FilmRISS: „Zero Dark Thirty“

Zwischen „Saw“ und Guantanamo

Am Donnerstag startete „Zero Dark Thirty“ in den deutschen Kinos. Der Film behandelt die Jagd auf Osama Bin Laden und begibt sich damit nicht nur inhaltlich auf schwieriges Terrain.
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Fotos: Universal Pictures International France.

Schwarzes Bild. Verunsicherte Stimmen. Chaos. Hektische Telefonate aus dem Nordturm des World Trade Center, die Entwarnung an Familie und Freunde geben sollen („Scheinbar ist ein Flugzeug in Turm 1 geflogen. Uns geht es gut. Wir sind in Turm 2.“). Irgendwann – der Zuschauer weiß es – werden diese Anrufe zu verzweifelten Notrufen, die tödliche Gewissheit bringen („Es ist so heiß hier. Ich verbrenne.“). Das Nächste, was „Zero Dark Thirty“, der neue Film von Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow, dem Zuschauer präsentiert, ist abermals Verzweiflung, Erniedrigung und Todesangst – diesmal aber in anderer Form. Eine sogenannte „Black Site“, eines jener Geheimgefängnisse des US-Militärs, in welchem ein mutmaßlicher Terrorist von CIA-Agenten in schwarzen Kapuzen gefoltert wird. Waterboarding, körperliches Drangsalieren, psychischer Druck, Schlaf-, Nahrungs- und Wasserentzug. Der Preis, den der amerikanische Geheimdienst für Informationen über die Strippenzieher hinter dem 11. September 2001 bezahlte, ist der der Menschlichkeit.

Schonungslose Inszenierung – schonungslose Kritik

In „Zero Dark Thirty“ wird die Suche nach Osama Bin Laden, dem einstigen Anführer des Terror-Netzwerkes Al Qaida und meistgesuchten Mann der Welt, schonungslos bis zu dessen Tod im Jahr 2011 nachgezeichnet. Dabei nimmt der Film kein Blatt vor den Mund: Während er seine Protagonistin, die junge CIA-Agentin Maya, bei ihrer Suche nach Antworten verfolgt, wird mehr als nur ein Seitenblick auf die Praktiken und Methoden riskiert, die den amerikanischen „war on terrorism“ ausgemacht haben. Bezeichnenderweise löst dies ausgerechnet in den USA einen Sturm der Entrüstung aus. Die kritischen Stimmen reichen von der Behauptung, der Film verherrliche Folter und spiegele falsche Tatsachen vor, bis hin zum Vorwurf, „Zero Dark Thirty“ sei platte Werbung für Präsident Barack Obama. Verteidiger wie der Dokumentarregisseur Michael Moore springen hingegen für Bigelow in die Bresche, loben „Zero Dark Thirty“ in den höchsten Tönen und behaupten gar, die Menschen würden nach dem Besuch des Films „die Folter hassen“.

Politische, moralische und menschliche Gleichgültigkeit

Lässt man sich möglichst unvoreingenommen auf die knapp 160 Minuten ein, stellt man irgendwann fest, dass beide Perspektiven den Kern der Sache nicht ganz zu treffen scheinen. Denn Bigelow inszeniert mit einer dermaßen nüchternen Distanziertheit, dass jegliche moralische Wertung nur vonseiten des Zuschauers kommen kann. Eine Tugend? Vielleicht im journalistischen oder dokumentarischen Bereich. Bei einem Spielfilm, der „Zero Dark Thirty“ trotz seines knallhart naturalistischen Stils nun einmal ist, wird diese Distanz zum künstlerischen Appell für politische, moralische und menschliche Gleichgültigkeit. Spiegelt man den Streifen dann auch noch zurück auf die realen Begebenheiten, auf denen er basiert, wird er zu einem brandheißen Stück Propaganda für bedingungslose Zweckethik: Die Welt ist kein Ponyhof. Erlaubt ist, was zum Erfolg führt. Und gegen „das Böse“ ist erst recht alles erlaubt.
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Foto: Universal Pictures International France

Denn zweifellos werden im Film die entscheidenden Hinweise, die zum Aufspüren Bin Ladens führen, durch Folter gewonnen. Und die Protagonistin Maya erweckt nie den Eindruck, der praktizierte Umgang mit den Gefangenen sei unrecht; eher nimmt sie ihn als zwar unappetitlichen, aber doch alltäglichen Bestandteil ihrer Arbeit wahr. Das mag auch eine der Ursachen dafür sein, dass dem Zuschauer zu keinem Zeitpunkt des Films auch nur eine kleine Identifikationsfläche mit seiner Hauptfigur geboten wird. Statt emotionale Tiefe zu erzeugen, gibt die Regisseurin ihrem Werk den Geschmack einer unangenehmen Mischung aus Torture Porn, politischem Drama und – zweifellos mitreißender – Militäraction.

Action-Blockbuster statt sensibles Kunstwerk

Ohne Frage, „Zero Dark Thirty“ ist ein Hollywoodfilm, der mithilfe von Millionen von Dollar produziert wurde, um Millionen von Dollar einzuspielen. Er richtet sich an Zuschauer, die für einen kurzweiligen Action-Streifen bezahlen und nicht für sensible Auseinandersetzungen mit humanistischen Fragen. Bigelow hätte sich vor allen Problemen bewahren können, wenn sie in „Zero Dark Thirty“ nur ein wenig künstlerische Bearbeitung hätte einfließen lassen, etwas spürbaren Abstand zur Realität, einen kleinen Funken dramaturgischer Finesse. So, wie sich der Film aber präsentiert, wird eine der völker- und menschenrechtlich brisantesten und bis heute scharf diskutierten Militäraktionen des noch jungen 21. Jahrhunderts in einen Blockbuster verwandelt. Kritik und Publikum freuen sich über grandiose Schauspieler, krasse Explosionen und einen packend gefilmten Höhepunkt, nämlich die Ergreifung Bin Ladens, der man als Zuschauer aus der Subjektive beiwohnen kann wie einst nur der Nationale Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten. „Zero Dark Thirty“ ist keine Chronik historischer Ereignisse, sondern eine Fiktion, die Wahrheit nicht nachbilden kann, indem sie sie kommentarlos nacherzählt. Hollywood tut, was es immer getan hat; Realität rücksichtslos in Ideologie verwandeln, unter dem Vorwand der (anspruchsvollen?) Unterhaltung.
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Foto: Universal Pictures International France

Ein sicheres Indiz dafür, wie „Zero Dark Thirty““ die Wirklichkeit fiktionalisiert und den scheinheiligen Vorwand der WertungsfreiheitWertungsfreiheit nutzt, um in Wahrheit Wertnihilismus zu predigen, ist folgende Anekdote: An einer Stelle des Films wird eine besonders entwürdigende Folterpraktik nachgestellt. Einem ausgemergelten und psychisch gebrochenem arabischen Gefangenen, der an Seilen in einem Bunker hängt und von Scheinwerfern angestrahlt wird, werden die Genitalien vor den Augen von Maya entblößt. Statt betretenem Schweigen oder blankem Entsetzen löste das Geschehen zwar vereinzeltes, aber doch hämisch schallendes Gelächter im Kinosaal aus. Vielleicht fühlten sich die entsprechenden Zuschauer an einen der „Saw“-Filme erinnert, die im Vergleich zu „Zero Dark Thirty“ noch mit moralischen Samthandschuhen inszeniert wurden.

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