Anwesenheitspflicht an der Uni: „Verschulung des Studiums“

SprecherInnenrat der Universität Regensburg spricht sich gegen Anwesenheitspflicht aus: Zunehmender Verschulung des Studiums muss entgegengewirkt werden In der Germanistik-Prüfungsordnung wurde für das kommende Semester wieder Anwesenheitspflicht festgesetzt. Dem hat der Senat der Universität Regensburg in seiner letzten Sitzung am 14. November zugestimmt. Die neue Regelung tritt erst zum Sommersemester 2013 in Kraft. “Tatsächlich aber wird unter anderem in der Germanistik bereits seit Beginn des Semesters eine Anwesenheitspflicht erhoben. Ohne, dass es dafür eine rechtliche Grundlage gibt”, konstatiert Franziska Hilbrandt, studentische Sprecherin, “das zeigt wieder einmal, mit welcher Beharrlichkeit an dieser überholten Zwangsmaßnahme festgehalten wird.” Nach der nun für das Sommersemester 2013 beschlossenen Regelung dürfen Studierende nicht mehr an der Prüfung eines Kurses teilnehmen, wenn sie zu viele Fehlzeiten aufweisen. “Diese Regelung ist ein Musterbeispiel für die fortschreitende Verschulung des Studiums”, so Hilbrandt weiter, “schließlich kann sich jeder Studierende das nötige Wissen auch selbst erarbeiten. Hier wird weder auf verschiedene Lerntypen Rücksicht genommen noch auf die Lebenssituation vieler Studierender, für die Kursüberschneidungen und Nebenjobs zum Alltag gehören.” Nach Einschätzung der Studierendenvertretung soll die Anwesenheitspflicht unter anderem von größeren Problemen in der Lehre ablenken. “Durch die mangelhafte Finanzierung der Universitäten sind auch große Probleme im Bereich der Lehre entstanden. Überfüllte Kurse und überarbeitete Dozierende sind nur zwei davon”, sagt Matthias Zunhammer, studentischer Sprecher. “Die Folge sind Kurse, in denen keine angemessene Wissensvermittlung mehr stattfinden kann. Anstatt die Qualität der Kurse zu verbessern, setzen leider immer mehr Institute auf Zwang.” Studierende, die den Verdacht haben, in einem Kurs mit Anwesenheitspflicht ohne rechtliche Grundlage zu sitzen, können dies bei der Studierendenvertretung melden. “Der aktuelle Fall zeigt, wie wichtig es ist, dass Studierende Anwesenheitspflichten grundsätzlich hinterfragen”, erklärt Daniel Gaittet, Referent für Hochschulpolitik. Er betont: “Ohne rechtliche Grundlage darf niemand wegen Fehlzeiten von Prüfungen ausgeschlossen werden”.

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Kommentare (15)

  • C. P. G.

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    Als Dozentin im Bereich der PT kann ich aus eigener Erfahrung nur sagen: Die Anwesenheitspflicht ist zumindest hinsichtlich der Seminare nötig. Ohne regelmäßige Teilnahme sind diese Veranstaltungen, in denen es vor allem um die gemeinsame Diskussion geht, wenig sinnvoll; zudem habe ich mehrfach erlebt, dass Studierende die freiere Regelung ausnutzen in der Form, dass man lediglich zu ersten Sitzung und noch zum Referatstermin erscheint und ansonsten durch Abwesenheit glänzt und so anderen Studierenden, die ernsthaft am Seminar interessiert sind, die begehrten Plätze im Seminar vorenthält.
    In den letzten „anwesenheitsbefreiten“ Semestern ist es auch immer wieder vorgekommen, dass vor vorbereitungsintensiveren Sitzungen, vor Feiertagen oder gegen Semesterende teilweise zwei Drittel der Studierenden nicht erscheint. Dieser Teilnehmerschwund ist kein neues Phänomen, in einem solch krassen Ausmaß habe ich es aber bisher noch nicht erlebt.
    Für mich hat all dies den Verdacht genährt, dass offenbar ein größerer Teil der Studierenden schlichtweg nicht die für ein „freies“ Studium nötige Reife und Eigenverantwortung mitbringt und gewissermaßen zu ihrem Glück gezwungen werden muss…

  • Joachim Datko

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    Zu C. P. G. 07.12.12 – 21:42 Uhr

