SOZIALES SCHAUFENSTER

Eindrücke aus der Landeshauptstadt

Ein Arzt im Corona-Bereitschaftsdienst erzählt

Unser Gastautor kennt einen Arzt in München, der im Corona-Bereitschaftsdienst tätig ist und hat ihn für regensburg-digital befragt. Wir veröffentlichen dieses Gespräch insbesondere, weil uns unter anderem einige Anfragen wegen Verzögerungen bei angekündigten Tests durch niedergelassene Ärzte erreicht haben, aber auch, weil es oft lange dauert, bis man bei einigen Stellen telefonisch durchkommt. Insofern liefert dieses Gespräch auch für Regensburg einen Eindruck über die Gründe.

Ein Art im Bereitschaftsdienst der KVB: „Normalerweise habe ich jede Nacht fünf bis sechs Notdiensteinsätze. Jetzt hatte ich zuletzt 15 Abstriche bei potentiellen Corona-Infizierten in einer Nacht.“ Foto: KVB

Von Otmar Spirk

Hallo, du bist seit vielen Jahren Arzt mit eigener Praxis in München. Was hat sich durch den Corona-Virus bei dir geändert?

Ich kläre inzwischen vor einem Patienten-Termin genau ab, was bei dem Betreffenden los ist. Wenn er einen leichten Atemwegs-Infekt hat, schreibe ich ihn telefonisch krank und sage ihm, dass er zu Hause bleiben muss und sich später wieder melden soll. Wenn spätestens nach einer Woche keine Besserung da ist, melde ich das.

Du bist daneben auch im Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung, der KVB, tätig. Was hat sich da geändert?

Normalerweise habe ich jede Nacht fünf bis sechs Notdiensteinsätze. Jetzt hatte ich zuletzt 15 Abstriche bei potentiellen Corona-Infizierten in einer Nacht. Die KVB hat jetzt drei PKWs zusätzlich im Dienst, die nur Corona- Abstriche machen.

Wie läuft so ein Corona-Einsatz ab?

Alle Patientendaten werden bereits telefonisch vorher erhoben. Ich mache dann den Abstrich vom Rachen direkt an der Haus- oder Wohnungstür. Ich habe da einen Schutzkittel, Handschuhe und eine Schutzmaske an, die ich jedes Mal wechsle. Die Schutzkittel sind dieselben, wie sie im Krankenhaus getragen werden. Da ist also kein Platz drunter für warme Kleidung. Das war jetzt bei Minusgraden wirklich eiskalt. Schlimm.

Dann tragen wir Schutzmasken, es gibt da FFP 1 , 2 und 3. 3 ist dieselbe ,wie sie auf der Intensivstation getragen wird. Wir haben nur FFP 2-Masken zur Verfügung.

Nach dem Abstrich lasse ich den Kittel und die Handschuhe beim Patienten mit der Bitte, sie nach einiger Zeit im Hausmüll zu entsorgen, um das andere kümmere ich mich draußen.

Ist die Versorgung mit Schutzkleidung ein Problem?

In meiner Arztpraxis habe ich überhaupt keine FP-Schutzmasken zur Verfügung. Da habe ich nur den an den Seiten offenen Mundschutz. Bei den Sanitätshäusern gibt’s nichts mehr. Kittel, Schutzmasken, Desinfektionsmittel – nicht mehr lieferbar. Die KVB kümmert sich darum, heißt es.

Wenn das Material ganz ausgeht, müsste jeder Arzt, der Abstriche macht, danach in Quarantäne. Dann gäb’s nur noch das Krankenhaus.

Gab es denn da keine öffentlichen Notfallpläne? Es gab ja vorher schon zuletzt die SARS- und die Mers-Epidemie.

Nein. Ich hab da nur fünf Kittel.

Was macht die Stadt München?

Es gibt inzwischen zwei Melde-Hotlines mit etwa 30 Betreuern. Es ist sehr schwer, da durchzukommen, auch für mich. Das ist zu wenig. Die Hotlines melden am Abend die erfassten Daten per Fax an das Gesundheitsamt weiter. Das Gesundheitsamt ist telefonisch praktisch nicht mehr erreichbar. Ich selber habe keine Fachstelle, an die ich mich mit Fragen wenden kann.

