Bücherverbrennung in Regensburg 1933

„Unsere Hochschule ist immer schon frei von jüdischem Geist gewesen“

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80 Jahre nach der Bücherverbrennung von 1933 erinnert Regensburg daran mit einer Gedenktafel. Die unter Glockengeläut enthüllte Tafel dürfte in die Stadtgeschichte eingehen. Nicht wegen ihres unmotivierten Inhalts: „Zur mahnenden Erinnerung an die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten auf dem Neupfarrplatz am 12. Mai 1933 – Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“, sondern eher wegen des ungewöhnlichen Ursprungs und der extra schnellen Realisierung. Sie wurde vor knapp zwei Monaten durch eine Initiative der „Realschule am Judenstein“ angeregt, von OB Hans Schaidinger im autokratischen Alleingang angeordnet und letzten Samstag von ihm persönlich präsentiert. Anmerkungen zur Vorgeschichte und den Hintergründen der Regensburger Bücherverbrennung.

Der große Moment: Schaidinger enthüllt die im Eiltempo realisierte Gedenktafel. Foto: wr

Der große Moment: Schaidinger enthüllt die im Eiltempo realisierte Gedenktafel. Foto: wr

So gut besucht wie am letzten Dienstag ist der Melanchthon-Saal des Evangelischen Bildungswerkes (EBW) nur selten. Weit über hundert Gäste sind zur Eröffnung der Ausstellung „Bücherverbrennung in Regensburg“ gekommen. Allerlei Stadt- und Politprominenz, OB Hans Schaidinger in der ersten Reihe. Etwa ein Fünftel des Publikums sind Schüler der Realschule am Judenstein, deren Klasse 9b gelegentlich an der Erstellung der Schau mitgewirkt hat. Die sehenswerte Ausstellung, die auf Recherchen der Staatlichen Bibliothek und des Lehrstuhls für Geschichtsdidaktik der Universität Regensburg gründet, kann bis 31. Juli 2013 im Foyer der Staatlichen Bibliothek besucht werden.
Neben der Ausstellung präsentierte der Leiter der Staatlichen Bibliothek, Bernhard Lübbers, zusammen mit dem Geschichtsdidaktiker Josef Memminger, einen wissenschaftlichen Begleitband, der die Regensburger Bücherverbrennung und ihren historischen Kontext nach 80 Jahren erstmals detailliert und verdienstvoll abhandelt.

Heinrich Heines „Almansor“ im falschen Kontext

Für aufmerksame Zuhörer deutet sich bereits während der Ausstellungseröffnung im EBW an, dass das Diktum Heines, – „Ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen” – auch auf die Gedenktafel kommen würde. Drei Redner des Abends benutzen sein Wortspiel. Den Anfang machte Peter Spatender, Geschichtslehrer an der Realschule am Judenstein. In seiner Begrüßungsrede spannt er mit Heines Hilfe den Bogen von der Bücher- zur Menschenverbrennung im Nazi-Deutschland.

Die Gedenktafel am Neupfarrplatz inklusive Heine-Zitat. Foto: wr

Die Gedenktafel am Neupfarrplatz inklusive Heine-Zitat. Foto: wr

Eine Vereinnahmung von Heines Tragödie „Almansor“ (1823) hinsichtlich der NS-Verbrechen ist allerdings problematisch. Sie wird im geschichtswissenschaftlichen Diskurs schon länger als irreführend kritisiert, da sich das besagte Wortspiel bekanntlich auf die Eroberung von Granada um 1500 durch christliche Truppen bezieht. Genauer: auf das Verbrennen von Muslimen und des Korans. Heines historisch fundierte Arbeit „Almansor“ aus dem gegebenen inhaltlichen Kontext zu reißen, ihn als Propheten für die staatliche Vernichtungsmaschine im NS-Regime zu funktionalisieren, ist insbesondere Schülern gegenüber irreführend.

Die Vereinnahmung ist zudem gedenkpolitisch ärgerlich, weil um 1500 auch im christlichen Regensburg Bücher vernichtet und Menschen verbrannt wurden.

