„Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar!“ Eine Lesung über die Frau in der StaBi Regensburg
Christoph Maltz las die Erzählung „Der Korsetten-Fritz“ von Oskar Panizza in der Staatlichen Bibliothek in Regensburg.

„Du bist köstlicher als der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest nach Sandelholz.“ Hundert Jahre nach Panizza: Quelle-Katalog 1993. Foto: Marcinkus
Die Erzählung, die zu hören die knapp dreißig Zuhörer in die Staatliche Bibliothek in der Gesandtenstraße gekommen waren, sei nicht nur geschrieben worden, sondern spiele auch „bevor das 20. Jahrhundert ausbrach“. Mit dem Versprecher von Bibliotheksleiter Bernhard Lübbers bei seiner Einführung zur Lesung von Christoph Maltz war schon viel gesagt.
Der „Ausbruch des 20. Jahrhunderts“
Denn die Erzählung „Der Korsetten-Fritz“ von Oskar Panizza, die Maltz an diesem Abend sehr gekonnt vortrug, stammt zwar von 1893, zeugt aber von nichts geringerem als eben dem bevorstehenden „Ausbruch des 20. Jahrhunderts“, das sich für die zweitausend Jahre alte Herrschaft des Christentums tatsächlich wie ein Weltkrieg ausnehmen sollte.
Das 20. Jahrhundert: der GAU für das Christentum
Oder, anders gesagt: Der Erste Weltkrieg sowieso nicht, aber auch der Zweite Weltkrieg traf das Christentum bei weitem nicht so ins Mark wie das Jahrhundert an sich. Denn das Jahrhundert, das stellte das Christentum in Frage. (Natürlich stellten auch die beiden Weltkriege das Christentum in Frage, aber das haben die meisten Christen bis auf den heutigen Tag noch nicht mitgekriegt.)
Die Lebensbeichte eines frischgebackenen Pastors
Nun also der bevorstehende Ausbruch des 20. Jahrhunderts, den Lesern zu Ende des 19. Jahrhunderts schonend dargebracht in Form einer Lebensbeichte eines frischgebackenen Pastors, die sich einzig und allein um ein Thema dreht, ein delikates, wie man in der guten, alten Zeit mit vielsagend-beklopptem Lächeln gesagt hätte. Es geht um die Frau.
Von „Tango Pervers“ zu „Larifari“
Aber bevor es ans Eingemachte ging, trug Lübbers noch Eulen nach Athen und stellte dem Publikum den Vortragenden vor. Christoph Maltz sei allseits als Direktor des Kasperltheaters „Larifari“ bekannt, doch bereits lange vor der Gründung dieser Institution vor 32 Jahren habe Maltz als Sänger der Punkband „Tango Pervers“ Kulturgeschichte geschrieben.

Ist selbst ein Stück Regensburger Kulturgeschichte: Christoph Maltz. Foto: Wolfgang Ruhl
„Eigentum ist Diebstahl“
Die Bedeutung dieser Band, so Lübbers weiter, könne man daran ermessen, dass es dazumal in Regensburg einen gemeinsamen Auftritt von „Tango Pervers“ mit den „Toten Hosen“ gegeben habe. Da hat Lübbers recht. Das war am 30. März 1983 im Wirtschaftswunder in der Oberen Bachgasse. Womit Lübbers nicht recht hat (was er nicht direkt aussprach, aber worauf er hinauswollte): dass sich Maltz als Sänger von „Tango Pervers“ heute noch was darauf einbilden könne, dass er vor bald 43 Jahren mit den „Toten Hosen“ zusammen aufgetreten ist.
„Liebe ist Sklaverei“
Wenn, dann umgekehrt. Die „Toten Hosen“ können stolz darauf sein, 1983 mit „Tango Pervers“ aufgetreten zu sein. Denn „Tango Pervers“ hat sich im Gegensatz zu den „Toten Hosen“ nicht kommerzialisieren und korrumpieren lassen. „Tango Pervers“ hat „Eigentum ist Diebstahl“ nicht nur gesungen, sondern auch sich daran gehalten. Die „Toten Hosen“ hingegen haben sich alsbald zur beliebigen, gefälligen Trallala-Truppe „gemausert“, die Stadien füllt.