Wie hoch sind die Zahlen?

Derzeit sollen in München etwa 2.000 Abstriche eventuell Infizierter offen sein. Es dauert zwischen drei bis sieben Tagen, bis das Ergebnis da ist. Das macht vielen natürlich Angst.

Wie sieht die Lage in den Krankenhäusern aus?

Die stellen jetzt alle auf Intensivpflege um. Was heißt, dass das normale Krankenhauspersonal nicht mehr ausgelastet ist. Das Fachpersonal für eine Intensivpflege aber ist zu wenig. Du kannst nicht von heute auf morgen Personal auf Intensivpflege umschulen. Das dauert. Wenn dann Fachpersonal infiziert wird, kann man in Spanien sehen, was passiert.

Was ist dir sonst noch wichtig?

Gesundheitsminister Spahn, dieser (gestrichen), hat keine Ahnung. Er hat öffentlich empfohlen, die älteren Menschen sollen zusätzlich eine bakterielle Schutzimpfung gegen Lungenentzündung machen. Diese bakterielle Schutzimpfung mache ich als Arzt regulär mit jedem über 60. Statt dass Spahn die Empfehlung intern an die KVB gegeben hätte, hat er das öffentlich gemacht. Und jeder ängstliche Mensch hat nun von seinem Arzt die Schutzimpfung mit dem Impfstoff Pneumovax verlangt. Und was ist die Folge? Pneumovax ist aus. Das ist ein öffentlich erzeugter Notstand. Solche Impfstoffe brauchen aber Monate, bis sie angezüchtet und so weiter sind. Dann hat Spahn, dieser (gestrichen), öffentlich erklärt, die Ärzte sollten sich bei der Verschreibung von Paracetamol zurückhalten. Paracetamol ist aber frei verkäuflich. Was passiert also? Fast jeder kauft vorsorglich Paracetamol. Dieser Mann hat keine Ahnung, was er da tut.

Vielen Dank dir und alles Gute.

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Kommentare (13)

  • Stefan Egeli

    |

    und… wem oder was soll nun dieser Bericht etwas bringen? Klar, jeder weiß, dass unser Gesundheitsminister hier überfordert ist. Es sind aber auch viele Andere überfordert, weil so eine Situation noch nie da gewesen ist. Ich will jetzt niemanden in Schutz nehmen, aber es gibt Menschen, die arbeiten derzeit bis zur Erschöpfung, Diffamierungen bringen Niemand etwas. Man wird für die Zukunft lernen.

  • Eingeborener

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    @ Egili, war da nichr schon SARS 1 und MERS Epidemie ? Was wurde gelernt ? Nix. Seit wievielen Jahren haben wir bereits den sog. Pflegenotstand in Altenheimen u Krankenhäusern, weil das Gesundheitswesen auf gewinnorientiert getrimmt wurde ? Die Böcke von gestern, die den Gesundheitsgarten verwüstet haben, spielen sich heute als die fürsorglichen Gärtner auf

  • R.G.

    |

    Eine Frage, bitte um Weiterentwicklung.

    Wenn auf einen Abstrich durch einen Arzt wartende Patienten ihren geöffneten Türrahmen mit durchsichtiger Folie bespannen würden und nur ein Loch für die behandschuhte Hand des Arztes freiließen, wo er zum Rachenabstrich durchgreifen könnte, wäre die Gefahr des direkten Anhustens für ihn schon geringer.
    Ist das praktikabel? Was haltet ihr von der zusätzlichen Notlösung?

  • Stefan Egeli

    |

    @eingeborener
    Sie wollen doch nicht wirklich ernsthaft SARS oder MERS mit dieser Katastrophe Vergleichen? Es wird noch viele tausende Tote geben. Seit dem 2. Weltkrieg gab es nichts, was uns so in die Knie zwingt. Oder können sich an eine Ausgangsbrschränkung erinnern? Ich bin 56 Jahre alt. Ich weiß nichts Vergleichbares.

