„Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar!“ Eine Lesung über die Frau in der StaBi Regensburg
Christoph Maltz las die Erzählung „Der Korsetten-Fritz“ von Oskar Panizza in der Staatlichen Bibliothek in Regensburg.

„Du bist köstlicher als der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest nach Sandelholz.“ Hundert Jahre nach Panizza: Quelle-Katalog 1993. Foto: Marcinkus
Die Erzählung, die zu hören die knapp dreißig Zuhörer in die Staatliche Bibliothek in der Gesandtenstraße gekommen waren, sei nicht nur geschrieben worden, sondern spiele auch „bevor das 20. Jahrhundert ausbrach“. Mit dem Versprecher von Bibliotheksleiter Bernhard Lübbers bei seiner Einführung zur Lesung von Christoph Maltz war schon viel gesagt.
Der „Ausbruch des 20. Jahrhunderts“
Denn die Erzählung „Der Korsetten-Fritz“ von Oskar Panizza, die Maltz an diesem Abend sehr gekonnt vortrug, stammt zwar von 1893, zeugt aber von nichts geringerem als eben dem bevorstehenden „Ausbruch des 20. Jahrhunderts“, das sich für die zweitausend Jahre alte Herrschaft des Christentums tatsächlich wie ein Weltkrieg ausnehmen sollte.
Das 20. Jahrhundert: der GAU für das Christentum
Oder, anders gesagt: Der Erste Weltkrieg sowieso nicht, aber auch der Zweite Weltkrieg traf das Christentum bei weitem nicht so ins Mark wie das Jahrhundert an sich. Denn das Jahrhundert, das stellte das Christentum in Frage. (Natürlich stellten auch die beiden Weltkriege das Christentum in Frage, aber das haben die meisten Christen bis auf den heutigen Tag noch nicht mitgekriegt.)
Die Lebensbeichte eines frischgebackenen Pastors
Nun also der bevorstehende Ausbruch des 20. Jahrhunderts, den Lesern zu Ende des 19. Jahrhunderts schonend dargebracht in Form einer Lebensbeichte eines frischgebackenen Pastors, die sich einzig und allein um ein Thema dreht, ein delikates, wie man in der guten, alten Zeit mit vielsagend-beklopptem Lächeln gesagt hätte. Es geht um die Frau.
Von „Tango Pervers“ zu „Larifari“
Aber bevor es ans Eingemachte ging, trug Lübbers noch Eulen nach Athen und stellte dem Publikum den Vortragenden vor. Christoph Maltz sei allseits als Direktor des Kasperltheaters „Larifari“ bekannt, doch bereits lange vor der Gründung dieser Institution vor 32 Jahren habe Maltz als Sänger der Punkband „Tango Pervers“ Kulturgeschichte geschrieben.

Ist selbst ein Stück Regensburger Kulturgeschichte: Christoph Maltz. Foto: Wolfgang Ruhl
„Eigentum ist Diebstahl“
Die Bedeutung dieser Band, so Lübbers weiter, könne man daran ermessen, dass es dazumal in Regensburg einen gemeinsamen Auftritt von „Tango Pervers“ mit den „Toten Hosen“ gegeben habe. Da hat Lübbers recht. Das war am 30. März 1983 im Wirtschaftswunder in der Oberen Bachgasse. Womit Lübbers nicht recht hat (was er nicht direkt aussprach, aber worauf er hinauswollte): dass sich Maltz als Sänger von „Tango Pervers“ heute noch was darauf einbilden könne, dass er vor bald 43 Jahren mit den „Toten Hosen“ zusammen aufgetreten ist.
„Liebe ist Sklaverei“
Wenn, dann umgekehrt. Die „Toten Hosen“ können stolz darauf sein, 1983 mit „Tango Pervers“ aufgetreten zu sein. Denn „Tango Pervers“ hat sich im Gegensatz zu den „Toten Hosen“ nicht kommerzialisieren und korrumpieren lassen. „Tango Pervers“ hat „Eigentum ist Diebstahl“ nicht nur gesungen, sondern auch sich daran gehalten. Die „Toten Hosen“ hingegen haben sich alsbald zur beliebigen, gefälligen Trallala-Truppe „gemausert“, die Stadien füllt.