Der Teufel in der Himmelstragödie
Das wichtigste vergaß der Herr Doktor Bibliotheksdirektor sowieso zu erwähnen: Christoph Maltz spielte 1988 den Teufel in Joseph Berlingers legendärer Inszenierung von Oskar Panizzas „Himmelstragödie in fünf Aufzügen“ mit dem Titel „Das Liebeskonzil“. Die satanischen Maßstäbe, die Maltz damals setzte, gelten in der Bischofsstadt und darüber hinaus bis heute und ad infinitum.
Der Sohn eines protestantischen Pfarrers
Und noch eine Kleinigkeit ließ Lübbers unerwähnt: Christoph Maltz ist der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Sodass er mit Fug und Recht die Erzählung „Der Korsetten-Fritz“ von Oskar Panizza vortragen kann, die da anhebt mit dem Satz: „Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers.“
„Der Korsetten-Fritz“ im Internet
Ganz ohne etwas von der Geschichte zu verraten, wird es im folgenden naturgemäß nicht abgehen. Deshalb, wer sie vorher lesen möchte, hier gibt es Panizzas Erzählung von 1893 zu lesen (bei gemächlichem Lesetempo braucht man etwa eine Stunde).
Erziehungsprinzip hermetische Abschottung
Es geht also um einen Pfarrerssohn, einen mehr als behüteten Knaben, der von seinem Vater zwecks Besuchs einer Lateinschule und dann eines Gymnasiums in andere Städte weitergereicht wird, freilich nur „zu Leuten, die mich ebenso streng vor allem, was man Welt nennt, abschlossen wie mein Vater“.
Ein protestantisches Programm wird abgespult
Eine Kopie seines Vaters soll aus dem Buben werden, ein von der Predigtkanzel herabplärrender Pfarrer. Schon vor seiner Geburt scheint sein Lebensweg genau geplant worden zu sein, und der Junge hat sich längst in sein Schicksal gefügt: „Dieses Programm war mir vollkommen geläufig, ich hatte mich auch vollständig mit ihm ausgesöhnt.“
„Meine Seele, jenes Wandertier“
Da ist nur dieses stete, leise Unbehagen in der Brust: „Aber was meine Seele dazu sagen werde, jenes Wandertier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und jeder Klausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich nicht.“ All die Zucht- und Zwangsmaßnahmen haben es nicht vermocht, den Lebenswillen ganz zum schweigen zu bringen.

Oskar Panizza um 1895.
Ein Blick in ein Schaufenster
Dieser vollkommen welt- und lebensfremde Knabe steht nun eines Abends, als er einmal kurz nicht unter Beobachtung steht, plötzlich vor dem großen Schaufenster eines Korsettengeschäfts. Und ist völlig von den Socken. Aus seiner Unkenntnis der weiblichen Anatomie und seiner dafür umso zügelloseren und gleichzeitig noch ganz kindlichen Phantasie braut sich im Nu etwas zusammen.
Eine selten kostbare Menschenrasse
Es ist Liebe auf den ersten Blick. Der 15jährige ist fortan völlig verrückt nach diesem Fetisch. Dunkel ist ihm klar, dass der Fetisch dazu da ist, Wesen aus Fleisch und Blut zu umhüllen, die noch überirdischer als der Fetisch sein müssen, Exemplare einer seltenen, kostbaren Menschenrasse, die man als Normalsterblicher nie zu sehen bekommt. Ob es sie wirklich gibt?
„Diese federleichte, graziöse Sippe“
Hinter der Glasscheibe, das müssen „Menschenhülsen von einem eigenartigen Geschlecht“ sein. „Könnte man da nicht hinkommen, wo die leben? Und glücklich sein?“ Ob es überhaupt noch lebende Exemplare gibt? „Und wo die sich aufhalten mögen? In einem fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mag sie wohl in der Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe!“
Zur Sache, Schätzchen
„Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar!“ deliriert der Korsetten-Fritz an späterer Stelle. Es wird böse enden, würde Werner Enke sagen. Aber ab jetzt wird nichts weiter mehr verraten. Nur noch, dass Christoph Maltz nach bravourös vorgeführter Lesung noch ein paar Anstrengungen unternahm, die Erzählung zu interpretieren. Was er besser bleiben hätte lassen.
Nur das Schreckgespenst der Prüderie?
