Ansprache von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs zum Volkstrauertag 2014

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– Es gilt das gesprochene Wort –

Ansprache von Oberbürgermeister Joachim Wolbergs anlässlich des Volkstrauertages am Sonntag,

16. November 2014, 11.45 Uhr, am Ehrenmal „Unter den Linden“ im Stadtpark

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Anrede,

Ich danke Ihnen für Ihr Kommen an diesem Volkstrauertag.

Trauern ist ja eigentlich etwas Privates. Und um Gefallene zu trauern, ist erst recht etwas Privates, sofern es einen selbst betrifft.

Ob es nun um gefallene Soldaten geht, zu deren Berufsbild in letzter Konsequenz auch der Tod gehört, oder einfach um Opfer, auch um zivile Opfer von Kriegen.

In diesem Jahr erinnern wir in besonderer Weise gleich an zwei Weltkriege, die von Deutschland ausgingen, in Europa wüteten, und die Ordnung der ganzen Welt veränderten.

Vor einhundert Jahren begann der Erste Weltkrieg. Der erste große Krieg des vergangenen Jahrhunderts begann 1914 mit Begeisterung, die wir uns heute, hundert Jahre später, kaum vorstellen können.

Der Krieg entwickelte sich rasch zum Stellungskrieg, vor allem zwischen Deutschland und Frankreich. Auf den Schlachtfeldern von Verdun belauerten sich die Soldaten in Schützengräben gegenseitig, ja teilweise steckten sie über Jahre darin fest.

Sie setzten erste Panzer ein und auch das neu entwickelte Giftgas. Je nach Windrichtung trieb das Gift nicht nur zum Gegner hinüber, sondern verletzte auch die eigenen Leute schwer oder sie kamen elend darin um. Nur vier Jahre später waren Millionen gestorben: erschossen, verblutet, vergiftet, vermisst. Europa war ein anderes geworden. Zeitzeugen von vor fast hundert Jahren haben wir heute keine mehr.

Umso wichtiger, dass wir an einem zentralen Gedenktag an diese Leiden erinnern. Dass wir das heute an einem Volkstrauertag tun, hat übrigens unmittelbar mit dem Ersten Weltkrieg zu tun.

1919 gründete sich der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“.

Sein bayerischer Landesverband schlug zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges einen Volkstrauertag vor. 1922 fand eine erste offizielle Feierstunde im Deutschen Reichstag in Berlin statt.

Die Geschichte dieses Volkstrauertages ist übrigens eine Parallele zu der wechselvollen Deutschen Geschichte. Dass der Volkstrauertag zum Staatsfeiertag wurde, führten 1934 die Nationalsozialisten ein. Sie nannten ihn „Heldengedenktag“.

Und damit zum zweiten, traurigen „Jubiläum“, das sich in diesem Jahr zum 75. Mal jährt. Im September 1939 begann der Zweite Weltkrieg.

Er begann mit einer Propaganda-Lüge, dem angeblichen Überfall polnischer Soldaten auf eine deutsche Grenzstation.

Dieser Zweite Weltkrieg sollte sechs Jahre dauern, und steigerte die Grauen des Ersten Weltkriegs ins bis dahin Unvorstellbare.

Letztlich kostete der Zweite Weltkrieg 55 Millionen Menschen das Leben.

Das sind mehr als viermal so viele, wie Bayern heute Einwohner hat.

Anders ausgedrückt: Die 55 293 500 Toten des Zweiten Weltkrieges, die der Volksbund deutsche Kriegsgräber-fürsorge heute auf seiner Homepage offiziell aufzählt, sind eine unvorstellbar große Zahl.

Der Volksbund hat einmal nachgerechnet und stellt es so vor: Jeweils 50 Menschen stehen nebeneinander in einer Reihe. Hinter ihnen stehen in nur einem Meter Abstand eng gedrängt wieder 50 Menschen. Und so weiter, Reihe um Reihe, Meter um Meter.