Der Teufel in der Himmelstragödie
Das wichtigste vergaß der Herr Doktor Bibliotheksdirektor sowieso zu erwähnen: Christoph Maltz spielte 1988 den Teufel in Joseph Berlingers legendärer Inszenierung von Oskar Panizzas „Himmelstragödie in fünf Aufzügen“ mit dem Titel „Das Liebeskonzil“. Die satanischen Maßstäbe, die Maltz damals setzte, gelten in der Bischofsstadt und darüber hinaus bis heute und ad infinitum.
Der Sohn eines protestantischen Pfarrers
Und noch eine Kleinigkeit ließ Lübbers unerwähnt: Christoph Maltz ist der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Sodass er mit Fug und Recht die Erzählung „Der Korsetten-Fritz“ von Oskar Panizza vortragen kann, die da anhebt mit dem Satz: „Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers.“
„Der Korsetten-Fritz“ im Internet
Ganz ohne etwas von der Geschichte zu verraten, wird es im folgenden naturgemäß nicht abgehen. Deshalb, wer sie vorher lesen möchte, hier gibt es Panizzas Erzählung von 1893 zu lesen (bei gemächlichem Lesetempo braucht man etwa eine Stunde).
Erziehungsprinzip hermetische Abschottung
Es geht also um einen Pfarrerssohn, einen mehr als behüteten Knaben, der von seinem Vater zwecks Besuchs einer Lateinschule und dann eines Gymnasiums in andere Städte weitergereicht wird, freilich nur „zu Leuten, die mich ebenso streng vor allem, was man Welt nennt, abschlossen wie mein Vater“.
Ein protestantisches Programm wird abgespult
Eine Kopie seines Vaters soll aus dem Buben werden, ein von der Predigtkanzel herabplärrender Pfarrer. Schon vor seiner Geburt scheint sein Lebensweg genau geplant worden zu sein, und der Junge hat sich längst in sein Schicksal gefügt: „Dieses Programm war mir vollkommen geläufig, ich hatte mich auch vollständig mit ihm ausgesöhnt.“
„Meine Seele, jenes Wandertier“
Da ist nur dieses stete, leise Unbehagen in der Brust: „Aber was meine Seele dazu sagen werde, jenes Wandertier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und jeder Klausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich nicht.“ All die Zucht- und Zwangsmaßnahmen haben es nicht vermocht, den Lebenswillen ganz zum schweigen zu bringen.

Oskar Panizza um 1895.
Ein Blick in ein Schaufenster
Dieser vollkommen welt- und lebensfremde Knabe steht nun eines Abends, als er einmal kurz nicht unter Beobachtung steht, plötzlich vor dem großen Schaufenster eines Korsettengeschäfts. Und ist völlig von den Socken. Aus seiner Unkenntnis der weiblichen Anatomie und seiner dafür umso zügelloseren und gleichzeitig noch ganz kindlichen Phantasie braut sich im Nu etwas zusammen.
Eine selten kostbare Menschenrasse
Es ist Liebe auf den ersten Blick. Der 15jährige ist fortan völlig verrückt nach diesem Fetisch. Dunkel ist ihm klar, dass der Fetisch dazu da ist, Wesen aus Fleisch und Blut zu umhüllen, die noch überirdischer als der Fetisch sein müssen, Exemplare einer seltenen, kostbaren Menschenrasse, die man als Normalsterblicher nie zu sehen bekommt. Ob es sie wirklich gibt?
„Diese federleichte, graziöse Sippe“
Hinter der Glasscheibe, das müssen „Menschenhülsen von einem eigenartigen Geschlecht“ sein. „Könnte man da nicht hinkommen, wo die leben? Und glücklich sein?“ Ob es überhaupt noch lebende Exemplare gibt? „Und wo die sich aufhalten mögen? In einem fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mag sie wohl in der Luft schweben, diese federleichte, graziöse Sippe!“
Zur Sache, Schätzchen
„Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar!“ deliriert der Korsetten-Fritz an späterer Stelle. Es wird böse enden, würde Werner Enke sagen. Aber ab jetzt wird nichts weiter mehr verraten. Nur noch, dass Christoph Maltz nach bravourös vorgeführter Lesung noch ein paar Anstrengungen unternahm, die Erzählung zu interpretieren. Was er besser bleiben hätte lassen.