Vorläufer der Bücher- und Menschenvernichtung in Regensburg

Ende des 15. Jahrhunderts wurden in Regensburg allerdings keine Muslime sondern Juden bei lebendigem Leibe verbrannt und ihre Bücher vernichtet.

So zum Beispiel im Januar 1474 ein Jude namens Mosse, weil er angeblich gestand, „dass er etlich person in der Stadt Regensburg böse gift zu machen gelert“ habe. Ein Jahr später verurteilte ein Regensburger Standgericht einen weiteren Mosse unter anderem wegen „Gotteslästerung“ zum Tode: „mit den fußen außen an den Galgen hengken und einen hunt zu im zu haben.“ Diese Hinrichtungsart gehört zu den grausamsten des Mittelalters. Raphael Straus dokumentierte die zwei Vorfälle in seiner Edition „Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte der Juden in Regensburg“.

Verbrennung mit Hund. Diese Hinrichtungsart gehört zu den grausamsten des Mittelalters. Aus: Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens, 1905.

Verbrennung mit Hund. Diese Hinrichtungsart gehört zu den grausamsten des Mittelalters. Aus: Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsaß-Lothringens, 1905.

Nach der Vertreibung der Regensburger Juden im Jahre 1519 wurde die Bibliothek der Talmudschule geplündert. Die wertvollen Bücher zerstörte man und die dadurch gewonnenen Pergamente wurden von Angehörigen des Schotten-Klosters und der Bischöflichen Administration als Einbindematerial zweckentfremdet. In seinem von Judenfeindschaft getragenen Bericht von Sommer 1519 beschreibt Christophorus Hoffmann (alias Ostrofrancus) – er gilt als frühhumanistisch gesinnter Benediktiner aus St. Emmeram – die seiner Ansicht nach zu Recht vertrieben Juden als verworfene, wankelmütige „Menschen besonders gottloser Art“, die „zu nichts anderem gut sind als dass man sie in den Ofen steckt“.

Auf diese längst bekannten stadtgeschichtlichen Ereignisse, diese eindrücklichen Beispiele von Bücher- und Menschenvernichtung in Regensburg wird weder in der Ausstellung noch im Begleitband Bezug genommen. Im Gegenteil: Im Ausstellungskapitel „Die Geschichte des Neupfarrplatzes“ heißt es sogar beschönigend, dass die jüdische Gemeinde gemeinsam mit den Regensburgern bis 1519 „in Frieden“ gelebt haben soll. Durch solche tendenziösen Darstellungen bleiben insbesondere gewisse historische Kontinuitäten der Judenfeindschaft, für die der Regensburger Neupfarrplatz steht, im aktuellen Gedenken unbenannt. Stattdessen reißt man Heines Arbeit aus dem historischen Zusammenhang und macht ihn zum fragwürdigen Propheten des eigenen geschönten Weltbildes.

Bücherverbrennung – Thema seit 1945

Die Verbrennung von Büchern im Mai 1933 war bereits in der ersten Ausgabe der „Mittelbayerischen Zeitung“ vom Oktober 1945 Thema, als der Herausgeber Karl Esser über die inneren Zusammenhänge von Diktatur und Pressefreiheit sprach. Wesentliche örtliche Zusammenhänge wurden dann im Jahre 1984 von Hans Simon-Pelanda und Peter Heigl in „Regensburg 1933-1945“ veröffentlicht. Etwa seit dieser Zeit ist das Thema Bücherverbrennung in Regensburg mit etwa alljährlichen Presseberichten präsent. Eine umfassende historische Aufarbeitung steht gleichwohl noch aus. Ein vergangenheitspolitisches Thema, das niemandem (mehr) weh tat. Indes fehlte ein öffentlicher Erinnerungsort, der sich mit Bücherverbrennung widmet.

Der 12. Mai 1933: Bücherverbrennung auf dem Neupfarrplatz.

Der 12. Mai 1933: Bücherverbrennung auf dem Neupfarrplatz.

