Erinnerungen eines Geradlinigen

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Es ist ein fast vergessenes Stück Zeitgeschichte und gleichzeitig das Porträt eines beeindruckenden Menschen: Die „Regensburger Erinnerungen“ von Walter Zauner. Zum Geburtstag, Zauner wäre heuer 80 Jahre alt geworden, ist eine Neuauflage der Erinnerungen des Regensburgers erschienen, der in den 50ern internationale Solidarität erfuhr und von offizieller Stadtseite bis heute geflissentlich ignoriert wird. Regensburger ErinnerungenZu Weihnachten wird selbst der Härteste weich. Das dachte sich wohl auch Herr Moskovic, amerikanischer „Gefägnisgewaltiger“ im Zuchthaus Straubing. „Sobald hohe Feiertage wie Ostern oder Weihnachten vor der Tür standen kam dem seine Zeit. Da ist er dann verlässlich zu mir gekommen, hat mich ins Besuchszimmer gebeten bringen lassen und dort zu mir gesagt: ‚Herr Zauner, Sie können sofort Ihre Sachen packen, wenn Sie mir das hier unterschreiben.’“ Der da erzählt, ist Walter Zauner. Fast auf den Tag genau vor 60 Jahren wurde der kaum 20jährige von einem amerikanischen Militärgericht wegen „Sabotage“ zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Knapp drei davon saß er ab, 364 Tage davon in Einzelhaft. Von den gesundheitlichen Folgen – Zauner verlor während der Haft fast alle Zähne, hat er sich nie wieder ganz erholt. Zauners Vergehen: Er hatte die Sprengkammern der Mariaorter Eisenbahnbrücke zugemauert. Zauner ist kein Regensburger, dem die Offiziellen der Stadt ein ehrendes Andenken bewahren. Kein Ehrendoktor der Uni Regensburg, Träger der Albertus-Magnus-Medaille und Goldenen Bürgermedaille der Stadt – wie der Antisemit und Hitler-Verehrer Bischof Rudolf Graber. Kein Ehrenbürger und Namensgeber einer Schule wie der Nazi-Karrierist Oberbürgermeister Hans Herrmann. Zauner war einfacher Arbeiter, Gewerkschafter und Kommunist. Als kleiner Junge hat er die Kriegszeit in Regensburg miterlebt. Im Luftschutzbunker hat er den Knall gehört, als die Steinerne Brücke gesprengt wurde, um die anrückenden Amerikaner aufzuhalten. Er kam am Dachau-, damals Moltke-Platz, vorbei, als dort kurz vor Kriegsende Domprediger Johann Meier von den Nazis aufgehängt worden war.
„Aber jetzt kam das wirklich Schlimme. Am Tag nach der Kundgebung hat es nämlich geheißen: Der Domprediger Dr. Maier ist an einem Balken aufgehängt worden. Wir Kinder sind sofort runter zum Dachauplatz gerannt, und tatsächlich – gleich gegenüber dem Café ‚Drei Kronen‘ standen zwei Masten, die waren immer da für die Nazifahnen. Und quer zu denen hatte man einen Mast neu angebunden und daran hatten sie den Domprediger Dr. Maier gehenkt. (…) Die ganze Stadt Regensburg war total eingeschüchtert. ‚Wir haben uns da aufgemandelt – die Stadt wird trotzdem bis zum Letzten verteidigt, also hilft da alles nichts mehr, so oder so müssen wir kuschen und können nichts dagegen machen‘.“ Walter Zauner, Regensburger Erinnerungen
Die Erlebnisse im Krieg hatten Zauner zu einem glühenden Pazifisten gemacht. Als Jugendlicher protestierte er in der fürstlichen Allee gegen die Remilitarisierung unter Adenauer, später mauerte Zauner gemeinsam mit einem Freund die Sprengkammern der Mariaorter Brücke zu. Während seiner Haft, die er größtenteils unter Mördern und Schwerverbrechern verbrachte, entstand eine Solidaritätsbewegung für den „Friedenskämpfer“, weit über Regensburg hinaus. Das DDR-Filmteam Walter Heynowski und Gerhard Scheunmann, die es mit ihrem Film über den Massenmörder Siegfried Müller („Der lachende Mann“) bereits zu weltweitem Ruhm und einem Aufführungsverbot in der BRD gebracht hatten, drehten 1983 unter dem Titel „Ein Pfeiler im Strom“ sogar einen – stellenweise leider arg propagandistischen Film – über Zauner.
„Mein Schwiegervater hat einmal beantragt, dass er mich besuchen darf – und er hat auch eine Genehmigung bekommen. Vorher musste er aber noch zum Anstaltsleiter und sich dort ebenfalls eine Genehmigung holen. Das hätte er lieber nicht probieren sollen. Denn als er hineinkam, wen sah er da hinter dem Schreibtisch sitzen? Den Oberregierungsrat Dr. Weber – und dieser Oberregierungsrat Dr. Weber, der war in der Nazi-Zeit Regierungsrat und Anstaltsleiter in Bernau gewesen, wo mein Schwiegervater wegen nazifeindlicher Gesinnung eingesperrt war. Der hat vielleicht geschrien, mein Schwiegervater, als er das gesehen hat, der Michael Kumpfmüller! (…) So gab ein Wort das andere, und zuletzt hat der Oberregierungsrat Dr. Weber gesagt: ‚Der bekommt keine Besuchserlaubnis!’“ Walter Zauner, Regensburger Erinnerungen
Seine Erlebnisse hat er zunächst auf Tonband gesprochen, später wurden sie zu einem kleinen Büchlein zusammengefasst, den „Regensburger Erinnerungen 1939 – 2000“. In einer sehr direkten und authentischen Sprache liest man dort die Erfahrungen und Überzeugungen eines Humanisten, und durch und durch politischen Menschen und vor allem eines Regensburgers, der die Plätze und Menschen in seiner Stadt kennt. Voll politischer Überzeugung, aber nicht engstirnig. Geradlinig , aber nicht verbohrt. Eine subjektive, aber dadurch ungleich lebendigere Schilderung (nicht nur) Regensburger Zeit- und Stadtgeschichte. Zauner war bei den Protesten gegen die WAA aktiv, startete Aktionen gegen Fahrpreiserhöhungen beim RVV, engagierte sich bei der VVN und der DKP.
„Die Fahrpreise für die Regensburger Busse wurden erhöht und das war eine Sache, in die wir uns wirklich hineingekniet haben. Wir hatten ja gute Verbindungen zur Uni, und da haben wir festgestellt, dass einige Studenten ein Auto haben. Deshalb unser Beschluss: mit diesen Autos werden wir die Leute kostenlos fahren und damit den Bus bestreiken. Als Erkennungszeichen für Streik-Taxis hatten diese Autos einen roten Punkt an den Türen, darum hieß das ‚Aktion Roter Punkt.’“ Walter Zauner, Regensburger Erinnerungen
Diese Erinnerungen hat, zehn Jahre nach einer ersten Kleinstauflage, der Journalist Pontus Bauknecht „wiederentdeckt“ und vor kurzem in einer schön gestalteten Neuauflage herausgebracht. Walter Zauner, der 2002 gestorben ist, wäre heuer 80 Jahre alt geworden. Auf das Angebot, des Herrn Moskovic, seine Aktion an der Mariaorter Brücke der KPD in die Schuhe zu schieben oder zu bereuen und zu versichern, dass er sich nicht mehr politisch betätigen werde, ist Zauner übrigens niemals eingegangen. „Ich hab mir den Wisch angeschaut, hab ihn zerrissen und ihm die Fetzen hingelegt. (…) Dass ich nicht mitgemacht hab bei dieser Sauerei, darauf war ich stolz.“ Weihnachten hin oder her…