Nur das Schreckgespenst der Prüderie?
Denn er kaprizierte sich fast nur darauf, daß der gute Korsetten-Fritz doch nachweislich psychisch krank sei, Panizzas Figur folglich nichts als das Ergebnis kohlrabenschwarzer Pädagogik und das Schreckgespenst einer prüden Verbotserziehung. Naja, vordergründig gesehen ist das natürlich vollkommen richtig. Nur schwingt in dieser Geschichte ja wohl noch was anderes mit.
Bericht aus der Psychiatrie
Schließlich hatte es im Einladungstext zur Lesung geheißen: „Getarnt als Lebensbeichte eines psychisch Kranken entwickelt Panizza eine beißende Satire auf Themen, die über 130 Jahre später leider immer erschreckender aktuell werden.“ Denn am Ende entpuppt sich der ganze Text als pflichtschuldigst abgefasster Lebenslauf des gerade ins Irrenhaus eingelieferten jungen Erwachsenen.
Rein in die Schublade, fertig, aus
Nur ist eben die Frage, ob man den Umstand, dass die Sache, wie kaum anders zu erwarten, böse endet, dafür ausschlachten darf, dass man dem Korsetten-Fritz einfach schweren psychischen Schaden attestiert, Stempel drunter, fertig aus. Das verbietet sich ja eigentlich schon allein deshalb, weil man darin mit allen übrigen Figuren der Erzählung übereinstimmen würde.
Wer ist hier der Irre?
Und damit wäre man nicht in guter Gesellschaft. All die angeblich ganz Normalen um den Korsetten-Fritz herum, die sich über ihn lustig machen und ihn für verrückt erklären, von seinem Vater bis zu seinen Klassenkameraden, die keinerlei Problem damit haben, sich mit der viktorianischen Gesellschaft des Kaiserreichs zu arrangieren, sind die nicht viel irrer?
Ein Irrer, der richtiger tickt als die Normalen
Es ist doch nicht zu übersehen, dass der Korsetten-Fritz in all seinem Wahn, in all seiner Durchgeknalltheit, in all seinen Halluzinationen definitiv noch richtiger tickt als all die anderen um ihn herum. Dass also der „Verrückte“ hier schon fast der einzige normale ist.
Die Frauenverächter kommen ungeschoren davon
All die abgebrühten Frauenbeherrscher und Frauenverächter – gegenüber denen ist der Korsetten-Fritz zwar naiv bis zum Gehtnichtmehr, aber er ist der einzige, der sowas wie Respekt hat vor den Frauen, der ihnen aufrichtige Verehrung entgegenbringt, auch wenn diese Verehrung so übergeschnappt ist, daß die Frauen Reißaus nehmen vor ihm.
Das Krankenkassenschema
Zuguterletzt brachte Maltz allen Ernstes eine konkrete Klassifizierung des psychischen Defekts daher, die eine Psychologiestudentin dem Korsetten-Fritz nach dem derzeit gültigen deutschen Krankenkassenschema erstellt habe. Ach, Herr Maltz! Nachdem Oskar Panizza selbst per Psychiatrisierung zu Tode gebracht wurde, muss man jetzt auch noch seine Figuren psychiatrisieren?
Ein „schwarz geschniegelter Jude“
Übrigens kommt im „Korsetten-Fritz“ auch noch ein böser Jude vor. Diese Figur ist aber keineswegs antisemitisch, auch wenn man das im ersten Moment meinen könnte. Denn es stellt sich nur für den Helden, den Korsetten-Fritz, so dar, dass es ein frecher Jude ist, der ihm seine Halluzinationen von Weiblichkeit im Schaufenster wegnimmt und streitig macht.
