Buchbesprechung: "Schandzeit in Regensburg 1933 – 1945"

Der gesetzlich geregelte Raubzug an Juden

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lNach ihrem Buch zur Zerstörung der Regensburger Synagoge hat die Journalistin Waltraud Bierwirth ein weiteres Werk zur jüdischen Stadtgeschichte vorgelegt: Schandzeit Regensburg 1933 – 1945.

Zehn Tage nach dem die ersten Regensburger Juden und Jüdinnen am 4. April 1942 deportiert wurden, zeigte sich der Bürgermeister und SS-General Otto Schottenheim in einem Brief besorgt:

„Ich bin der Meinung, dass alles geschehen muss, um die dadurch aufgetretene Beunruhigung der Bevölkerung und die damit verbundene Mehrbelastung der Behörden so rasch als möglich zu beheben.“

Warum waren die Regensburger beunruhigt, worin bestand die Mehrbelastung? Die Unruhe resultierte nicht etwa aus dem ungewissen Schicksal der Deportierten und die Belastung nicht aus Protesten oder Anzeigen. Er ging um „Judengut“. Um Häuser, Wohnungen, Besitz der Deportierten und um die Begehrlichkeiten seitens der Regensburger Christen und „Deutschgläubigen“.

Gierige Bevölkerung sorgte für Mehrbelastung der Behörden

Den Brief Schottenheims fand Waltraud Bierwirth im Zuge ihrer Recherchen für ihr unlängst erschienenes Buch „Die Firma ist entjudet“ Schandzeit in Regensburg 1933 – 1945 in den teils von ihr erstmals ausgewerteten Akten der Oberfinanzdirektion Nürnberg. Dorthin, an den für Regensburg zuständigen Oberfinanzpräsidenten, hatte ihn der Regensburger Bürgermeister am 14. April 1942 geschickt.

Schottenheim schrieb damals, durch die „ erfolgte Evakuierung von 119 Juden sind in Regensburg rd. 30 Judenwohnungen frei geworden; 9 judeneigene Häuser mit 13 Wohnungen“, die in das Eigentum des Reiches übergegangen seien. Wegen der hiesigen großen Wohnungsnot habe „eine außerordentlich rege Nachfrage nach den frei gewordenen Judenwohnungen eingesetzt, die eine überaus große Zahl von Wohnungsgesuchen, verbunden mit einem sehr starken Parteiverkehr beim Finanzamt Regensburg, bei der Polizeidirektion Regensburg und beim Oberbürgermeister ausgelöst hat.“

Eine gierige Bevölkerung produzierte also eine ungewünschte Mehrbelastung der Behörden, die beseitigt werden musste. Dies könne, so Schottenheim, nur

„dadurch erreicht werden, dass die in den Judenwohnungen zurückgebliebenen und zur Verfügung des Reiches stehenden Einrichtungsgegenstände mit größter Beschleunigung entfernt und veräußert werden. Ich bitte, dem hierfür zuständigen Finanzamt Regensburg baldmöglichst entsprechende Weisungen zu erteilen.“

Spektakuläre Funde

Nazi-Oberbürgermeister Otto Schottenheim (hier um 1934). Quelle: Wikipedia

Nazi-Oberbürgermeister Otto Schottenheim (hier um 1934). Quelle: Wikipedia

Schottenheims Brief von 1942 war, so Bierwirth, ein „Zufallsfund“. Ebenso die Berichte der Regensburger Gestapo von Mai 1943 über die Verhaftung und Beraubung von 36 Sinti und Roma, die in Regensburg und in Orten der Oberpfalz und Niederbayerns wohnten. Diese Funde kann man getrost als spektakulär bezeichnen. Allen bisherigen Forschungen blieben sie bislang verborgen, oder sie haben sich nicht dafür interessiert.

Bierwirth untersuchte für ihr Buch neben den Akten zu 44 „Arisierungsverfahren“ der Regierung der Oberpfalz über 200 „Steuerakten rassisch Verfolgter“, die das Finanzamt Regensburg ins Staatsarchiv nach Amberg übergab. Die Finanzämter nahmen beim Raubzug eine wesentliche Rolle ein.

Im Kapitel „Jüdisches Leben unter dem Hakenkreuz bis 1938“ beschreibt sie die Lebensbedingung der jüdischen Gemeinde nach „der Machteinsetzung Hitlers“ vom 30. Januar 1933. Der Terror gegen Juden ging in Regensburg schon vor dem sogenannten April-Boykott der jüdischen Geschäfte los.

Ende März wurden 107 Personen, darunter etliche Frauen, in sogenannte „Schutzhaft“ genommen. Die meisten wurden am nächsten Tag entlassen, mehrere tagelang, manche monatelang festgehalten. Laut Bierwirth war die treibende Kraft für diese willkürliche Machtdemonstration der Polizeidirektor Hans Georg Hofmann. Unter den am längsten inhaftierten war der Rechtsanwalt und Vorstand der jüdischen Gemeinde Fritz Oettinger. Oettinger, der seit 1924 für die Deutsche-Demokratische-Partei im Stadtrat gesessen war, durfte erst nach sechs Monaten das Gefängnis in der Augustenburg verlassen.

Kaufkräftige Arisierungsprofiteure

Ein Bürgermeister und Spezlwirtschafter für jedes System: Hans Herrmann kurz vor seinem Tod im Jahr 1959. Foto: Stadt Regensburg

Ein Bürgermeister und Spezlwirtschafter für jedes System: Hans Herrmann kurz vor seinem Tod im Jahr 1959. Foto: Stadt Regensburg

Bierwirth greift das Beispiel des Rechtsanwalts Oettinger mehrfach auf und schildert auch das Schicksal seiner Frau Elsa und seiner Kinder Lotte und Paul. Im Zuge des Pogroms vom November 1938 wurde ihre Wohnung verwüstet, er verhaftet und gezwungen am sogenannten „Schandmarsch“ teilzunehmen. Im Anschluss daran wurde Fritz Oettinger nach Dachau verschleppt und im dortigen Konzentrationslager gefangen gehalten. Während dieser Zeit stellte das Regensburger Finanzamt seiner Frau Elsa einen „Sicherheitsbescheid“ über 180.000 RM zu: „Für gegenwärtige und zukünftige Ansprüche auf Reichsfluchtsteuer“. Nachdem Oettinger im Dezember aus dem KZ Dachau entlassen wurde, lagen bereits weitere Forderungen des Finanzamtes vor. In der Vorbereitung der Emigration versuchte die Familie Oettinger ihren Immobilienbesitz zu verkaufen, um die aufgelaufenen Schulden zu begleichen. Diese Notsituation habe sich unter den kaufkräftigen Arisierungsprofiteuren“ – darunter die Brauereibesitzereheleute Kneitinger – herumgesprochen, wie Bierwirth ausführt.