Bis 55 Millionen Menschen aufgereiht sind, gibt das eine Strecke nicht nur hier die Prüfeninger Straße hinaus, die Donau entlang, durch den ganzen Landkreis – nein mit dieser Rechnung gibt das eine Strecke von gut eintausend Kilometern, die von hier bis zur Donauquelle im Schwarzwald reicht – und wieder zurück. Oder einmal quer durch Deutschland, von den Alpen bis zur Nordsee.

Und die unvorstellbar vielen Toten sind ja nur ein trauriges Kapitel des Krieges. Auch die Überlebenden litten. Viele von ihnen litten noch lange unter den körperlichen und seelischen Folgen, warteten noch auf Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft, auch hier bei uns in Regensburg.

Viele von uns haben Väter, Großväter oder Urgroßväter, Brüder, Onkel oder andere Verwandte auf den Schlachtfeldern verloren.

Die Folgen der Kriege wirken noch bis in die Gegenwart nach.

Es gibt heute 65- bis 70jährige unter uns, die ihren Vater nie kennengelernt haben, weil er noch vor der Geburt seines Kindes im Krieg fiel.

Insgesamt waren es mehr als vier Millionen deutsche Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben ließen oder deren Schicksal bis heute noch ungeklärt ist.

Ihrer gedenken wir an diesem Tag in besonderer Weise.

Indem wir Kränze niederlegen, und das Lied „Der gute Kamerad“ sowie unsere Nationalhymne singen.

Damit pflegen wir eine lebendige Tradition. Und wir dürfen nicht müde werden, unseren Kindern und Enkelkindern zu vermitteln, wie wichtig es ist für uns alle, diese Tradition des Erinnerns lebendig zu halten und dem Vergessen Einhalt zu gebieten.

Mit zunehmendem zeitlichen Abstand von den Kriegen hier in Deutschland hat sich der heutige Tag vom Tag des Gedenkens zur Möglichkeit des Trauerns entwickelt.

Der Volkstrauertag ist aber auch zu einem Tag der Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden geworden. 8

Was in der Wahrnehmung der jungen Menschen schon kaum mehr präsent ist: Gerade bei uns in Regensburg und in der Oberpfalz erinnern noch heute viele Familiennamen an die Schicksale von damals – an die Opfer von tragischer Flucht und gewaltsamer Vertreibung aus dem Sudetenland oder Schlesien, aber auch aus Ostpreußen oder Pommern.

Viele dieser Flüchtlinge sind mit fast nichts hier angekommen und haben sich vor 60 Jahren eine neue Existenz aufgebaut.

Ganze Stadtteile haben sie gebildet und geprägt, Kirchen-gemeinden sind durch sie erst entstanden.

Daran sollten wir uns erinnern, wenn uns die täglichen Meldungen über das Schicksal von Flüchtlingen aus Krisengebieten in aller Welt erreichen. Nicht nur das Gebot der Mitmenschlichkeit sollte uns bewegen, diesen Menschen eine neue Heimat zu geben.

Wir müssen auch begreifen, dass Flüchtlinge eine Chance bedeuten, eine Gesellschaft weiter zu entwickeln.

Wir sollten nicht nur ihr Bleiberecht diskutieren und wie wir mit Flüchtlingsströmen umgehen können. Wir sollten eine Kultur des Willkommens schaffen!

Wir gedenken deshalb heute auch der Menschen, die ihre Heimat verloren und der mehr als zwei Millionen, die bei Flucht und Vertreibung in der Folge der Weltkriege ihr Leben lassen mussten. Wir sollten auch an diejenigen Menschen denken, die in den Jahrzehnten danach sich auf den Weg gemacht haben, weil sie in ihrer Heimat nicht mehr sicher sind.

Unter den Nationalsozialisten genügte die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, einer ethnischen Gruppe oder einer politischen Partei, um verfolgt oder verhaftet zu werden.

Es genügte ein körperliches oder geistiges Gebrechen oder gar die sexuelle Orientierung um planmäßig, kaltherzig und systematisch verfolgt und umgebracht zu werden.

Und wenn von den Opfern des Nationalsozialismus die Rede ist, dann wird allzu oft vergessen, dass dazu auch all jene Soldaten gehören, die gegen ihre Überzeugung in den Krieg ziehen mussten.

