SOZIALES SCHAUFENSTER

Archiv für 7. Februar 2012

Nur das Küsschen hat gefehlt. Ansonsten gaben sich Hans Schaidinger und Gabriele Anderlik ähnlich symbiotisch wie Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, fast möchte man sie – in romantischer Anlehnung an Merkozy – „Schaiderlik“ nennen. Beim Pressegespräch zum einjährigen Bestehen des Jobcenters am Dienstagvormittag überhäuften sich der Oberbürgermeister und die Chefin der Arbeitsagentur gegenseitig mit Lob für die tolle Zusammenarbeit und die noch viel tolleren Erfolge, schwelgten in alten Geschichten aus Zeiten, in denen man noch um die Zusammenarbeit von Kommunen und Arbeitsämtern bzw. -agenturen kämpfen musste; dagegen wirkten Bürgermeister Joachim Wolbergs und Jobcenter-Leiterin Birgitt Ehrl nicht nur winterbedingt blass.

Nur wenige „marktnahe Kunden“

In der Tat sind die Zahlen für den Agenturbezirk Regensburg überdurchschnittlich: Eine Gesamtarbeitslosenquote von 2,6 Prozent für Stadt und Landkreis und ein Prozentsatz von 2,9 Prozent für die Stadt (Stand: Januar 2012) liegen mehr als die Hälfte unter dem Bundesschnitt (7,3 Prozent). Das, so waren sich Schaiderlik und Wolbergs einig, liege nicht nur an der ganz hervorragenden Arbeit des Jobcenters, sondern auch an der boomenden Region. Begeisterung auch für die Vermittlungs- und Integrationserfolge des Jobcenters, also jener Stelle, in der sich Kommune und Arbeitsagentur gemeinsam um Hartz-IV-Empfänger und deren Familien kümmern: Rund 28 Prozent der „Kunden“ seien in den vergangenen beiden Jahren in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, Ausbildung oder selbstständige Tätigkeit vermittelt worden. Dabei gibt Jobcenter-Leiterin Ehrl zu bedenken, dass nur sechs Prozent der „erwerbsfähigen Leistungsberechtigten“ (so heißt ein arbeitstauglicher Hartz-IV-Empfänger im Fachjargon) als „marktnah“ eingestuft werden.

Maßnahmen über Maßnahmen

Um die restlichen 94 Prozent kümmere man sich intensiv, jeder „Kunde“ bekomme seinen eigenen „Maßanzug“ geschneidert: Qualifizierungsmaßnahmen, Maßnahmen zur sozialen Stabilisierung, Maßnahmen, in denen die Menschen wieder an regelmäßige Tagesabläufe und soziales Miteinander gewohnt würden… Von diesem Großteil der Jobcenter-„Kunden“ hätten rund zwei Drittel einen erhöhten Förderbedarf, dem restlichen Drittel fehle nur noch der letzte Funken, um ebenfalls wieder als „marktnah“ zu gelten, erklärt Anderlik die Verhältnisse. Und so freute man sich weiter – dass die Zahl der Jugendlichen, die auf ALG II angewiesen sind, gesunken ist, ebenso die Zahl der Neuanträge und die Zahl der Bedarfsgemeinschaften.

Ein Drittel sind Aufstocker

Dass unter den Leistungsempfängern jeder Dritte zumindest irgendwie doch arbeitet, fällt da fast unter den Tisch. Zugegeben: Für die Zahl der Aufstocker kann kein Jobcenter was, und das muss sich auch keine Kommune anheften lassen. Dennoch ist es symptomatisch für den aktuellen deutschen Arbeitsmarkt, dass ein gutes Fünftel der arbeitsfähigen Hartz-IV-Bezieher in irgendeiner Form einer Beschäftigung nachgeht, diese aber nicht zum Leben ausreicht. Darunter befinden sich auch Menschen, die mindestens einem Halbtagsjob nachgehen oder die trotz Vollzeitstelle nur knapp über der „magischen Grenze“ von 800 Euro Bruttogehalt liegen. Ein Großteil der Aufstocker verdient immerhin noch über 400 Euro monatlich. Wer auch immer den Kombi-Lohn einführen wollte und offiziell gescheitert ist, kann sich glücklich schätzen: Hier ist sie, die staatliche Lohnsubvention für prekäre Beschäftigungsverhältnisse.

50 Prozent Langzeitarbeitslose

In Zukunft allerdings, so befürchtet Wolbergs, werden die Vermittlungszahlen nicht mehr ganz so glänzend sein: Die Fälle, die nach den bislang offenbar erfolgreichen Jahren übrig bleiben, seien der harte Kern der Langzeitarbeitslosigkeit: Alleinerziehende, Menschen aus schwierigsten sozialen Verhältnissen oder psychisch Kranke, denen selbst maßgeschneiderte Stabilisierungs- und Qualifizierungsmaßnahmen nicht auf die Schnelle weiterhelfen können. Langzeitarbeitslose mit ALG II-Bezug und mithin die schwierigen Fälle machen rund 50 Prozent der gesamten Arbeitslosen in Regensburg aus, 3.160 sind hier momentan als „erwerbsfähige Leistungsberechtigte“ beim Jobcenter registriert. Das zumeist auf ein Jahr beschränkte Arbeitslosengeld I bekommen aktuell 3.200 Menschen. Aber selbst die Aussicht auf eine schwierige Zukunft bringt „Schaiderlik“ nicht vom Optimismus ab. Auch in Regensburg sieht man: Männlich-weibliche Führungsduos sind derzeit einfach unschlagbar.
Kein Sozialplan für Beschäftigte?

Schuma Frucht macht dicht!

Der wegen seiner Arbeitsbedingungen ins Gerede gekommene Früchtegroßhändler Schuma GmbH schließt zum Ende des Monats seinen Betrieb. Der Regensburger Arbeitsrechtler Fabian Riechers bezeichnet das Vorgehen der Geschäftsführung und die dahinter stehende Begründung als „sehr seltsam“. Kommende Woche wird vor Gericht darüber gestritten, ob die Beschäftigten Anspruch auf einen Sozialplan haben.

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