Das Schulprojekt „Teller statt Tonne“

Tausche gemütliche Parallelwelt gegen gerechtes Ernährungssystem

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Wenn Schüler in schicken Klamotten auf einem Kartoffelacker knien, dann steckt vermutlich Slow Food Deutschland dahinter. Mit dem Schulprojekt „Teller statt Tonne“ will die Organisation, die sich ihrem Slogan nach für gutes, sauberes und faires Essen einsetzt, dafür sorgen, dass an den Schulen hierzulande endlich über das ungerechte globale Ernährungssystem diskutiert wird.

Von Dike Attenbrunner

Wo kommt das Essen eigentlich her? Schüler auf dem Bioland-Hof von Landwirt Hannes Eichinger. Foto: Phoebe Ploedt

Wo kommt das Essen eigentlich her? Schüler auf dem Bioland-Hof von Landwirt Hannes Eichinger. Foto: Phoebe Ploedt

„Etwa eine Milliarde Menschen leiden an Hunger, während ungefähr ein Drittel aller produzierten Lebensmittel auf dem Müll landet“, erzählt Lotte Heerschop, Projektkoordinatorin des Schulprojekts „Teller statt Tonne“ – und blickt dabei in verwunderte Kindergesichter. Nein, darüber haben sich die neun bis zwölf Jahre alten Schüler der Montessori-Schule Essing im Landkreis Kelheim bislang noch keine Gedanken gemacht. Und auch nicht darüber, was die verschwenderische Lebensweise im Norden mit dem Hunger im Süden zu tun haben soll. „Wir Europäer lassen es uns in gewisser Weise in einer gemütlichen Parallelwelt gut gehen“, so Heerschop, „was jenseits der Grenzen zu unseren Wohlfahrtsstaaten passiert, ist nicht unbedingt etwas, mit dem wir uns viel und gerne auseinandersetzen.“

Jugendliche für einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln sensibilisieren

Gut, dafür können die Kinder jetzt nichts. Wenn sie nicht gerade in einem „Bio-Haushalt“ aufwachsen, begegnen sie solchen Gedanken wohl eher selten. Doch genau deswegen gehöre eine Diskussion über das ungerechte und nicht nachhaltige globale Ernährungssystem auch an die Schulen, zeigt sich Heerschop überzeugt. „Dort kann man die heranwachsende Generation für einen bewussteren Umgang mit Lebensmitteln sensibilisieren“, findet die 30jährige, weshalb sie im vergangenen Jahr das Schulprojekt „Teller statt Tonne“ entwickelt hat. Finanziert wird das Ganze maßgeblich vom Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit, Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft.

"Entscheidend ist, dass die Schüler alltägliche Kompetenzen erlangen, die für eine nachhaltige Lebensweise förderlich sind", sagt Lotte Heerschop, Projektkoordinatorin des Schulprojekts „Teller statt Tonne“. Foto: ad

„Entscheidend ist, dass die Schüler alltägliche Kompetenzen erlangen, die für eine nachhaltige Lebensweise förderlich sind“, sagt Lotte Heerschop, Projektkoordinatorin des Schulprojekts „Teller statt Tonne“. Foto: ad

„Teller statt Tonne“ ist aus den gleichnamigen Aktionstagen entstanden, die Slow Food gemeinsam mit Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst bereits seit 2011 durchführt. Damit haben sie den Film „Taste the Waste“ von Valentin Thurn unterstützt, der wesentlich dazu beigetragen hat, die Debatte über Lebensmittelverschwendung in Deutschland anzustoßen. Während solcher Aktionstage werden nicht marktkonforme Lebensmittel, wie verknubbelte Paprika oder zweibeinige Karotten, die sonst auf Grund ihres Äußeren auf dem Kompost landen würden, zum Beispiel zu einer spanischen Gemüsesuppe verarbeitet.

