Sexuelle Gewalt: Grenzen setzen – Macht der Täter brechen

REGENSBURG (hp). Sich ausführlich über die Arbeit beim Frauennotruf Regensburg e.V. zu informieren, stand bei MdL Tanja Schweiger (Freie Wähler) schon längere Zeit auf der Aufgaben-Liste. Nun nahm sie die im Herbst 2012 als begleitende Maßnahme zur Mitgliederwerbung durchgeführte Taschen-Aktion zum Anlass, sich mit der Leiterin Petra Siegrün und deren Kollegin Andrea Erl zu einem Gespräch zu treffen. Für die Abgeordnete standen dabei vor allem zwei Fragen im Vordergrund: Wo drückt der Schuh? Wie kann geholfen werden? Die Regensburger Einrichtung des bundesweiten Hilfe-Netzwerks für Betroffene von sexueller Gewalt unterstütze im Jahr mit insgesamt ca. 900 Beratungsgesprächen rund 250 Personen – beide Zahlen: Tendenz steigend, betonte Petra Siegrün. MdL Tanja Schweiger zeigte Verständnis, dass ihre Gesprächspartnerinnen hierfür die lediglich 1,5 Personalstellen als zu gering einschätzten. Neben der reinen Beratungstätigkeit gebe es nämlich noch zahlreiche andere Aufgaben zu erledigen, beispielsweise Gruppenarbeit für Betroffene, Präventionsarbeit an Schulen und in Kindergärten, Fortbildung für Lehrer und eben Mitgliederwerbung. Vor allem zwei Begriffe wurden im Laufe des Gesprächs immer wieder genannt: „Gefühl und Grenze“. Frauen sollen, so Andrea Erl, noch deutlicher auf ihre Gefühle achten und ihre Grenzen kommunizieren. Das beginne bereits im Kindesalter. „Kein Küsschen auf Kommando“ lautet der Titel eines Buchs, das im Rahmen der Präventionsarbeit mit Kindern zum Einsatz komme. Der Abgeordneten gefiel das Buch so gut, dass sie es gleich erwarb. Gefragt nach den häufigsten Auslösern für den Hilferuf von Frauen und Mädchen mit sexualisierten Gewalterfahrungen sei vor allem die Symptomhäufung zu nennen, meinte Petra Siegrün. Andrea Erl konkretisierte: „Frauen sollen nicht warten, bis sie das den Hilferuf auslösende Gefühl ich-kann-nicht-mehr-funktionieren-ich-will-jetzt-was-tun verspüren“. Zwar sei die Tendenz erkennbar, dass Frauen immer zeitnäher nach erlebter sexueller Gewalt Hilfe holen, doch noch viel zu viele Frauen versuchen zu lange, Erlebtes zu verdrängen und zu vergessen, anstatt mit ihrem Hilferuf das Schweigen zu brechen – und damit auch die Macht der Täter zu brechen. Bei den Wünschen zeigten sich die Notruf-Frauen Siegrün und Erl gegenüber der Abgeordneten realistisch. Auch wenn höhere Zuschüsse von der Stadt, vom Landkreis und vom Sozialministerium gern gesehen würden, wollen sie selbst unermüdlich daran arbeiten, weitere Fördermitglieder und großzügige Spender zu werben. Interessant dabei ist, dass Mitglieder ihren Beitrag selbst bestimmen können, erklärte Andrea Erl: „Bereits ein Euro pro Monat hilft uns“. Interessierte können sich die Beitrittserklärung im Internet von der Homepage www.frauennotruf-regensburg.de herunterladen. MdL Tanja Schweiger zeigte sich abschließend beeindruckt von der Arbeit im Frauennotruf Regensburg. Sie sagte zu, sich die Finanzierungssituation bayernweit anzuschauen und das Thema zur Diskussion in ihrer Landtagsarbeit einzubringen.

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Kommentare (1)

  • Angelika Oetken

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    Es gibt viel zu wenig Beratungsstellen für Opfer sexualisierter Übergriffe in Deutschland und die die es gibt sind vollkommen überlastet.
    Das ist landläufig so und gehört geändert.

    Schon allein weil die Kultur der Übergriffigkeit, die in unserem Land vorherrscht uns Unsummen kostet. Geld und menschliche Energie.

    Was mich allerdings zunehmend befremdet ist, dass in dem Zusammenhang die Geschlechterrollen immer noch so klar verteilt werden: „Opfer“ sind weiblich, „Täter“ männlich.

    Das stimmt einfach nicht, sondern ist eine Folge unserer durch Klischees verzerrten Wahrnehmung.

    Sexualisierte Übergriffe sind viel mehr ein Phänomen, das Teil eines Teufelskreises des Missbrauchs von Kindern in verschiedener Form ist.
    Klassiker: eine Mutter missbraucht ihren kleinen Sohn, häufig in einer Mischung aus emotionalen und sexuellen Übergriffen, der wird traumatisiert und vergeht sich später wiederum an anderen Kindern und später als Erwachsener dann an Frauen bzw. Kindern. Die wiederum suchen sich die „falschen“ Partner und missbrauchen ihre Kinder bzw. lassen zu, dass die missbraucht werden usw.

    Der Ausstieg gelingt nur, wenn wir unsere Vorurteile und Vorannahmen über Bord werfen, uns erstmal mit selbst erlebten Traumatisierungen auseinandersetzen und dem anderen zuhören, statt Wertungen vorzunehmen.

    Aber auch entschlossen handeln. Und zwar selbst, anstatt auf Hilfe zu warten.

    Und uns von unrealistischen Glaubenssätzen befreien. Denn:

    Mütter sind überhaupt nicht automatisch selbstlos und „lieb“.
    Familien häufig gar kein sicherer Ort für Kinder.
    Sex ist nicht automatisch schön, sondern nicht selten Auslöser für Hass und Gewalt. Gekennzeichnet von unrealistischen Mythen, Lüge Schwindel und Frustration.
    Gleichgültig ob wir es dabei um Frauen oder Männer geht.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von über 7 Millionen Wahlberechtigten in unserem Land, die in der Kindheit Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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