Ein Jahr Jobcenter: „Maßanzüge“ für Arbeitslose

Nur das Küsschen hat gefehlt. Ansonsten gaben sich Hans Schaidinger und Gabriele Anderlik ähnlich symbiotisch wie Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, fast möchte man sie – in romantischer Anlehnung an Merkozy – „Schaiderlik“ nennen. Beim Pressegespräch zum einjährigen Bestehen des Jobcenters am Dienstagvormittag überhäuften sich der Oberbürgermeister und die Chefin der Arbeitsagentur gegenseitig mit Lob für die tolle Zusammenarbeit und die noch viel tolleren Erfolge, schwelgten in alten Geschichten aus Zeiten, in denen man noch um die Zusammenarbeit von Kommunen und Arbeitsämtern bzw. -agenturen kämpfen musste; dagegen wirkten Bürgermeister Joachim Wolbergs und Jobcenter-Leiterin Birgitt Ehrl nicht nur winterbedingt blass.

Nur wenige „marktnahe Kunden“

In der Tat sind die Zahlen für den Agenturbezirk Regensburg überdurchschnittlich: Eine Gesamtarbeitslosenquote von 2,6 Prozent für Stadt und Landkreis und ein Prozentsatz von 2,9 Prozent für die Stadt (Stand: Januar 2012) liegen mehr als die Hälfte unter dem Bundesschnitt (7,3 Prozent). Das, so waren sich Schaiderlik und Wolbergs einig, liege nicht nur an der ganz hervorragenden Arbeit des Jobcenters, sondern auch an der boomenden Region. Begeisterung auch für die Vermittlungs- und Integrationserfolge des Jobcenters, also jener Stelle, in der sich Kommune und Arbeitsagentur gemeinsam um Hartz-IV-Empfänger und deren Familien kümmern: Rund 28 Prozent der „Kunden“ seien in den vergangenen beiden Jahren in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, Ausbildung oder selbstständige Tätigkeit vermittelt worden. Dabei gibt Jobcenter-Leiterin Ehrl zu bedenken, dass nur sechs Prozent der „erwerbsfähigen Leistungsberechtigten“ (so heißt ein arbeitstauglicher Hartz-IV-Empfänger im Fachjargon) als „marktnah“ eingestuft werden.

Maßnahmen über Maßnahmen

Um die restlichen 94 Prozent kümmere man sich intensiv, jeder „Kunde“ bekomme seinen eigenen „Maßanzug“ geschneidert: Qualifizierungsmaßnahmen, Maßnahmen zur sozialen Stabilisierung, Maßnahmen, in denen die Menschen wieder an regelmäßige Tagesabläufe und soziales Miteinander gewohnt würden… Von diesem Großteil der Jobcenter-„Kunden“ hätten rund zwei Drittel einen erhöhten Förderbedarf, dem restlichen Drittel fehle nur noch der letzte Funken, um ebenfalls wieder als „marktnah“ zu gelten, erklärt Anderlik die Verhältnisse. Und so freute man sich weiter – dass die Zahl der Jugendlichen, die auf ALG II angewiesen sind, gesunken ist, ebenso die Zahl der Neuanträge und die Zahl der Bedarfsgemeinschaften.

Ein Drittel sind Aufstocker

Dass unter den Leistungsempfängern jeder Dritte zumindest irgendwie doch arbeitet, fällt da fast unter den Tisch. Zugegeben: Für die Zahl der Aufstocker kann kein Jobcenter was, und das muss sich auch keine Kommune anheften lassen. Dennoch ist es symptomatisch für den aktuellen deutschen Arbeitsmarkt, dass ein gutes Fünftel der arbeitsfähigen Hartz-IV-Bezieher in irgendeiner Form einer Beschäftigung nachgeht, diese aber nicht zum Leben ausreicht. Darunter befinden sich auch Menschen, die mindestens einem Halbtagsjob nachgehen oder die trotz Vollzeitstelle nur knapp über der „magischen Grenze“ von 800 Euro Bruttogehalt liegen. Ein Großteil der Aufstocker verdient immerhin noch über 400 Euro monatlich. Wer auch immer den Kombi-Lohn einführen wollte und offiziell gescheitert ist, kann sich glücklich schätzen: Hier ist sie, die staatliche Lohnsubvention für prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