Da an allen damaligen Grundstücksübertragungen der rechtskundige Bürgermeister Hans Herrmann beteiligt war, trat er auch in der Affäre Oettinger auf und verhinderte im Sommer 1939 den Immobilienverkauf mit fadenscheinigen Gründen. Damit verzögerte sich auch die bereits beantragte Emigration des Oettingers über England nach Palästina. Nachdem der Verkauf endlich möglich wurde, blieb vom eigentlich vereinbarten Verkaufspreis von 78.000 RM unterm Strich fast nichts mehr übrig: Die Forderungen des Finanzamtes, die Reichsfluchtsteuer und die sogenannte Judenvermögensabgabe hätten alles aufgezehrt, so Bierwirth. „Mit 10 Mark in der Tasche“ haben die Eheleute Oettinger im August 1939 Deutschland verlassen.

Als 74jähriger kehrte Oettinger 1959 zusammen mit seiner Frau aus Israel nach Deutschland zurück und lies sich in München als Rechtsanwalt nieder.

Die Rolle von NS-Bürgermeister Herrmann

Bierwirths großes Verdienst ist es, etwa mit der Schilderung des Schicksals der Familie Oettinger den Leidensweg Regensburger Juden spannend und berührend zu schildern und dabei auch die Rolle des NSDAP-Mitglieds und SS-Förderers Hans Herrmann einfließen zu lassen. Aus Bierwirths Schilderungen kann man schließen, dass Herrmann die Spezl-Wirtschaft auch im Nationalsozialismus nicht versäumt hat.

Mehrfach wird sein durchgängig gegen entrechtete Juden gerichtetes willkürliches Amtshandeln geschildert. Anders die Arbeit von Siegfried Wittmer (Regensburger Juden, 1996, entlohnt und herausgegeben vom Archiv der Stadt). Darin wird die integrale Tätigkeit von Hans Herrmann im Zuge der „Arisierungen“ komplett ausgeblendet und stattdessen seine medial verbreiteten Schutzbehauptungen aus den Entnazifizierungsverfahren, er habe den jüdischen Friedhof vor der Zerstörung und den Begehrlichkeiten der Nazis bewahrt, wiederholt.

HJ-Kundgebung auf dem Moltkeplatz am 10. Mai 1941 Foto: Stadt Regensburg

HJ-Kundgebung auf dem Moltkeplatz am 10. Mai 1941 Foto: Stadt Regensburg

Für das Kapitel „Das Pogrom vom 9. November 1938“ kann sich Bierwirth auf ihr erstes Buch „Das Novemberpogrom und der lange Weg zu einer neuen Synagoge“ (erschienen im wahlhallanet-Verlag) stützen. Dieses hat sie zusammen mit ihrem Mann Klaus Himmelstein bereits 2013 publiziert und damit ebenso eine Lücke in der Regensburger Lokalgeschichtsschreibung geschlossen.

In einem kurzen Abschnitt zu „Euthanasie: Der Mord an jüdischen Kranken“ spricht die Autorin am Beispiel der „altersverwirrten“ 69jährigen Jette Jordan ein in Regensburg kaum beschriebenes Thema an: Die antisemitisch motivierte Tötung der jüdischen Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll. Zwölf Juden und Jüdinnen wurden laut Bierwirth im September 1940 über Eglfing-Haar nach Schloß Hartheim nahe Linz verbracht und dort mit Kohlenmonoxid-Gas getötet.

Die gewöhnlichen Leute bleiben blass

Was von Waltraud Bierwirth kaum ausgebreitet wird, ist das Verhalten der gewöhnlichen Regensburger und Regensburgerinnen. Diese zahlenmäßig größte Gruppe bleibt bei ihr relativ zu den aktiven Nazifiguren und eigentümlich blass. Während sie im bereits erwähnten Werk Siegfried Wittmers bis zum Überdruss positiv und weißgewaschen herausgeputzt wird.

Von den deutlich umschriebenen „Arisierungsprofiteuren“ abgesehen könnte man bei Bierwirth ab und an meinen, das Verhalten der gewöhnlichen Regensburgerinnen und Regensburger sei vor allem ein Resultat der Nazipropaganda gewesen. Womöglich ist dieser (falsche?) Eindruck auch den von der Autorin herangezogenen Quellen geschuldet, in denen das Verhalten ebendieser großen Gruppe wahrscheinlich keinen Niederschlag gefunden hat.

Nicht nur das Verhalten der „gewöhnlichen Leute“ ist in Regensburg bislang nicht historisch ausgeleuchtet worden. Auch die Rolle der katholischen Kirche, ihrer Hierarchen und Publikationen gehört in diesem Zusammenhang als massive Lücke angesprochen. Die wenigen vorliegenden Arbeiten von kirchenloyalen und kirchenabhängigen Autoren haben in dieser Hinsicht mehr ver- als aufgedeckt.

Nicht nur Nazi-Blätter hetzten

Um konkrete einschlägige Beispiele dafür zu nennen:

Bischof Michael Buchberger.

Rechtfertigte den Raubzug an den Juden: Bischof Michael Buchberger.

Nicht nur einschlägige Naziblätter hetzten anlässlich des April-Boykotts von 1933. So hat beispielsweise auch der Regensburger Bischof Michael Buchberger in seinem Hirtenwort vom Mai die illegalen Vorgänge nicht etwa verurteilt, sondern gerechtfertigt: Die Staatsregierung könne nicht „tatenlos zusehen, wenn einige wenige wirtschaftlich starke Kräfte immer weiter Wirtschaft und Handel fast für sich allein in Beschlag nehmen und die Schwächeren vollständig erdrücken“ würden.

Das unter seiner Verantwortung erschienene Regensburger Sonntagsblatt stellte in einer Aprilausgabe den „planmäßigen Boykott jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, jüdischer Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte“ als notwendige und angemessene Reaktion für eine angeblich vorausgegangene Gräuelpropaganda hin, die „die polnische jüdische Presse“ und „sogenannte jüdische Intellektuelle, Schriftsteller usw., denen der Boden in Deutschland zu heiß geworden“ sei, betrieben hätten.

Dass der völkische Staat nicht nur von den Nationalsozialisten als Ultima Ratio angepriesen wurde, zeigt der in München lehrende katholische Religionstheologe Anton Stonner. Dieser hat in mehreren Büchern, vier davon von 1933 bis 1935 im Pustet-Verlag erschienen, versucht, „Germanentum und Christentum“ oder „Nationale Erziehung und Religionsunterricht“ in Einklang zu bringen. Für Stonner ruhte das deutsche Wesen auf einem „ganz bestimmten Rassebestand“, der „vor jeder krankhaften Entartung bewahrt bleiben“ müsse, damit es „die ihm übertragene Sendung auch“ ausüben könne. Das Regensburger Sonntagsblatt empfahl Stonners Machwerke wiederholt wärmstens.

