Die Moritat von Mennanie, Dieter und Potsdam
Was ist da los, was wird da gespielt? Zum Beispiel in Berlin! Nachgeschaut in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo gerade Meo Wulfs „Warten auf Bardot“ uraufgeführt wurde.
„Regensburg, ausradiert“ lautete die Überschrift in der „Zeit“ damals über diesen einen Abend an der Berliner Volksbühne, und sie hatte recht damit. Es war tatsächlich so, dass an diesem Abend im Februar 2005 „die Stadt Regensburg von der Bühne aus beschimpft, rituell ausradiert, in Schutt und Asche gelegt und von der Landkarte der sinnvollen Städte gestrichen“ wurde.
Die Stadt Regensburg hatte ihre Vernichtung auch noch selbst in Auftrag gegeben. Man wollte Kulturhauptstadt 2010 werden und verfiel unter der Regentschaft von Oberbürgermeister Hans Schaidinger (CSU) auf die grandiose Idee, quasi als Bewerbung ein Theaterstück von Christoph Schlingensief einzureichen.
Schlingensief (1960-2010) nahm den Auftrag an, das Ergebnis hieß „Keine Chance Regensburg – Essen für alle“, und so ging der Wettstreit dann auch aus: Im März 2005 bekam Essen (bzw. die Ruhrregion) den Zuschlag für die Kulturhauptstadt 2010, Regensburg ging leer aus – und avancierte im April 2005, dem Himmel sei Dank, mit der Erwählung Joseph Ratzingers ersatzweise zur Papststadt.
Regensburg? Kirchenmief und Thurn und Taxis
Die „Süddeutsche“ erinnerte sich noch 15 Jahre später mit Schaudern an den Abend in der Berliner Volksbühne: „Schlingensief ließ die Stadt mitsamt Kirchenmief und Gloria von Thurn und Taxis so doof aussehen, dass der Mut, ihn zu beauftragen, nicht die Bloßstellung durch sein Werk aufgewogen hatte.“ Und fügte hinzu: „Am blamabelsten war die Hoffnung, diesen Künstler in irgendeiner Weise vereinnahmen zu können.“ Immerhin gab es dann seitens der „SZ“ doch noch einen Trostpreis: „Nie ist ein solches Bewerbungsprojekt glorreicher gescheitert.“

Keine Chance Regensburg auf der Berliner Volksbühne 2005. Foto: Archiv/as
Und was soll das jetzt? Diese Rückschau auf dieses gelinde gesagt unrühmliche Kapitel Regensburger Kulturgeschichte? Warum nach 21 Jahren alte Wunden wieder aufreißen? Nachdem sich allmählich der milde Mantel des Vergessens darübergelegt hat und eine Generation herangewachsen ist, die die peinlichen alten Geschichten nicht mehr kennt?
„Warten auf Bardot“: eine Moritat für drei Herren
Keine Angst. In der alten Wunde wird hier nicht weiter herumgestochert. Das Fenster zur finstren Vergangenheit wurde hier nur kurz noch einmal geöffnet. Und wird hiermit wieder geschlossen. Es war nur die schaurige Einleitung für eine Kritik einer Uraufführung an der Berliner Volksbühne. Genau: Höchste Zeit, mal wieder nachzuschaun, was an diesem schrecklichen Ort heute so läuft.