50 Prozent Langzeitarbeitslose

In Zukunft allerdings, so befürchtet Wolbergs, werden die Vermittlungszahlen nicht mehr ganz so glänzend sein: Die Fälle, die nach den bislang offenbar erfolgreichen Jahren übrig bleiben, seien der harte Kern der Langzeitarbeitslosigkeit: Alleinerziehende, Menschen aus schwierigsten sozialen Verhältnissen oder psychisch Kranke, denen selbst maßgeschneiderte Stabilisierungs- und Qualifizierungsmaßnahmen nicht auf die Schnelle weiterhelfen können. Langzeitarbeitslose mit ALG II-Bezug und mithin die schwierigen Fälle machen rund 50 Prozent der gesamten Arbeitslosen in Regensburg aus, 3.160 sind hier momentan als „erwerbsfähige Leistungsberechtigte“ beim Jobcenter registriert. Das zumeist auf ein Jahr beschränkte Arbeitslosengeld I bekommen aktuell 3.200 Menschen. Aber selbst die Aussicht auf eine schwierige Zukunft bringt „Schaiderlik“ nicht vom Optimismus ab. Auch in Regensburg sieht man: Männlich-weibliche Führungsduos sind derzeit einfach unschlagbar.

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Kommentare (8)

  • Neuromancerr

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    Bäh! Dieser anschauliche Artikel zeigt deutlich auf (wieder einmal) wie schäbig mit Menschen in Deutschland umgegangen wird. Arbeiten & trotzdem kaum überleben können – eine Schande.
    Deutschland mir graut vor Dir!

  • Free Speech

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    Na ja, wer sich auskennt, wird in die Jubelrufe gar nicht einstimmen können.
    Selbstverständlich wurden die Jugendlichen im Hartz IV Bezug weniger, weil in 2011 durch den Geburtenrückgang alleine seit 2006 über 500.000 Kinder weniger geboren wurden. Auch dass immer weniger Personen eingerechnet werden (wie z.B. über 58jährige plötzlich nicht mehr arbeitslos sind…), trägt seinen Teil zur Statistik-„Bereinigung“ bei.
    Frau von der Lügen hat ihren Laden nicht mehr im Griff!

  • BIAJ

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    Auf welcher Quelle beruhen eigentlich Ihre Angaben zu den Gesamtarbeitslosenquoten von 2,6 Prozent in der Stadt und im Landkreis Regensburg und 2,9 Prozent in der Stadt Regensburg im Januar 2012? Laut amtlicher Statistik der Bundesagentur für Arbeit betrug die Arbeitslosenquote (bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen) im Januar 2012 im Arbeitsagenturbezirk Regensburg 3,4 Prozent (nicht 2.6 Prozent) und in der Stadt Regensburg 4,9 Prozent (nicht 2,9 Prozent). Lediglich die genannte durchschnittliche Arbeitslosenquote im Bund entspricht der von der amtlichen Statistik genannten Arbeitslosenquote (7,3 Prozent). Dass viele faktisch Arbeitslose in dieser gesetzlich geregelten Statistik nicht erfasst sind, sei hier nur am Rande erwähnt.
    Paul M. Schröder
    Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ – http://www.biaj.de)

  • Hans-Adolf Herrmann

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    @ Free Speech
    Machen wir uns doch keine Sorgen wegen des Geburtenrückgangs; es sind sicher schon wieder im Mittelmeer Boote voller gutausgebildeter Leistungsträger zu uns unterwegs. Und wenn wir dann endlich die hochqualifizierten Fachkräfte aus den Asylantenheimen in den Arbeitsmarkt lassen, dann wird’s schon werden.