Buch entstand ohne städtische Förderung

Thema der von der Regensburger Journalistin Waltraud Bierwirth vorgelegten Arbeit ist der Prozess der Ausgrenzung, Entrechtung, Enteignung und Vertreibung bzw. Vernichtung der Regensburger Juden. Mit ihrer Publikation, die sie übrigens ohne Förderung seitens der Stadt oder anderer Organisationen stemmte, ist ihr die Darstellung dieses Prozesses anhand gründlich recherchierter Beispiele eindrucksvoll gelungen. Waltraud Bierwirth hat somit einen wichtigen Beitrag zur Erhellung der braunen Stadtgeschichte geleistet.

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Kommentare (31)

  • Gedankenstromer

    |

    Sehr interessanter Artikel, der Lust auf das Buch macht,
    eine ISBN wäre nicht schlecht gewesen, das spart die Zeit es selbst im Netz zu suchen

  • Nemo Udeis

    |

    ISBN/EAN: 9783791728629

  • Christian Feldmann

    |

    @ Gedankenstromer:
    Die Kritik ist überflüssig, Sie finden jedes Buch binnen zehn Sekunden per Eingabe von Autor oder Titel überall im Netz. Für mich als Autor, Rezensent und Leser interessant, dass überhaupt jemand mit der (endlos langen und fehleranfälligen) ISBN-Nummer sucht.

  • Momo

    |

    Tipp Verlag Friedrich Pustet
    da gibts doch auch so eine Buchhandlung :-)!
    Es könnte sogar sein, daß die das Buch haben.

  • Mathilde Vietze

    |

    „Aufbewahren für alle Zeiten“ – Ich werde immer wütend,
    wenn „gescheite“ Leute sagen, es müsse jetzt endlich Schluß
    sein mit dem, was vor Jahrzehnten war. Das was uns die
    Nazi-Schweine (und ihre Helfershelfer) eingebrockt haben,
    darf n i e in Vergessenheit geraten.

  • bayernsbestfriend

    |

    Danke für diesen interessanten Beitrag.

    Interessant wäre, ob die Stadt Regensburg von der Publikation im Vorfeld gewusst hat und sie nicht unterstützen wollte, oder ob die Autorin von sich aus kein Interesse hatte die Stadt um einen Zuschuss oder um die Übernahme der Druckkosten zu bitten.
    Weiß der Rezensent hier mehr?

  • Giesinger

    |

    ISBN 9783791728629

    Christian Feldmann

    22. März 2017 um 13:47 | #

    „@ Gedankenstromer:
    Die Kritik ist überflüssig, Sie finden jedes Buch binnen zehn Sekunden per Eingabe von Autor oder Titel überall im Netz. Für mich als Autor, Rezensent und Leser interessant, dass überhaupt jemand mit der (endlos langen und fehleranfälligen) ISBN-Nummer sucht.“
    ——————————————————————————————————————–
    Nicht jeder kauft gerne online. Einige Menschen bestellen ihr Buch immer noch lieber in ihrem Buchladen um die Ecke.
    Sollte man gerade als Autor vielleicht mal in Betracht ziehen. Insbesondere bei alten und raren Büchern ist die ISBN eine wertvolle Hilfe. Meine Buchhändlerin freut sich immer sehr über die Angabe. Bei aktuellen Titeln ist meine Devise: Nachschauen bei A….., bestellen im Buchladen.

  • bayernsbestfriend

    |

    „Das was uns die Nazi-Schweine (und ihre Helfershelfer) eingebrockt haben,
    darf n i e in Vergessenheit geraten.“

    Es wäre schön, wenn man alles Schlechte in der deutschen Geschichte auf die 12 Jahre Nationalsozialismus beschränken könnte, liebe Frau Vietze, aber damit machen wir es uns zu einfach. Lange vor 1933 gab es Entwicklungen, denken Sie an die unselige Rassenlehre, die ins 19. Jh. zurückreicht (Arier, rassisch rein, Minderwertige ausrotten etc.), die die Rassenpolitik der Nationalsozialisten bei so vielen Deutschen als plausibel und gerechtfertigt erscheinen ließ und sie davon abhielt echten Widerstand zu leisten.

    Kürzlich wurde ein Beitrag veröffentlicht, der uns heutigen Menschen zeigt, wie viele Jahre vor Hitler bereits eliminatorisch (=in Vernichtungskategorien) gedacht wurde, wie viel früher das Töten von als minderwertig angesehenen Menschen zum Beispiel in deutschen Lexika angedacht wurde. Lesen Sie selbst:
    http://www.hagalil.com/2017/03/roma-11/

  • mkveits

    |

    Zur im Artikel angesprochenen „Schutzhaft“

    >>Damals Schutzhaft, heute „Unterbindungsgewahrsam“ ­ohne Verdacht und ohne Straftat in Haft“<<
    http://www.schattenblick.de/da/2011/10/sb_111029_schattenblick_druckausgabe.pdf

    und

    Unbefristete Haftmöglichkeit in BY
    MIA SAN GUANTANAMO
    http://www.sueddeutsche.de/bayern/terror-abwehr-bayern-will-gefaehrder-unbefristet-einsperren-1.3397600

    und

    Essay des Ex-Bundesrichters Wolfgang Neskovic
    Druckausgabe der Wochenzeitung
    DER FREITAG, Nr. 11 vom 16. März 2017, Seite 4
    IST IHM EGAL
    SICHERHEIT
    DIE VIELEN GESETZESVERSCHÄRFUNGEN ZEIGEN:
    DIE KOALITION SCHERT SICH IMMER WENIGER UM DEN RECHTSSTAAT

    Der Autor rügt zurecht, dass vom Prinzip der konkreten Gefahr, die sich stets auf Tatsachen zu gründen hat, abgewichen wird; es wird nur noch auf eine Prognose-Entscheidung der Polizei abgestellt, damit Freiheitsentzug, als schärfste Waffe, die unser Rechtssystem kennt, durchgesetzt wird. Neskovic beschreibt das doppelte Dilemma, des Betroffenen wie des Richters: Ersterer sitzt ein und kann nichts zu seiner Entlastung beitragen; dem Richter stehen keine überprüfbaren Fakten etc. (wie im Korruptionssumpf der Domstadt) zur Verfügung.

    Fazit:
    Unter dem Aspekt des "Terrors" wird zunehmend der Rechtsstaat unterminiert. Schrittweise. Der Verdacht liegt nahe, dass man die Streitbarkeit des Bundesverfassungsgerichst ermüden will – gibt es von dort schon erste Signale, dass die Damen und Herren des BVerfG die "Segel streichen"?