    Ich kann die Argumentation nachvollziehen. Ich hatte einmal die Schwierigkeit, dass mir kurz vor der Pause in einer beruflichen Bildungsstätte die Teilnehmer wegdiffundiert sind, um sich frühzeitig an der Essensausgabe anzustellen. Meine Gegenmaßnahme war durchschlagend. Ohne es anzukündigen, gab es prüfungsrelevante Informationen kurz vor dem Pausezeichen. Die Betroffenen wollten sich nach ihrer Prüfungspleite gleich beschweren, ließen es aber sein, als ich süffisant bemerkte, dass der Abteilungsleiter schon auf sie wartet – er war informiert.

    Prinzipiell gesehen, würde ich die Hochschulen mehr auf selbständiges Lernen umstellen. Insbesondere sollten in den Naturwissenschaften Grundlagenvorlesungen durch selbständiges Lernen ersetzt werden.

  • Peter Ziegler

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    Na ja, die wenigsten, denen Macht gegeben ist, können verantwortungsvoll damit umgehen. Ein Dozent, der sich daran delektiert, dass ihm anvertraute Schüler/Studenten durch eine Prüfung fallen, weil er eine Methode der Bestrafung gefunden hat anstatt den Unterricht so zu gestalten, dass die Zuhörer bis zu letzt an seinen Lippen kleben, ist menschlich und didaktisch vollkommen inakzeptabel.

    Kommen wir zu meiner Version der Dinge:
    Als ich vor etwa 25 Jahren anfing zu studieren, gab es um 8:15 Uhr früh Vorlesungen, die so langweilig und unstrukturiert waren, dass selbst der Diaprojektor eingeschlafen ist. Meist war der „Herr Professor“ gar nicht selbst anwesend, sondern ließ sich von einem x-beliebigen HiWi vertreten, der nicht mal die einfachste Nachfrage beantworten konnte.
    Wer für so etwas Anwesenheitspflicht einführen will, gibt mit umfangreicher Bankrotterklärung preis, dass der Unterricht nichts taugt. Oder der Unterrichtende. Oder beide.
    Zwang auf Menschen auszuüben ist verwerflich. Das merkt man aber meistens erst dann, wenn man mal auf der falschen Seite sitzt.

  • Dubh

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    @ P. Ziegler

    So ist es!

    Leere Klassenzimmer, Hörsäle, Seminarräume… zeugen IMMER von unfähigen, zu Tode langweilenden Dozenten, Lehrern!

    Das war allerdings bereits in meiner Schul- und Studienzeit so, und die fand in den 1960ern und 70ern statt, also vor über 40 Jahren.
    Sogar Vorlesungen von Profs hingegen, die „es brachten“, waren ohne jede Anwesenheitspflicht, egal zu welcher Uhrzeit, massiv überfüllt, obwohl damals an der Uni ja nur lächerlich wenige Studenten waren.

    Zu ihrem Glück zwingen muss man Leute Madame C. P. G., die man ihr Glück nicht selber finden lassen will, oder sie dessen gar für unfähig hält, das bezeichnet gemeinhin einen totalitären Charakter……………..

    Über die öffentlichen Verlautbarungen eines Herrn Datko bezüglich seines Charakters schweigt man besser ganz, peinlichst berührt………………

  • cgm ;)

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    Schade, dass dieses Forum / die Kommentarfunktion nicht moderiert wird, sondern einigen besonders Eifrigen die Möglichkeit bietet, VorschreiberInnen zu diskreditieren, ohne wirklich über die Hintergründe Bescheid zu wissen.

    C. P. G. hat sich in ihrem Beitrag ausdrücklich auf Seminare im Bereich der Philosophischen Fakultäten bezogen. Wie sie zutreffend schreibt, leben diese Seminare wesentlich von der Diskussion zwischen Lehrenden und Studierenden.
    Anders ausgedrückt wird dort kein bereits vorliegendes Wissen reproduziert, sondern es entsteht durch die Interaktion etwas Neues. Bestehendes Wissen wird weiter-gedacht. Wie jemand sich dieses Neue ohne Besuch der Lehrveranstaltung aneignen will, ist mir zwar schleierhaft, doch Dubh kann es mir bestimmt erklären.
    Gerade die Lehrenden in den Philosophischen Fakultäten würden gern darauf verzichten, die Studierenden zu ihrem Glück zu zwingen. Es ist aber keineswegs ein Einzelfall, dass Studierende nach ihrem Referat nicht mehr im Kurs gesichtet werden. Das betrifft „spannende“ und „weniger spannende“ Kurse und Lehrende gleichermaßen.

