Entdecke Veranstaltungen in Regensburg Alle Kultur Oekologie Soziales Kino

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus für Regensburg!

Hallo. Schön, dass Sie hier lesen oder kommentieren. Fast noch mehr freuen würden wir uns, wenn Sie die Arbeit von regensburg-digital mit einem kleinen (gern auch größerem) Beitrag unterstützen. Wir finanzieren uns nämlich nur zu etwa einem Drittel über Werbeanzeigen. Und für die gibt es bei uns auch ausdrücklich keine zusätzliche Gegenleistung, etwa in Form von PR-Artikeln oder Native Advertising.

Mehr als zwei Drittel unseres Budgets stammt aus Spenden – regelmäßige Beiträge von etwa 300 Mitgliedern im Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.

Anders ausgedrückt: Wir bauen auf Sie – mündige Leserinnen und Leser, die uns freiwillig unterstützen. Seien Sie dabei – mit einem einmaligen oder regelmäßigen Beitrag. Herzlichen Dank.

Spenden Sie mit
Kolumne

Eine wahre Geschichte über Awareness und Arschlöcher

Normalerweise mache ich an dieser Stelle einen Aprilscherz. Dieses Jahr nicht. Ich erzähle eine wahre Geschichte, an der ich beteiligt war. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes habe ich sie anonymisiert und lasse Zeit und genauen Ort offen. Doch sie ist belegbar wahr. Die Polizei würde sie bestätigen. Dort liegt alles vor.

Es geht um Awareness. Ein Begriff, der derzeit in aller Munde ist, der aber sehr unterschiedlich interpretiert werden kann.

Für mich bedeutet Awareness, sich bewusst darüber zu sein, dass man aufeinander Rücksicht nehmen sollte und sich respektvoll begegnet. Man greift ein, wenn jemand solche Verhaltensregeln missachtet.

WERBUNG

„Seid’s keine Arschlöcher.“

Man muss aber diesen politisch verbrämten Begriff nicht verwenden und braucht auch keine Wissenschaft daraus machen. Man kann die dahinter stehende Idee auch einfacher ausdrücken, so wie Florian Scheuerer, Macher des Hard:Line-Festivals es jedes Jahr macht: „Seid’s keine Arschlöcher.“

Was bedeutet das?

Man berücksichtigt, dass jeder Mensch begrenzt ist in seinen Fähigkeiten – sei es durch entwicklungspsychologische Gründe, die zu fehlender Impuls- und Emotionskontrolle führen können, wegen Sucht oder Intoxikation, zum Beispiel Alkohol, durch mangelnder intellektuelle Voraussetzungen, unbewusste Dynamiken oder schwierige Lebensumstände.

Jeder kann zum Arschloch werden.

Die Einflüsse sind vielfältig und höchst individuell. Die Fähigkeiten variieren stark – von Person zu Person, von Situation zu Situation.

Kurz gesagt: Wir sind alle Menschen mit Fehlern und Schwächen, selbst wenn wir verantwortungsvoll sein und reflektiert handeln wollen.

Noch einfacher: Kaum jemand ist freiwillig ein Arschloch, fast jeder kann sich aber in der entsprechenden Situation wie ein Arschloch verhalten.

Dessen sollte man sich bewusst sein. Um diese Grundhaltung geht es.

Rechtsstaat allein reicht nicht…

Diese Haltung geht über das hinaus, was der Rechtsstaat garantieren sollte. Sie bedeutet, dass man Verantwortung übernimmt, für das, was um einen herum geschieht und was man selber tut.

Wir übernehmen Verantwortung für Betroffene von übergriffigem Verhalten – Beleidigungen, Beschimpfungen, körperliche oder sexualisierte Gewalt, unabhängig von eventuell strafrechtlich relevanten Kategorien.

Wir konfrontieren Menschen, die sich übergriffig verhalten – transparent und sichtbar. Aber wir vergessen dabei nicht, dass uns auch dort ein Mensch gegenübersteht, ob es nun ein unangenehmer Besoffener, ein Drogensüchtiger oder Gewalttäter ist.

…aber es gibt rechtsstaatliche Prinzipien

Diese Haltung gilt auch für einen selbst. Wenn man sich selbst wie ein Arschloch verhalten hat, übernimmt man dafür die Verantwortung und geht offensiv mit dem eigenen Fehlverhalten um. Und man gesteht anderen zu, dass sie das auch tun können. Man lässt es irgendwann einmal gut sein, wenn sie das tun.