Einige Lehrkräfte haben sich daraufhin an Slow Food gewandt, mit der Bitte um ein didaktisches Angebot für Schulen. So wie Phoebe Ploedt, Leiterin der Montessori-Schule Essing. „Wir haben mit den Schülern im Laufe des Schuljahres bereits eine Weltkarte skizziert und sind die Wege von Obst und Gemüse mit ausgeschnittenen Pappschiffen nachgefahren“, erzählt Ploedt. „So haben die Kinder recht schnell festgestellt: Wer regional und saisonal einkauft, schont die Ressourcen – und die Lebensmittel müssen nicht einmal komplett um den Globus geschifft werden, bis sie in meinem Kühlschrank landen.“

Den Produzenten kennenlernen

Einzelne Aktionen würden jedoch nicht ausreichen, um das Bewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln zu verändern, betont die 29jährige Lehrerin. „Die Kinder müssen den Produzenten kennenlernen und mit seinen Arbeitsbedingungen, Problemen und Ansichten konfrontiert werden.“ Und so machen sich denn auch die gut zwanzig Montessorischüler heute auf den Weg zu einem Bio-Bauernhof.

Welche Kartoffeln dürfen in den Handel? Und welche werden zum Schweinefutter? Foto: Phoebe Ploedt

Welche Kartoffeln dürfen in den Handel? Und welche werden zum Schweinefutter? Foto: Phoebe Ploedt

„Als ich die Projekttage geplant habe“, sagt Heerschop, „war ich mir unsicher, ob Kindern und Jugendlichen, die mit Smartphones und schicken Klamotten aufwachsen, so etwas wie in der Erde buddeln und Gemüse schnippeln wirklich Spaß machen würde.“

Und ja, auch wenn Stöckelschuhe in dieser Altersgruppe noch nicht an der Tagesordnung sind, passende „Landkleidung“ tragen die wenigsten. Nur Heerschop und die Lehrkräfte sind mit Gummistiefeln ausgestattet. Den Schülern scheint der Dreck an Turnschuhen und Markenjeans jedoch wenig auszumachen. Viel schlimmer finden sie den Gestank, der von Misthaufen und Schweinen ausgeht. Doch das Naserümpfen nimmt ab, als ihnen Landwirt Hannes Eichinger auf seinem Bioland-Hof in Hienheim Maschinen und Tiere zeigt.

Die unförmige Knolle ist nicht schlechter als die ästhetisch hergestellte

Lautstark wundern sich die Schüler darüber, welche Kartoffeln ob ihrer Form und Größe nicht in den Handel gelangen. Schmecken die unförmigen Knollen ihrer Meinung nach doch auch nicht schlechter als deren ästhetisch bessergestellten Geschwister. Im Fall des Schweinezüchters und Kartoffelbauern Eichinger ist das mit dem Aussortieren allerdings nicht weiter tragisch: Der Ausschuss wird einfach als Futter an die Schweine weitergereicht.

 Bevor aus den Kartoffeln selbstgemachte Pommes werden, werden sie von Lehrerin Phoebe Ploedt und den Schülern gewaschen. Foto: ad

Bevor aus den Kartoffeln selbstgemachte Pommes werden, werden sie von Lehrerin Phoebe Ploedt und den Schülern gewaschen. Foto: ad

Zurück vom ländlichen Ausflug, werden die Kartoffeln von Bauer Eichinger in der Schulküche gewaschen und für das Mittagessen zu Pommes verarbeitet. Und während die Schüler die Kartoffelschnitze auf Backblechen anrichten, am Herd selbst gemachtes Ketchup aus frischen Tomaten kochen und Kräuterdips anrühren, stellen sie Heerschop die eine oder andere Frage. „Manchmal bleibt einem doch gar nichts anderes übrig, als etwas wegzuschmeißen“, wirft eine Schülerin ein, zum Beispiel dann, wenn man in den Urlaub fahre. „Ihr habt doch sicher Nachbarn“, entgegnet Heerschop. „Bringt doch denen das Gemüse vorbei, das ihr auf der Reise nicht mitnehmen könnt.“

Den Nachbarn Essen bringen?