    Gut, stellen wir den Besuch der Lehrveranstaltungen frei.
    Und wenn dann die Durchfallerquoten steigen und Studierende gezwungen sind, Semester anzuhängen (die sie nach noch geltender Rechtslage je 500€ kosten), ist das Geschrei groß.

    Es ist richtig, dass die Studierenden von heute sehr viel höhere Belastungen zu tragen haben als frühere Studentengenerationen. Gerade deswegen wäre es nett, wenn nicht die besonders Schlauen versuchen würden, ihre Studienerfahrungen von vor 20 Jahren in diese Diskussion einzubringen.

  • Peter Ziegler

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    Nun, es handelt sich hier nicht um ein Forum im eigentlichen Sinne. Aber nichtsdestoweniger gibt es noch die Meinungsfreiheit. Deshalb wäre es nett, wenn auch Andersdenkende ihre Meinung schreiben dürften. Vielen Dank.
    Ich verkenne nicht, dass Studierende heute ihr Studium anders organisieren müssen als vor 20 Jahren noch. Sie aber „zu ihrem Glück zwingen“ zu wollen,kommt mir doch reichlich totalitär vor.
    Evtl. hat es ja mit dem modernen Betrieb von Unis als beschleunigter Durchlauferhitzer für wertvolles/zu verwertendes Humankapital zu tun, dass die Studierenden sich nicht mit eher unwichtigen Dingen wie der Präsenz in nicht unbedingt prüfungsrelevanten Zeiten aufhalten wollen/können? Wer weiß? Vielleicht checken sie aber auch lieber ihre FB Accounts oder stottern das teure Auto ab?

  • Peter Ziegler

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    Noch etwas, cgm. Wie kommen Sie darauf, dass diese Kommentarfunktion nicht moderiert wird?
    Das wird sie.
    Damit hätten wir schon ein interessantes Thema für das nächste Seminar: „Soll eine Kommentarfunktion moderiert werden?“

  • Nemo

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    Dass jemand anderer Meinung sein darf, steht außer Frage. Allerdings ist der Tonfall mancher Wortmeldungen (v.a. bei anderen Artikeln) häufig ziemlich unsachlich oder sogar beleidigend. Ich denke, dass sich das mit der Moderation darauf bezogen hat.

  • Peter Ziegler

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    @Nemo „Dass jemand anderer Meinung sein darf, steht außer Frage.“
    Welche Interpretation lässt wohl ***Gerade deswegen wäre es nett, wenn nicht die besonders Schlauen versuchen würden, ihre Studienerfahrungen von vor 20 Jahren in diese Diskussion einzubringen.*** zu?
    Hier wurde ganz klar versucht, jemandem, der anderer Meinung ist, nahezulegen, diese nicht mehr zu veröffentlichen.

    @Nemo „Allerdings ist der Tonfall mancher Wortmeldungen (v.a. bei anderen Artikeln) häufig ziemlich unsachlich oder sogar beleidigend. Ich denke, dass sich das mit der Moderation darauf bezogen hat.“

    Und welche Interpretation lässt ***Schade, dass dieses Forum / die Kommentarfunktion nicht moderiert wird*** zu?
    Sie wird moderiert, und cgm behauptet, sie würde es nicht. Mir ist nicht klar, was es daran misszuverstehen gibt.

  • cgm

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    @ Peter Ziegler
    Stimmt, dass die Kommentarfunktion moderiert wird, hab ich erst gemerkt, nachdem ich selbst gepostet hatte. Aus dem Tonfall der Kommentare lässt sich nämlich nicht darauf schließen. Ich habe zugegebenermaßen aus Unwissenheit geschrieben. Nicht aber, um irgend etwas damit zu „behaupten“.

    C.P.G einen „totalitären Charakter“ zu unterstellen, finde ich schon ein bisschen zu viel des Guten, ich kenne Foren, wo sowas nicht durchgegangen wäre. Aber gut.