Das wiederum sollte man von rechtsstaatlichen Prinzipien gelernt haben und in diese Haltung einbauen.

Kurz: Auch einem Arschloch gegenüber benimmt man sich nicht wie ein Arschloch. Spätestens dann, wenn er das eingesehen und etwas dagegen unternommen hat.

Insofern geht es um eine politische Haltung, eine Vorstellung von Gesellschaft und vom Umgang miteinander, die unser Handeln leiten sollte.

Gelächter über Drogenabhängige: Ist das eine Kunstinstallation?

Nun zum konkreten Fall. Er spielt in der Regensburger Innenstadt und liegt noch nicht lange zurück. Er ist unspektakulär, weckt aber viele Assoziationen.

Auf einer Straße in einem Wohngebiet, gegen 21 Uhr. Und nein: es ist nicht die Maxstraße.

Drei Anwohner sind zum Rauchen kurz auf die Straße gegangen. Gegenüber beobachten sie zwei Menschen bei einer Biotonne, die sich seltsam verhalten. Eine Frau starrt stoisch auf die Tonne, während die andere Person sich in der Hocke daran festhält, rhythmisch die Hüften bewegt und dabei langsam, aber sicher die Hose verliert.

Kurzes Gelächter bei den Anwohnern. Ist das eine Kunstinstallation? Dann wieder ernst.

Wer übernimmt Verantwortung?

Es sind, das erkennt einer der drei Anwohner sofort, er ist vom Fach, zwei Drogenabhängige, mutmaßlich Fentanyl. Gelegentlich hat man Angst, dass die Person in der Hocke, vermutlich eine Frau, das Gleichgewicht verliert und auf die Straße fallen könnte, wo Autos vorbeifahren.

Ganz grundsätzlich verschafft einem diese Szene ein ungutes Gefühl, das gar nicht so klar zu definieren ist. So etwas sollte nicht sein.

Was tut man in so einem Fall? Geht man hin? Ruft man die Polizei? Ist man dafür überhaupt verantwortlich?

Man ruft die Polizei – trotz Bedenken

Nach kurzer Diskussion entscheiden die drei Anwohner, die Polizei zu rufen – trotz Bedenken. Obwohl man sich den beiden Personen nicht einmal nähern möchte, will keiner der drei ihre Situation noch schlimmer machen als sie ohnehin schon ist. Nicht jeder Polizeieinsatz verläuft so, wie man es sich erwartet oder zumindest erhofft.

Ein bekanntes Beispiel dafür ist die breit berichtete „Schocknacht für die Polizei“ vor etwas mehr als acht Jahren. Ein Einsatz wegen Ruhestörung bei einer WG-Party eskalierte völlig. Die Erkenntnis am Ende, nach einem Prozess zwei Jahre später: Niemand wollte diese Eskalation. Niemand wollte jemanden beleidigen oder verletzen.

Mangelhafte Kommunikation, fehlende Empathie und eine Situation, die von den Beteiligten völlig unterschiedlich interpretiert wurde lassen sich als Gründe für das Geschehen ausmachen (alle Details lassen sich hier nachlesen).

Eine weitere Erkenntnis: Vieles kann bei genauerem Hinschauen völlig anders sein, als es auf den ersten Blick erscheint.

Persönliche Awareness ist variabel

Stellen wir uns vor, jede beteiligte Person trägt ein inneres Thermometer mit sich – von Eins bis Zehn. Bei einer Zehn sind Wahrnehmung und Verantwortungsbewusstsein geschärft, das Maximum. Bei einer Eins ist kaum noch von Bewusstsein zu sprechen. Der Thermometerstand kann bei jedem variieren.

Zu der Situation in der Innenstadt vor wenigen Tagen: Wenn hier alle Beteiligten nicht über eine Drei auf ihrem Thermometer hinauskommen, dann wird es völlig eskalieren. Stoff für eine fiktive Tragikomödie oder einen Splatterfilm.