Ein solcher wurde Mitte März 2013 in einem Brief der Schüler und der Leitung der „Realschule am Judenstein“ bei der Stadtverwaltung angeregt. Die Begründung: „Anders als in vielen anderen deutschen Städten“ gebe es in Regensburg „kein Mahnmal zu diesem traurigen Ereignis“. Eine Unterschriftenliste mit fast 500 Unterstützern verlieh dem Schreiben an die Vertreter aller Fraktionen im Stadtrat einigen Nachdruck. Die Unterzeichner plädieren für eine Bodenplatte, „deren Text in geeigneter Weise an die Bücherverbrennung erinnert“. Allerdings ohne auszuführen, was ihrer Ansicht nach „geeignet“ sein könnte.

Mahnmal oder Gedenktafel

Schaidinger hat diese Idee an sich gerissen, zur Chefsache erklärt und Mitte April das Anbringen einer „Gedenktafel“ auf dem Neupfarrplatz angekündigt. Bereits in Nebenbemerkungen gegen Schluss seiner Rede im EBW verkündete Schaidinger schließlich das Ende der Pseudo-Auseinandersetzung um die Frage „Mahnmal“ versus „Gedenktafel“ . Denn – man höre und staune – Regensburg habe bereits „das document Neupfarrplatz, das als Mahnmal in seinen unterirdischen Räumen … auch an die Bücherverbrennung von 1933 erinnert: in einer Wand-Inschrift im Ostflügel des ehemaligen Bunkers.“

Gemeint ist ein sinnfreier und inhaltsloser Schriftzug, eine blanke Wandinschrift in dem seit Jahrzehnten vernachlässigten historischen Baudokument, das vor allem über die mittelalterliche Geschichte des jüdischen Regensburgs informieren soll.

In diesem Zusammenhang scheint der bald scheidende Bürgermeister noch einige Pluspunkte sammeln zu wollen, nachdem zuletzt ein externes Gutachten seiner städtischen Gedenkpolitik bezüglich der NS-Zeit ein denkbar schlechtes Zeugnis ausstellte.

Dennoch – so Schaidinger in seiner EBW-Rede weiter – habe sich die Stadtverwaltung, sprich er selbst, „dazu entschlossen, den Vorschlag der Schülerinnen und Schüler der Realschule am Judenstein aufzugreifen“. Was am letzten Samstag schließlich mit der Enthüllung der Tafel unter pseudoreligiöser Betroffenheit geschah.

Betroffene Blicke: Die Gedenktafel wird enthüllt. Foto: wr

Betroffene Blicke: Die Gedenktafel wird enthüllt. Foto: wr

Da die eigentlichen Initiatoren ein „Mahnmal“ statt einer Gedenktafel für angemessen gehalten hätten, hat man bei der Ausformulierung des Textes wohl die eigentümliche Formulierung „Zur mahnenden Erinnerung“ gewählt. Allerdings spricht der Text nicht für sich, Motivation und Zweck der Mahnung bleiben völlig unklar. Demgegenüber glaubte man die Täter der Bücherverbrennung konkret benennen zu können: „die Nationalsozialisten“.

Das teutsche Volk unter Gesinnungsterror

Oberbürgermeister Schaidinger nutzte sein Grußwort im EBW zudem, um erneut seine nicht unbekannte eigentümliche Sicht auf das NS-Regime und ein von den Nationalsozialisten angeblich unterjochtes und terrorisiertes deutsches Volk darzulegen. Entgegen seines Vortrags vor dem Stadtrat zur „Machtergreifung“ 1933 Ende April, als er die von den Nazis terrorisierten „politischen Gegner“ mit etwa Sozialdemokraten und Kommunisten zu benennen wusste, sprach er diesmal pauschal vom „Volk“.

Schaidingers Ausführungen zufolge waren Anstifter und Täter der Bücherverbrennung „die Nationalsozialisten und ihre Organisationen“, insbesondere Angehörige der Hitlerjugend und des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Diese wollten mit der Verbrennung von Büchern „ihre gerade errungene Macht über das deutsche Volk, über Literatur und Bildung und generell über alle Kultur für jeden sichtbar unter Beweis stellen.“

Regensburg habe aber aus der NS-Geschichte gelernt. Man dürfe nicht vergessen, so Schaidinger, „wohin Intoleranz und Gesinnungsterror ein ganzes Volk und damit auch unsere Regensburger Stadtgesellschaft geführt haben“.

