Archiv für 12. September 2012

Großer Soldatentreff in Hemau

In Treue fest zur Wehrmacht

Willkommen in Hemau im Landkreis Regensburg: Dort findet demnächst ein großes Treffen verdienter Vaterlandsverteidiger statt. Und dass „unschuldige Zivilisten“ eine Mär und die Verdienste der Wehrmacht nicht zu leugnen sind, hat deren Vorsitzender schon lange deutlich gemacht.

Nicht nur der Bundeswehr, auch der Ehre der Wehrmacht hat sich der Bayerische Soldatenbund verschrieben. Der Vorsitzende bedient sich einer fragwürdigen Rhetorik. (Im Bild: Großer Zapfenstreich für die Bundeswehr in Regensburg). Foto: Archiv/ Staudinger

Nicht alle werden bei dem Termin in Hemau willkommen sein.

Wie das Regensburger Wochenblatt berichtet, trifft sich dort am 29. September einer der größten Zusammenschlüsse ehemaliger Soldaten in Deutschland zu seiner alljährlichen Hauptversammlung: der Bayerische Soldatenbund 1874 e.V. (BSB). Bürgermeister Johann Pollinger (CSU) wird den Kameraden seine Aufwartung machen, ebenso der bayerische Innenminister Joachim Herrmann.

Und für wen der BSB „eine Heimat“ bietet, macht der Verein ausdrücklich in seinen Zielen deutlich: „Mitglieder aller Parteien und Strömungen, welche die deutsche Nation achten, die Leistungen und Opfer der Wehrmacht nicht leugnen und die Bundeswehr und ihre Soldaten mit Kopf und Herz bejahen“.

Mit Nostalgie und Pathos für Kriegsverbrecher

Was das Ziel, die „Leistungen und Opfer der Wehrmacht“ gebührend anzuerkennen betrifft, hat sich der BSB den richtigen Vorsitzenden gewählt: Seit zwölf Jahren hat Jürgen Reichardt dieses Amt inne. Der 73jährige Generalmajor a.D. hat enge Verbindungen zu Regensburg: Er war der letzte Kommandeur der hier stationierten 4. Panzergrenadierdivision, ehe er Mitte der 90er zum Chef des Heeresamts aufstieg. Und im im Lauf seiner steilen und bewegten Karriere – in den 80ern war Reichardt Sprecher des damaligen Bundesverteidigungsministers Manfred Wörner – hat er es immer wieder verstanden, sich mit Verve, Pathos und verklärender Nostalgie für den deutschen Landser in die Bresche zu werfen – im Zweifel auch für verurteilte Kriegsverbrecher.

Als 2008 der ehemalige Wehrmachtssoldat Joseph Scheungraber vom Landgericht München wegen 14fachen Mordes an italienischen Zivilisten angeklagt wurde, empörte Reichardt sich in der BSB-Verbandszeitung „Treue Kameraden“ über die Strafverfolgung und schrieb: „Auch unsere Soldaten können heute noch in Situationen geraten, in denen sie aus Angst, Kurzschluss oder Wut, etwa über eine grausame Behandlung gefangener Kameraden, überreagieren (…). Müssen sie befürchten, dass man sie heute, in genauer Bewertung der Umstände, entlastet, aber nach vielen Jahrzehnten noch vor Gericht bringt, wenn niemand mehr über Einzelheiten berichten kann, nur weil sich spätere Zeitgenossen andere Vorstellungen machen von falsch und richtig?“

„Unschuldige Zivilisten“? Unerhört!

Scheungraber wurde vom Landgericht München zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach einem Partisanenangriff, bei dem zwei Soldaten getötet wurden, hatte er zunächst befohlen, drei Menschen zu erschießen, darunter eine 74jährige Frau. Anschließend wurden elf weitere Menschen in ein Bauernhaus gesperrt und mit Handgranaten in die Luft gesprengt. Ein Jugendlicher überlebte schwer verletzt.

Der Generalmajor a.D. Reichardt indes beklagt in diesem Zusammenhang, dass sich im heutigen Sprachgebrauch der Begriff „unschuldige Zivilisten“ eingebürgert habe, „was ja wohl bedeuten soll, dass Soldaten immer irgendwie schuldig sind“. Demonstrationen im Umfeld der Gerichtsverhandlung bezeichnet der BSB-Vorsitzende als „gezielte Terrorakte kommunistischer Organisationen“.