Anwohner, die die Süchtigen anpöbeln, vielleicht sogar anfassen und mit ihnen streiten. Ein weiterer Anwohner, der die Polizei ruft und von Eskalation spricht, Beamte die mit gezückten Schlagstöcken aus dem Streifenwagen springen. Verletzte, Handschellen, Reels auf Instagram und Anklagen, die Existenzen ruinieren können.

Jeder muss sich verantwortlich fühlen

Tatsächlich zeigten alle Beteiligten an diesem Abend ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein und Gespür. Niemand war ein Arschloch. Auch nicht unfreiwillig.

Die Anwohner entschieden sich, die Polizei zu rufen und beschrieben die Situation genau – immer mit dem Hinweis, dass von den beiden Personen keine Gefahr ausgeht.

Ein Beamter in der Einsatzzentrale nahm den Anruf entgegen, fragte genau nach und ließ den Anrufer mithören, wie er den Einsatz weitergab.

Er übergab den Anwohnern Verantwortung. Sie sollten die Situation im Blick zu behalten, bis die Streife eintrifft.

Wann darf man Verantwortung abgeben?

Die Anwohner blieben vor Ort. Als die Polizei kam, nickte man sich kurz zu. Die beiden Beamten, ein Mann und eine Frau, begannen ruhig mit den Drogenabhängigen zu sprechen.

Vom Fenster aus beobachteten die Anwohner, ob der Polizeieinsatz korrekt ablief. Die beiden Suchtkranken packten langsam ihr Zeug zusammen, während die Polizisten geduldig warteten.

Dann haken sich die beiden unter und verlassen schwankend den Ort. Der Streifenwagen bleibt stehen, die Scheinwerfer auf die Situation gerichtet, und fährt irgendwann langsam hinterher.

Ab diesem Zeitpunkt verlieren die Anwohner die Situation aus dem Blick. Es wird kurz diskutiert, ob man nicht hinterhergehen sollte, um sicherzustellen, dass alles in geordnetem, menschenwürdigem Rahmen abläuft oder ob man die Verantwortung guten Gewissens abgeben kann.

Man einigt sich darauf, den Beamten zu vertrauen, dass sie genau das garantieren. Das hat der bisherige Ablauf gezeigt.

Fast niemand will ein Arschloch sein

Die Erkenntnis bleibt, dass alle Beteiligten im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste getan haben. Jeder hat verantwortungsvoll gehandelt – im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Das ist nicht selbstverständlich in einer schwierigen und unangenehmen Situation für alle – Anwohner, Suchtkranke, Polizeibeamte und den Mann in der Einsatzzentrale. Wer weiß schon, was die Polizisten heute schon alles an der Backe hatten und wie gut die Nerven sind. In welcher Stimmung sind die Anwohner? Wie kompromissbereit und aufnahmefähig die zwei Menschen auf Fentanyl? Wie gut  die Kommunikationsfähigkeit aller Beteiligten?

Um beim Bild mit dem Thermometer zu bleiben. Menschen im Drogenrausch können vielleicht maximal eine Vier erreichen. Im Zweifel reichen bei sieben Beteiligten – Thermometern – schon eine Eins oder zwei Dreier, um die Situation sehr unschön zu entwickeln – obwohl das niemand will.

Dieser singuläre Abend hat zumindest bei mir das Vertrauen in den Rechtsstaat, die Polizei und die Anwohner gestärkt, und in den Glauben, dass fast alle versuchen, ihr Bestes zu tun, um respektvoll und rücksichtsvoll miteinander umzugehen. Dazu gehören auch die beiden Drogenabhängigen.

Insofern bemüht sich fast jeder, möglichst aware zu sein. Manchmal sind das gerade auch Menschen, die mit politisch verbrämten Begriffen oder Konzepten überhaupt nichts anfangen können. Sie sind einfach keine Arschlöcher.

Trackback von deiner Website.

SUPPORT

Ist dir unabhängiger Journalismus etwas wert?

Dann unterstütze unsere Arbeit!
Einmalig oder mit einer regelmäßigen Spende!

Per PayPal:
Per Überweisung oder Dauerauftrag:

 

Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.
IBAN: DE14 7509 0000 0000 0633 63
BIC: GENODEF1R01

Kommentieren

Ich bestätige, dass die hier von mir eingegebenen persönlichen Daten auf regensburg-digital.de bis auf Widerruf gespeichert werden dürfen.
drin