Wie sich mit Schafkopf die weltpolitische Lage erklären lässt.
Vor dem Hintergrund der sich verändernden Weltordnung plädiert unser Autor für ein anderes Sprachbild als Schach, um die geopolitische Lage zu erläutern.

Geopolitik wird oft als Schachspiel beschrieben. Dieses Bild galt zumindest für den Kalten Krieg, als sich zwei Blöcke unvereinbar gegenüberstanden. Politische Strategen nennen das eine bipolare Weltordnung. Als schließlich die Sowjetunion und ihre Bruderstaaten zusammenbrachen, verkündete der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992 das „Ende der Geschichte“.
Seine These: Der Kapitalismus und die liberale Demokratie hätten gesiegt und würden sich in der Welt ausbreiten. Wie falsch der gute Mann doch lag. Von nun an sprach man in der Geopolitik von einer unipolaren Weltordnung – mit den USA als einziger Supermacht.
Folgt man dem renommierten deutschen Politikwissenschaftler Herfried Münkler, währte diese Phase nicht lange. Mit der globalen Finanzkrise von 2008 und dem Aufstieg Chinas zur Weltmacht fand sie ihr jähes Ende. Die Welt trat in einen diplomatischen Schwebezustand ein. Die meisten Menschen nahmen davon jedoch kaum Notiz.
Das Ende der Weltordnung, wie wir sie kennen
2016 ist das transatlantische Bündnis des „Westens“ auf eine harte Probe gestellt worden. Donald J. Trump wurde zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Die Welt und ihre Ordnung standen Kopf. Als 2020 Joe Biden ins Weiße Haus einzog, atmete der „Westen“ durch. Das Unheil schien gebannt.
Doch Russland marschierte im Februar 2022 in die Ukraine ein und versetzte der regelbasierten Weltordnung einen Schlag, von dem sie sich nicht erholen sollte. Als Trump 2025 erneut zum Präsidenten der USA gewählt wurde, war sie dahin, die Welt wie wir sie kannten.
Es deutet sich eine multipolare Weltordnung, mit mehreren großen Mächten an. Oswald Spengler spricht in seinem Buch „Preußentum und Sozialismus“ von fünf Mächten – Herfried Münkler in seinem Werk „Welt in Aufruhr: Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert“ ebenfalls – die um die Vormachtstellung auf globaler Bühne ringen. Russland, USA, China, Indien und Europa.
Zu fünft Schach spielen geht nicht. Es braucht also ein anderes Sprachbild, um die multipolare Weltordnung zu erklären.
Beim geopolitischen Schafkopf wird nicht angesagt
Wie wäre es mit einer geopolitischen Schafkopfrunde? Klingt albern? Zu bayerisch? Zu provinziell? Karten raus, es wird gemischt!
Was ist Schafkopfen?
Schafkopfen ist ein bayerisches Stichkartenspiel für vier Spieler mit 32 Karten (Eichel, Gras, Herz, Schellen von Sieben bis Ass, wobei die Reihenfolge 7,8,9,U,O,K,10,A ist).
Ziel ist es, durch Stiche möglichst viele Augen zu sammeln; Herz ist in der Regel Trumpf; im sogenannten Rufspiel bestimmt ein Spieler durch das Rufen eines Asses einen Partner. Die höchsten Trümpfe sind die Ober und Unter, danach folgen die übrigen Herzkarten.
Gespielt werden meist Rufspiele, Solo oder Wenz; wer ein Spiel ansagt, braucht mindestens 61 Augen (120 sind es maximal), um zu gewinnen; Nichtspielern reichen 60 Augen.
Durch das Rufen des Asses ergeben sich automatisch Paare (2-2); bei Solo oder Wenz spielt ein Spieler alleine gegen die anderen. Wobei bei Solo die Trumpffarbe nicht zwingend Herz sein muss, es kann auch Eichel, Gras oder Schellen angesagt werden – das bestimmt der Solospieler selbst.
Gerade hocken die USA, China, Russland und Europa am Kartentisch. Indien sitzt daneben und wartet, dass einer aufs Klo muss, um als Brunzkartler aufsitzen zu können. Anders als bei einem echten Schafkopf wird allerdings kein Spiel angesagt. Trotzdem werden Fakten geschaffen.
Solo oder Rufspiel?
Die USA haben den Herzober geworfen und in Venezuela einen Staatsstreich durchgeführt. Dabei wurde Präsident Maduro entmachtet, verschleppt und in den Vereinigten Staaten inhaftiert. Die Vizepräsidentin wurde eingesetzt. Venezuela und seine reichhaltigen Ölvorräte stehen nunmehr mittelbar unter amerikanischer Kontrolle. Der Ölpreis ging prompt auf Talfahrt.
Der Druck auf Mütterchen Russland steigt, denn das braucht die Einnahmen, aus den Ölgeschäften, für seinen Angriffskrieg in der Ukraine.
Spielen die Amis ein Solo? Oder ist es am Ende doch ein Rufspiel, zusammen mit den Russen? Schließlich teilen Amerika und Russland einen gemeinsamen Feind: die Europäische Union.
Diese Frage wird sich wohl erst beantworten lassen, wenn das Rennen um Grönland beginnt. Aber vielleicht gibt uns ein anderer Krisenherd Aufschluss über Solo oder Rufspiel.
