„Kinder brauchen Freunde, keine Abschiebung.“ An der Pestalozzi-Grundschule Regensburg kämpft man für das Bleiberecht einer Familie.
Gut integriert, erfolgreich absolvierte Deutschkurse und Arbeitsangebote aus der Pflege – dennoch soll eine Familie mit drei Kindern nach Äthopien abgeschoben werden. Ein Versuch am Mittwoch scheiterte am Flughafen. Die Schulfamilie an der Pestalozzi-Grundschule will das nicht hinnehmen.

Familie Gezahegn will in Deutschland bleiben. Foto: as
„Wir möchten, dass Soliana und Eguel an unserer Schule bleiben dürfen.“ „Habt keine Angst, wir sind für euch da.“ „Kinder brauchen Freunde, keine Abschiebung.“ Daneben ein durchgestrichenes Polizeiauto. Es sind einige der bunt bemalten Blätter, die Soliana (9), Eguel (7) und ihre kleine Schwester Saron (5) heute bekommen haben. Von Schülerinnen und Schülern der Pestalozzi-Grundschule in Regensburg. Die Schulfamilie ist fassungslos über das, was den drei Kindern und ihren Eltern vor zwei Tagen widerfahren ist.
Der erste Versuch, die Familie abzuschieben, scheiterte am Mittwoch noch – die Besatzung in Frankfurt weigerte sich. Doch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis wieder Polizisten vor der Tür stehen, um sie mitzunehmen.
Gut integriert, arbeitswillig – aber kein Aufenthalt
Mihretab Haile Gezahegn, seine Frau Kidan Hinsta und ihre Kinder sind ein Beispiel dafür, wie wenig der Staat Integrationswillen honoriert. Sie sprechen gut Deutsch, wollen arbeiten – in der Pflege, wo Personal fehlt. Dennoch scheiterten sämtliche Versuche, einen dauerhaften Aufenthalt zu bekommen.
Der Familie droht die Abschiebung nach Äthiopien – und dort, wegen ihrer Herkunft aus der Region Tigray, mit hoher Wahrscheinlichkeit der Tod. Durch Hunger. Oder durch staatliche Willkür.
2022 flohen die Gezahegns vor dem Bürgerkrieg in Äthiopien nach Deutschland. Er kostete mehr als 600.000 Menschen das Leben. Laut Amnesty International wurden über 120.000 Frauen vergewaltigt, fast zwei Millionen Menschen vertrieben. Mihretab Haile und Kidan Hinsta verloren mehrere Verwandte bei Drohnenangriffen.
„Wenn es ginge, würden wir gern wieder zurückkehren.“
Bis zum Krieg ging es ihnen vergleichsweise gut, erzählen sie. Ein Haus, sogar ein kleines Auto. Man kam zurecht. „Wenn es ginge, würden wir gern wieder zurückkehren, aber das ist nicht möglich.“
Trotz eines Friedensabkommens von 2023 wird in der Region weiter gekämpft. Milizen morden, vergewaltigen, verhaften willkürlich. De facto herrscht dort noch immer Krieg. Das belegen auch die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts.
Nach ihrer Ankunft in Deutschland landete die Familie zunächst in Neumarkt. Gutwillig gab sie den Behörden die Pässe – in der Hoffnung auf eine Arbeitserlaubnis. Beide absolvierten erfolgreich Deutschkurse. Der Vater arbeitete nebenher als Pflegeassistent bei der Diakonie. Man bot ihm sogar eine Ausbildungsstelle an. Er durfte sie nicht antreten.
Erster Abschiebeversuch: Kinder aus der Schule geholt
Die Pässe in den Händen der Ausländerbehörde hatten einen anderen Effekt: Sie erleichterten die Abschiebung. Am 27. Februar 2025 war es zum ersten Mal so weit.
Die Polizei holte die Kinder aus Schule und Kindergarten, setzte den Vater in der Asylunterkunft fest. An jenem Tag wurde Kidan Hinsta Gezahegn gerade aus dem Krankenhaus in Nürnberg entlassen.
Sie war schwanger gewesen und hatte aufgrund einer Infektion das Kind verloren. Eine traumatische Erfahrung, der die nächste unmittelbar folgte. Nur weil sie nicht zu Hause war, scheiterte die Abschiebung. Stattdessen kam die Mitteilung: Sie sollten Deutschland bis spätestens Mitte April verlassen.
Als Pflegekraft dringend gesucht – aber keine Arbeitserlaubnis
Aus Panik reiste die Familie nach Frankreich, versuchte dort Fuß zu fassen. Monate lebten sie auf der Straße, aßen in Notküchen, bei den Kirchen und sozialen Einrichtungen. Am Ende wieder die Nachricht: Hier könnt ihr nicht bleiben. Also zurück nach Deutschland. Seit Oktober lebt die Familie in Regensburg. Geduldet. Mit jeweils einem Monat Frist.
Dem Vater untersagte die Ausländerbehörde jede Beschäftigung. Die Mutter dürfte mit Genehmigung arbeiten – die Behörde verweigert sie bislang. Dabei liegen für beide Angebote vor.