Drei Herren warten auf Bardot. Foto: Philip Frowein
Da wurde soeben das Stück „Warten auf Bardot“ von Meo Wulf uraufgeführt, eine Moritat für drei sinistre Herren, eine Bonehilda (irgendwer muss den Herren ja den Haushalt führen) – und natürlich Brigitte Bardot. Denn um diesen Spoiler kommt man nicht herum: Das ist der erste Knaller, dass Brigitte Bardot keineswegs, wie der Titel des Stücks glauben machen könnte, als godotmäßiges Phantom über dem Geschehen schwebt. Aber „natürlich“ nicht auftritt.
Frauen sind verboten
Nein, ganz im Gegenteil. Die Sache ist die: Drei Männer, zufällig alle mit korrektem schwarzen Schnauzer, runder schwarzer Brille und langen schwarzbraunen Haaren, warten auf Brigitte Bardot. Nicht lang. Gleich in der ersten Szene kommt sie hereingeschneit, singt ihnen was vor, und weg ist sie wieder. Echt, das war sie jetzt, oder wie? Und ist das Stück jetzt aus? Naja, nicht ganz, jetzt geht’s erst richtig los.
Die drei reiben sich die Augen. Das ganze Leben warten sie schon auf Brigitte Bardot, und eigentlich war ihnen immer klar: die kommt sowieso nie, außerdem sind Frauen doch verboten, und jetzt war sie auf einmal da? Und ist schon wieder weg? Hä? Geht das jetzt wieder so weiter wie vorher? Dass man die Zeit totschlagen und sich gegenseitig piesacken muß? Was soll man auch sonst tun?
Niedermachen, triumphieren
Bündnisse schmieden? Wenn man zu dritt ist? Klar, was bleibt einem auch anderes übrig! Zwei, die sich auch nicht leiden können, tun sich zusammen gegen den dritten. Wenn man sich schon nicht leiden kann, so hat man jetzt wenigstens einen Zeitvertreib: den dritten abwehren, ihn ärgern, verunsichern, niedermachen, ausschließen.

Foto: Philip Frowein
Wie es in Kafkas Miniaturerzählung „Gemeinschaft“ heißt, wo sich auch ein Männerbund gegen einen „Eindringling“ wehrt: „Er tut uns nichts, aber er ist uns lästig, das ist genug getan; warum drängt er sich ein, wo man ihn nicht haben will? Wir kennen ihn nicht und wollen ihn nicht bei uns aufnehmen.“ Die Nichtigkeit der eigenen Existenz mündet in aggressive Feindseligkeit.
Wenn Männer sich zusammentun
In ihren bizarr-zotteligen Kostümen mit seltsamen Ausbuchtungen und in ihrem slapstickhaften Herumgestolpere wirken die drei Herren wie „Außerirdische“ (taz), aber das kommt vor, wenn Männer sich zusammentun. Gegen andere Männer. Und warten. „Sie warten auf die Katastrophe. Eine Frau. Die Erlösung. Das Paradies.“ (Wie es auf der Internetseite der Volksbühne heißt.)
„Bis dahin schlagen sie sich und die Zeit tot.“ In dem Fall trifft es Potsdam. Die drei heißen nämlich Mennanie, Dieter und Potsdam, und die ersten beiden verbünden sich gegen Potsdam und fallen bei passender Gelegenheit über ihn her. Potsdam bekommt gerade die Haare geschnitten, eine an Harmlosigkeit nicht zu überbietende Szene. Die von einer Sekunde auf die andere ins Alptraumhafte kippt.
Hinter dem Klamauk lauert Kafka
Was bei manchem Kritiker Unverständnis auslöst, ist in Wirklichkeit ein Qualitätsmerkmal. In einer arglos anmutenden „Nonsens“-Komödie bricht völlig unvermutet blutiger Ernst durch, wollen zwei dem dritten ohne ersichtlichen Grund plötzlich an die Gurgel, und das Lachen, an das man sich schon eine Stunde lang gewöhnt hatte, bleibt einem im Halse stecken.

