Festakt in Moskau: Stadt zeichnet Michail Gorbatschow mit dem Brückenpreis aus

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Interessiert betrachtet Michail Gorbatschow den „doppelten Nepomuk“ – eine kleine Bronzestatue, die gemeinsam mit dem Brückenpreis vergeben wird. Bildnachweis: Stadt Regensburg/Stefan Effenhauser

Interessiert betrachtet Michail Gorbatschow den „doppelten Nepomuk“ – eine kleine Bronzestatue, die gemeinsam mit dem Brückenpreis vergeben wird.
Bildnachweis: Stadt Regensburg/Stefan Effenhauser

Bei einem Festakt in der Residenz des deutschen Botschafters in Moskau hat Oberbürgermeister Joachim Wolbergs am 18. März 2016 den ehemaligen sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow mit dem Regensburger Brückenpreis ausgezeichnet. Diese Auszeichnung verleiht die Stadt seit 1995 an herausragende Persönlichkeiten, die sich in besonderem Maß um die Überbrückung politischer, nationaler, wissenschaftlicher, sozialer, kultureller oder religiöser Gegensätze verdient gemacht und Brücken für die Zukunft gebaut haben.

Gorbatschows politische Zauberformel

Vor gut 30 Jahren traten zwei Begriffe ihren Zug um die Welt an: Glasnost und Perestroika.  Der Schöpfer dieser politischen Zauberformel, die in der damaligen Sowjetunion politische Offenheit und den gesamtgesellschaftlichen Umbau in Gang setzte, war der damalige Staatspräsident Michail Gorbatschow. Er erhält den Brückenpreis für seine Verdienste um das Zusammenwachsen der Völker in Mittel- und Osteuropa wie auch für seine wichtige politische Rolle bei der deutschen Wiedervereinigung. 

 

Da Gorbatschows Gesundheitszustand eine Reise nach Regensburg nicht zuließ, flog Oberbürgermeister Joachim Wolbergs gemeinsam mit einer 14 Mitglieder starken Delegation, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Stadt und des Stadtrats, zur Übergabe des Brückenpreises nach Moskau. Dort hatte der deutsche Botschafter Rüdiger von Fritsch die deutsche Residenz für den Festakt zur Verfügung gestellt, wofür sich Wolbergs im Namen der Stadt herzlich bedankte.

 

OB: Gorbatschow „hat das Antlitz

eines ganzen Kontinents zum Besseren verändert“

In seiner Laudatio verwies Wolbergs darauf, dass Gorbatschows Entschluss zur Öffnung und zum Umbau der damaligen Sowjetunion „enorme Auswirkungen auf das Leben der Menschen in ganz Europa, ja im Prinzip auch auf der ganzen Welt“ gehabt habe. „Glasnost und Perestroika waren die Auslöser dafür, dass zwei weltpolitische Blöcke, die einander jahrzehntelang feindselig gegenüberstanden, auf einmal miteinander sprachen.“

 

Mit seiner mutigen Politik habe Gorbatschow „das Antlitz eines ganzen Kontinents zum Besseren verändert“, sagte Wolbergs. Insbesondere an der deutschen Wiedervereinigung habe Gorbatschow großen Anteil gehabt: „Letztlich ist die Vereinigung der beiden deutschen Staaten nur möglich gewesen, weil Glasnost und Perestroika sehr wesentlich dabei halfen, alte Feindbilder abzubauen, ein neues politisches Denken zu wagen  und auf Zusammenarbeit zu setzen und nicht auf Konfrontation“, betonte Wolbergs. Zudem habe der ehemalige sowjetische Staatschef mit seiner Politik der Verständigung Europa von der Gefahr eines Atomkriegs befreit.

 

„Weltgeschichte geschrieben“

Michail Gorbatschow habe „vielen Millionen Menschen die Hoffnung gegeben, dass ein friedliches Miteinander der Staaten keine ferne Utopie ist“, erklärte der OB. „Gerade weil wir jetzt in einer dramatischen, vielfach von Konfrontation, Krieg, Gewalt, Vertreibung und Tod geprägten Zeit leben, brauchen wir politische Entscheider, die ihre ganze Energie darauf verwenden, dass Frieden und Freiheit in der Welt keine fernen Utopien bleiben. Sie, sehr verehrter Herr Gorbatschow, sind einer dieser ganz herausragenden politischen Entscheider, die die Welt besser machen wollten und wollen und damit Weltgeschichte geschrieben haben.“

 