Die im Kampf gefallen sind oder verwundet wurden.

Die in Kriegsgefangenschaft ihr Leben verloren haben oder jahrelang darum kämpfen mussten.

Wer von ihnen „Glück“ hatte und diesen menschenverachtenden Krieg überlebt hatte, wurde und wird Zeit seines Lebens von der Erinnerung an die Gräuel des Krieges verfolgt.

Seit der Wieder-Einführung der Bundeswehr in den Fünfziger Jahren gibt es wieder deutsche Soldaten.

Lange Zeit hat sie der Kalte Krieg vor Auslandseinsätzen bewahrt. Inzwischen engagiert sich die Bundeswehr an verschiedenen Schauplätzen der Welt: im Kosovo, im Mittelmeer, aus Afghanistan zieht sie sich gerade zurück – mit einer durchaus gemischten Bilanz. Seit den Neunziger Jahren sind hundert Soldaten im Rahmen von Auslandseinsätzen gestorben (Quelle: Wikipedia / Todesfälle bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr). Manchmal durch Unfälle, Freitod, Feuergefechte, Absturz von Hubschraubern und in letzter Zeit immer öfter durch Sprengstoff-Anschläge.

Ihr Einsatz ist – im Gegensatz zu den beiden Weltkriegen – von dem Willen geführt, Frieden oder Stabilität in eine Region zu bringen, und kein Eroberungsfeldzug mehr.

Deshalb, gerade auch vor dem Hintergrund unserer Geschichte, gilt den Soldatinnen und Soldaten in Auslandseinsätzen unser besonderer Dank und unsere Anerkennung.

Wir gedenken

der Soldaten, die in beiden Weltkriegen gefallen sind, die in Gefangenschaft gestorben oder auch heute noch vermisst sind

der Soldaten, die heute in Auslandseinsätzen ihr Leben riskieren und lassen,

der Menschen aller Völker und Staaten, die durch Kriegshandlungen gestorben sind

derer, die deswegen getötet wurden, weil sie sich aktiv gegen die gestellt haben, die sich ein Recht über das Leben anderer angemaßt haben

derer, die getötet wurden, weil sie einer anderen Rasse, einem anderen Glauben angehört haben

all derjenigen, die ihr Leben lassen mussten, weil sie die Überzeugungen derer, die an der Macht waren und noch sind, nicht geteilt haben

derer, die verfolgt und getötet wurden, weil ihr Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als nicht lebenswert eingestuft wurde

derer, die in der Folge von Krieg und Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten und auf der Flucht ihr Leben verloren haben

Wir trauern um alle Menschen, die Opfer von Kriegen, Gewalt und Terror geworden sind.

Wir trauern mit denen, die Menschen verloren haben, die ihnen nahe standen.

Und wir hoffen auf eine Zukunft, in der Gewalt, Terror, Unterdrückung und gewaltsamer Tod keinen Platz haben. Auch, wenn die Welt in den Nachrichten gerade ganz anders aussieht.

Insofern ist es fast schon ein „Luxusproblem“, dass wir Deutschen uns „nur“ damit auseinandersetzen, wie wir Flüchtlinge unterbringen können. Und dass die Bundeswehr bei weitem nicht so einsatztauglich ist, wie sie sein sollte.

Mit dem heutigen Gedenken wollen unsere Kraft für den Frieden und gegen den Krieg all jenen zugute kommen lassen, die mit Gleichgültigkeit auf das Kriegsgrauen reagieren, dessen Bilder uns noch tagtäglich erreichen.

Mit einem Wort von Albert Einstein möchte ich schließen:

Das Denken und die Methoden der Vergangenheit konnten die Weltkriege nicht verhindern, aber das Denken der Zukunft muss Kriege unmöglich machen.“

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Kommentare (2)

  • Mathilde Vietze

    |

    Aus dieser Ansprache von OB Wolbergs ging unmißverständlich
    hervor, daß sich die Trauer auf die Opfer verbrecherischer
    Systeme, wie dies u.a. die Zeit des Nationalsozialismus war,
    bezieht. Und diesen ein Gedenken zu widmen, sollte die Pflicht
    eines jeden Staates sein.

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