Die bösen Nazis und das terrorisierte deutsche Volk? Jedes Schulbuch weiß es besser, dass die historische Realität eine andere war. Konkret war in Regensburg zum Beispiel der als liberal geltende städtische Schulrat Andreas Freudenberger im Vorfeld an der Organisation der Bücherverbrennung beteiligt, als er mit einem Schreiben die Schuleiter über die anstehende Kundgebung auf dem Neupfarrplatz informierte.

Als vor 80 Jahren in Regensburg jene Bücher, die „ausgesprochen bolschewistische, marxistische, internationale, pazifistische und atheistische Tendenzen aufweisen“, verbrannt werden sollten, tat man sich dennoch schwer, solche herbeizuschaffen. So blieben etwa die damaligen Bestände der Bibliotheken des Landkreises und der Stadt fast unbehelligt – so die Forschungsergebnissen von Bernhard Lübbers. Dort wurden die Werke verfemter Autoren allerdings weggesperrt. Offenbar stammen die am 12. Mai verbrannten Bücher vor allem aus der sozialdemokratischen „Volkswachtbuchhandlung“ und dem privaten Buchgeschäft „Bücherkiste“. Die örtliche Hochschule meldete Fehlanzeige.

Philosophisch-theologische Hochschule Regensburg: „frei von jüdischem Geist“

Mitte April 1933 wurde auch die Philosophisch-theologische Hochschule (PTH) Regensburg von der NS-Organisation „Deutschen Studentenschaft“ aufgefordert, sich an der anstehenden Bücherverbrennung zu beteiligen. Daraufhin verfasste der Regensburger „Führer der Studentenschaft“, Rupert Fochtner, am 26. April eine Antwort, die tief blicken lässt. Man könne eine solche Verbrennung aus zeitlichen Gründen nicht mehr veranstalten, werde allerdings über die Aktion in der nächsten Vollversammlung sprechen. Das ihm zugesandte Nazi-Propagandamaterial – das Plakat „Wider den undeutschen Geist“ – wolle er allerdings veröffentlichen.

Fochtner weiter: „Eine Verbrennung jüdischen Schrifttums wird nicht erfolgen, da sich in unseren Büchereien solches nicht findet. Unsere Hochschule ist immer schon frei von jüdischem Geist gewesen und wird es auch in Zukunft sein, was man anscheinend von den Universitäten nicht immer sagen kann.“

Studentenführer Rupert Fochtner bekräftigt: seine Hochschule war schon immer judenfrei.

Studentenführer Rupert Fochtner bekräftigt: seine Hochschule war schon immer judenfrei.

Studenten-Führer Fochtner war unverkennbar stolz darauf, dass die Büchereien seiner Hochschule schon vor der Bücherverbrennung „frei von jüdischem Geist“ gewesen seien. Was auch immer er darunter verstanden haben mag.

Kirchenrechtlich war die PTH, deren Hauptzweck in der Ausbildung des diözesanen Priesternachwuchses bestand, dem Diözesanbischof Michael Buchberger untergeordnet. Dieser hatte sich bereits 1931 in seiner Schrift „Gibt es noch eine Rettung?“ unverkennbar antisemitisch positioniert. Buchberger zufolge lasse „sich gewiss nicht leugnen, daß eine Schicht des Judentums diesen Kampf und Haß heraufbeschwört, wenn sie einen so übermächtigen und unguten Einfluß ausübt auf das geistige und wirtschaftliche Leben des deutschen Volkes […] Ein übermächtiges jüdische Kapital beherrscht das wirtschaftliche Leben“.