Eine Karikatur des antisemitischen Wahns
Dass der Jude an allem schuld ist, das ist nicht die Meinung des Erzählers, und schon gar nicht des Autors, sondern nur die deutlich als wahnhafte Einbildung gekennzeichnete Wahrnehmung des tragischen Helden dieser wunderbaren Geschichte. Panizza macht sich lustig über den zu seiner Zeit bereits weitverbreiteten antisemitischen Wahn.
Thomas Mann meint es ernst
Im Vergleich dazu finden sich zum Beispiel bei Thomas Mann tatsächliche, handfeste antisemitische Einsprengsel, man denke nur an den Inhaber der Kunsthandlung in „Gladius Dei“. Denn die antisemitischen Stereotypien gehen bei Thomas Mann durchaus auf das Konto von Erzähler und Autor.






Peter D.G. Brown
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Es freut mich sehr, dass man heutzutage in Regenburg noch Panizza Texte liest und bespricht!
Der Autor dieses Artikels weist scharfsinnig darauf hin, „dass der Korsetten-Fritz in all seinem Wahn, in all seiner Durchgeknalltheit, in all seinen Halluzinationen definitiv noch richtiger tickt als all die anderen um ihn herum.“
In Panizzas Buch Genie und Wahnsinn (1898) findet sich die treffende Bemerkung, ursprünglich vom Begründer der „modernen Irrenheilkunde“ Maximilian Jacobi: „Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft“.
Dies trifft immer noch zu in unserer heutigen Zeit, wo der Wahnsinn sich tatsächlich auf der ganzen Welt epidemisch verbreitet hat.
Günther Herzig
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Paul Casimir Marcinkus überrascht mich wirklich mit seiner Analyse. Ich will nicht behaupten genau verstanden zu haben, was er ausdrücken will. Dafür ist mir vieles zu wenig bekannt. Ich bin aber neugierig geworden.
Pfarrer Maltz, den ich recht gut kannte, auch weil wir keine 100 Meter entfernt von einnander wohnten, war nach meinem Empfinden ein lebensbejahender, humorvoller Mann, der mich einmal gegen 23.00 Uhr angerufen hat, um mir zu erzählen, er habe in seinem Keller die lange vermisste Flasche eines erstklassigen Getränks gefunden, ich solle sofort kommen um ihm bei der Verkostung Gesellschaft zu leisten. Ob ich diesem Vorschlag nachkam, verrate ich nicht. Dass ich mich gefreut habe, gebe ich gerne zu. Das gehört zu den schönen Erinnerungen in meinem Leben, die bleiben.
Redundatius
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Wie schon beim letzten Artikel von Marcinkus musste ich mich geradezu bis zum Ende quälen. Und das hat nichts mit dem Inhalt oder dem Schreibstil zu tun, sondern mit den inflationär verwendeten Zwischenüberschriften. Ich brauche nach jeweils 2-4 Sätzen keine neue Zwischenüberschrift, die ein Schlagwort der nächsten 2-4 Sätze vorwegnimmt. Das ist redundant, stört den Lesefluss und nervt gewaltig (zumindest mich). Das Auge liest nicht nur mit – es liest! Ich weiß, über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber das musste ich loswerden, da ich Ihre Artikel und die Themenwahl eigentlich hervorragend finde. (Fast) weiter so!
Paul Casimir Marcinkus
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@Redundatius
Die Zwischenüberschriften sind ein Zugeständnis an die Handyleser! Sie lesen vermutlich am PC oder am Laptop oder am Tablet, da stören die Zwischenüberschriften eher, das finde ich auch. Aber am Handy ist es schon ein bisschen übersichtlicher mit Zwischenüberschriften. Noch dazu für die Leser, die sich mit langen Texten und langen Sätzen schwer tun – glaube ich zumindest!
Robert
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Ja genau Redundatius!
das finde ich auch: die Zwischenüberschriften bringen keinerlei Vorteil oder Mehrwert, sie lenken nur ab und stören!
