Diskussion an der Uni Regensburg

Ehemaliger Neonazi packt aus – nur was?

Die Friedrich-Ebert-Stiftung lädt zur Podiumsdiskussion: Manuel Bauer, ehemaliger aktiver Neonazi, Günther Kohl, Regionalbeauftragter für Demokratie und Toleranz, und Thomas Witzgall, Endstation RECHTS. Und sie sind alle gekommen, die Studenten. Was bleibt ist ein schaler Nachgeschmack und die Frage, wie man sich des Problems „Neonationalsozialismus“ annehmen soll. Er ist wohl das, was man einen Charakter nennt, eine Biografie mit Brüchen. Früher, sagt er, war er stark, kräftig und durchtrainiert, „heute bin ich noch ‚und’“. Manchmal versteht man ihn etwas schlecht, wenn er schnell spricht und die Worte verschluckt. Daran merkt man, dass es ihm ernst ist, dass ihm wichtig ist, das zu sagen was er zu sagen hat. Und es ist wichtig – eigentlich. Manuel Bauer war schon bei Günter Jauch, hat dort im November seine Geschichte erzählt. Jetzt ist er auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung nach Regensburg gekommen, um auch hier persönliche Einblicke in die rechtsradikale Szene zu liefern.

Eine Szene ist eine Szene, ist eine Szene…

Etwa indem er davon berichtet, dass die Bundesrepublik von einem regelrechten Geflecht von rechtsradikalen Vereinen und Kameradschaften unterwandert sei. Davon, dass staatliche und öffentliche Organe von der Neonazi- Szene „infiltriert sind“. Oder wenn er von der „rechtsradikalen Industrie“ erzählt, die mit Kleidung und Musik die Sehnsucht der Jugendlichen nach Identität und Gruppenzugehörigkeit stillt, sie so für die braune Sache gewinnt und gleichzeitig auch Gelder für die Szene abgreift. Das Wort „Szene“ – es wird an diesem Abend ziemlich überstrapaziert. Das allein zeigt, wie undurchsichtig dieses Gefüge aus braunen Vereinigungen und Vereinen tatsächlich ist, wenn schon ausgewiesene Experten immer wieder zu diesem vagen Begriff greifen.

Ehemaliger Neonazi packt aus – nur was?

„Ehemaliger Neonazi packt aus! Demokratie stärken – Rechtsradikalismus bekämpfen“. Das ist der Titel der Podiumsdiskussion, aber irgendwie bleiben beide Ankündigungen hinter den Erwartungen zurück. Die Einblicke, die Bauer liefert, wirken allgemeingültig. „Die Szene wird ich über die Jahre ändern“, meint er etwa. Auch künftig werde man sich mit den Rechtsradikalen beschäftigen müssen, vor allem damit, dass sie sich immer auf neuen, zeitgemäßen Wegen nähern. Als Beispiel nennt Bauer „nationale Widerstandshacker“, die in absehbarer Zeit ganz nach dem Vorbild der Anonymous-Bewegung arbeiten würden. Oder auf den bereits bekannte Wegen, etwa, indem man sich als Bürgerinitiative tarnt. Es ist nicht neu, dass die Rechten den Kampf um die Köpfe auch gezielt ins Zentrum der Gesellschaft tragen wollen, aber es wäre interessant, wenn Bauer dazu konkrete Beispiele aus seiner Erfahrung liefern würde. Das tut er selten. Vielleicht, weil es keine schönen Erinnerungen sind, etwa wenn er erzählt, dass er seine Mutter „körperlich attackiert“ habe. Vielleicht auch, weil er das Ganze irgendwie allgemeingültig erklären will. Konkret wird da eher Thomas Witzgall, der über das Treiben rechter Kameradschaften in der Oberpfalz berichtet. Aber das wäre eine eigene Veranstaltung wert. Auch wie man gegen die rechten Strömungen effektiv vorgehen soll, bleibt nach der Veranstaltung ungeklärt. Zwar versuchen die Anwesenden Lösungsvorschläge zu formulieren, aber die bleiben genauso allgemeingültig und vage wie die Schilderungen vorher.

