Archiv für 16. Februar 2013

Filmriss: Stirb langsam 5

McClanes aller Länder, vereinigt euch!

Schweinebacken unter sich: Auch im fünften Teil der „Stirb langsam“-Reihe gibt sich Bruce Willis in seiner Paraderolle als John McClane die Ehre; diesmal Hand in Hand mit seinem Film-Sohn Jack. „A Good Day To Die Hard“ ist ein Film, der vorgestriger nicht sein könnte – und trotzdem zu unterhalten weiß.
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Der gute, alte Action-Film: Bruce Willis bleibt sich treu. (c) Fox Deutschland

Da sitzt ein sichtlich in die Jahre gekommener New Yorker Cop in einem Moskauer Taxi und singt – Sprachbarriere hin, Sprachbarriere her – gemeinsam mit dem russischen Fahrer Frank Sinatras „New York, New York“. In den Achtzigern, ja sogar in den frühen neunziger Jahren wäre so eine Szene in einem amerikanischen Kinofilm echt denkwürdig gewesen. Leider stammt sie aber nicht aus „Stirb langsam“ von 1988, in dem Bruce Willis alias John McClane zum ersten Mal den unfreiwilligen Kampf mit Terroristen im Alleingang aufnahm.

Kommunisten-Fratzen und Atomwaffen: 23 Jahre Verspätung

Stattdessen präsentiert sie uns Regisseur John Moore im mittlerweile fünften Aufguss der zum modernen Klassiker avancierten „Die Hard“-Reihe. Der kommt nun einmal 23 Jahre nach Ende des Kalten Kriegs in die Kinos – und damit mindestens 23 Jahre zu spät für einen Plot, der vor Klischees und Plattitüden aus besten Ost-West-Konfliktzeiten nur so trotzt. Das fängt schon mit dem Setting an: McClane findet in Moskau, wo er seinen abtrünnigen Sohn ausfindig machen will, ein gesetzloses, dafür aber vollständig den Prinzipien von Korruption und Privatinteressen unterworfenes Land vor. Das mag nun vielleicht von der Realität gar nicht so weit entfernt sein, doch wir sehen nicht etwa eine fiktionalisierte Version des Putin-Russlands, sondern eher eine Art ins 21. Jahrhundert verpflanzte UdSSR, die noch immer fest in der Hand von machtgeilen Apparatschiks und fiesen Kommunisten-Fratzen mit scharf geschnittenen Gesichtern und bösem Blick ist. Und um was könnte es den hinterhältigen, selbstgerechten Buben, die sich in den obersten Reihen der Politik festpflanzen wollen, gehen? Natürlich: um Atomwaffen.
New York, New York: amerikanisch-russischer Sing-Sang im Taxi. (c) Fox Deutschland

New York, New York: amerikanisch-russischer Sing-Sang im Taxi. (c) Fox Deutschland

Besser gesagt: Um waffenfähiges Uran, das (aufgepasst!) in Tschernobyl lagert. Muskelbepackte Glatzköpfe mit Kalaschnikows und „CCCP“-Tattoos bewachen die explosiven Köfferchen. Und, wie sollte es anders sein, natürlich ist die CIA drauf und dran, das drohende Unheil abzuwenden. Der amerikanische Geheimdienst sorgt für Gerechtigkeit und – letztendlich – den Weltfrieden, und wer hilft ihm dabei? Der pflichtbewusste, bodenständige, mit allen Wassern gewaschene Polizist vom NYPD, John McClane, der doch eigentlich Urlaub hat und nur seinen Sohn wieder auf die rechte Bahn bringen will. Ja, das alles ist retortenhaft, plump, ein Blick über den großen Teich, als hinge da noch ein eiserner Vorhang, als bestünde das Hauptkonfliktpotential auf der Welt immer noch zwischen bösen Kommunisten und netten, freiheitsliebenden Amerikanern. Natürlich ist Bruce Willis viel zu sympathisch, um ihm die krasse Selbstjustiz übel zu nehmen, die im Film abgefeiert wird – da wird schon mal ein argloser Verkehrsteilnehmer ausgeknockt, um mit dessen Wagen die Verfolgungsjagd durch Moskau fortsetzen zu können.

Ballern in der nuklearen Sperrzone

Und die Action, die hat es in sich. Endlich wird die Frage nach dem Sinn von Geländewägen in Großstädten zufriedenstellend beantwortet. Natürlich hängt Willis auch mal wieder an den Kufen eines Helikopters oder ballert sich locker-lustig durch die nuklear verseuchte Sperrzone Tschernobyls. Die zumindest in Ansätzen noch vorhandene Plausibilität aus den ersten „Stirb langsam“-Filmen, die der Reihe letztlich auch ihren Namen gab – da schwitzte einer, da blutete einer, ja, da fluchte einer, wenn er in einer Tour durch Glasscheiben flog und barfuß durch den Schutt waten musste –, wurde ja schließlich schon im vergangenen Teil „Stirb langsam 4.0“ zugunsten möglichst hanebüchener Stunts über Bord geworfen. Ist „A Good Day To Die Hard“ also ein cineastischer Totalausfall? Nein, so kann man das auch nicht stehen lassen. Denn hinter all den stereotypen Bösewichten, bedingungslos proamerikanischen Helden und blödsinnig antisowjetischen Motiven verbirgt sich eine Handlungsstruktur, die von großartigen handwerklichen Fähigkeiten des Autoren Skip Woods zeugt. Gerade von seinem storymäßig schwachen Vorgänger kann sich der Film glänzend abheben und beweist, dass es eben irgendwie doch weniger der Inhalt, als vielmehr die Struktur eines Drehbuchs ist, die einen Actionfilm sehenswert macht. Natürlich ist der fünfte „Stirb langsam“ ein Armutszeugnis, wenn man auf den wundervoll ironischen Unterton des ersten Teils zurückblickt, der der Teflon-Welt der Stallones, Schwarzeneggers und Lundgrens gehörig den Spiegel vorhielt.
Father and son: John McClane rettet seinen Sohn und gleichzeitig die Welt. (c) Fox Deutschland

Father and son: John McClane rettet seinen Sohn und gleichzeitig die Welt. (c) Fox Deutschland

Aber Moores Film ist eben auch von dieser herrlich nostalgischen Naivität gezeichnet, die gerade dem europäischen Publikum ein verzücktes Grinsen ins Gesicht zaubern kann. Geradezu putzig, wie er sich nach einer Welt zurücksehnt, in der der unbändige Wille eines Mannes und dessen Bereitschaft, sich die Hände schmutzig zu machen, ausreichten, um den amerikanischen Traum doch noch wahrwerden zu lassen. In einer Zeit, in der sich dieser Traum längst als pathologische Halluzination entpuppt hat, vermag „A Good Day To Die Hard“ als ideologischer Firlefanz wirklich keinen Blumentopf mehr zu gewinnen – da muss der Streifen schon großkalibrigeren  Propagandageschützen wie „Zero Dark Thirty“ das Feld überlassen. Stattdessen ist der fluchende John McClane, der sich durch eine Version Moskaus schießt, die einem geradezu kindischen amerikanischen Gemüt entsprungen zu sein scheint, entwaffnend ehrlich. Die blanke Ironie – oder ein realpolitischer Treppenwitz – also letztlich, dass der Film nicht einmal in Russland gedreht wurde.