Konferenz an der Uni Regensburg: Warum gehorchst du – auch gegen deinen Willen?
Von 9. bis 11. September 2026 findet eine Tagung an der Uni Regensburg und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg statt. Sie bringt Psychologie, Geschichtswissenschaft und Erinnerungskultur zusammen. Die Wissenschaftlerinnen zeigen, wie sie Gehorsam erforschen. Historikerinnen und Psychologinnen stellen sich dabei dieselbe Frage: Warum gehorchen Menschen – trotz grausamer Befehle?

Führte das bis heute bekannteste und umstrittene Experiment zu Gehorsam durch: Stanley Milgram. Foto: Wikimedia Commons
Die Roten Khmer in Kambodscha haben es getan und die Hutus in Ruanda auch. Aber niemand war dabei so gründlich wie die deutschen Nationalsozialisten. Im 20. Jahrhundert wurden Abermillionen von Menschen bei Völkermorden getötet. Man spricht vom „Jahrhundert der Gewalt“, das ein endloser Fluß aus Blut durchzieht. Warum sind Menschen zu so etwas fähig?
Diese Frage beschäftigt Wissenschaftlerinnen weltweit – auch an der Universität Regensburg. Der Sozialpsychologe Dr. Felix Götz forscht dazu. Zusammen mit dem Historiker Dr. Michael Rösser organisiert er eine internationale Tagung zum Thema Gehorsam. Unter dem Titel: „Obedience to Authority: Milgram’s Legacy and Emerging Directions“ setzen sich über 30 internationale Psychologinnen und Historikerinnen mit dem Phänomen auseinander.
Was ist Gehorsam? Und wie erforscht man ihn?
„In der Psychologie wird Gehorsam als Bereitschaft verstanden, den Forderungen einer Autoritätsperson selbst dann nachzukommen, wenn diese mit den eigenen Wertvorstellungen in Konflikt stehen“, erklärt Götz.
Die Gehorsamsforschung beginnt in den 1950er Jahren. Die Theorie zur Autoritären Persönlichkeit von Adorno und Kollegen bildet das Fundament. Sie fragt: Wie sind Menschen beschaffen, die antidemokratische und faschistische Einstellungen ausbilden?
Stanley Milgram baut 1961 darauf auf. In seiner berühmten Gehorsams-Studie soll ein Proband sein Gegenüber mit Stromschlägen bestrafen, falls dieser bei einer Gedächtnisübung falsch antwortet. Die Bestraften waren allesamt Schauspieler, was die Probanden jedoch nicht wussten. Mehr als Zweidrittel der Probanden gehorchten bis zum Schluss den Befehlen des Versuchsleiters.
Mittlerweile gibt es Kritik am Milgram-Experiment. Beispielsweise sei es den Menschen ethisch nicht mehrzumutbar oder technisch kein Experiment, weil eine Kontrollgruppe fehle, erklärt Götz. Trotzdem orientieren sich heutige Experimente daran – auch sein eigenes.
Die Käferzerstörungsaufgabe
Der Sozialpsychologe erklärt: „Das Experiment ist sozusagen doppelt zweigeteilt.”
1. Es gibt zwei Gruppen: die Experimental- und die Forschungsgruppe. Beide sollen Käfer in einer elektrischen Kaffeemühle zermahlen. Dabei ist die Mühle so manipuliert, dass die Käfer nicht wirklich sterben. Zum Vergleich müssen die beiden Gruppen zwei weitere Gegenstände zermahlen, unter anderem Kaffeebohnen. Um den inneren Konflikt sichtbar zu machen, der der Zerstörung zu Grunde liegt.

Die Käferzerstörungsaufgabe. Bild: Uni Regensburg
2. In der Experimentalgruppe wurden die Versuchspersonen angewiesen, die Objekte ebenso wie die Käfer in der Kaffeemühle zu zerstören.
3. In der Kontrollgruppe wurden die Versuchspersonen immer wieder daran erinnert, dass die Entscheidung bei ihnen selbst liegt.
Die Ergebnisse zeigen, dass mehr Teilnehmerinnen in der Experimentalgruppe dazu bereit waren, die Käfer zu töten, als in der Kontrollgruppe. Zudem berichteten alle Versuchspersonen von mehr Aufregung und Unbehagen nach der Käferzerstörungsaufgabe, verglichen mit den anderen Aufgaben.
4. Außerdem untersuchten die Forscherinnen den Konfliktlösungsprozess. Sie haben die Hautleitfähigkeit der Versuchspersonen gemessen, um das Aufregungsniveau zu ermitteln. Dabei zeigten gehorsame Teilnehmerinnen nach der Käferzerstörung einen Anstieg der Hautleitfähigkeit. Ungehorsame Versuchspersonen zeigten hingegen keinen. Zusätzlich wurden die Versuchspersonen gefragt, wie sie zu ihren Taten stehen? Die meisten Gehorsamen bekundeten Verantwortung für den vermeintlichen Tod der Käfer.
Die Ergebnisse des Experiments
Die Frage warum Menschen gehorsam sind, konnte mit den Experimenten noch nicht geklärt werden. Aber die Forscherinnen bieten eine neue Hypothese: Menschen neigen dazu mit anderen zusammenarbeiten, selbst wenn sie dabei nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Zusätzlich formulierten die Wissenschaftlerinnen zwei weitere Impulse. Menschen scheinen sich einer anfänglichen Zustimmung selbst dann verpflichtet zu fühlen, wenn die Konsequenzen ihren eigenen Interessen schaden. Außerdem sollte die fehlende Verweigerung nicht mit einem Ausdruck von individuellem, „freien Willen” verwechselt werden.
Der Stargast aus Belgien