Paul Casimir Marcinkus
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Nachtrag: Panizzas bekanntestes Werk, das Theaterstück “Das Liebeskonzil”, erschien 1894 in Buchform in Zürich. Die “Himmelstragödie” lässt sich auch gut lesen:
https://www.projekt-gutenberg.org/panizza/liebkonz/liebkonz.html
In Deutschland wurde das Stück 1895 von ein paar Zeitungen besprochen, obwohl es nirgends gespielt wurde. Doch das reichte dem königlich bayerischen Landgericht München I, Panizza 1895 zu einem Jahr Einzelhaft zu verurteilen, die er im Zuchthaus Amberg bis zum letzten Tag absaß. Uraufgeführt wurde das “Liebeskonzil” 1967 in Wien, seitdem wird es sporadisch mal gespielt, von privaten Bühnen, die staatlichen Theater trauen sich nicht ran an das Stück. In Regensburg, wo offensichtlich besonderer Bedarf besteht, wurde es bereits zweimal aufgeführt, nach der im Text erwähnten Inszenierung von Joseph Berlinger 1988 mit Christoph Maltz als Teufel und Harald Dichmann selig als Gottvater brachte Hans Schröck die “Himmelstragödie” 2007 ein weiteres Mal auf die Bühne. Diese Inszenierung mit Werner Rösch als Gottvater ist auf youtube zu sehen:
https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=hans+schr%C3%B6ck+regensburg#fpstate=ive&vld=cid:7de7aa60,vid:rSB3s4A-wEw,st:0
Panizza war nach dem Jahr Zuchthaus ein gebrochener Mann. Er brachte nirgends mehr einen Fuß auf den Boden. Er ging zuerst in die Schweiz, dann nach Paris, kehrte wieder nach München zurück und starb 1921 in einem Sanatorium in Bayreuth.
Der in den USA lebende Literaturwissenschaftler Peter D.G. Brown hat 2005 im Münchner belleville Verlag die ultimative bibliophile Ausgabe des “Liebeskonzils” herausgebracht, die vom Faksimile der Handschrift über Panizzas Verteidigung bis zum Urteil alles enthält, was man zu Panizzas “Himmelstragödie” nur immer wissen wollen kann.
Joela Jacobs
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Auch ich freue mich, dass Panizza weiterhin gelesen wird. Wie Peter Brown sagt, liegt Paul Casimir Marcinkus ganz richtig, dass Panizza die Vorstellung vom Wahnsinn in seinen Texten als Mann vom Fach immer wieder unterwandert. Ob die jüdische Figur nicht antisemitisch ist, ist allerdings eine andere Frage, die man immer im größeren Kontext betrachten muss. In einer Zeit und Gesellschaft mit stark strukturell verankertem Antisemitismus werden antisemitische Aussagen und Vorstellungen hier ohne direktes Korrektiv wiederholt — gleichzeitig schreibt Panizza Grotesken, die seine Zeit und Gesellschaft parodieren und kritisieren. Das Ergebnis ist kompliziert und nicht immer so eindeutig, wie ich auch in meinen Analysen immer wieder finde, und während Texte statisch bleiben, entwickeln sich Menschen (sowie Zeiten und Gesellschaften) natürlich auch weiter… hoffentlich zumindest!
Albert Mooshamer
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Wie’s der Teufel will, funktioniert der von Paul Casimir Marcinkus angegebene Link zu Panizzas Erzählung “Der Korsetten-Fritz” auf einmal nicht mehr! Anscheinend ist das Projekt Gutenberg gerade im Umbruch, denn nach einiger Suche findet sich der Text dann doch, unter neuer Adresse und in neuem Layout:
https://projekt-gutenberg.org/authors/leopold-hermann-oskar-panizza/books/oskar-panizza-der-korsetten-fritz/
Schröck Hans
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Die “Vorstellung von Wahnsinn” als zentrales Thema des Artikels führt uns ja pfeilgerade zum Begriff der Normalität – was könnte es gerade Aktuelleres geben! Prüderie nach außen hin und Hemmungslosigkeit im abgedunkelten Weltraum des www. leben einträchtig (und einträglich) nebeneinander in unserer Gesellschaft, so wie die Carrera-Rennbahn und die Dessous-Seiten im selben Quelle-Katalog. Die Dimensionen sind natürlich heutzutage bigger und noch weniger beautiful. Wir schwadronieren vom Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und machen deals mit Regierungen, die Homosexuelle am Baukran aufhängen, führen Touristen durch die Reeperbahn und lassen zu, daß in der “europäischen Wertegemeinschaft” CSD`s kriminalisiert und verboten werden. Alkohol und Pornographie für Minderjährige sind offiziell verboten, aber nichts leichter, als sich beides zu beschaffen.