    Was dann noch fehlte, wäre – etwa nach einem Zusammenbruch der EU mit gravierenden Folgen für das allseitige Wohlergehen – der richtige "Anführer", der "Schutzhaft" für seine politischen Ziele verwendete.

    Der Abgleich von DAMALS und HEUTE legt nahe:
    Aufwachen bitte!

  • Giesinger

    |

    Ich werde mir das Buch kaufen. Jetzt aber hätte ich eine Frage bezüglich des Photos. Wo ist/war der Moltkeplatz in Regensburg, was steht da jetzt darauf bzw. wie heißt der jetzt?
    @Christian Feldmann: Ich habe kein Smartphone, will auch keines und bis ich das via Suchmaschine herausgefunden habe, können mir eventuell nette, freundliche RD Leser schon einen kurzen Hinweis geben haben.
    Danke dafür, schonmal

  • Giesinger

    |

    Moltkeplatz bei den Nazis, jetzt Dachauplatz
    Danke Wikipedia

    Damals sah der Platz tatsächlich noch aus wie ein Platz.

  • Medienbeauftragter

    |

    „Es wäre schön, wenn man alles Schlechte in der deutschen Geschichte auf die 12 Jahre Nationalsozialismus beschränken könnte, liebe Frau Vietze, aber damit machen wir es uns zu einfach.“

    So ist es. Im ach so liberal-bunten Freiburg beispielsweise tilgte die liberal-bunte Stadtverwaltung unter dem grünen OB Salomon kürzlich (Ende 2016) die letzten verbliebenen Reste der Synagoge, trotz der entsetzten Reaktion von Freiburger Juden:

    http://www.badische-zeitung.de/freiburg/stadt-beseitigt-reste-der-alten-synagoge–129361993.html
    http://www.badische-zeitung.de/freiburg/juedische-gemeinde-will-synagogenreste-komplett-erhalten-stadt-baut-trotzdem–129149600.html

    Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Die paar wenigen Steine, die die Nazis 1938 in Freiburg übriggelassen haben und die für heutige jüdische Gläubige eine enorme Bedeutung als Gedenkmonumente haben, werden von korrekten deutschen Gutmenschen in einer Hauruck-Aktion eiskalt weggeräumt – obwohl man eh gerade dabei ist, den betreffenden Platz neu zu gestalten (und ein entsprechendes Denkmal, analog zum Regensburger Neupfarrplatz, integrieren könnte).

    Es existiert ein privates Video, auf dem gut zu sehen ist, wie die Grundmauer-Steine von Bauarbeitern (auf Weisung der Stadt Freiburg) kleingeschlagen werden. DAS ist die Realität in Deutschland 2016/17: Brav den ermordeten Juden gedenken und auf die bösen Nazis schimpfen, aber die lebenden Juden und deren Anliegen sind uns wurstegal!

    Ist’s in Regensburg anders? Ich hoffe es.

  • Christian Feldmann

    |

    @Giesinger:
    Ich hab auch kein Smartphone und meinte natürlich nicht nur die Amazon-Käufer und Internet-Sucher. Die ISBN- oder ISDN-Nummer brauchen Sie auch im Buchladen nicht, keine Sorge.
    Richtig, ich zeige Regensburg-Besuchern immer nur diese Brache zwischen Parkhaus und Karmeliten-Kasten und die Platzfolge Neupfarrplatz/Kassiansplatz bei Nacht, dann wissen die, wie liebevoll hochbezahlte Stadtplaner und Rathausbeamte mit einem historischen Juwel umgehen.

  • Giesinger

    |

    Ned glei so bissig, Herr Feldmann. Lassen wir es gut sein, sonst schadet es noch dem Thema.

  • bayernsbestfriend

    |

    „Im ach so liberal-bunten Freiburg beispielsweise tilgte die liberal-bunte Stadtverwaltung unter dem grünen OB Salomon kürzlich (Ende 2016) die letzten verbliebenen Reste der Synagoge“

    Freiburg liegt im B.-Württembergischen. Wer im Glashaus sitzt, der soll nicht…

    Bleiben wir also ruhig in Bayern. Dort oblag das von beamteten Historikern betriebene, somit staatlich abgesegnete, Vergessen und Verdrängen unliebsamer Tatsachen der ununterbrochen regierenden CSU.
    Nach Strich und Faden belogen bayerische Geschichtsbücher bis ins 21. Jh. hinein die Bayern über ihre tatsächliche Juden- bzw. Sinti-und-Roma-Geschichte, oder beteten diese Geschichte gesund, bis sehr viele Bayern glaubten, siehe oben: Das war alles der Hitler und die Nazis…

    Man nehme einmal die Geschichtsbücher von Karl Bosl, Benno Hubensteiner, Andreas Kraus oder Wilhelm Volkert zur Hand und suche sich die entsprechenden Stellen heraus!

    Erst ein Friedrich Prinz und der Nichthistoriker und Nicht-CSU-Abhängige Teja Fiedler wagten dann die Wahrheit über die Bayern, die Juden und die Schuld unverblümt(er) wiederzugeben. So sieht es aus im Freistaat.

  • Medienbeauftragter

    |

    „Freiburg liegt im B.-Württembergischen. Wer im Glashaus sitzt, der soll nicht…“

    — Ist mir bekannt (genauer: es liegt im Badischen). Nicht jeder RD-Leser wohnt übrigens in Regensburg oder zumindest Bayern. Darf ich trotzdem mitspielen?

    Mir kommt es eher so vor, als würden Sie hier verdrängen, mein lieber bayernsbestfriend, dass ausgerechnet die Grünen, die ja immer in erster Reihe stehen, wenn es um Vergangenheitsbewältigung und Minderheiten geht, in Freiburg krass ihr wahres Gesicht gezeigt haben.
    Mein Bezug zu Regensburg und zum obigen Thema dabei ist, dass es natürlich wichtig ist, zu erfahren und weiter zu verbreiten, was früher, vor Jahren oder Jahrzehnten, schiefgelaufen ist. Aber vor allem ist es wichtig, es mit diesem Wissen dann besser zu machen.

    Und genau ist eben in Freiburg nicht passiert: Die Leute, die dauernd Toleranz und Geschichtsbewusstsein predigen und alle gern Nazis nennen, die nicht ihrer Meinung sind, verhalten sich in der Praxis verabscheuungswürdiger als das ganze rechte Pack.

