Serie

Ankerkind sucht Heimathafen – ein Tagebuch (V)

Ankerkind1„…nehmen Sie doch einen Flüchtling auf, wenn Sie unbedingt helfen wollen!“ Dieser Standardsatz fällt häufig, wenn über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland diskutiert wird. In unserer neuen Serie erzählt eine Mutter davon, wie eine Familie lebt, die zwei unbegleitete Flüchtlingskinder aufnimmt. Muslime in einer christlichen Familie, arabische Jungs bei einem Hausmann, syrische Söhne in einer Beamtenfamilie, orientalische Sitten zwischen deutschen Traditionen, Damaszener in einem bayerischen Dorf. Spannungsreiches und spannendes Zusammenleben und Zusammenwachsen. Die Namen haben wir geändert. Teil V.

Donnerstag, 3. März 2016: Als Ziad aufwacht hat er Kopfweh. Ein Video auf Youtube hat er gesehen, das ihm zeigt, dass kein Friede ist in Syrien, wo doch wenigstens Waffenstillstand sein sollte. Eine Lehrerin aus dem Gymnasium hat bei uns angerufen. Die Schule ist anstrengend. Was Thema in Wirtschaft und Recht ist, dringt gar nicht durch. Es soll mehr Deutsch- und Englischunterricht für ihn geben und weniger „Nebenfächer“.

Freitag, 4. März 2016: Von der Migrationsberatungsstelle hat der Berater noch einmal an Ziad auf WhatsApp geschrieben und wollte wissen, wie es ihm im Gymnasium geht. Es wäre an der Wirtschaftsschule demnächst noch eine Klasse, die ohne Deutsch-Kenntnisse starten würde. Die Antwort von Ziad war: Danke, zur Zeit geht es gut. Ich habe den Mathematiklehrer gefragt, ob er mir Aufgaben geben kann. Er hat mir welche gegeben und auch die Lösungen dazu.

Hilfeplangespräch vom Jugendamt: Der große Syrer braucht einen körperlichen Ausgleich. Er selbst möchte in ein Fitness-Studio. Heute haben wir zwei Fitness-Studios besucht. Schnell wurde klar, dass nur eines davon in Frage kommt. Der Typ am Empfangstresen war einfach freundlicher und hat auch Ziad persönlich angesprochen, während sich der andere noch nicht einmal nach Sprachkenntnissen, Herkunftsland oder Interessen erkundigt hat.

Ziad wünscht sich Pflanzen in sein Zimmer. Auch Hamza mag die schöne Phalaenopsis-Orchidee und holt sie gleich in sein Zimmer. Kerzen, Steine und das vergoldete Schneckenhaus finden einen neuen Platz im großen Nord-West-Zimmer von Ziad. Der Gebetsteppich liegt bei beiden immer griffbereit zusammengefaltet. Beide Jungs räumen ihre Zimmer selbst auf und halten sie gut in Ordnung.

Paul meint: Fitness-Studio? Nein, das wollten wir für unsere eigenen Söhne auch nicht. Viel Geld kostet das und dann hat Ziad noch keine Erfahrung darin, wie lange so ein Vertrag tatsächlich läuft, wenn er abgeschlossen ist und kontinuierlich Kosten verursacht.

„Das muss man aushalten.“

Was ich richtig gerne höre: Zum Beispiel heute im Auto oder auch auf der Heimfahrt vom Tiergarten: Hamza fragt ziemlich laut, fröhlich und irgendwie naiv klingend. Ziad antwortet ziemlich leise, ruhig, monoton mit tiefer Stimme. Dieses Wechselspiel der arabischen Stimmen klingt einfach interessant.

Ich habe mit beiden besprochen, dass sie untereinander nur arabisch sprechen sollen. In der oben genannten Situation finde ich das wunderschön. Schwieriger ist es schon auszuhalten, wenn sie sich bei Tisch unterhalten. Man versteht im eigenen Haus nicht, worüber gesprochen wird. Das muss man aushalten. Vertrauen wird gebildet. Wenn sie mit uns sprechen, reden wir deutsch. Paul im Dialekt und ich sehr deutliche Hochsprache, die Lehrerin ist immer gegenwärtig in mir.

