten Jochanaan. Als sie dieser zurückweist, übt Salome Rache, indem sie seinen Kopf von ihrem nach ihr lüstenden Stiefvater König Herodes einfordert.

Der Striptease des Oscar Wilde

Doch gerade zu Beginn der Oper wirken die Tanzeinlagen Dvořáks eher befremdlich, in manchen Passagen gar unfreiwillig komisch. Das ändert sich im Verlauf der Aufführung glücklicherweise, und die Berührungspunkte Wilde-Salome werden zunehmend organischer. Und doch: Wilde muss unter anderem für einen waschechten Striptease herhalten, den im Stück eigentlich Prinzessin Salome für ihren Stiefvater aufs Parkett legt, um sich so ihren brutalen Wunsch nach Jochanaans Kopf erfüllen zu lassen.

Damit zurück zum eingangs erwähnten Bild aus „Salome“, das so populär ist, dass es freilich auch in Regensburg auf dem Titel des Programmheftes prangt: der Kopf Jochanaans in der Silberschüssel. Im großen Finale sollen die Handlungsebenen zusammengeführt, wenn auch sicher nicht versöhnt werden. Die Art, wie Regisseurin Fassbaender dies angeht, wie sie ihren Oscar Wilde und ihre Salome zusammenbringt, ist zwar vorhersehbar, aber bemerkenswert konsequent. Dennoch ist das berühmte Schlussbild zumindest optisch ganz sicher nicht das spannendste, was die Inszenierung zu bieten hat.

Die Tretmühle unter dem Bismarckplatz

Da prägt sich schon eher Adam Kruzel als Jochanaan ein, der auf einer riesigen Tretmühle aus dem Untergrund des Bismarckplatzes herauffährt und seine Verwünschungen hoch über die Köpfe von Ensemble und Theaterpublikum spricht. Auch an dieser Stelle ein deutlicher Bezug zum historischen Oscar Wilde, der während seiner Haft wegen „Unzucht“ täglich mehrere Stunden in einer Tretmühle arbeiten musste.

Aus dem ohnehin schon als Mischform konzipierten Musikdrama von Strauss also einen Musik-Tanz-Theater-Hybriden, aus dem ohnehin schon adaptierten Drama ein Adaptiertes-Drama-im-Drama zu machen, diese künstlerischen Entscheidungen sind sicher nicht – Achtung, Wortspiel! – kopflos, sorgen aber doch auch in der Nachschau für gemischte Gefühle. Was das Ensemble angeht, so dürfte es nach der gelungenen Premiere am Sonntag aber kaum zwei Meinungen geben.

Hervorragendes Ensemble, Orchester mit Höchstleistung

Da ist vor allem der bereits erwähnte Martin Dvořák, der sich durch seine Exotenrolle tanzt, als gäbe es kein Morgen. Die Solisten um die hervorragende Dara Hobbs als Salome, Adam Kruzel als Jochanaan und Johannes Preißinger als (vor allem lauter, vor allem launischer) Herodes sind durch die Bank bemerkenswert. Und schließlich ist allein das Orchester unter der Leitung von Ido Arad, das zur Premiere zu wahren Höchstleistungen aufläuft, ein Grund, sich „Salome“ in Regensburg anzusehen.

„Salome“, Musikdrama von Richard Strauss, Theater am Bismarckplatz, u.a. mit Dara Hobbs, Martin Dvořák, Johannes Preißinger, Vera Egorova. Inszenierung: Brigitte Fassbaender. Bühne und Kostüm: Helfried Lauckner. Musikalische Leitung: Ido Arad / Tetsuro Ban.

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Kommentare (1)

  • Peter Willinger

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    Was mag es nur mit der Andeutung auf sich haben, die künstlerische Interpretierung „sorge aber doch auch in der Nachschau für gemischte Gefühle“? Das wäre interessant zu erfahren. Für mich war das nämlich eine gelungene und nicht zwanghaft erscheinende Erweiterung.

    Schön, dass sich bei Regensburg Digital jemand mit Kultur beschäftigt, der nicht mit der Arroganz eines Flamingos alles und jeden niederbügelt. Daumen hoch!

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