Einige Tage nach dem sogenannten „Judenboykott“ vom 1. April Mai 1933 blies Bischof Michael erneut ins antisemitische Horn und rechtfertigte die Übergriffe der Nazis: Es sei die Aufgabe der Staatsregierung über das Gemeinwohl zu wachen, weshalb diese nicht dulden könne, „daß das Recht des einzelnen zum Schaden der Allgemeinheit werde. Daher kann sie auch nicht tatenlos zusehen, wenn einige wenige wirtschaftlich starke Kräfte immer weiter Wirtschaft und Handel fast für sich allein in Beschlag nehmen und die Schwächeren vollständig erdrücken.“ So Buchberger im von ihm verfassten Hirtenbrief vom 5. Mai 1933.

Städtischer Preis: Brückenbauer zum Nationalsozialismus als Namenspatron

Buchbergers antisemitische Haltung von 1933 spiegelt sich im nazifreundlichen Milieu der Philosophisch-theologischen Hochschule Regensburgs wider. Ebenfalls in der politischen Haltung einer Studentenschaft, deren „Führer“, Rupert Fochtner, hinsichtlich der Bücherverbrennung im nationalsozialistischen Sinne Propaganda betrieb.

Ein Fundus prominenter Regensburger Namen: Das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler“.

Ein Fundus prominenter Regensburger Namen: Das „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler“.

Die dominante politische Stimmung an der staatlichen PTH drückt sich freilich auch in dem „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler“ aus, das die komplette Regensburger Professorenschaft im November 1933 unterzeichnete – ganz ohne Terror, vielmehr aus Unterwürfigkeit. Unter den Unterzeichnern befinden sich honorige Herren, wie Hans Dachs, Franz Heidingsfelder, Sebastian Killermann, Karl Stöckl, und Josef Engert.

Letzterer war Priester, Professor für Philosophie und angeblicher Gründervater der Universität Regensburgs. Um ihn in Ehren zu halten, hat sich die Stadtverwaltung unter Schaidinger im Jahre 1998 einen „Professor-Josef-Engert-Preis“ ausgedacht, der an regionale Wissenschaftler verliehen wird. Engert, der 1947 wieder Rektor der PTH wurde, gilt nicht nur in der dezenten kirchengeschichtlichen Forschung als Monarchist und „Brückenbauer zum Nationalsozialismus“.

Doch wer war dieser PTH-Student Rupert Fochtner? Einer wie der Kreisbibliothekar und „NSDAP Kreiskulturwart“ Walter Boll, der im Mai 1933 die Werke verfemter Autoren in der von ihm geleiteten Bibliothek wegsperren ließ? Ein Nationalsozialist, der das deutsche Volk unterjochte und Gesinnungsterror ausübte?

Rupert Fochtner – mit deutschem Gruß aus der Hochschule

Fochtner wurde am 7. Mai 1909 in Schmidmühlen geboren, als Knabe kam er ins bischöfliche Studienseminar Obermünster nach Regensburg. Nachdem er 1930 das Abitur am „Alten Gymnasium“ abgelegt hatte, trat er ins Priesterseminar ein und studierte an der Philosophisch-theologischen Hochschule Regensburgs. Im März 1935 empfing er von Bischof Buchberger die Priesterweihe. Fast sein ganzes späteres Leben wirkte er in der Oberpfalz als Pfarrer.

Rupert Fochtner: Sein Wirken als Studentenführer blieb nach dem Krieg unerwähnt.

Rupert Fochtner: Sein Wirken als Studentenführer blieb nach dem Krieg unerwähnt.

Als sich im Juni 1983 etwa eintausend ehemalige Zöglinge des bischöflichen Studienseminars Obermünster in Regensburg zum 100jährigen Seminars-Jubiläum trafen, war laut einer Gästeliste auch Pfarrer Rupert Fochtner unter den Ehemaligen. Ebenso anwesend war der „Obermünsterer“ und damalige Chefredakteur der Mittelbayerischen Zeitung, Alois Hönle, der in der Nazizeit übrigens als Präfekt im Domspatzen-Internat fungierte. Ob Hönle und Fochtner am 12. Mai 1933 die Bücherverbrennung am Neupfarrplatz persönlich beobachteten, ist nicht überliefert. Alois Hönle und die MZ haben über Fochtners Wirken als „Führer der Studentenschaft“ jedenfalls nie berichtet.