  • erik

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    ich möchte mich kritisch zu ihren Artikel äußern. Bitte bedenken sie, wenn sie Zahlen von der Arbeitsagentur wiedergeben, dass nicht die tatsächliche Lage wiedergeben. Viele Menschen erscheinen nicht einfach nicht mehr in der Statisik. Das gilt auch für Regensburg. Viele melden sich z.B. gar nicht Arbeitslos, weil man erst einen wegissen Zeitraum, ich glaube ein oder zwei Jahre, einbezahlt haben muss um einen Anspruch zu erhalten. Das trifft wohl insbesondere auf eine Studentenstadt wie Regensburg zu. Wenn man sich mal die Stellenangebote für die Region Regensburg ansieht, erkennt man schnell, dass die Zeitarbeit überwiegt und ein- und dieselbe Stelle von mehreren Zeitarbeitsfirmen beworben werden. Auch gibt es mehr als genug von Albi-Stellen, die zwar ausgeschrieben werden, aber nicht besetzt werden und über mehrere Monate in der Datenbank der Arbeitsagentur zu finden sind. Zum Schluss möchte ich sie noch fragen, wenn die Lage so toll ist wie von den Medien propagiert wird, wieso gibt es dann so viele Praktikanten und Akademiker unter den Zeitarbeitern. Ich glaube keiner Statistik mehr die von einer Behörde veröffentlicht wird, mich erinnert das schon sehr an die DDR. Danke das ich meine persönliche Meinung hier äußern durfte.

  • Hans-Adolf Herrmann

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    @ erik, 12.02.12 01:16
    Bitte keine Polemik gegen Zeitarbeit!
    Zeitarbeit ist das (Ausbeutungs-)Gebot der Stunde. Selbst staatstragende Werktätige wie etwa der regierende Hosenanzug mit den tiefroten Socken, oder auch Regensburgs härtestarbeitender OB, der Boom-Town-Generator und Weltkulturerbe-Propagandist, erschaffen letztlich in Zeitarbeitsverhältnissen ihre gemeinnützigen Politprodukte. Und wenn schon die Capital-Soziale-Union mit ihren minsterialen und parlamentarischen Zeitarbeitern die Chefin einer bayerischen, mittlerweile europaweit agierenden Zeitarbeitsfirma mit einem Orden des Frei-Statt-Bayern behängt, dann ist Zeitarbeit ein Gebot der Stunde!

  • erik

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    Zeitarbeiter sind in der Regel viel schlechter bezahlt als diejenigen mit Tarifvertrag! Die Mehrheit der Zeitarbeiter sind auch deutlich unter einem Jahr beschäftigt und fallen aus der Statistik (was von der Politik auch so gewollt war). Die Zahlen die Schaidinger und Anderlik hier verbreiten sind für mich typische Politiker und Beamten Propaganda und haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Wer sich die Mühe macht, sich die Lage z.B. in Oberfranken, Oberpfalz oder Niederbayern näher zu betrachten, der wird schnell feststellen, das die tatsächliche Lage mit den von der Arbeitsagentur propagierten Zahlen nicht übereinstimmen kann. Meiner Meinung sind die niedrigen Arbeitslosenzahlen der Selbsteinschätzung der CSU geschuldet besondere Wirtschaftkompetenz zu besitzen, die sie aber offenbar nicht hat siehe BayernLB, mit dem Ziel wiedergewählt zu werden aufgrund der niedrigen Arbeitslosenzahlen, die zuvor saftig manipuliert wurden.

  • erik

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    @FreeSpeech, Frau von der Lügen hat ihren Laden voll im Griff. Frau von der Lügen, Weise, Alt und Becker und all die Beamten dieser öffentlichen Einrichtung sind die Verantwortlichen für diese „Statisik-Bereinigung“, mit dem Ziel, aufgrund der nierigen (manipulierten) Arbeitslosenzahlen und den lauthals verkündeten Aufschwung (den es nicht gibt, weil z.B. in Bayern die Wirtschaft sei 6Jahren nicht mehr gewachsen ist) wiedermal ein dickes plus für den öffentlichen Dienst zu fodern. Arbeitsplatz auf Lebenszeit, alle ein bis zwei Jahre ein dickes Plus bei den Bezügen, davon können die meisten Zeitarbeiter, Nieriglöhner, Arbeitslose doch nur träumen, bis zum Rest ihres Lebens. Aber selber Schuld, denn wer sich nicht wehrt, der lebt nicht, der wird gelebt und wer sich wehrt, siehe Rumänien, der lebt besser und bewegt was.

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