Der nächste amerikanische Trumpf?
Seit kurzem gibt es wieder Unruhen im Iran. Der Rial, die Landeswährung, verlor wegen Sanktionen, fehlender Devisen-Einnahmen aus Ölverkäufen, hoher Inflation und wirtschaftlicher Instabilität massiv an Wert. Dadurch wurden landesweite Proteste ausgelöst, die eigentlich schon seit langem gären; mindestens seit der Ermordung Jina Mahsa Aminis durch die iranische Sittenpolizei im September 2022.
Bisher waren diese Aufstände ohne politische Führung. Wie Focus Online am 9. Januar berichtet, werden nun vermehrt Rufe nach Reza Pahlavi laut, dem Sohn des 1979 abgesetzten Schahs von Persien. Dieser lebt im US-amerikanischen Exil.
Ein weiterer Trumpf in amerikanischer Hand? Vielleicht der Eichelunter? Denn niemandem käme die Kontrolle iranischer Ölförderung mehr zupass als den USA. Über die Straße von Hormus werden laut Wikipedia circa 20 Prozent des weltweiten Ölbedarfs verschifft, wobei der Iran nach Saudi-Arabien die zweitgrößte Fördernation im persischen Golf ist. So könnte das „land of the free“ den Ölpreis weiter drücken. Und würde Russland, aber vor allem China, wirtschaftlich sehr unter Druck setzen – den größten Abnehmer von iranischem Öl und bekanntlich der größte Rivale Amerikas um die globale, ökonomische Vorherrschaft.
China und Russland scheinbar in Sauspiel verwickelt
Während im Iran das Land zu entflammen droht, richtet Südafrika an der Küste vor Kapstadt ein Marinemanöver, zur Sicherung der See- und Handelsrouten, aus. Laut Tagesschau24 von nehmen an der Übung „Will for Peace“ neben dem Gastgeber auch China, Russland und Iran teil.
Kann die Teilnahme dieser Länder als Bündniserneuerung verstanden werden? Oder ist das zaghafte Verhalten Putins in der letzten Woche gegenüber den USA als ein Fingerzeig in Richtung Trump zu lesen?
Ist Russland nach wie vor in ein Sauspiel mit China verwickelt oder wechselt es heimlich den Partner und aus alten Feinden werden Freunde? Es ist ebenso möglich, dass die USA ihr Mantra „America First“ in einem rot-weiß-blauen Solo spielen. Mit oder ohne Alten?
Europa – ein starkes Blatt, eine schwache Hand?
Und was macht Europa? Spielt es einen Wenz, schaltet die Ober aus – ist damit aber alleine gegen alle anderen Großmächte? Beim Wenz sind nur die Unter Trumpf, die strategisch schwierigste Variante des bayerischen Kartenschachs.
Außer der Anzahl an Untern ist die Sitzposition ebenso entscheidend wie die Menge und Zusammensetzung an Farbkarten. Hat man die Reihe einer Farbe, hat man mehrere Farben, aber dafür immer Ass und Zehn, oder ist man gar im Besitz einer Fehlfarbe, einer Farbkarte, die einem nicht nur keinen Stich einbringt, sondern eine offene Flanke im Spiel sein kann? Und mit Sicherheit Angriffe nach sich zieht, die es vor dem Ansagen des Spiels zu berücksichtigen gilt.
Überträgt man dieses Bild auf die EU, wären Ungarn oder die Slowakei eine klassische Fehlfarbe, da sie sich nicht in die Strategie des europäischen Wenz einpassen und dem Spiel am Ende mehr schaden, als nutzen. Aber auch mit zwei Fehlfarben kann man einen Wenz noch heimbringen, wenn genügend Schmier reinfällt.
Vorm Ansagen bleibt also offen, ob Europa als entschlossener Spieler am Tisch sitzt und seine starke Hand ausspielen wird. Ob es Initiative ergreift und Grönland vor dem Zugriff fremder Mächte schützt. Oder ob die Karten auf dem Tisch liegen, für einen schönen Wenz reichen würden, doch die Europäerinnen sich nicht einigen können, wer ihn spielt. Dann könnte man am Ende den Platz am Kartentisch verlieren – und nicht mal mehr als Brunzkartler relevant sein.
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Gscheithaferl
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Bei Fehlfarben hilft nur eines: rechtzeitig abspatzen!! 😉
Der sich den Wolf schreibt
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Macht vs. Ohnmacht
Geopolitisch ist derzeit Scheiße Trumpf
Brettspiele, Kartenspiele und Geopolitik funktioniert nur, wenn sich alle Player, bei aller Rivalität, bei der Spielgestaltung, an die für geltenden Spielregeln hält.
Der Grundkonsens (Menschenrechte, Völkerrecht, globaler Umweltschutz, Handelsregeln und Verträge) müssen für alle gleichberechtigt, gelten.
Wenn von einigen Spielern die Regeln nicht mehr eingehalten werden und nur noch „das Recht des Stärkeren“ sporadisch gilt, endet es im Chaos.
Wer nach dem Motto verfährt: „Warum leckt sich der Hund die Eier? – Weil er es kann!“, ist für die aus dem Lot geratene Weltordnung und Werte verantwortlich.
Für die Verleihung des Friedensnobelpreises wird es da bei solchen moralischen Standards, eng.