  • Herbert Turetschek

    |

    „…stellte (Bischof Buchberger; Anm. des Verfassers dieses Leserbriefs) in einer Aprilausgabe den „planmäßigen Boykott jüdischer Geschäfte, jüdischer Waren, jüdischer Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte“ als notwendige und angemessene Reaktion für eine angeblich vorausgegangene Gräuelpropaganda hin, die „die polnische jüdische Presse“ und „sogenannte jüdische Intellektuelle, Schriftsteller usw., denen der Boden in Deutschland zu heiß geworden“ sei, betrieben hätten“.
    Ich bin gespannt, wann wir als „Intellektuelle und andere“ bezeichnet werden, denen „der Boden in Deutschland zu heiß“ geworden ist. Und wir ebenso zum Weggehen getrieben werden?! Ich, jedenfalls, werde jetzt schon verunglimpft und beleidigt.
    Was wir betreiben mit unserer Aufklärung, das ist auch ein Stück weit gelebte Demokratie – so jedenfalls habe ich es in diesen Tagen ein paar Politikern geschrieben.

  • joey

    |

    Damals und heute:

    Ich lese immer wieder die Aussage von Jugendlichen: „ich hätte da sicher nicht mitgemacht, ich wäre Widerstandskämpfer gewesen“. Soso.

    Die meisten Deutschen haben damals mitgemacht – und sie würden auch heute da mitmachen, was in den Medien als wichtig und richtig vorgegeben wird. Besonders gern würden sie mitmachen, wenn in Regensburg plötzlich einige schöne Wohnungen frei würden, weil man diese Klimasünder/Rechtsextremen/Feinstauberzeuger/Eurokritiker/Kinderschänder/Terrorverdächtigen… (sucht Euch ein beliebiges Etikett aus dem Bereich des „Volksfeindes“ aus) … weil man also irgendwelche Leute „entfernt“ hat und sie nun irgendwo umerzieht, manche halt zu unser allem Schutz ein wenig härter, solche Terrorverdächtige haben es nicht anders verdient…

    Balance of power hat sich bewährt. Amtszeitbegrenzung, demokratischer Wechsel und Medienvielfalt – das sind alte Schlüssel gegen jede Art von Totalitarismus. Das internet gibt hier neue Möglichkeiten. Welch ein Glück, daß noch keine Tretzel Stiftung die Möglichkeit hat, Regensburg Digital zu zensieren und „hate speech“ löschen zu lassen.

    Viele unterbelichtete Leute wünschen sich endlich Schluß mit dem ganzen NS Zeug. Von ein paar wenigen Vollnazis abgesehen wollen die Meisten aber wohl nur eine positive Heimat. Die können wir uns auch gönnen, indem wir behalten und fördern, was Mitteleuropa heute so schön macht, daß z.B. viele Gäste und Einwanderer gerne kommen. Stabilität und zugleich Vielfalt, Sicherheit und Freiheit, Ökosozialen Schutz und Arbeit… Die Balance!

  • erik

    |

    So wie es damals den “ gesetzlich geregelten Raubzug an Juden“ gab, gab es wenig später den „gesetzlich geregelte Raubzug an Ostpreußen und Schlesiern“ und gibt es heute den „gesetzlich geregelten Raubzug an den Palästinensern“

  • bayernsbestfriend

    |

    In dem besprochenen Buch wird die Rolle der katholischen Funktionäre im NS angesprochen.

    Welche Probleme die kath. Kirche auch noch im 21. Jh. im Umgang mit jüdischen Angelegenheiten hat, belegte vor gut zehn Jahren der Umgang der Kirchenoberen mit dem Thema „Judensau“.

    All die, auch international registrierten, Peinlichkeiten hätte man sich ersparen können mit Transparenz und Ehrlichkeit im Umgang mit der Vergangenheit. Aber stets sind es die Kräfte des Bewahrenwollens (die „Christlichen“, die Konservativen, die vermeintlich Braven und Anständigen), die zäh an ihrem Bild von der heilen Welt, hier – einem unbefleckten Ansehen Regensburgs, festhalten. Im digitalen Informationszeitalter glücklicherweise ein zum Scheitern verurteiltes Bestreben, auch dank Regensburg digital.

    Causa: Generalvikar Dr. Wilhelm Gegenfurtner, Weihbischof Vinzenz Guggenberger et alteri.

    Die antisemitische Schweinerei am Regensburger Dom
    http://www.hagalil.com/archiv/2004/05/judensau.htm

    „Judensau“-Skulptur: Tafel am Regensburger Dom
    http://www.hagalil.com/archiv/2005/05/judensau.htm

  • hutzelwutzel

    |

    Danke allen Kommentator*innen! Aus Ihren Kommentaren und selbstverständlich der hervorragenden Rezension von Herrn Werner geht jetzt schon mehr hervor, als (leider) in dem Buch selbst zu finden ist.

    @Christian Feldmann:
    Ihnen noch mal besten Dank für Ihre zurückliegende Stellungnahme zum Fall der „Resl v. Konnersreuth“!
    Hat die ganze Sache etwas deutlicher gemacht.
    Hatten Sie nicht auch mal etwas zu diesem Jesuitenpater Rupert Mayer geschrieben?
    Können Sie mir vielleicht sagen, äh schreiben, wieso dessen Wirken während der Nazi-Zeit so gar nicht mit den Vorbereitungen zum Reichskonkordat in Vebindung gebracht wird, und ob es dazu was Erhellendes gibt?
    Denke nicht, dass diese Mann – so wie der überdeutlich den Nationalsozialismus darstellte – nicht auch seinen Mitbrüdern im geistlichen Stand die Leviten gelesen hatte. Dies zu wissen und bekannt zu machen wäre jetzt wichtig, da ein Eugenio Pacelli (als Pius XII.) „auf Teufel komm raus“ zur „Ehre der Altäre“ erhoben werden soll.

  • bayernsbestfriend

    |

    hutzelwutzel fragte:
    „Hatten Sie nicht auch mal etwas zu diesem Jesuitenpater Rupert Mayer geschrieben?“

    Hier das Buch:
    https://www.amazon.de/Wahrheit-gesagt-werden-Rupert-Mayer/dp/3451209594

    Jedoch zur Warnung: Das Werk erschien im Herder-Verlag, einem Verlag, der dafür berüchtigt ist, ein unkritisch-katholisches Weltbild zu pflegen.
    Sämtliche Herder-Lexika des 20. Jh. z.B. gaben ein weltfremdes, realitätsfernes Abbild, oder besser Zerrbild, der Wirklichkeit wieder.
    Jüdische, muslimische, kommunistische/sozialistische Themen, auch Sinti und Roma kamen die meiste Zeit über schlecht weg bzw. wurden verteufelt.

    Auch viele aktuelle Bücher des Herder Verlages, z.B. solche zum Islam, sind eine Schande für die deutsche Buchkultur, weil sie Mauern zwischen den Kulturen/Religionen errichten oder verfestigen und nicht Mauern einreißen. Ausgrenzung anstatt Inklusion ist vielfach deren Intention.