Um auf Panizza zurückzukommen: es ist eigentlich erstaunlich, wie lange die Psyche eines Menschen (und also auch sein Intellekt) auf diesem hohen Niveau funktionieren konnte, dessen religiöse Erziehung buchstäblich und realiter auf dem Sterbebett seines Vaters erstritten werden musste und dessen Mutter vor den Nachstellungen der katholischen Kirche fliehen musste, nur um zwischen Teufel (Vatikan/Rom) und Beelzebub (Protestantismus /Deutschland) wählen zu dürfen. Sein “Verfolgungswahn” hatte also einen absolut objektiven Hintergrund, und wenn zwei dieselbe “Bunga-Bunga”-Party feiern, ist es noch lange nicht dasselbe. Wer also gegen schwer traumatisierte Opfer religiöser Verfolgung den ersten Stein werfen will, der mag es tun – vom humanistischen Standpunkt aus halte ich das für nicht ganz normal. Wiedergutmachung schon eher . . .
Joseph Berlinger
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Christoph Maltz hat bei seiner Panizza-Lesung im Dezember 2025 nicht erwähnt, dass er in meiner Regensburger “Liebeskonzil”-Inszenierung von 1989 den Teufel gespielt hat. Siehe
https://www.josephberlinger.de/inszenierungen/in-liebeskonzil/
Christophs Verschwiegenheit zeugt von großer Bescheidenheit. Sehr uneitel! Übrigens hat mich damals, im darauffolgenden Jahr 1990, Fritz Gebhardt alias Eugen Oker gefragt, ob er in seinem Alternativverlag “Kuckuck & Straps” meine Regiefassung von Panizzas “Liebskonzil” herausbringen darf. Warum sollte er nicht dürfen? Es erschien dann im Oktober 1990 in primitiver Aufmachung in einer Auflage von 100 Stück in diesem sehr uneitlen, kuriosen, skurrilen Liebhaberverlag…
Albert Mooshamer
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Danke, Herr Berlinger, für diesen Hinweis (aber die Lesung von Christoph Maltz war am 15. Januar 2026, nicht im Dezember 2025)! Auch für die Erinnerung an Ihr 1990 im Verlag Kuckuck & Straps erschienenes Buch, das Ihre Regiefassung des “Liebeskonzils” enthält – ich fand es prompt wieder in meiner Bibliothek, in schwindelerregender Höhe im obersten Regal, beinah wäre ich von der Leiter gefallen. Wirklich eine kleine, feine Panizza-Pretiose! Nur die eingestreuten Fotos der Berlinger-Inszenierung (sie war übrigens im Januar 1988, nicht 1989) sind von schlechter Druckqualität, weil das Buch genaugenommen überhaupt nicht gedruckt, sondern kopiert ist. Eigentlich waren die Fotos natürlich ausgezeichnet, schließlich waren sie von Hubert Lankes. Das erahnt man bei dem einzigen Foto, zu dem man kommt, wenn man dem von Berlinger angegebenen Link auf seine Seite folgt (im Buch findet sich das Foto auf S.61). Das darunter zu lesende Zitat aus einer Kritik ist allerdings wieder bezeichnend: “Eine Inszenierung, die sehr viel besser ist als Panizzas Stück oder Schroeters Verfilmung.” Das hat Helmut Hein damals in der Regensburger “Woche” über Berlingers Panizza-Inszenierung geschrieben. Die Kritik ist am Ende des besagten Buchs auf S.125ff. abgedruckt. Liest man sie, erinnert man sich mit Schaudern an die teils wirklich wirren Geistesergüsse von Helmut Hein. Und man