  • R.G.

    |

    Bei meiner praktisch ausprobierten Probe bin ich jetzt so weit,
    die geöffnete Tür, den Türrrahmen oder den Fensterrahmen mit durchsichtiger Folie bedecken (ich habe Maler-abdeckfilie ausprobiert), seitlich festkleben bzw. antackern, auf Gesichtshöhe etwas locker, nicht ganz gespannt.
    Auf Gesichtshöhe des Patienten, der am besten vor der Folie auf einem Stuhl auf den Arzt wartet, in Längsrichtung vier (vertikale) Schnitte in die Folie machen.
    Hand des Arztes greift durch, Patien hustet ev. durch den Reiz beim Rachenabstrich, der Großteil der Tröpfchen wäre durch die Plastikfolie abgefangen.
    Säße der Patient und der Arzt stünde, würden die Tröpfchen nicht direkt in Atemhöhe den Arzt erreichen…
    Bitte um Kritik.

  • KW

    |

    @Stefan Egeli
    Katastrophen seit dem 2. Weltkrieg?
    Mir fallen da auf Anhieb ein paar Sachen ein:
    – Balkankrieg im ehemaligen Jugoslawien. Ein Land (bzw. heute viele Länder) in dem sehr, sehr viele Deutsche noch kurz vor, teilweise sogar während des grauenhaften Abschlachtens ihren Urlaub verbracht haben.
    – schrecklichste Bürgerkriege im Nahen Osten (Syrien, Irak etc.)
    Um nur ganz wenige Beispiele zu nennen.
    Zugegeben hat das UNS nicht „in die Knie gezwungen“, im Gegenteil es wurde und wird ja mit diesen Kriegen ein Haufen Geld verdient. Trotzdem wollte man von den Flüchtlingen hierzulande natürlich nicht viel wissen.
    Gut, hat nicht viel mit dem Thema des Arztes zu tun, der aufgrund des scheinbar doch nicht ganz so tollen Krisenmanagements am Limit arbeitet.

  • Stefan Egeli

    |

    @KW
    Dieses Virus geht um die ganze Welt und dieses Virus tötete binnen weniger Tage tausende Menschen. Es wird rund um den Globus vermutlich Millionen töten. Das ist eine globale Katastrophe und mit keinem Krieg den wir seit dem 2.Weltkrieg kennen, vergleichbar. Auch wenn es Ihnen nicht passt. Tausende Ärzte und Pflegekräfte arbeiten seit Wochen mit den letzten Kräften und sind verzweifelt. Und nun lesen Sie nochmal den Bericht von Herrn Spirk, vergleichen ihn mit dem Wahnsinn, der gerade umgeht und sie verstehen, dass dieser Bericht, absolut unnötig ist und nur dazu beiträgt, Misstrauen und noch mehr Ängste zu schüren. Es ist bekannt, dass alle Ärzte und auch dieser Bereitschaftsarzt, dessen Name nicht genannt wurde am Limit arbeiten. Deshalb meinen größten Respekt.

  • R.G.

    |

    @Stefan Egeli
    Ich kann Ihren Standpunkt verstehen. Haltung ist gefragt.

    Verstehen Sie bitte, die Menschen, die kurz vor dem Zusammenbrechen sind, brauchen eine Stimme. Uns ist doch nicht geholfen, wenn die wenigen, die es wagen Abstriche zu machen, krankheitsbedingt ausfallen.
    Im Nachbarland gab es vergleichbare Hilfeschreie von Ärzten schon vor Tagen, das führte dazu, dass Luxussportmode-Hersteller anfingen Masken zu produzieren und Private sich Gedanken machten, wie man Schutzkleidung herstellen kann oder den Doktoren nachbarliche Hilfeleistungen angeboten wurden.
    Der schweigende, alles ertragende Held ist kein krisentaugliches Modell. Wo man Ärzten und Kankenpflegepersonal keine Möglichkeit gibt, über ihre Probleme zu reden, liegen die Suizidraten außerordentlich hoch.
    Die da draußen an der Front sind Menschen, sie hoffen, dass man ihnen die Gelegenheit gibt, durchzuhalten.
    Sie brauchen uns, wir MÜSSEN ihnen helfen.
    Wenigstens durch Zuhören.