Die Gedenktafel am Neupfarrplatz will mahnend an die Bücherverbrennung erinnern, bleibt aber im Grunde ziel- und zwecklos. In ihrem Text verschweigt und verdeckt sie sowohl wesentliche stadtgeschichtliche Ereignisse als auch die damaligen politischen Verhältnisse. Sie instrumentalisiert Heinrich Heine als Stichwortgeber. Sie ist ein Produkt des Wahlkampfes, ein weiterer Akt im Regensburger Gedenktheater.

Heinrich Heine (1835)
Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen

Wir, Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! Sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud‘ und Christ.
Es schließe jeder seine Bude,
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammenstehn,
Da soll man auseinandergehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus;
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Mehr Informationen:

Ausstellung im Foyer der Staatlichen Bibliothek in der Gesandtenstraße bis 31. Juli 2013: Eintritt frei

Buch: Bernhard Lübbers, u.a. (Hg.): Die Bücherverbrennung in Regensburg, 2013, 124 Seiten. Preis: 11€

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Kommentare (11)

  • Johannes

    |

    Danke für den Artikel! Nur eine kleine Korrektur: Der „Judenboykott“ war nicht am 1. Mai, sondern am 1. April 1933.

  • Veronika

    |

    Auch von mir „Besten Dank“ an Herrn Werner! Wenigstens kann man irgendwo wirklich gut recherchierte Dinge zu Regensburg lesen. So werde ich vielleicht nach mittlerweile Jahren der Abwesenheit doch noch zu einer „Regensburg-Kennerin“.
    ————-
    Stellt sich nur immer wieder die Frage, warum diese sich als „ganz gross“ bezeichnende Zeitung mit vielen Aussenstellen nicht wenigstens ein klein wenig von dieser Informationspolitik aufgreift. Darf man nicht? Hält man die Leserinnen/ Leser für zu dumm? Oder braucht man am Ende gar keine Leserinnen/ Leser, weil das Geld für den Erhalt aus ganz anderen Quellen kommt?
    ————-
    Deshalb auch wieder mal ein Dankeschön an Herrn Aigner und seine Crew! Hoffentlich kapieren bald noch mehr Leute, warum es Regensburg-Digital.de geben muss!

  • Student

    |

    Kann nicht nachvollziehen, wieso sich der Autor so an dem Zitat Heines aufhängt und so problematisch findet, dass es „aus dem Kontext gerissen“ sei. Gerade die angebrachte Jahreszahl verdeutlicht ja die zeitliche Distanz zum Nationalsozialismus – und dass sich Heine hier (natürlich!) auf andere Ereignisse bezog, das zeigt doch vor allem eines: dass es sich eben nämlich um eine zeitlose Aussage handelt und außerdem um eine grundsätzliche – die man nicht nur auf eine Epoche oder gar eine einzelne Volksgruppe beziehen braucht. Die Aufregung von Herrn Werner über dieses Zeitat finde ich daher doch sehr gekünstelt und fehl am Platze.

  • Silvia Gross

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    Zur für mich nicht nachvollziehbaren Kritik am Zitat Heinrich Heines: Große Zitate sind zeitlos. Sie gehören nicht einem Stück, nicht einer Zeit. Sie sind Klassiker.

  • Oppermann

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    Am Beispiel Gedenken, das ist sinnvoll. Was dazu gelernt und wie immer haben es die Nazis nicht erfunden, sondern ihre Schergen haben aller Orts Rückgriffe getätigt.

    Wichtiger Hinweise auf die Bücherverbrennung in Granada.

  • Stattamhofer

    |

    Das Hauptproblem der schnellschusshaften Gendenktafel ist nicht so sehr die (unzweifelhaft) politisch motivierte Instrumentalisierung und Ent-Kontextualisierung von Heines „Almansor“, sondern die historisch verzerrte Benennung der angeblichen Täter der Bücherverbrennung vom Mai 1933: „durch die Nationalsozialisten“.

    Hier glaubt OB Schaidinger seine politischen Vorgänger von der BVP, z.B. den SS-Förderer Hans Herrmann, oder die sog. städtischen „Spitzenbeamten“, aus der Schusslinie zu bekommen.

