„Wie das Leben wiederaufersteht“

Für Ilse Danziger vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde ist es ein „wichtiger Baustein in der traditionellen langen Geschichte der Juden in Regensburg“, die bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht. Das Buch, das Dr. Roman P. Smolorz am Donnerstag vorstellte, behandelt dagegen einen vergleichsweise kurzen, aber bislang kaum erforschten Zeitabschnitt: „Juden auf der Durchreise. Die Regensburger Jewish Community 1945 – 1950“. Es erscheint – mit leichter Verspätung – zum 60. Jubiläum der Jüdischen Gemeinde, die am 1. August 1950 aus der tags zuvor aufgelösten Jewish Community of Regensburg hervor ging. Außer einem handschriftlichen Buch mit Zeitzeugenberichten von KZ-Überlebenden ist es die einzige Dokumentation zu den Anfängen der Jüdischen Gemeinde. „Wir haben aus dieser Zeit keine Unterlagen“, sagt Danziger. Herausgegeben wurde der 133 Seiten starke Band vom Regensburger Stadtarchiv in der Reihe „Regensburger Studien“. „Wir haben das Glück, uns hier auch mit Themen beschäftigen zu können, die auf dem Markt nicht der große Renner sind“, sagt Archivleiter Heinrich Wanderwitz. Smolorz präsentiert in seinem Buch nicht zuletzt eine Geschichte erfolgreicher Integration. Aus gerade einmal 80 Personen bestand die Regensburger Jewish Community nach dem II. Weltkrieg. Nur fünf von ihnen waren Überlebende der Jüdischen Gemeinde Regensburg vor Holocaust und II. Weltkrieg. Sie mussten 500 jüdische Flüchtlinge („Displaced Persons“) aus Osteuropa integrieren, um die sich nach Gründung der Bundesrepublik 1949 und Auflösung der Flüchtlingslager niemand kümmerte. Für diese Flüchtlinge war Regensburg keine Heimat und Deutschland kein Vaterland. Sie hielten sich in Bayern auf wie in einem „Wartesaal“, um dorthin zu gehen, wo sie auf eine bessere Zukunft hofften, nach Israel oder ins neue Exil nach Übersee in die USA. In der zweiten Hälfte der 50er war die jüdische Gemeinde denn auch auf rund 170 Personen geschrumpft – doch von Anfang an fanden sich im Vorstand sowohl Menschen der alten Community wie auch Flüchtlinge. Schnell sei die eigentlich osteuropäisch dominierte jüdische Gemeinde denn auch eine deutsche geworden. Smolorz, der wissenschaftlicher Mitarbeiter am Osteuropa-Institut Regensburg ist, geht in dem Buch der Frage nach, wer die Juden in Bayern nach dem II. Weltkrieg waren, wie sie lebten und „wie das jüdische Leben wiederauferstanden ist“. Seine Perspektive: Während die Jüdische Gemeinde in ihren Anfängen die so genannten „displaced persons“ aus Osteuropa integrieren konnte, sind es seit 1994 die „Kontingent-Flüchtlinge“ aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Derzeit betreut die Jüdische Gemeinde Regensburg rund 1.000 Menschen. Roman P. Smolorz: Juden auf der Durchreise. Die Regensburger Jewish Community 1945 – 1950. Regensburger Studien 16. Hrsg. Von Stadt Regensburg/ Stadtarchiv. Regensburg 2010.

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