erfährt, warum Panizzas Stück angeblich sehr viel schlechter ist als Berlingers Inszenierung, denn da ist die Rede von “Panizzas Monomanie, die zerfasert, ausufert, quälend, auch öde ist und lebensgeschichtlich in der Irrenanstalt endete”. Ausufernd monomanische Texte schrieb Panizza aber erst Jahre später, auf das 1894 erschienene “Liebeskonzil” trifft dieses Urteil in keinster Weise zu (man sieht in Berlingers Buch ja auch, dass er von Panizzas Text nicht viel gestrichen hat, nur ein paar historische Exzesse der Borgias). “Lebensgeschichtlich” richtig ist vielmehr: Für das “Liebeskonzil” wurde Panizza mit einem Jahr Zuchthaus bestraft, das war es, was ihm geistig-seelisch das Genick brach. Da wird ein Arzt für das Unerhörte, das er schreibt, zur Strecke gebracht, sodass er sich irgendwann selbst in die Psychiatrie einweist, und hinterher heißt es: Der hat ja schon immer einen Hau gehabt. Auch posthum muss Panizza immer noch und immer wieder psychiatrisiert werden. Vielleicht ist es jetzt, hundert Jahre nach seinem Tod, endlich möglich, ihn unvoreingenommen zu lesen.
Joseph Berlinger
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Ja, mit den Daten und Datierungen hab ich es nicht so. Im Falle der Panizza-Lesung von Christoph Maltz ist das fast ein wenig bedenklich, zumal sie erst vor 14 Tagen stattgefunden hat und ich selber dort war.
Ihr Beitrag, Herr Mooshamer, hat mich animiert, die Kritik von Helmut Hein noch einmal zu lesen. Dass er meine Inszenierung “sehr viel besser” findet als Panizzas Stück und Werner Schröters Verfilmung, ist natürlich viel zu viel der Ehre. Zum Glück ist sein Lob zugleich ein Verriss, wenn er mich als geschickten Entertainer bloßstellt. Wenn Sie aber nun pauschalisieren und den Kritiker Helmut Hein für die “teils wirklich wirren Geistesergüsse” geißeln, dann machen Sie etwas Ähnliches wie die Herren Bürokraten und Moralapostel damals mit Oskar Panizza gemacht haben. Ich persönlich finde es schade, dass Helmut Hein keine Kritiken und Feuilletons mehr schreibt, denn er ist einer der klügsten Köpfe und war einer der produktivsten Provokateure in Regensburg.
Was Sie dagegen über die Verunstaltung der schönen Inszenierungs-Fotos von Hubert Lankes schreiben, kann ich nur unterstreichen. Eugen Oker war ein blendender Spiele-Kritiker, Erzähler und Oberpfälzer Dialektdichter, aber beim Fotokopieren von Fotos hat er versagt. Ihn und seinen Münchner Verlag Kuckuck & Straps behalte ich trotzdem in bester Erinnerung.
Albert Mooshamer
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Wenn ich mich recht erinnere, gab es seinerzeit sogar einen Studentenclub mit dem Namen “Anonyme Helmut-Hein-HasserInnen”. Ich kannte ihn aber nur vom Hörensagen und bin ihm nie beigetreten, obwohl man dort, wie mir glaubhaft versichert wurde, sagenhaft schöne Studentinnen angetroffen hätte. Aber das nur en passant. Es geht hier schließlich um Panizza. Und mein einziger ernsthafter Vorwurf an Helmut Hein 38 Jahre ex post ist der, dass er Panizza in völlig unzulässiger Weise posthum ein weiteres Mal psychiatrisiert hat.