    Wie sehr gerade das konservative christliche Milieu einer BVP das NS-Regime 1933 begrüßte, zeigt sich z.B. an Stellungnahmen von Bischof Buchberger, der in schöngefärbten kirchengeschichtlichen Arbeiten als „Nazi-Gegner“ bewertet wird!

    Anlässlich der gewalttätigen Übergriffe der SA und SS gegen ihre politischen Gegner von z.B. SPD und KPD dankte Buchberger am 6. April 1933 dem „Nationalsozialismus“:

    „Der Nationalsozialismus hat durch das Vorgehen seiner untergeordneten Stellen [gegen die politischen Gegner] viel Enttäuschung und Verbitterung geschaffen, aber trotzdem sehen auch viele Gutgesinnte noch heute in ihm einen mutigen Vorkämpfer gegen Bolschewismus, gegen Gottlosigkeit und Sittenlosigkeit, die alle Dämme zu durchbrechen drohte. In Berlin war das Zentrum der Regierung und gleichwohl haben die Gottlosen sich alles erlauben dürfen, gleichwohl trat die Sittenlosigkeit und Schamlosigkeit mit einer geradezu unerhörten Frechheit auf. Dass der Nationalsozialismus in diese Seuchenherde eingegriffen hat, das hat ihm viel Sympathien beim Volk eingebracht und verdient auch wirklich Dank.“

    Leider behandelt weder die Ausstellung noch das Begleitbuch dieses konservativ-christliche Umfeld der Regensburger Bücherverbrennung näher.

    Anlässlich der Ausstellungseröffnung meinte der Geschichtslehrer P. Spateneder, die Nazis seien gescheitert, da man noch heute die Werke der damals verbrannten Autoren lese und die „Freiheit des Gedankens“ überlebt habe. Derlei philosophisch angehauchte Verkürzungen sind historisch und gedenkpolitisch jedoch abwegig. Sie eignen sich aber vorzüglich für eine politische Instrumentalisierung. Deshalb wurden Spateneder und seine Schüler von OB Schaidinger so gelobt.
    Wahrlich ein Gedenktheater.

  • Franzjosef

    |

    Wie heuchlerisch und verlogen in der Regensburg Gedenkpolitik agiert wird, zeigt sich an dem Verhalten von C. Schlegl. Dieser schwafelte vor dreieinhalb Jahren, anlässlich des FW-Vorschlags, der „Neupfarrplatz-Gruppe“ (= Nazi-Sprache) zu gedenken, von „Gedenktafel-Tourismus“.
    Und nun – so mein Eindruck – heuchelt er Betroffenheit im gedenkpolitischen Akt „König-Hans-schenkt-der-Stadt-eine-Heinrich-Heine-Tafel“. Wahlkampfzeiten eben.

    Ende 2009 hat die CSU-SPD-Koalition übrigens den Herrn Kulturreferenten damit beauftragt, ein Konzept für Gedenkstätten zu erarbeiten. Was für ein Witz.

    Wäre es nicht besser, wenn die Stadtführung in Sachen NS-Gedenken nichts mehr unternehmen würde, ja dürfte? Dies wäre wohl näher an der inneren Einstellung der Schlegls, Wolbergs, Ungers und Konsorten und weniger Show.

  • Breinbauer, Passau

    |

    Um zu „beweisen“, dass sich Bischof Buchberger unverkennbar antisemitisch positioniert habe, zitieren Sie Ausschnitte aus seiner Schrift von 1931 „Gibt es noch eine Rettung?“ (S. 97). Hätten Sie eine Seite weiter geblättert, hätten Sie lesen können: “ Aber unrecht und unchristlich ist es, wegen Fehler und Sünden eines Teiles der Judenschaft den Kampf gegen das Judentum überhaupt zu proklamieren und in zuweilen recht häßlicher Weise zu führen; unchristlich ist es, den wirtschaftlichen Kampf in einen Rassen- und Religionskampf ausarten zu lassen….“
    Mit journalistischer Kompetenz haben Sie sich nicht gerade ausgezeichnet.

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