Armutsbericht: Ein Schnappschuss mit begrenzter Aussagekraft

Machten bei den Koalitionsverhandlungen Druck für einen Armutsbericht: Joachim Wolbergs und Norbert Hartl. Foto: Archiv
Am kommenden Mittwoch wird der lange erwartete Armutsbericht („Bericht zur sozialen Lage 2011“) dem Regensburger Stadtrat vorgestellt. Wer sich von dem rund 100 Seiten starken Zahlenwerk allerdings einen Überblick darüber erwartet hat, wie viele Menschen von Armut betroffen oder Gefahr laufen, arm zu werden, der wird enttäuscht sein. Nicht die materielle Armut ist es, die der – federführend vom Amt für Stadtentwicklung verantwortete – Bericht zu analysieren versucht, sondern „Lebenslagen“. Dazu wurde die Stadt in Klein- und Kleinsträume bis zu einer Mindestgröße von 300 Personen aufgeteilt. Es wurden Daten zur Bevölkerungs- und Haushaltsstruktur, wirtschaftlicher Lage, Wohnsituation, Bildung, Gesundheit, Kriminalität und sozialer Teilhabe erhoben und kartographiert.

Die Daten: Nicht immer brauchbar

Die Schlüsse, zu denen der Bericht anhand der – zum Teil veralteten, zum Teil nicht brauchbaren – Erhebungen schließlich kommt, lesen sich aber doch recht vage und wenig aussagekräftig. So finden etwa die Erhebungen zum Thema Bildung – angesichts der nicht brauchbaren Daten – keinen Eingang in die Abschlussanalyse. Auch wirkt es etwas willkürlich, wenn die soziale Teilhabe anhand der Nutzung der Musikschule, Bibliotheksbesuchen und Theaterabonnements analysiert wird. Auch im Bericht selbst wird immer wieder eingeräumt, dass es Probleme bei der Erhebung und Zusammenstellung der Daten gab und sich das auch auf die Aussagekraft des Armutsberichts auswirkt. „Insgesamt kann der vorliegende Bericht nur einen ‚Schnappschuss‘ zur sozialen Lage in Regensburg bieten“, heißt es etwa. „Die nur einmalige kleinräumige Erhebung bleibt eine Momentaufnahme, mit vielen potentiellen Zufällen und eingeschränkter Aussagekraft.“

Problemgebiete und Risikogruppen

Ein Großteil des Berichts widmet sich denn auch in erster Linie der räumlichen Verteilung von Armut. Wo ist die Arbeitslosigkeit hoch? Wo leben viele Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind? Wo leben viele Ältere, wo viele Familien mit Kindern? Wo werden Stadtteilbibliotheken genutzt und wo nicht? Solche räumlichen Fragen kann der Bericht beantworten. So wurden „eindeutig benachteiligte Gebiete mit grundlegenden strukturellen Defiziten“ ausgemacht, etwa im Bereich Otto-Hahn- und Humboldtstraße, in der Schlesier- und Pommernstraße sowie rund um die Zuckerfabrik. Hier ist der Anteil von Wohngeld- und Sozialhilfeempfängern überdurchschnittlich hoch, ebenso die Zahl der Sozialwohnungen. Für diese Gebiete empfiehlt der Bericht „tiefergreifende Analysen“. „Anschließend könnten die so identifizierten ‚Problemgebiete‘ als Modellräume für erste Armutsbekämpfungsstrategien und -maßnahmen ausgewählt werden“, heißt es weiter.

Bezahlbarer Wohnraum wird knapp

Auch stellt der Bericht fest, dass es in Regensburg an bezahlbarem Wohnraum für Familien und Einkommensschwache fehlt. Dieser Wohnungsmarkt verenge sich für diese Gruppen zunehmend, heißt es etwa. Betrachtet man das beiliegende Kartenmaterial, wird darüber hinaus deutlich, dass sich bezahlbarer Wohnraum zunehmend auf die Randbezirke konzentriert. Bei den von Armut betroffenen Gruppe nimmt sich die Datenlage im Bericht recht dünn und zum Teil veraltet aus. Auch nehmen die jeweiligen Gruppen und die Gründe für deren Armutsrisiko weit weniger Raum ein, als Karten und räumliche Verteilung von Armut. Einige Problemfelder werden dennoch benannt, zum Teil auf Basis eigener Daten, zum Teil, weil sich dies als allgemeiner Trend im Bundesgebiet abzeichnet.