Die Bildung soll es richten…

Die Universalantwort der Diskussionsteilnehmer: „Bildung“. Darüber könne man das Halb- oder Garnicht-Wissen der Rechten bekämpfen. Klingt erstmal gut. Schließlich hat auch Bauers Ausstieg damit begonnen, dass sein Wille zum persönlichen informieren geweckt worden sei. Aber abseits der persönlichen Bereitschaft der aktiven Rechtsradikalen, sich selbst zu informieren, die wohl in den meisten Bereichen gering sein dürfte, sieht das Bild düster aus. Günter Kohl fordert zwar, dass die Bildung hier in der Verantwortung sei, dass man auch im Lehrbetrieb an den Schulen ansetzen müsse und die Lehrer gefragt seien, mit Projekten an der Schule und der Auseinandersetzung mit dem Thema im Klassenzimmer viel bewegt werden könne. Er spricht von „Lehrerfortbildungen“, „Schulprojekten“, „einer Schulkultur, die auf ein die auf ein Miteinander abzielt“. Das alles könnte genauso gut im Zusammenhang mit der Reform des Schulwesens gefallen sein. Und wenn Lehrkräfte engagiert sind – so wie Kohl – mag das klappen. Die Institution Schule, das Kultusministerium, tut hier allerdings wenig, um solches Engagement zu unterstützen. Der Schulbetrieb in Bayern ist bereits jetzt durch Lehrermangel beeinträchtigt. Da erscheint es unwahrscheinlich, dass die überforderten Schulen auch noch in die Pflicht im Kampf gegen den Rechtsradikalismus genommen werden können, solange es nicht mehr Gelder für solche Projekte oder generell für mehr Stellen gibt.

Politik glänzt mit Abwesenheit

Dass die Politik das Problem tatsächlich ernst nimmt, ist zumindest fraglich. Bezeichnend, dass von der städtischen Politik anscheinend nur die Landtagsabgeordnete Margit Wild den Weg zur Uni Regensburg gefunden hat. Aber da befindet sich Regensburgs politische Kaste in guter Gesellschaft: auch die lokalen Medien glänzen durch (fast vollständige) Abwesenheit. Ganz im Gegensatz zu den Studenten, von denen mehr als 150 gekommen sind, den anstehenden Prüfungen zum Trotz. Die werden wohl wie ich, mit einem flauen Gefühl im Magen heimkehren. Und der Erkenntnis, dass man abseits hehrer Ziele und frommer Wünsche offensichtlich noch keine handfesten Konzepte im Kampf gegen den Rechtsextremismus im Arsenal hat.

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Kommentare (6)

  • Veronika

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    Schön und gut, aber wie ich erst heute wieder erfahren habe, interessiert es die staatlichen Stellen sehr wenig, in welchen Unternehmen etc. die „braune Scharr“ deren Geldmittel für bestimmte Zwecke deponiert haben könnten. Undurchsichtige Firmenkonglomerate, welche sich dafür hervorragend eignen dürften, werden hier von irgendeiner Seite sehr gut „beschützt“. Dabei dürfte sich gerade in diesen das Geld befinden, von dem auch die Ewiggestrigen zehren. Vor einer „nationalen Hackertruppe“ jedoch brauchen wir wohl kaum Angst haben. Wenn die sich wie Anonymous verhalten wollen, dann sind die neben Anonymous sehr bald auch dem Radar ausländischer Dienste, und dürften nicht mehr viel anrichten können.

  • Roland Hornung

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    Liebe Veronika,

    an eine wirklich organisierte „nationale Hackertruppe“ glaube ich auch nicht, die wären sofort im Radar gewisser Behörden. Weit gefährlicher sind die „Nazis in Nadelstreifen“, Typen, die eine gute Position als Deckmäntelchen benutzen, um ihr übles Tun leichter bewerkstelligen zu können. Manuel Bauer macht schon gute Arbeit, sehr gut natürlich sind auch Thomas Witzgall und Dr. Angerstorfer und viele andere. Es genügt nicht, nur zu berichten, wichtiger noch ist es, allem faschistischen und antisemitischem Tun ganz energisch entgegen zu treten und „positive Verstärkung“ voll anzuwenden.

    Beispiele positiver Verstärkung: „Vielfalt tut gut“, viele Kulturen unterstützen, über andere Menschen und andere Länder und andere Kulturen erzählen, Migranten unterstützen und integrieren. Denn nichts ärgert Rechtsextreme und Antisemiten mehr, als wenn ihr „Feindbild“ positiv bei den Leuten ankommt und ihre Hetzerei somit abprallt.