11. März 2016: Ich komme vom Chor zurück und im Wohnzimmer sitzen Lukas, Jonas, Hamza und Ziad und Christian, den ich bis dahin noch gar nicht kannte. Sie spielen ein Fußballturnier am Computer auf dem großen Fernseher. So einfach geht das bei den Jungs. Heute trafen wir uns im Gemeindezentrum zum Abschlussfest vom Deutschkurs von Frau Müller. Paul und ich mit unseren zwei Jungs und dazu etwa ein Dutzend Jungs aus dem näheren und Nahen Osten. Frau Müller stellte den Kurs und das Essen vor und zeigte uns einige Bilder aus den letzten Wochen.

Mail an meine Schwester vom 8.3.16:

Liebe Susanne,

du fragst mich, wie es hier im Dorf so geht mit unseren Neuankömmlingen? Ich erlebe keine fremdenfeindlichen Bemerkungen, Anfeindungen, schiefe Blicke oder sonst was. Eher im Gegenteil: Heute ist Hamza vor dem Haus das erste Mal in seinem Leben Fahrrad gefahren. Das geschah unter den wachsamen Augen unserer Nachbarin (Altbäurin von gegenüber), die sich mit uns über seinen Erfolg freute. Erstaunen und zustimmende Anerkennung sind die häufigste Reaktion.
 
Fahrradfahren: „Hamza, in Deutschland lernt jedes Kind Fahrrad fahren. Du musst das auch.“ „Jedes Kind? Auch die Mädchen?“
Aha!

„Hamza, warum lachst du so?“ Er kommt in mein Schulleitungsbüro um etwas abzuholen. Die Klasse macht sich bereit, um den Bürgermeister im Rathaus zu besuchen. „Ich habe gerade…. was ist das Gegenteil von vergessen…?“ Ich: „Erinnern meinst du, daran denken…, oder?“ „Ja! Erinnern! Also: Ich habe gerade daran erinnern, dass ich übergestern für dich sagte: Wir gehen in Krankenhaus. Wir gehen heute in Rathaus, ja!“ Er sitzt auf dem Bild für den Jahresbericht der Schule neben dem Bürgermeister. Mütterlich stolzer Blick von mir? Au weia! Tatsächlich, ich erwische mich selbst.

Liebe Grüße
Irene

11. März 2016: Hamza liest heute die Fernsehgeschichte vom Franz. Lange Wörter wie Kabelanschluss und Satelliten-Schüssel gehen ihm flott von der Zunge. Er kennt das und als erzählt wird, dass Franz‘ Eltern nur drei Fernsehprogramme haben, kann er gut verstehen, dass Franz enttäuscht ist. Ich bekomme Einblick in die Durchschnittsfamilie aus Damaskus. Da gab es jede Menge illegaler Filme.

Die Lesefähigkeit von Hamza wird täglich besser. Als er heute Morgen beim Schulprojekt bei den Mädchen zugesehen hat, habe ich gemerkt, dass er auf der einen Seite nicht ernst nimmt, was kleinere Mädchen leisten. Die Sache an sich hat ihn aber schon etwas interessiert. Mehr Interesse fand aber die Vitrine mit den Dingen vom zweiten Weltkrieg. Waffen faszinieren ihn mehr.

12. März 2016: Am Abend liegt Hamza im Bett und will von der Welt nichts mehr sehen und niemanden sprechen. Er hat gegen seinen großen Bruder bei Fifa (Computerspiel) verloren. Eigentlich ist Fußball sein Spezialgebiet. Vielleicht ist es aber nicht nur die Frustration über das verlorene Spiel? Jedenfalls kommt keiner an ihn ran. Mich herrscht er arabisch an (ich vermute mal: Lass mich in Ruh!) und auch Paul oder Lukas können ihn nicht aus dem Bett herausbringen, die Decke zieht er ganz eng über sich. Nach über einer Stunde, als es Abendessen gibt, ist er wieder da.

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