    Noch ein Wort zu Pater Rupert Mayer. Sein de.wiki-Eintrag ist absolut unkritisch und nicht vollständig. Der Eintrag idealisiert die Figur des Paters, weil er auf alten Vorlagen und Quellen basiert. Neuere Forschungen zu Mayer durch einen unabhängigen Wissenschaftler wären ein absolutes Desiderat.
    Vor allem Angaben, die Mayer einen extremen Antisemitismus vorwerfen, sollte man nachgehen. Bekannt ist dass die Jesuiten bis in die 1930er Jahre hinein einen primitiven und scheußlichen Judenhass in ihren Publikationen pflegten. Somit müsste Mayer eine absolute Ausnahmeerscheinung gewesen sein, wenn er gegen diese Linie gestanden hätte.

  • Medienbeauftragter

    |

    Der Herder-Verlag sitzt übrigens in Freiburg/Breisgau. Sorry, das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen…

  • Christian Feldmann

    |

    @hutzelwutzel:
    Sorry, mein Buch über Rupert Mayer ist exakt 30 Jahre alt und mir fehlt aktuell die Zeit, mich wieder in die Geschichte hineinzuarbeiten. Mayer gehörte einerseits zu den Wenigen, die schon ganz früh und ohne jeden Kompromiss den Kampf mit den Hakenkreuzlern aufnahmen; er war sich nicht zu fein, in Nazi-Versammlungen zu gehen, sich dort Rededuelle mit den braunen Hetzern zu liefern, sich als „elender Saupfaff“ beschimpfen zu lassen, er hielt eindeutige Predigten, widersprach dem „Völkischen Beobachter auf der Kanzel“; andererseits bemühten sich seine Vorgesetzten später, ihn aus der vordersten Frontlinie abzuziehen, weil er wegen seiner Kriegsverletzung nach mehreren Knastaufenthalten in einem lebensbedrohlichen Zustand war. Wie er zu dem unseligen Reichskonkordat stand, ob er irgendwie im Vorfeld in die Diskussion eingebunden war, das ist meines Wissens noch zu wenig erforscht und sollte in der Tat gründlich untersucht werden.
    Interessant ist allerdings, dass die süddeutschen Jesuiten allgemein eine respektable Rolle in den kirchlichen Widerstandskreisen (denn es ist klar, es waren nur Einzelne, Gruppen, kleine Netzwerke) spielten. Ihr Provinzial Augustin Rösch, ein gebürtiger Schwandorfer, geriet schon 1935 in Konflikt mit der Gestapo, weil er seinem Mitbruder Mayer (im vollen Einvernehmen mit den Leitungsgremien) massiv Rückendeckung gab. Rösch war eine Zentralfigur im „Ausschuss für Ordensangelegenheiten“, einem Zusammenschluss von Ordensoberen, der die deutschen Bischöfe hartnäckig und nicht ganz erfolglos auf einen härteren Kurs gegen den Nationalsozialismus zu bringen suchte.
    Ein gemeinsamer Hirtenbrief gegen dessen Verbrechen, den Rösch mit vorbereitet hatte, scheiterte an den Bedenken einiger Bischöfe, worauf er wütend dem Jesuitengeneral nach Rom schrieb: „Sie haben das getan, entweder, weil sie sich fürchten – dann ist das eine unerträgliche Feigheit, wo so viele alles opfern; oder weil ihnen von staatlicher oder Parteiseite etwas dafür versprochen wurde – dann ist das eine unerträgliche Gemeinheit, und mit solchen Bischöfen wollen wir keine Gemeinschaft mehr haben.“
    In abenteuerlichen Verkleidungen war Rösch als Kurier unterwegs, 107 Vorladungen und Verhöre sind in den Gestapo-Akten verzeichnet. Er hielt enge Kontakte zum „Kreisauer Kreis“ (Helmuth James Graf von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg, Adam von Trott zu Solz, Freya von Moltke, Adolf Reichwein, Hans Peters, Eugen Gerstenmaier, Julius Leber …), wo der Münchner Jesuit Alfred Delp (1945 in Berlin-Plötzensee an einem Fleischerhaken aufgehängt) an Konzepten für eine demokratische Gesellschaft nach dem erhofften Ende der Nazi-Herrschaft mitarbeitete: Rechtssicherheit, verstaatlichte Großkonzerne, europäischer Staatenbund. Auch der Jesuit Franz von Tattenbach spielte eine Rolle. Von einer „Denkfabrik des Widerstands“ reden heute manche.
    Wegen seiner Kontakte zum „Kreisauer Kreis“ sollte Rösch verhaftet werden, er konnte fliehen und sich auf einem Bauernhof verstecken. Von einem Priester verraten, kam er ins Berliner Gestapo-Gefängnis, Tag und Nacht gefesselt wie ein Schwerverbrecher, entging aber dem Tod, weil sich der Prozess verzögerte und die russischen Truppen früher als erwartet vor Berlin standen.
    Gehört jetzt alles nicht zum Thema … oder doch? Jedenfalls wird deutlich, die bayerischen Jesuiten waren klar auf Anti-Nazi-Kurs (und auch hierarchie-kritisch).
    Ach ja, der schlimme Pius XII.: Bis zu einer möglichen Heiligsprechung wird noch viel Wasser den Tiber hinunter fließen, die zahllosen Archivdokumente sind längst noch nicht alle freigegeben bzw. verarbeitet. Man kann über das – keineswegs komplette, es gibt da z. B. eine offenherzige Rundfunkansprache mit eindeutiger Positionierung für die Nazi-Opfer – Schweigen des Papstes geteilter Meinung sein, es gefällt mir auch nicht. Aber auch unabhängige oder jüdische Forscher verweisen regelmäßig auf die Erfolge s e i n e r stillen Methode, Verfolgte zu retten. Es gibt eine ganz neue Studie (Domenico Oversteyns), wonach mehr als 4000 römische Juden auf Initiative von Pius in fast 400 Klöstern und kirchlichen Einrichtungen versteckt und gerettet worden sind, weitere 1600 Juden (zusammen waren das zwei Drittel der jüdischen Bürger Roms) brachte die vom Vatikan finanzierte „Delasem“ (Organisation für die Hilfe an jüdische Auswanderer) in Sicherheit. Mindestens 198 Interventionen des Papstes seien dokumentiert.
    Die Wirklichkeit hat meist viele Gesichter, und man sollte vorsichtig sein mit plakativen Schlagzeilen und flotten Verdammungsurteilen.