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Kommentare (11)

  • Matthias Süß

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    DKP. Irgendwie beisst sich das mit Humanismus.

  • Bert

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    @Süß

    Bayernpartei beißt sich auch mit Manchem…

  • FJS

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    aber ich finde Bayernpartei und DKP passt gut zusammen…

  • Dugout

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    Der Kommentar wurde gelöscht.

  • Luise Gutmann

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    Wer so kämpft, der hebt keine Ehr‘ auf, nicht bei der Stadt. „Und das ist gut so.“ Der Maler Guido Zingerl hat Walter Zauner mit seinem Gemälde ein Denkmal gesetzt, ihm und Konrad Fuß. Das Bild gehört der Stadt. Ich weiß nicht, wo es ist. Vielleicht im Leeren Beutel? Und Michael Kumpfmüller, seine Geschichte müßte noch erzählt werden. Danke für die Rezension. Wenn man sie liest, kann man Walter Zauner reden hören.

  • Fr.Streng

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    „Voll politischer Überzeugung, aber nicht engstirnig. Geradlinig , aber nicht verbohrt.“ (AS)
    Zauners politische Haltung kann man auch anders sehen: platter SED-Sozialismus gepaart mit der Unfähigkeit, ideologische Denkmuster hinterfragen zu können.
    Auch wenn man z.B. seine Verurteilung daneben findet, war das Zumauern des Sprengschachts an der Brücke bei Mariaort ein dummer politischer Aktionismus, der in den Amerikanern und den US-Truppen die neuen Nazis sehen wollte. Zauners Erinnerungen lassen tief in sein kleinkariertes Weltbild blicken – dafür sind sie gut.

  • Matthias Süß

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    @peter sturm

    Wenn im Artikel steht, dass er anscheinend strammes DKP-Mitglied war und gleichzeitig Humanist, dann sehe ich da eine unüberbrückbare Diskrepanz.

    Wenn Ihnen das nicht so klar ist wie mir und daraufhin die Lebensgeschichte eines Kommunismus zur Lektüre empfehlen, würde ich das eher als Reflex und sinnfreies Gehämmere auf der Tastatur ansehen.

  • Kriegsgegner

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    Und wieder einmal bricht sich ein Sturm von stupiden Antikommunismus die Bahn…
    Walter Zauner war Kriegsgegner. Und wenn man sich dieses Land, die BRD, ansieht, das schon längst wieder auf Kriegskurs ist, muss doch jeder friedliebende Mensch sagen: Machen wir´s wie Walter Zauner!

  • tohubawohu

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    @kriegsgegner
    Ein Sturm? Wo ist ein Sturm? Das was ich hier lese ist nicht mal ein Lüftchen. Nur wenn ich ihre unglücklichen Zeilen lese, dann fröstelt es mich ein bisserl. Eventuell kommt doch der Winter.

  • peter sturm

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    gibt es jetzt auch in der buchhandlung
    „bücherwurm“
    Franz-von-Taxis-Ring 53
    93049 Regensburg

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