Paul Casimir Marcinkus
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Mittlerweile hat sich hier ja ein richtiges kleines Panizza-Symposium versammelt (statt der in anderen Foren üblichen Trump-Trolle und Putin-Bots)! Zwei Generationen von Panizza-Koryphäen auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft: Peter D.G. Brown (New York) und Joela Jacobs (Arizona), die beide an der mittlerweile fertiggestellten 13bändigen Panizza-Werkausgabe maßgeblich beteiligt sind: http://www.oskar-panizza.de/ und die beide darüber hinaus unverrückbare Maßstäbe in der Panizza-Forschung gesetzt haben. Joela Jacobs hat zusammen mit der Berliner Literaturwissenschaftlerin Nike Thurn 2021 zum 100. Todestag Panizzas eine (pandemiebedingt notgedrungen rein digitale) Ringvorlesung veranstaltet, die vollumfänglich aufgezeichnet und abrufbar ist: https://sites.arizona.edu/panizza/ Die Referate sind mittlerweile in einem Text+Kritik-Band nachlesbar: https://bpb-us-e2.wpmucdn.com/sites.arizona.edu/dist/f/266/files/2024/07/TextKritik-Oskar-Panizza-Inhaltsverzeichnis.pdf
Und mit Joseph Berlinger und Hans Schröck haben sich auch die Päpste der Regensburger Panizzagemeinde eingefunden (giebt es noch eine Stadt auf Erden, in der das “Liebeskonzil” zweimal inszeniert wurde? Oder anders gefragt: Muss Panizzas Himmelstragödie nicht so bald wie möglich ein drittes Mal aufgeführt werden in der Bischofsstadt an der Donau?)
Derweil driftet die Diskussion hier leider merklich ab! Wen interessieren schon nostalgisch-sentimentalische Altherrenerinnerungen! Gerade noch, dass man dann doch noch die Kurve zu Panizza kratzt, gell, Herr Mooshamer!
Indes, das Zitat aus der Kritik von 1988 hat auch mich elektrisiert. Denn dieser Helmut Hein macht ja nicht nur Panizza runter, sondern auch “Schroeters Verfilmung”. Damit meint er den abendfüllenden “Liebeskonzil”-Film von Werner Schroeter von 1982, der schon allein von daher unsterblich ist, als darin kein geringerer als Kurt Raab als Gerichtspräsident die Verurteilung Panizzas 1895 vor dem Landgericht München I so süffisant und formvollendet auf die Leinwand bringt, dass einem der Atem stockt. Im übrigen zeichnet sich der Film dadurch aus, dass er anlässlich einer Vorführung in einem kleinen Innsbrucker Kino 1985 auf Antrag des dortigen Bischofs von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und verboten wurde. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, kein Witz, hat dieses Urteil 1994 bestätigt. Schroeters Film darf in Österreich bis heute nicht aufgeführt werden.
Schröck Hans
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@Marcincus: Nehme das vergiftete Kompliment als Unfehlbarkeitsdogmatiker zur Kenntnis und erneuere meinen Aufruf, den Vatikan endlich zu enteignen und die Goldreserven dorthin zurückzubringen, wo sie damals gestohlen wurden. Vielleicht aber nicht gerade mit Venezuela anfangen . . .
@Mooshamer: was den Hein betrifft, wäre noch zu ergänzen, daß es sich im Falle der anonymen Helmut-Hein-Hasserinnen (HHH) um eine satirische Anzeige in der damaligen Studentenzeitschrift RAV gehandelt hat, die allerdings wohl auf persönlichen Erfahrungen mit dem damaligen “Skandal” – Regisseur Hein am Studententheater beruhte. Heutzutage würden seine pornographisch zu nennenden Theaterstücke wahrscheinlich von der Roten Zora gesprengt (wie auch damals eine Vernissage von Wolfgang Grimm). Eigentlich schade, daß diese Diskussions – Stoff (!) liefernden Experimente der 90er Jahre von der öffentlichen Bildfläche verschwanden und die früheren Elche (frei nach F.W.Bernstein) z. B. als die “schärfsten Kritiker” in die MZ eingehegt wurden.
Und ja, über den künstlerischen Rang der Schroeter-Verfilmung im Allgemeinen kann man geteilter Meinung sein – nicht aber über die Gerichtsszene!