    Und freilich dürfen Angehörige frührer Studierendengenerationen ihre Erfahrungen beisteuern. Aber was ich in den Posts von @ Peter Ziegler und @Dubh gelesen habe, war ein Dozenten-Bashing, ohne die aktuellen Verhältnisse zu kennen.
    Dozenten könnten sich ja auch geändert haben… Also, die Version, wo nur die SHK oder WHK in der Vorlesung aufkreuzt, aber der Prof nicht, ist mir jedenfalls in 12 Jahren Uni noch nicht untergekommen.

  • Oje...

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    „Dozenten könnten sich ja auch geändert haben… “

    Har-Har – und im November könnte es ja in Regensburg keinen Nebel mehr geben.

    „Also, die Version, wo nur die SHK oder WHK in der Vorlesung aufkreuzt, aber der Prof nicht, ist mir jedenfalls in 12 Jahren Uni noch nicht untergekommen.“

    Mir schon. Schlimmer aber ist es oftmals, wenn der Prof tatsächlich auftaucht und sich an dem dilettiert, was er in seiner eigenen Studienzeit nie gelernt hat: eine Vorlesung halten. Dann schon lieber angeregter Theorienaustausch samt anschließender Diskussion dort, wo’s wirklich lohnt: in der Cafete.

  • Gondrino

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    Ich bin strikt gegen Anwesenheitspflicht. Wir reden von Erwachsenbildung und dann führen wir wieder die „Schulpflicht“ ein. Das kann es nicht sein. Wenn dem Studenten die Reife fehlt, wird er wohl zunächst scheitern und dann eben lernen, dass alles im Leben Konsequenzen hat. Wann soll er es denn lernen? Nach dem ersten Kunstfehler?

  • Rosa

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    Der Kommentar wurde gelöscht.

  • Dubh

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    cgm: „Anders ausgedrückt wird dort kein bereits vorliegendes Wissen reproduziert, sondern es entsteht durch die Interaktion etwas Neues. Bestehendes Wissen wird weiter-gedacht. Wie jemand sich dieses Neue ohne Besuch der Lehrveranstaltung aneignen will, ist mir zwar schleierhaft, doch Dubh kann es mir bestimmt erklären“

    Ja, könnte ich, aber da Sie Ihr Hirn samt Inhalt außerhalb von Lehrveranstaltungen anscheinend nicht bei sich tragen, dürfte es wenig Sinn haben.

    Da haben es Leute besser, die ganz „alte Schule“ ihr Hirn immer dabei haben, die sind imstande immer und überall interaktiv auf Neues zu stoßen………………

    Inwieweit das ausgerechnet innerhalb von Lehrveranstaltungen im P.T. Bereich gegeben sein soll sei dahingestellt…………….schließlich soll es Dozenten geben, die Neuem oder auch Altem so gar nicht aufgeschlossen gegenüber stehen, sofern sie überhaupt mitreden können.
    Vieles was zu meiner Studienzeit auch in Regensburg Studieninhalte waren ist ja schon lange ersatzlos gestrichen.

    Übrigens – man muss nicht (mehr) selber Student sein, um über aktuelle Verhältnisse Bescheid zu wissen, und auch diesbezüglich gibt es diverse Möglichkeiten.

    Aber auch das sagten Sie vermutlich nicht um es „behauptet“ zu haben, was bedeutet, sie WISSEN dass ich die aktuellen Verhältnisse nicht kenne – woher, fragt man erstaunt.

    Ich darf jeden Satz, den sie sie nach 12 Jahren Uni hier so von sich geben, ausgesprochen erschreckend finden?

  • Veronika

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    Doch, ich bin für eine vollkommene Verschulung. Dann kann man auch wieder die geforderte christliche Wertelehre einbringen, und niemand sich zwischenzeitlich auf einen Kaffee mit Croissant in die Cafeteria verdrücken. Wo kämen wir denn hin, wenn die an der FH – äh T’schuldigung, neuerdings ja „Hochschule für angewandte Wissenschaften“ Anwesenheitspflicht haben, sich aber an Universitäten wieder so etwas wie 1968 durchsetzen könnte. Schön den StudentInnen auf die Finger schauen, zumindest im Freistaat Bayern!!!
    [Zynisch-sarkastische Wertung dieser freistaat-bayerischen Dorfidyllen-Politik]

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