    „Immunisierung gegen Rechtsextremismus und gegen Antisemitismus“ nenne ich das mal. Wir machen das täglich!

    Besonders positiv erwähnenswert ist hier auch Jörg Aharon-Fischer, ebenfalls ein „Aussteiger“ aus der Neonazi-Szene, der auch schon in Regensburg (und anderswo, und im internet) massiv aufklärte. PRIMA, Jörg, und danke !

    Außerdem hat er mit „Kadima“ und „HaOlam“ hervorragende Plattformen, auf denen sehr gut und sehr ausführlich das Judentum erklärt wird und somit üblen Vorurteilen vorgebeut wird. PRIMA !

    Roland Hornung

  • Jürgen Huber

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    ich habe mit verlaub den autor bei VIELEN anderen veranstaltungen zu dem themen-komplex nazismus auch nicht gesehen. was soll der allgemeine anwurf, dass die politik (wer soll das sein?) sich nicht damit beschäftigt? ich beschäftige mich seit 40 jahren mit dem thema, die GRÜNEN seit ihrem bestehen vor 30 jahren, nur eben nicht immer und überall wo jemand eine vielleicht zweifelhafte aussteiger-show (wie bei Jauch) abliefert. hier war eben MdL Margit Wild dabei, die aber auch nicht immer und überall anwesend sein kann. eigentlich logisch, oder? ich gehe jedenfalls auch auf SPD -veranstaltungen, wenn ich kann und sinn drin sehe
    mit antifaschistischen grüssen
    jürgen huber

  • StuhloderSessel

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    @huber
    Natürlich haben Sie Recht.

    Regensburg-digital scheint allerdings bei den beiden an diesem Abend stattfindenden Veranstaltungen gewesen zu sein.
    Hr. Aigner bei der hervorragenden Veranstaltung zum VS im Lederer und Hr. Riehl an der Uni. Deshalb mag ich diese Zeitung.

  • Hans-Adolf Herrmann

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    Woher bekommen unsere gutmenschelnden Volks- (äh) Bevölkerungsaufklärer eigentlich immer diese Nazi – Aussteiger – Typen her?
    Der schaut ja aus wie der Kantinenwirt vom SPD – Fraktionsbierkellerstübchen im Maximilianeum; deswegen wohl auch die Anwesenheit der Wolbergs – FanIn Margit Wild. Oder war der Referent ein ehemaliges Objekt ihrer heilpädagogischen Tätigkeit?
    Welche Zielgruppe soll den wählen? Ist das die (jetzt ehemalige) Gefahr von Rechts? Na, dann muß die schweigende Mehrheit des Volkes/der Bevölkerung noch lange auf Zugkräftiges von Rechts warten: selbst dem Redakteur war nicht klar, „was der ehemalige Neonazi auspackte“.
    Aber dessen „Packungsinhalt“ (nicht im Schmerbauch, sondern im Schwollkopf) ist auch gar nicht wichtig. Hauptsache der EURO rollt für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Rechts – Aussteiger und deren sozialwissenschaftliche BetreuungsbetütelerInnen.
    In diesem Zusammenhang sollte sich die gastgebende Friedrich – Ebert – Stiftung nach einem anderen namensgebenden Schutzpatron umsehen. Das was jener Reichspräsident zurecht über bestimmte Angehörige der französischen Besatzungstruppen im Ruhrgebiet seinerzeit sagte, würde jenen heutzutage selbst aus dem Seeheimer Kreis hinauskatapultieren.

    @ Roland Hornung
    „Prima“, Roland, „und danke“ und nochmals „PRIMA“!
    Warum klingt das immer so theatralisch oder eher rosa?

  • Veronika

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    @Roland_Hornung: Kann ich voll und ganz zustimmen!
    Mit bereitet auch eher Sorge, dass die „Nadelstreifen-Träger“ dieser Fraktion leicht übersehen werden könnten, weil diese sich in ganz anderen Sphären als die offensichtlich Grölenden bewegen! Deshalb braucht man Vielfalt, weil sich dann auch diese Klientel leichter zu erkennen gibt.

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