Denn er kaprizierte sich fast nur darauf, daß der gute Korsetten-Fritz doch nachweislich psychisch krank sei, Panizzas Figur folglich nichts als das Ergebnis kohlrabenschwarzer Pädagogik und das Schreckgespenst einer prüden Verbotserziehung. Naja, vordergründig gesehen ist das natürlich vollkommen richtig. Nur schwingt in dieser Geschichte ja wohl noch was anderes mit.
Bericht aus der Psychiatrie
Schließlich hatte es im Einladungstext zur Lesung geheißen: „Getarnt als Lebensbeichte eines psychisch Kranken entwickelt Panizza eine beißende Satire auf Themen, die über 130 Jahre später leider immer erschreckender aktuell werden.“ Denn am Ende entpuppt sich der ganze Text als pflichtschuldigst abgefasster Lebenslauf des gerade ins Irrenhaus eingelieferten jungen Erwachsenen.
Rein in die Schublade, fertig, aus
Nur ist eben die Frage, ob man den Umstand, dass die Sache, wie kaum anders zu erwarten, böse endet, dafür ausschlachten darf, dass man dem Korsetten-Fritz einfach schweren psychischen Schaden attestiert, Stempel drunter, fertig aus. Das verbietet sich ja eigentlich schon allein deshalb, weil man darin mit allen übrigen Figuren der Erzählung übereinstimmen würde.
Wer ist hier der Irre?
Und damit wäre man nicht in guter Gesellschaft. All die angeblich ganz Normalen um den Korsetten-Fritz herum, die sich über ihn lustig machen und ihn für verrückt erklären, von seinem Vater bis zu seinen Klassenkameraden, die keinerlei Problem damit haben, sich mit der viktorianischen Gesellschaft des Kaiserreichs zu arrangieren, sind die nicht viel irrer?
Ein Irrer, der richtiger tickt als die Normalen
Es ist doch nicht zu übersehen, dass der Korsetten-Fritz in all seinem Wahn, in all seiner Durchgeknalltheit, in all seinen Halluzinationen definitiv noch richtiger tickt als all die anderen um ihn herum. Dass also der „Verrückte“ hier schon fast der einzige normale ist.
Die Frauenverächter kommen ungeschoren davon
All die abgebrühten Frauenbeherrscher und Frauenverächter – gegenüber denen ist der Korsetten-Fritz zwar naiv bis zum Gehtnichtmehr, aber er ist der einzige, der sowas wie Respekt hat vor den Frauen, der ihnen aufrichtige Verehrung entgegenbringt, auch wenn diese Verehrung so übergeschnappt ist, daß die Frauen Reißaus nehmen vor ihm.
Das Krankenkassenschema
Zuguterletzt brachte Maltz allen Ernstes eine konkrete Klassifizierung des psychischen Defekts daher, die eine Psychologiestudentin dem Korsetten-Fritz nach dem derzeit gültigen deutschen Krankenkassenschema erstellt habe. Ach, Herr Maltz! Nachdem Oskar Panizza selbst per Psychiatrisierung zu Tode gebracht wurde, muss man jetzt auch noch seine Figuren psychiatrisieren?
Ein „schwarz geschniegelter Jude“
Übrigens kommt im „Korsetten-Fritz“ auch noch ein böser Jude vor. Diese Figur ist aber keineswegs antisemitisch, auch wenn man das im ersten Moment meinen könnte. Denn es stellt sich nur für den Helden, den Korsetten-Fritz, so dar, dass es ein frecher Jude ist, der ihm seine Halluzinationen von Weiblichkeit im Schaufenster wegnimmt und streitig macht.
Eine Karikatur des antisemitischen Wahns
Dass der Jude an allem schuld ist, das ist nicht die Meinung des Erzählers, und schon gar nicht des Autors, sondern nur die deutlich als wahnhafte Einbildung gekennzeichnete Wahrnehmung des tragischen Helden dieser wunderbaren Geschichte. Panizza macht sich lustig über den zu seiner Zeit bereits weitverbreiteten antisemitischen Wahn.
Thomas Mann meint es ernst
Im Vergleich dazu finden sich zum Beispiel bei Thomas Mann tatsächliche, handfeste antisemitische Einsprengsel, man denke nur an den Inhaber der Kunsthandlung in „Gladius Dei“. Denn die antisemitischen Stereotypien gehen bei Thomas Mann durchaus auf das Konto von Erzähler und Autor.
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