Mihretab Haile Gezahegn legt einen Ausbildungsvertrag als Pflegefachhilfe einer Einrichtung in Hersbruck vor. Man hätte ihn dort gern genommen. Es scheitert an der Erlaubnis der Ausländerbehörde. Stattdessen am Mittwoch der zweite Versuch, die Familie nach Äthiopien abzuschieben.
„Schiebt mich ab, aber lasst meine Kinder hier.“
Am Nachmittag klopfte die Polizei an ihr Zimmer im Ankerzentrum. Sie sollten schnell eine Tasche packen. Es gehe nach Frankfurt, zum Flughafen. Ohne Essen, ohne Toilettenstopp, fuhr der Transport Nonstop nach Frankfurt.
Mehrfach musste die Mutter den Kindern frische Wäsche anziehen, weil sie sich vor Angst in die Hose machten, wie sie weinend erzählt. Soliana, die Älteste, hat in Äthiopien miterlebt, wie gewalttätig Behörden gegen ihren Vater vorgingen. Sie hat Angst vor Polizisten.
Auf dem Weg zum Flugzeug – es war inzwischen halb zehn Uhr nachts – nässte sie sich erneut ein. Sie flehte die Beamten an, sie hierbleiben zu lassen. Die Kinder bettelten die Polizisten an. Die Mutter drohte mit Suizid. „Schiebt mich ab, aber lasst meine Kinder hier“, habe sie gerufen.
Schließlich weigerte sich die Crew, die Familie mitzunehmen. Die Abschiebung scheiterte erneut. Um vier Uhr früh waren sie wieder in Regensburg. „Die Beamten haben gesagt, sie werden wiederkommen – und uns dann mit Gewalt mitnehmen“, weint Kidan Hinsta Gezahegn.
Letzte Hoffnung Härtefallkommission
Alle regulären Möglichkeiten, in Deutschland Asyl zu bekommen, sind für die Familie ausgeschöpft. Als letzte Hoffnung bleibt die Härtefallkommission des Bayerischen Innenministeriums. Ein langwieriger Weg mit vielen formalen Hürden. Die Schulfamilie an der Pestalozzi-Grundschule will das nicht hinnehmen. An diesem Freitag haben Schülerinnen und Schüler informell mit dem Sammeln von Unterschriften für die Familie begonnen.
Trackback von deiner Website.



Alfons
| #
Gestern bei quer wurde das Dilemma erklärt. Deutschland brauch Fachkräfte und Arbeitskräfte aus dem Ausland. Es werden Anstrengungen unternommen um Ausländer mit Ausbildung zu motivieren nach Deutschland zu kommen. Das lässt der Staat sich auch was kosten. ABER. Integrierte Asylbewerber die arbeiten wollen und dies bereits tun, würden als “Pullfaktor” definiert. Bedeutet, die Politik glaubt es macht die Flucht attraktiv und erhöht die Asylbewerberzahlen, wenn integrierte Asylsuchende ohne Anerkennung in den Arbeitsmarkt integriert werden würden und dadurch ein Bleiberecht erhalten würden. Lange Rede kurzer Sinn, siehe quer von gestern und klar ist, individuelle Regelungen würden Geld sparen und Irrsinn der, ich nenn es mal Politikerbürokratieschwachmatie, abbauen. Ein bisserl gesunder Menschenverstand hat noch nie geschadet um den Populismus der Söderunion entgegenzuwirken. Tschuldigung, ich darf nicht alles an dem selbstverliebten Söder festmachen, dass können die andere Populisten verschiedenster parteipolitischer Herkunft mit der Annahme auf Zeitgeistwellen Stimmen zu fangen, eben so gut.
Nesrin
| #
Heute war – zurecht – helle Aufregung und Empörung weil in den USA die ICE Paras einen Vater und seinen fünfjährigen Sohn festgenommen und inhaftiert haben.
Kann am Vorgehen der Behörden im vorliegenden Fall keinen qualitativen Unterschied zu jenem in den USA feststellen.
Augen auf bei der Berufswahl. Niemand muss zur Polizei, BAMF oder Ausländerbehörde. Es gibt wirklich bessere und weniger menschenfeindliche Jobs.
Wenn jetzt dann die GEAS Reform vollzogen wird wirds noch ekelhafter. Und man wird sagen können: die Mehrheit der Bevölkerung will das so und klatscht Beifall.
Pfui Deifl.
Manfred Martin
| #
Ich danke der Crew am Flughafen in Frankfurt und den Menschen in der Regensburger Schule, die für die Flüchtlinge und ihre Kinder kämpfen! Dank gilt auch der Diakonie in Regensburg, die den Flüchtlingen einen Arbeitsplatz anbieten!
Die Angestellten und Beamten die die Abschiebung beschlossen haben, wissen scheinbar nicht wie prekär die Situation in den Altersheime mit den Mitarbeitern ist!
Ich wünsche Mitarbeiter, die für die Abschiebung verantwortlich sind, dass sie im Alter Probleme bekommen, wenn sie Pflege benötigen!
f
| #
diese nachricht bricht mir das herz!
ich will nicht in einem land leben, in dem menschen in kriegsgebiete abgeschoben werden. ich könnte heulen.
gibt es möglichkeiten, der familie zu helfen?
eine petition? oder kann man vor ort in der schule unterschreiben?
Info
| #
am besten die Pestalozzi kontaktieren