Porträt einer Familie

Die Mutter, die uns verriet

Mit Csaba Mikós „Die Vaterlosen“ bringt das Theater Regensburg eine Uraufführung auf die Bühne am Haidplatz, die auch politische Relevanz hat.

Von David Liese

...nicht nur eine Wahrheit, sondern so viele, wie die Familie Mitglieder hat. Fotos: Theater Regensburg

…nicht nur eine Wahrheit, sondern so viele, wie die Familie Mitglieder hat. Fotos: Theater Regensburg

Es sind Mauern aus Einmachgläsern, die die Bühne des Theaters am Haidplatz einrahmen, die ihr Struktur und Grundriss verleihen. Möhrchen, Kirschen, Aprikosen und mehr, soweit das Auge reicht. Die Gläser stehen auf roter Erde, gleichzeitig fruchtbarer Boden und Asche von dem, was einmal war. Daraus erhebt sich in der Mitte des Bühnenbilds die Mutter. Gut drei Meter hoch, mit einem weiten, weißen Gewand, die Hände vor der Brust gefaltet. Dieses Stillleben erwartet den Zuschauer, wenn er den Theatersaal zur Vorstellung von „Die Vaterlosen“ betritt.

Das Stück des jungen ungarischen Dramatikers Csaba Mikó wird in dieser Spielzeit am Theater Regensburg uraufgeführt. Die ausverkaufte Premiere am Sonntag präsentierte eine moderne, intelligente Inszenierung, die das Publikum auf mehreren Ebenen zu berühren vermochte.

Mikó hat mit „Die Vaterlosen“ eine Collage aus sieben Bilder einer ungarischen Familie erschaffen, die zeitlich zwischen 1982 und 2010 angesiedelt sind. In der Familie – bestehend aus dem stets abwesenden, da immer arbeitenden Vater, der Mutter, den Söhnen Tomi, Laci, Joscha und Simon sowie den Töchtern Doda und Fester – spiegeln sich die Träume, Wünsche und Hoffnungen einer ganzen Generation, wenn nicht eines ganzen Volkes wider.

Ungarn und der Wechsel bzw. Wandel politischer Systeme: Das war nicht nur 1989 ein Thema von historischer Bedeutung, es ist es auch in Zeiten wachsender Totalität des ungarischen Orban-Regimes.

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Die Regensburger Inszenierung verzichtet nicht nur, wie von Mikó vorgesehen, auf die physische Präsenz des Vaters. Auch das „Kuckuckskind“ Joscha, aus einer Affäre der Mutter mit einem russischen Soldaten („Einem Kommunisten!“) entstanden und so todkrank, dass die Familie das ganze Geld für ihn ausgeben muss, bleibt der Bühne fern.

Die übrigen Kinder sowie die Mutter sind zwar mitunter grob gezeichnete, aber doch facettenreiche Charaktere, die ihren eigenen Träumen nachhängen. Doda will Künstlerin werden, Fester zieht ihr naiver Wille zur Weltverbesserung in den politischen Aktivismus. Laci will im Kapitalismus das große Geld machen („Aber an die erste Million lassen sie dich nicht ran“), und dann ist da noch Simon, mit stark autistischen Zügen; er will manipulieren, will verstehen, will nicht Highlander, sondern unbesiegbarer Terminator sein („mimetisches Polypeptid“).

Nur Tomi, der Älteste, muss sich früh von seinen Visionen verabschieden. Er ersetzt den ständig abwesenden, als ausgebrannter und geschwächter Arbeitswütiger charakterisierten Vater, wird Automechaniker und ernährt die Familie. Die Einmachgläser werden im Lauf der Inszenierung weniger, verlieren an Bedeutung. Nach der Pause säumen sie nur mehr einen Rand der Bühne, wie eine Brandung, die sich langsam zurückzieht.

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Nun ist Csaba Mikós Stück freilich mehr als ein Familiendrama. Sein Fokus auf inneren Monolog, auf teils fragmentarische Handlungsstränge und Gesprächsfetzen, die oft keines Subtextes bedürfen, um subtil zu sein, scheint „Die Vaterlosen“ zwar völlig ungeeignet für eine große Metapher zu machen. Doch gerade in diesem Gegensatz zwischen persönlicher Auseinandersetzung („Warum ist die Familie wichtig? – Weil du nur auf sie zählen kannst!“) und dem nationalhistorischen Kontext, in der es sich bewegt, lässt Mikós Werk in den Händen von Regisseur Michael Lippold und seinem Team zur großen Parabel für die Entwicklung Ungarns insgesamt werden.

Der Hass auf die Kommunisten, die etwas Kränkliches zurückgelassen haben, das noch die Liebe der Alten stiehlt wie das Kuckuckskind Joscha; die Versprechen der neuen Zeit, die sich nur allzu oft als uneinlösbar entpuppen und insbesondere den von Geld besessenen Laci in den Ruin treiben; die Suche nach Halt, nach Familie, Vergangenheit und Identität, die einhergeht mit einem schleichenden Entzug von Freiheit und politischer Selbstbestimmung.

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Schließlich auch die im Stich gelassene Mutter Nation, die von ihren Kindern für ihr Lebenswerk gehasst („Sie hat uns verraten!“), ihrem eigenen elenden Schicksal überlassen wird. So sind die Kinder der Familie in Mikós Stück am Ende nicht nur vater-, sondern eigentlich auch mutterlos. Ganz so düster wird der Zuschauer denn aber doch nicht zurückgelassen. Es bleibt eben dabei, dass die Familie in „Die Vaterlosen“ – wie auf der Bühne festgestellt – nicht nur eine Wahrheit kennt, sondern so viele, wie die Familie Mitglieder hat.

Die Vaterlosen
von Csaba Mikó, Deutsch von Arpad Dobriban und Stephanie Junge

Regie: Michael Lippold, Bühne und Kostüme: Anna Scharau, Sound: Levin Kärcher, Dramaturgie: Stephanie Junge.
Mit: Franziska Sörensen, Thomas Birnstiel, Pina Kühr, Felix Steinhardt, Johanna Wieking, Jacob Keller.

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