Die Schüler schauen sie skeptisch an. Die Vorstellung, den Nachbarn Essen vorbeizubringen, finden sie eher befremdlich. „Die gleiche Reaktion habe ich an einer Schule in Köln erlebt“, schildert Heerschop. „Die meisten haben mir damals gesagt, dass sie ihre Nachbarn nicht einmal kennen würden. Es gibt eben viele Berührungsängste in unserer individualisierten Gesellschaft, die solche denkbar einfachen Möglichkeiten verhindern.“

Probieren erlaubt! Foto: ad

Probieren erlaubt! Foto: ad

Die gesunde Mahlzeit ohne Zusatzstoffe und unnötigen Zucker scheint den Schülern jedenfalls zu schmecken. Von Pommes, Dips und Ketchup bleibt am Ende des Tages kaum etwas übrig. „Nichts für die Tonne“, quittiert Heerschop die leeren Teller mit einem Lächeln.

Am Schulprojekt interessierte Landwirte, Lehrer und Schüler können sich unter der Emailadresse youth@slowfood.de an Lotte Heerschop wenden. Weitere Informationen zum Thema, auch für Regensburg, gibt es außerdem auf der Internetseite slowfood.de

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Kommentare (5)

  • Roland Hornung

    |

    ,,,,ein wichtiger Gedanke ist doch auch, ob man von Anfang an nicht zuviel kauft/ bestellt/ produziert.

    Das meiste weggeworfen wird bei Händlern und Produzenten, weil man gedankenlos zuviel bestellt/ produziert und dann „wegwirft“ – angeblich sollen bis zu 50 % aller Lebensmittlen weggeworfen werden… :-(

    Hier hilft sinnvolle „Zeitreihen-Analyse“ (indem man aus vergangenen Verkaufszahlen/ Verbrauchszahlen schließt, wieviel man an einem gewissen Wochentag wirklich braucht)

    Diese Art von Berechnungen lernen Studierende der Mathematik in Regensburg im Mathematischen Seminar und/oder in Zeitreihenanalyse.

    …oder man liest mein Büchlein: „Kein Kuchen für den Müll“

  • wahon

    |

    Die Lebensmittel-Discounter (Aldi, Lidl, Rewe usw.) kaufen ganz gezielt 30% mehr ein, als sie verkaufen. Grund: Die Kunden verlangen eine große Auswahl. Deshalb muss der Discounter Dutzende Apfel-, Joghurt-, Milch-, Brot-, Kuchen-, Käse- und Wurstsorten anbieten, ohne dass er exakt vorausberechnen könnte, wieviel er davon wirklich verkauft. Weil die Erzeugerpreise extrem niedrig sind und die Abfallentsorgungskosten z.T. auf die „Tafeln“ abgewälzt werden können, lohnt es sich, 30% über Bedarf einzukaufen und dann wegzuwerfen. Ein perverses, aber durchaus logisch kalkuliertes System.

  • Marie-Luise Volk

    |

    Als Gesundheitsberaterin (GGB) kann ich die Aktion „Teller statt Tonne“ nur begrüßen.
    Toll wäre es, wenn den Kindern der Unterschied zwischen „Lebensmitteln“ (also Mittel für das Leben) und „Nahrungsmitteln“ (manchmal nur billiger Füllstoff) gezeigt würde.
    Wenn die Kinder anhand der „Kollath-Tabelle“ (zu beziehen beim emu-Verlag Lahnstein) über diesen Unterschied Wissen erlangten, dann wäre der erste Schritt zur Vermeidung der ernährungsbedingten Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislaufkrankheiten etc. gemacht.
    Viele Grüße
    Marie-Luise Volk

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