  • Christian Feldmann

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    @bayernsbestfriend:
    Hei, da lugt ein besonders tapferer Kämpe aus der schützenden Anonymität seines launigen Pseudonyms hervor und wirft mit Fehdehandschuhen um sich! Gewiss hätte er in Zeiten, wo es um Kopf und Leben ging und nicht nur um das bisschen Mut, den eigenen Namen zu nennen, an vorderster Front des Widerstands gekämpft.
    Normalerweise verbietet sich eine Antwort auf so ein trauriges Pamphlet, das in Trump-Manier von wüsten Unterstellungen, Behauptungen, Beleidigungen und Verunglimpfungen („Schande für die deutsche Buchkultur“, „scheußlicher Judenhass“, „unkritisch-katholisches Weltbild“, was wohl heißen soll „unkritisch = katholisch“) strotzt, ohne einen einzigen konkreten, nachprüfbaren Beleg zu liefern.
    (Putzig ist die völlig unlogische Argumentation: Wikipedia „idealisiert“ Rupert Mayer, weil der Eintrag auf „alten Vorlagen und Quellen“ basiert. Bayernsbestfriend fordert neue Forschungen. Da es die aber offensichtlich nicht gibt, was hat Wikipedia dann falsch gemacht? Und woher weiß der Kritiker jetzt schon genau, dass neue Forschungen die alten Einschätzungen über den Haufen werfen werden? Was, wenn sie die Ergebnislage bestätigen sollten? Und werden „alte Quellen“ nach einer bestimmten Zeitspanne wertlos bzw. falsch?)
    Dem Gerüchteverbreiter soll dennoch eine Erwiderung zuteil werden, weil er einem Autor verübelt, sich einen ihm nicht genehmen Verlag für die Veröffentlichung seiner Arbeit ausgesucht zu haben, und weil er ein verdienstvolles Verlagshaus mit ebenso globalen wie vagen Behauptungen verunglimpft: Bei Herder seien „jüdische, muslimische Themen“ die meiste Zeit „verteufelt“ worden (im Interesse der Sprachkultur gefragt: Wie „verteufle“ ich ein Thema?), und auch in aktuellen Titeln würden Mauern zwischen Kulturen und Religionen errichtet.
    Also entweder leidet Bayernsbestfriend an massiven Wahrnehmungsstörungen oder er handelt tatsächlich in böser Absicht: Unter den zahlreichen Autoren, die in letzter Zeit bei Herder zu jüdischen Themen geschrieben haben, finden sich so hochkarätige Namen wie Jakob Petuchowski, Andreas Nachama, Walter Homolka, Erich Zenger und Franz Mussner – mein kürzlich verstorbener akademischer Lehrer, der weltweit als Pionier des wissenschaftlichen christlich-jüdischen Dialogs gilt, Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille. Nicht zu vergessen, dass Herder das Werk des Talmud-Gelehrten, Romanciers und Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel in Deutschland bekannt machte (wozu ich auch einen bescheidenen Beitrag leisten durfte).
    Am Gespräch zwischen westlicher Aufklärung und reformorientiertem Islam beteiligt sich Herder mit Autoren wie Adel Theodor Khoury, Mouhanad Khorchide, Hamed Abdel-Samad, Muhammad Sameer Murtaza oder Sineb El Masrar, einer munteren Vorkämpferin muslimischer Frauenemanzipation. Vielleicht sollte man den Bayernfriend auch auf so interessante Herder-Pionierleistungen hinweisen wie auf die von Lehrern hochgeschätzte „Trialogische Religionspädagogik – Interreligiöses Lernen zwischen Judentum, Christentum und Islam“, aber solche differenzierten Gesprächsversuche interessieren einen Fundi wohl kaum.

  • bayernsbestfriend

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    Kommentar gelöscht. Bitte unterlassen Sie persönliche Angriffe und Unterstellungen.

  • bayernsbestfriend

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    (Bereinigte Fassung)

    Christian Feldmann hat den Beleg erbracht, dass er ein nicht auf den Mund gefallener Diskussionspartner ist und die allgemeinen Regeln der Rhetorik beherrscht.

    Eine der Hauptregeln der gepflegten Argumentation ist stets eigene Schwachpunkte unter den Tisch fallen zu lassen und die Bereiche, in denen man glaubt glänzen zu können, besonders hervorzuheben.

    Ganz dementsprechend hat unser lieber Freund in seiner Antwort an hutzelwutzel die alte Leier vom Antinazi Rupert Mayer in großer Ausführlichkeit abgearbeitet und mit Daten, Namen und möglicherweise auch Fakten in beeindrucken sollender Art und Weise gewürzt.

    Absichtlich übergangen hat er dabei aber die Tatsache, dass es eben zwei paar Stiefel sind, ob einer Nazigegner und für Juden war, oder ob er Nazigegner und zugleich Antisemit war.

    Die bayerische Geschichte kennt nämlich zahlreiche sogenannte „Nazigegner“, auch solche, die im KZ saßen, oder erschossen wurden, die aber zugleich bösartige Antisemiten und Rassisten waren, darunter durchaus prominente Namen, wie Kronprinz Rupprecht von Bayern, Erwein von Aretin, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Kardinal Michael von Faulhaber etc.

    Von Pater Rupert Mayer wissen wir definitiv, dass er Nazigegner war, da hat unser Herder-Autor schon recht, aber wie war denn seine Einstellung gegenüber Juden und Sinti und Roma? — Darüber wissen wir (offiziell) bisher nichts.
    Wir wissen aber, dass das Zentralorgan des Vatikans, die von Jesuiten herausgegebene Zeitschrift mit großem Einfluss, Civilta Cattolica, etwa sechzig Jahre lang, bis in die 1930er Jahre hinein, einen unglaublich primitiven Antijudaismus und Antisemitismus gepflegt hat. Derart judenfeindlich, dass die Nazi-SS die CC ganz offen dafür lobte.
    Auch noch in den 1990er Jahren lief ein hoher deutscher jesuitischer Funktionär mit hohem Einfluss im Vatikan herum, der öffentlich die Juden des Jesusmordes bezichtigte und sich nicht dafür geschämt oder gar entschuldigt hat, Hochwürden Peter Gumpel.
    Der bayerische Kardinal Michael von Faulhaber, angeblich auch ein „mutiger Gegner der Nazis“, hat noch Mitte der dreißiger Jahre, als Gewaltakte und brutale Übergriffe gegen Juden und Sinti durch SA und andere Anhänger des NS-Regimes fast schon zum Alltag gehörten, ausländische Presseberichte darüber in Interviews als „Gräuelpropaganda“ abgetan und damit den NS entlastet. Viele weitere Akte dieses zweifelhaften Geistlichen, man kann sie u.a. im neuen Münchner NS-Dokuzentrum auf den Schautafeln nachlesen, wiesen ihn als eindeutigen Antisemiten aus.
    Also nicht jeder der gegen Hitler war, war auch gegen die Beseitigung von Juden und Sinti und Roma.

    Auf die persönlichen Anwürfe meines Gegners möchte ich nur insoweit eingehen, als dass die Anonymität manchmal zum Eigenschutz und zum Erhalt seines Arbeitsplatzes, leider auch noch im Deutschland des 21. Jh., eine Notwendigkeit sein kann.