  • Ehemals Student

    |

    Naja, zumindest in Bezug auf das Paracetamol finde ich es jetzt etwas überzogen, das Herrn Spahn anlasten zu wollen. Für die Blödheit der Leute kann er ja nix. Und wenn die Medien das Thema „Ibuprofen und Corona vs. Paracetamol und Corona“ aufgreifen – soll er dann nix dazu sagen?
    Wenn die Medien über Hamsterkäufe berichten, ist es dann verkehrt, als Politiker zu sagen, dass das quatsch ist, weil es doch genug von allem gibt? Nur weil es zig Leute gibt, die das als Hinweis dafür sehen, dass die Politik fürchtet, dass es doch Verknappung geben könnte und dann erst Recht hamstern gehen?

  • Eingeborener

    |

    Als zweifacher Corona-Risikopatient freue ich mich über Schutzmassnahmen, frage mich aber gleichzeitig, ob nicht das Hauptrisiko für mich im kleingesparten Zustand bzw. im kaputt gesparten Zustand (Italien, Frankreich) des Gesundheitswesens liegt. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Prof. Höckeritz von der Uniklinik HH auf rs2 am 25.3.2020 sagte, siehe https://youtu.be/nuhyHTXQ_P8 , sind das Hauptproblem nicht der Virus , sondern die unterlassene Vorbereitung im Gesundheitswesen – siehe auch Gespräch oben ! – und die Folgen der staatlich-medialen Panikmache

  • nachtigall

    |

    @ R.G . bitte hören sie sich einfach den Podcast vom NDR mit hr. Drosten an. da wird nüchtern & sachlich über viele fragen, die sie und sicher auch viele andere beschäftigen aufgeklärt und ihre Frage, wie bsw. die mit dem Abstrich ergeben sich dadurch. für nen Podcast brauchen sie nur einen Audioplayer wie iTunes oder VLC oder.. und einen Besuch der entsprechenden Website. ( bzw. in iTunes, spotify und co auch schon integriert.. )

    und was das tüfteln betrifft. von Josef Prusa, dem Namensgeber der bekannten 3D Drucker ist auch schon eine Initative ergriffen worden. siehe hier :

    https://blog.prusaprinters.org/from-design-to-mass-3d-printing-of-medical-shields-in-three-days/?utm_source=Prusa3D.com&utm_campaign=86c0dbe164-EMAIL_CAMPAIGN_2020_03_19_03_21&utm_medium=email&utm_term=0_4199f6d18b-86c0dbe164-124131547

  • R.G.

    |

    @nachtigall
    : ))
    Drosten ist für mich von Beginn an „der Verstand“ und „die beruhigende Stimme“.
    Unabhängig von Prusa kam ein oberösterreichisches Freundesteam ,darunter ein Arzt, zu einem sehr ähnlichen Modell, gebastelt in der Werkstatt. Siehe mein Link oben.
    Jeder mit seinen Möglichkeiten.

    Unabhängig davon überlegte ich die Sache mit dem Abhängen einer Tür, u.a. weil ich sah, dass sich hier nun Schüler tummeln. Wenn Jugendliche und Kinder. ev. zusammen mit ihren Eltern, aus den Sachen die man in einem Haushalt hat, tüftelten, würde das Verständnis für die Maßnahmen gegen die Krankheit und das Mitgefühl mit den Ärzten fördern.
    „Ich geh in meine Werkstatt basteln, die Kinder helfen mir“, wird von der Regensburger Polizei gerüchteweise nicht als erlaubter Grund zum Verlassen der Wohnung akzeptiert, die Phantasie muss sich mit den Materialien des Haushalts begnügen.

    Eltern mit Jugendlichen „im Alter der Spucker“,= Pubertät, wischten aus Eigenregie mit ihren um ein Kopf größeren Kindern bei uns die Stiegenhäuser sauber, aus Sorge um die gefährdeteren Nachbarn.

    Ich besitze zufällig ein Vitaminpulver, mit dem man Spucke und Körperflüssigkeiten auf vermeintlich geputzten Flächen mit spezieller Lampe sichtbar machen kann- Staunen und
    mehr Verstehen, weshalb man derzeit anderen Menschen ferner bleiben muss, war bei den Kindern die Folge.
    Tun wir unser Mögliches, um die Zeit bis Ostern zu schaffen, danach wird die Angst aus logischen Gründen größer werden.

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