Gorbatschow: „Wir sind eine Welt“

Sichtlich bewegt und mit einem herzlichen Dank an die Stadt Regensburg nahm Michail Gorbatschow, der vor kurzem seinen 85. Geburtstag feiern konnte, die Auszeichnung entgegen. Der ehemalige Staatspräsident nahm in seiner Dankesrede das Bild vom Brückenschlag auf und betonte, es sei wichtig, dass soziale und kulturelle Verbindungen zwischen den Menschen geschaffen und erhalten werden. Besonders liege ihm an einer festen politischen Brücke zwischen Russland und Deutschland. Mit Blick auf die aktuellen großen Herausforderungen der Weltpolitik erinnerte Gorbatschow an Transparente, auf denen Bürgerrechtler in der Endzeit der DDR gefordert hatten: „Wir sind ein Land, wir sind ein Volk.“ Nun müssten die Menschen in allen Ländern auf Transparente schreiben: „Wir sind eine Welt, wir sind ein Planet.“

 

Hintergrund:

 

Vom Mähdreschermechaniker zum Staatschef

Michail Sergejewitsch Gorbatschow wurde am 2. März 1931 als Sohn eines russischen Vaters und einer ukrainischen Mutter in Priwolnoje in der Region Nordkaukasus geboren. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften an der Lomonossow-Universität in Moskau arbeitete er zunächst als Mähdreschermechaniker in einer Kolchose. Seine politische Karriere begann mit dem Eintritt in die KPDSU im Jahr 1952. Gefördert von Juri Andropow, dem späteren Generalsekretär der KPDSU und Staatsoberhaupt der Sowjetunion, wurde Gorbatschow 1970 Mitglied im Obersten Sowjet und gleichzeitig auch Mitglied des Zentralkomitees der KPDSU.

 

Nach dem Tod von Regierungschef Tschernenko im März 1985 wurde Gorbatschow zum Generalsekretär der KPDSU ernannt. Das unter seiner Federführung geschlossene Abkommen zur Beseitigung aller Mittelstreckenraketen galt weltweit als historischer Durchbruch der Entspannungspolitik zwischen West und Ost. 1990 garantierte er einem vereinten Deutschland die volle Souveränität und die freie Wahl der Bündniszugehörigkeit. Mit der Verkündung des Endes des Warschauer Paktes im Jahr 1991 läutete er auch den Zerfall der Sowjetunion ein. Glasnost (Offenheit in der Staatsführung) und Perestroika (Modernisierung des politischen Systems)  lauteten die Schlagworte seiner Amtszeit, die in die Geschichte eingingen.

 

Nach seinem Rücktritt als Staatspräsident im Dezember 1991 gründete Gorbatschow eine nach ihm benannte Stiftung, die in Russland, den USA und Deutschland vertreten ist und sich unter anderem der Völkerverständigung, der Förderung des Friedens, der Bekämpfung der Armut und der Heranführung Russlands an Europa verschrieben hat. Die Stiftung setzt sich auch für eine Reihe von sozialen Projekten ein.  

 

Brückenpreis seit 1995

Vor Michail Gorbatschow erhielten den Brückenpreis der ehemalige Außenminister der Republik Polen, Prof. Władysław Bartoszewski (1995), der ehemalige Regierende Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen, Hans Koschnik (2004), der ehemalige Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel (2006) sowie die Brüder Dr. phil. Bernhard und Dr. jur. Hans-Jochen Vogel (2010).

 

Der Brückenpreis ist mit jeweils 15 000 Euro dotiert. Zusammen mit der Auszeichnung überreicht die Stadt Regensburg stets eine von dem niederbayerischen Bildhauer Alfred Böschl entworfene etwa 40 Zentimeter große Bronzestatue, die den Brückenheiligen Johannes von Nepomuk doppelt darstellt. Diese Darstellung ist einer Granitstatue entlehnt, die auf einer Brücke in der nordoberpfälzischen Stadt Schönsee hart an der Grenze zur tschechischen Republik steht: Der eine Nepomuk blickt nach Osten, der andere nach Westen – ein Sinnbild dafür, wie wichtig es ist, nicht nur den eigenen Standpunkt zu sehen, sondern auch den seines Nachbarn.

 

Die Delegation

Am Festakt zur Verleihung des Brückenpreises an Michail Gorbatschow in Moskau nahmen für die Stadt Regensburg neben Oberbürgermeister Joachim Wolbergs, dem Personal- und Verwaltungsreferenten Karl Eckert und drei weiteren Vertreterinnen und Vertretern der Verwaltung folgende Stadträtinnen und Stadträte teil: Norbert Hartl, Gabriele Opitz, Christa Meier, Ludwig Artinger, Hermann Vanino, Dr. Armin Gugau, Walter Erhard, Richard Spieß, Bernadette Dechant und Michael Staab.

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