    Die Produkte des Herderverlags des 20. Jh. sind vielfach ein Ärgernis. Jeder, der Zugang zu einer Bibliothek hat, kann dies selbst nachprüfen. Man nehme sich etwa das zehnbändige Herderlexikon von Mitte der 1950er zur Hand und schlage das „Zigeuner“-Kapitel nach. Übelste Klischees, Stereotypen, Verunglimpfungen und Falschinformationen begegnen dem Leser („Wandervolk“ – obwohl Sinti damals bereits seit achtzig Jahren und länger sesshaft waren!). Der Eintrag des Großen Herder zu Antisemitismus enthält keinen einzigen Hinweis darauf, dass die Kirche ganz besonders für den europäischen Judenhass verantwortlich war, die Einträge zu Pius XII. und Faulhaber beschönigen und beschwichtigen usw. Für den kritischen Leser – Kein Lexikon.

    Gewiss hat der neue Herderverlag auch einige prominente Juden im Programm, mit deren Namen man sein Image etwas polieren, seine Weltoffenheit plakativ zur Schau stellen, sich einen neuen Look zulegen kann, aber davon war bei mir doch gar nicht die Rede.
    Es ging um den Islam und die Feindlichkeit auch hochstehender Katholiken gegenüber dieser Religion, und die spiegelt sich eben nicht nur in Artikeln auf kath.net und Co wider, sondern auch in Produkten des Herderverlags.
    Gehen Sie doch die Islambücher dieses Verlages einmal durch, anstatt nur paar Elite-Autoren aufzuzählen! Es geht nicht um theologische Theorie für Gelehrte, sondern um den praktischen Alltag. Und hier leistet der Herderverlag nichts wirklich Verbindendes zwischen den Religionen, er hält an Grenzen fest. Lesen Sie mal hinein! Oberflächlich Toleranz und Verständnis, eigentlich aber doch Abwehr und Besserwisserei, Gegnerschaft und Verunglimpfung.

    Es ist eine Islamfeindlichkeit, die von oben, und von ganz oben in der RKK-Hierarchie kam, die z.B. nur zu offensichtlich wurde in missverständlich gehaltenen und vielfach missverstandenen Äußerungen (Folge: Über hundert Tote durch Ausschreitungen!) des bayerischen Ex-Papstes in Regensburg, und die manche Katholiken später ’neu‘ interpretierten: http://www.katholisches.info/2014/09/islam-benedikt-xvi-hatte-mit-regensburger-rede-recht-aber-weite-teile-der-kirche-haben-rede-vergessen/

    Oder in pauschaler Verunglimpfung des Islam und undifferenzierten Angriffen auf brave Muslime durch den, inzwischen gestürzten, Limburger Bischof Tebartz van Elst.
    Oder – ein weiterer eigentlicher Feind der Muslime – Erzbischof Joachim Meisner, der zwar nicht müde wird in Gesprächen und Interviews sein „Verständnis“ für Muslime und deren Belange (z.B. Moscheebau) zum Ausdruck zu bringen, der aber wenn es konkret wird, an seiner Gegnerschaft festhält und mauert.
    Oder Bischof Heinz Josef Algermissen, der alle, die nicht an die Auferstehung glauben als „großes Sicherheitsrisiko“ verurteilt, gemeint sind Muslime und Juden, der außerdem gerne für intolerante rechtslastige (immigrationsfeindliche) Medien schreibt.

  • bayernsbestfriend

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    Herr Feldmann schrieb oben:
    „Ach ja, der schlimme Pius XII.: Bis zu einer möglichen Heiligsprechung wird noch viel Wasser den Tiber hinunter fließen,…
    Die Wirklichkeit hat meist viele Gesichter, und man sollte vorsichtig sein mit plakativen Schlagzeilen und flotten Verdammungsurteilen.“

    Eine der Fragen, die wir Pius-XII-Gegner uns stellen, ist die:

    Warum hat Pius, der sehr früh, sehr gut über die bestialischen Judenmorde der Deutschen unterrichtet war, denn die polnischen Geistlichen-Netzwerke arbeiteten zuverlässig und blitzschnell, nicht die Katholiken unter den Deutschen exkommuniziert oder ihnen dies zumindest über Rundfunk angedroht, wenn sie mit ihrem Morden weitermachten?

    Später, in den Jahren des Kalten Krieges, hat er dieses, scheinbar doch ganz wirksame ‚Instrument‘ dann ganz plötzlich tatsächlich eingesetzt. Er exkommunizierte sämtliche Kommunisten und deren Helfer.

    Warum diese Ungleichbehandlung? Warum diese Rücksichtnahme auf die Deutschen? Weil Deutsche mehr zum Unterhalt des Kirchenstaates beitrugen (aufgrund der Konkordate und ihrer Wirtschaftskraft) als die, zumeist osteuropäischen und eher armen, vielfach auch weniger katholischen Länder, die der Kommunismus unterworfen hatte?

    Über eine plausible Antwort, gerne auch von Herrn Feldmann, zu diesem Fragenkomplex würde ich mich sehr freuen.

  • Mathilde Vietze

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    Lieber Christian Feldmann, man muß wirklich nicht in jedem Punkt einer
    Meinung mit Ihnen sein, aber ich schätze Sie als seriösen Berichterstatter.
    Deshalb bin ich mehr als empört, in welcher Weise einige Kommentatoren
    mit Ihnen umspringen. Ich würde diesen Leuten gerne empfehlen, mal vor-
    urteilsfrei mit Ihnen zu diskutieren und Dinge nicht so hinzudrehen, daß
    sie ins eigene Weltbild passen.

  • Herbert Turetschek

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    joey

    23. März 2017:

    „Ich lese immer wieder die Aussage von Jugendlichen: „ich hätte da sicher nicht mitgemacht, ich wäre Widerstandskämpfer gewesen“. Soso.“
    Eine Frage, die mich immer und immer wieder umtreibt (was nur indirekt mit dem Thema zu tun hat): Die Familie meiner Ex-Freundin lebte damals nur einen Steinwurf vom Etterzhausener Missbrauchs-Geschehen und somit von den Tätern entfernt und viele meiner ehemaligen Freunde lebten in Gostenhof, also in Nürnberg und nicht weit von der Indianerkommune entfernt und somit „Tür an Tür“ mit den Tätern und niemand will etwas mitbekommen haben von den Übeltaten der katholischen Kirche und den „Reformpädagogen“ (bitte nicht verallgemeinern: Nicht jeder Katholik ist ein solcher Mensch und nicht jeder Reformpädagoge ist schlecht – ganz im Gegenteil). Die Sache wiederholt sich immer und immer wieder.

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