Emilie Caspar hat das Milgram-Experiment weiterentwickelt.
Auch Prof. Dr. Emilie Caspar von der Universität Gent aus Belgien hat das Milgram-Experiment weiterentwickelt. Sie forscht zu Genoziden. An ihrem Lehrstuhl versucht sie herauszufinden, was im Gehirn passiert, wenn Menschen befohlen wird, Angehörigen von anderen Gruppen Schmerz zuzufügen – oder sie gar zu töten. Probanden, die im Hirnscanner lagen, mussten anderen Probanden leichte Stromschläge verabreichen. Mal auf Befehl, mal konnten sie Geld verdienen.
„Wir konnten beobachten, dass mehrere neurokognitive Prozesse verändert sind, wenn Menschen Befehlen gehorchen“ sagt die Forscherin in einem SWR-Interview. Man sehe zum Beispiel bei bildgebenden Verfahren, dass das Gehirn weniger empathisches Schmerzempfinden erzeuge, wenn Menschen dem Opfer einen Stromschlag auf Befehl versetzten – verglichen mit der Hirnreaktion bei einer freien Entscheidung. Das sei erstaunlich, weil die Schocks vollkommen gleich seien. Trotzdem empfinde ihr Gehirn die Schocks als weniger schmerzhaft, wenn vorher eine Autoritätsperson entschieden habe, die Handlung auszuführen.
Sie ist eine der beiden Hauptrednerinnen. Und hält am 10. September um 9 Uhr einen öffentlichen Vortag im Hörsaal 24 des Vielberth-Gebäudes der Universität Regensburg.
Interdisziplinäre Forschung – Vom Labor zur Geschichte und zurück
Seit Milgram wisse man, dass viele gewöhnliche Menschen bereit seien Autoritäten auch dann zu folgen, wenn andere zu Schaden kämen, so Dr. Götz. Heute interessiere jedoch weniger die Frage, ob Menschen gehorchten, sondern vielmehr: Wie werden Menschen zu Beteiligten an moralisch verwerflichen Handlungen? Wie entstehen Systeme der Gewalt? Und: was ermöglicht Widerstand?
„Um diese Fragen beantworten zu können, sollten Psychologie und Geschichtswissenschaft – und perspektivisch vielleicht auch weitere Disziplinen – stärker miteinander ins Gespräch kommen“ fasst Götz den Zweck der Tagung zusammen.
Die Regensburger Konferenz verfolgt einen bewusst zweistufigen wissenschaftlichen Ansatz. Während der ersten beiden Konferenztage diskutieren Psychologinnen und Neurowissenschaftlerinnen aktuelle Entwicklungen der Gehorsamsforschung. Historikerinnen begleiten diese Diskussionen von Beginn an und bringen ihre Perspektiven ein. Gemeinsam mit den Psychologinnen bereiten sie den dritten Konferenztag vor.
Wie Geschichte auf Gehorsam blickt
Die Geschichtswissenschaft hat die Vorstellung von einfachen Befehlsketten längst weiterentwickelt. Forschungen zeigen, dass Menschen sich weder allein aus ideologischer Überzeugung noch nur aus unmittelbarem Zwang an Gewalt – und Massenverbrechen beteiligen. Das Phänomen ist wesentlich komplexer, viele Faktoren spielen eine Rolle: Beispielsweise situative Zwänge, Gruppendruck, organisatorische Arbeitsteilung, routinierte Abläufe und die Bereitschaft erwartete Wünsche von Vorgesetzten vorwegzunehmen.
„Wenn die Sozialpsychologie deduktiv vorgeht und nach Modellen von Gehorsam fragt, geht die Geschichtswissenschaft induktiv vor und untersucht einzelne Phänomene“ erklärt der Historiker Dr. Michael Rösser. Er forscht unter anderem zur Geschichte der Firma Messerschmitt. Außerdem ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an Zentrum Erinnerungskultur der Universität Regensburg und einer der federführenden Organisatoren.
Die Militärhistorikerin Prof. Dr. Tanja Bührer von der Universität Salzburg spricht für die Geschichtswissenschaften. Sie forscht unter anderem zur Geschichte der Gewalt. Ihr öffentlicher Vortrag ist direkt im Anschluss an Emilie Caspar. Sie referiert über historische Perspektiven zu Gehorsam. Die Themen sind unter anderem Autorität, Gewalt und militärische Organisationen.
Gedenkstätte KZ-Flossenbürg: Wo Gehorsam erlebbar wird
Der dritte Konferenztag findet in Zusammenarbeit mit dem Zentrum Erinnerungskultur an der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg statt. Dort stehen Forschungen zu Täterschaft, organisatorischen Strukturen der NS-Gewalt und Formen des Widerstands im Mittelpunkt. Der Gedenkstättenleiter Prof. Dr. Jörg Skriebeleit führt die Wissenschaftlerinnen durch das ehemalige Konzentrationslager.

Zwischen 1938 und 1945 waren über 100.000 Menschen im KZ-Flossenbürg inhaftiert.
Im Anschluss diskutieren Historikerinnen und Psychologinnen gemeinsam, wie sich experimentelle Erkenntnisse aus der Psychologie mit historischen Analysen in Beziehung setzen lassen. Und welche neuen Fragen historische Forschung an psychologische Modelle von Gehorsam stellt. Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg bildet den wissenschaftlichen Höhepunkt der Konferenz. Dort kann man erleben, wie eng Gehorsam und deutsche Geschichte verbunden sind.
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