„Kommunistische Psycho-Propaganda“

Wie ein roter Faden zieht sich diese Auffassung durch zahlreiche Leitartikel, die Reichardt für die Verbandszeitung verfasst und stets mit  „In Treue fest“ unterzeichnet hat. Der Ton erinnert bisweilen an Freikorps-Rhetorik. Regelmäßig wird die Ermordung von Zivilisten durch Wehrmachtssoldaten als legitime Tötung von Partisanen gerechtfertigt. Es wird gleichgesetzt, verglichen und relativiert.

„Nächtens wurden, sattsam bekannt, von Terroristen erbeutete Tankfahrzeuge bombardiert, fernab jeder Siedlung, nach direkt übertragenen Funkbildern, die eindeutig Waffenträger zeigten. Später hieß es, ‚unbeteiligte‘ Zivilisten seien dabei umgekommen. Unbeteiligt? Sollten es Geiseln gewesen sein, zur Anwesenheit gezwungen, mit terroristischer Gewalt? Wem ist das anzulasten? So gingen schon Partisanen in Russland und Jugoslawien vor. Aber auch in Italien und anderswo. Nicht sie standen vor dem Nürnberger Militärtribunal, sondern die reguläre Truppe, der die Eskalation der Exzesse entglitten war. Ein Vergleich drängt sich förmlich auf.“

 

Reichardt in der BSB-Verbandszeitschrift zum Luftangriff auf zwei LKWs bei Kundus, bei dem NATO-Angaben zufolge 142 Menschen getötet und verletzt wurden

Stets wittert der Generalmajor kommunistische Propaganda, die nicht nur für die oben erwähnten Demonstrationen („Terrorakte“) verantwortlich sei, sondern etwa auch für das Aus der von ihm befürworteten Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, die daran scheiterte, so Reichardt, dass Westdeutschland „jahrzehntelang das Zentrum kommunistischer Psycho-Propaganda gegen den ‚Atom-Tod’“ gewesen sei.

Es versteht sich von selbst, dass Reichardt zu den schärfsten Kritikern der Wehrmachtsausstellung zählte. Doch das nur am Rande.

Der Ruhm der Fallschirmjäger, der Geist der SS…

Ehrengast in Hemau: Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Foto: Archiv/ Jelinski

Berührungsängste mit Rechtsextremen hat Reichardt dagegen weniger. 2010 gab er der Deutschen Militärzeitschrift (DMZ) ein ausführliches Interview. Die Bundesregierung hatte diese Zeitschrift bereits 2008 als rechtsextrem eingestuft und den Bezug durch Stellen der Bundeswehr untersagt. Selbstverständlich kann Reichardt tun, was er will. Er selbst ist seit langem außer Dienst, der BSB, dem Reichardt vorsteht, ist weder der Bundeswehr unterstellt, noch hat er etwas mit dem Bundeswehrverband zu tun.

Doch bereits in seiner Zeit als aktiver Soldat und Chef des Heeresamts machte er aus seiner Verehrung für Hitlers Wehrmacht keinen Hehl. Lob gab es in den 90ern ebenso für den „unsterblichen Ruhm“ der Fallschirmjäger wie auch für „Geist und Haltung der SS-Leibstandarte Adolf Hitler“. Schneidige, pflichtbewusste Soldaten eben.

Schützend stellte sich Reichardt in jener Zeit auch vor die „Ordensgemeinschaft deutscher Ritterkreuzträger“ (OdR).

„Wer – in welcher Situation auch immer – anständig zu bleiben wußte, Treue zeigte, wo ein anderes Verhalten auch nicht zum Schaden gereicht hätte, und Tapferkeit, wo Feigheit vielleicht sicherer gewesen wäre, der dient uns auch heute noch als Vorbild und genießt unseren Respekt“, schreibt er 1997 in deren Verbandszeitschrift „Das Ritterkreuz“.

In der OdR sind Hitlers Elite-Soldaten aus Wehrmacht und Waffen-SS zusammengeschlossen. 1999 untersagte der damalige Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping alle Kontakte zwischen Bundeswehr und der OdR, da die Gemeinschaft dem Rechtsradikalismus nahe stehe.

Reichardt hatte kaum zwei Jahre zuvor Kritik an der „Ordensgemeinschaft“ in eine Reihe mit „kommunistischer Agitation“, gestellt, die der Bundesrepublik seit ihrer Gründung die Grundlagen zu entziehen versuche, auch die „sittlichen“.

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