Kritik: The Neon Demon

Perversionen der Modebranche

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DemonEindrücke aus der Nachtvorstellung von Nicolas Winding Refns „The Neon Demon“.

Von Flamingo (Maxmilian Schäffer)

Der große Unterschied zwischen David Lynch und Nicolas Winding Refn besteht darin, dass der Altmeister es versteht, seine narrative Leere mit einer diffusen Spannung auszustatten. Bei Lynch konstruiert sich diese meist aus abergläubischen oder zumindest mysteriösen Geflechten der Handlung, die wiederum sich aus einfachen Pathosformeln ergibt.

So vor allem geschehen in der Mammut-Serie Twin Peaks, sowie seiner surrealistischen Trilogie (Lost Highway, Mulholland Drive, Inland Empire). Genauso hat sich Refn die letzten Jahre von der Vordergründigkeit der Erzählung abgekehrt und verkehrt spätestens seit „Walhalla Rising“, allerallerspätestens seit „Drive“ in assoziativ-psychedelischen Gefilden à la Alejandro Jodorowsky und Kenneth Anger.

Kein reiner Kunstfilm

Soviel zur Theorie. Praktisch gehe ich in schlechtestmöglich gekleidetem Zustand in die Nachtvorstellung im Berliner Zoopalast. Laufschuhe, graue Shorts, DDR-Hemd (das mir nicht gehört) und eine Baseballkappe der Baltimore Orioles mit dämlich grinsendem Vogel. Vielleicht unterbewusst eingesetztes Paradoxon für einen Modefilm. Denn darum geht es in The Neon Demon – die Modebranche, ihre Perversionen und unmenschlichen Auswüchse.

Daran ist auch gar nicht zu verkehren, denn der Film ist sich seiner Aussage recht bewusst und die ist so wenig ambivalent wie die Bilder eindrücklich sind. Alles konstruiert, gestellt, Plastik und Blitzlicht extrem. Refn weiß zu jeder Minute audio-visuell zu begeistern. Aber wie weit her ist es mit der Erzählung und braucht es die überhaupt? Ist The Neon Demon ein reiner Kunstfilm? Nein. Und er will auch keiner sein, aber leider schafft es der Regisseur nicht, wie schon beim ähnlich erratischen Vorgänger „Only God Forgives“, seine opulente Welt der Bilder dramaturgisch allzu interessant zu gestalten.

Die Popcornschale eines schönen Mannes

Ein paar Figuren gibt es dennoch. Zum beispiel das 16jährige Modelgirl, das die Hauptrolle bekleidet, und dann noch ihre bis zur Psychose neidischen Mitstreiterinnen im Wettbewerb um die Schönste weit und breit. Und dann noch die berechnende Agenturagentin aus Mad Men und den stockschwulen Modedesigner in lagerfeldscher Schwarzweißmontur. Der bin dann wohl ich – denke ich mir.

Als Kritiker ist man schließlich großmäulig und ich betrete alleine das Club Kino B im mächtigen Zoopalast. Niemand ist im Saal, außer eine große Schale Popcorn und ich setze mich eine Reihe vor sie. Dann, eine Viertelstunde nach Filmbeginn, betritt ein besonders hübscher Angestellter des Filmpalastes den Saal und setzt sich neben die Popcornschale. Er cruncht unentwegt und ich würde ihn gerne aufschlitzen, aber er ist zu schön und schließlich geschieht das Aufschlitzen und auch Selbstaufschlitzen bereits im Film. Das brauche ich nicht mehr zu inszenieren.

Refn inszeniert großartig cineastisch, wie Kubrick auf Ketamin – aber ebenso stumpf. Trotzdem einer der eindrucksvollsten Filme seit Langem. „Schönheit ist alles!“ – sagt der Modedesigner und hat damit recht. Irgendwann kommt der Abspann aus flirrenden Landschaftsaufnahmen und ich nehme mir fest vor die besonders schöne, laute Nervensäge nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Doch ist sie schon weg, als ich aufstehe. Ich greife in den Eimer Popcorn, verlasse das Kino und halluziniere noch ein bisschen.

Nicht ganz 5 Flamingos von 5.

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Kommentare (1)

  • onki

    |

    Vielen Dank für diese interessant und gut geschriebene Rezension.
    Wobei eine Assoziation zu Jodorowskys Arbeiten für heutige Filmveröffentlichungen nahezu einer Adelung mit hoher Bringschuld gleichkommt ;-)

    Mehr davon!

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