Foto: Philip Frowein
„Warten auf Bardot“ bringt das Kunststück fertig, Kafka und Monty Python in einem Stück zu verschmelzen. Was die drei Schießbudenfiguren da auf der Bühne zum besten geben, kann man durchaus als höheren Klamauk à la „Ritter der Kokosnuss“ („Monty Python and the Holy Grail“) bezeichnen. Aber gleichzeitig heißt es aufpassen, denn hinter dem Klamauk lauert Kafka.
Wir stoßen ihn mit dem Ellbogen weg
„Und was soll überhaupt dieses fortwährende Beisammensein für einen Sinn haben“, heißt es bei Kafka (in der zitierten Erzählung „Gemeinschaft“, in der es um fünf Freunde geht, die einen sechsten abweisen), und auf „Warten auf Bardot“ umgemünzt, würde es so weitergehen: „auch bei uns zwei hat es keinen Sinn, aber nun sind wir schon beisammen und bleiben es, aber eine neue Vereinigung wollen wir nicht, eben auf Grund unserer Erfahrungen.“
Hoch lebe die Nichtigkeit der Zweisamkeit! „Wie soll man aber das alles dem dritten beibringen, lange Erklärungen würden schon fast eine Aufnahme in unsern Kreis bedeuten, wir erklären lieber nichts und nehmen ihn nicht auf. Mag er noch so sehr die Lippen aufwerfen, wir stoßen ihn mit dem Ellbogen weg, aber mögen wir ihn noch so sehr wegstoßen, er kommt wieder.“
Ene, mene, meck, und du bist weg
Und was den beiden, Mennanie und Dieter, alles einfällt, um Potsdam wegzumobben! In ihrem rasenden Schwachsinn verfallen sie darauf, ihre Zweiergemeinschaft dadurch zu festigen, dass sie abzählen. Wie früher (oder womöglich heute noch?) im Sportunterricht oder beim Militär. Wo es darum geht, festzustellen, ob von den 27, die anwesend sein müssten, auch wirklich alle da sind.

Foto: Philip Frowein
Das ist bei 27 Personen schon ziemlich blödsinnig, aber bei zweien ist es natürlich nur noch gaga und offenbart die grenzdebile Bösartigkeit, den anderen auszustoßen, nur um über ihn zu triumphieren. „Eins, zwei.“ Oder, wie es bei Kafka heißen würde: „Außerdem sind wir zwei, und wir wollen nicht drei sein.“
Brigitte Bardot verwandelt sich in Friedrich Merz
Und was ist jetzt eigentlich mit Brigitte Bardot? Kriegt das Stück hier noch einen ernstzunehmenden Zusammenhang her? Und schafft Meo Wulf den Anschluss an Samuel Beckett? Dazu ist zu sagen: Erstens hat Meo Wulf (34) sowieso die höheren Beckett-Weihen, da er als Zwölfjähriger am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in „Warten auf Godot“ debütierte. Zweitens ist „Warten auf Bardot“ die von Generationen von Theaterbesuchern wie von Schülern ersehnte Errettung von einem altbackenen, millionenfach missverstandenen Stück. Und drittens kommt Brigitte Bardot noch etliche Male auf die Bühne. Was sie dabei tut, wird hier nicht verraten. Nur so viel: Am Ende verwandelt sie sich in Friedrich Merz, o Graus! Schockstarre im Publikum!
Freiwillige Selbsteinsparung
Kurzum: Es lohnt sich im Frühjahr 2026 entschieden mehr als im Februar 2005, nach Berlin zu fahren und in die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu gehen! Ein ausverkauftes Haus, 800 begeisterte Zuschauer, Durchschnittsalter: 30, zwei Stunden lang Gelächter, nur in wenigen Augenblicken eiskaltes Erschrecken und tödliche Stille, am Ende: trampeln, johlen, pfeifen.
Ach Gott, Theater muss keine Strafe sein, Theater kann Spaß machen und muss trotzdem nicht flach sein! Auch das obligatorische Lamento ob der Kürzungen im Kulturbereich sucht man an der Volksbühne vergeblich. Stattdessen springt einen auf der Titelseite des Bildzeitungsmäßig aufgemachten „Programmhefts“ die Meldung an: „Aufgedeckt! Schauspieler wohnt über Jahrzehnt in der Volksbühnengarderobe. Die damit erzielte Ersparnis liegt bei über 680.000 Euro.“
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