Altersarmut durch Minijobs

Zu den von Armut bedrohten oder betroffenen Gruppen zählen auch in Regensburg ältere Menschen, dabei vor allem Frauen, Alleinerziehende, Familien mit Kindern und Menschen mit Migrationshintergrund. Dass vor allem die Zahl älterer Menschen steigen wird, die neben der Rente auf staatliche Zuschüsse angewiesen sind, wird in dem Bericht ausdrücklich prognostiziert. Derzeit sind etwa knapp 50 Prozent aller Wohngeldempfänger in Regensburg über 64 Jahre alt, der Großteil von ihnen alleinstehende Frauen. Als Hauptgrund, weshalb die Zahl hilfebedürftiger SeniorInnen auch in Zukunft steigen wird, macht der Bericht die steigende Zahl von Teilzeit- und Minijobs („prekäre Beschäftigung“) aus, allerdings werden zu diesen Arbeitsverhältnissen keine aussagekräftigen Zahlen geliefert.

Untere Einkommensschicht wird größer

Fest steht aber doch, dass die Zahl der Steuerpflichtigen in der unteren Einkommensklasse (bis 2.500 Euro netto) sich zwischen 1998 und 2004 deutlich (auf 13 Prozent) angestiegen ist. Die Zahl der Steuerpflichtigen in den unteren Einkommensklassen ist im selben Zeitraum stetig gestiegen, allerdings sind deren Einkünfte insgesamt nahezu gleich geblieben. Dies habe sicher etwas mit dem Phänomen der prekären Beschäftigung zu tun, so das Resümee. Mit Maßnahmen hält sich der Bericht ausdrücklich zurück. Ein Paket soll in Zusammenarbeit mit den Sozialverbänden bis zum Jahresende erarbeitet werden und es dürfen – angesichts der sehr für Interpretationen offenen Erhebungen – intensive Diskussionen erwartet werden.

Empfehlung: Regelmäßige Berichte

Allgemein werden im Bericht aber doch die kommunalen Handlungsfelder Bildung und Betreuung, soziale, sportliche und kulturelle Teilhabe sowie das Thema Wohnen benannt. Empfohlen wird aber auch, die hier zum Teil zum ersten Mal zusammengestellten Daten in Zukunft regelmäßig zu erheben. Tatsächlich stammt der erste und bis zu diesem Jahr einzige Armutsbericht für Regensburg aus dem Jahr 1999.

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Kommentare (13)

  • Student

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    2.500 euro netto ??!?!?!?!?unteren Einkommensklasse ?!?!?!? äh????? Ich bin Facharbeiter habe meine Abitur nachgemacht und studiere jetzt Maschinenbau wenn ich fertig bin bekomm ich ca. 2000 euro netto als Einstieg …. als Facharbeiter hatte ich rund 400 euro weniger Netto also 1600 (rund 3000 DM) und das ist schon ziemlich gut….. das heißt ich bin selbst nach dem Studium eigentlich statistisch gesehen „ARM“ ?????? Na toll……..
    Nur mal so aus Neugierde welche Berufsgruppen verdienen bitte mehr wie 2.500 euro Netto ???? ähhh? Könnte mir das jemand bitte verraten dann schmeiß ich mein Studium und studiere das wo ich auch so viel verdiene….. Ich kenne nur sehr wenige Leute die mehr verdienen und das sind meist Unternehmer (gut der muss ja noch seine Krankenversicherung und so zahlen und wenn das Geschäft schlecht läuft verdient er auch mal weniger …) 2.500 Euro das war eigentlich so mein Lebensziel weil ich dachte ich wäre dann fast Reich…. und gibt es Leute die behaupten da wäre man Arm……

  • Info

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    Zur Info und Entspannung: bei den 2.500 Euro handelt es sich wohl um das zu versteuernde JAHRESeinkommen

  • grace

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    Leider vermisse ich Angaben zur Armseligkeit der Politiker und zur Armut an Demokratie.

    Schon seit längerer Zeit fällt mir -denke ich an Regensburg- nur noch Potemkin und Disneyland ein.

  • VonFernSeher

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    Sie studieten Maschinenbau und bekommen am Ende 2000 € netto als Einstiegsgehalt? Das ist doch Blödsinn. Die Einstiegsgehälter sind nicht mehr ganz so toll wie früher, aber so niedrig ganz bestimmt nicht, auch als Bachelor. Zudem soll der Regelabschluss der Master (≙ Diplom) bleiben, damit gibt es deutlich mehr.

    Außerdem sind Berufseinsteiger öfter mal jünger und haben weniger Familie zu versorgen. Es geht ja hier um maximale Einkommen in dieser Steuerklasse, nicht um das individuell verfügbare. Um das besitzen und ausgeben zu können, muss man 1. so viel verdienen, dass man überhaupt Steuern bezahlt und aber 2. genau an der oberen Grenze der untersten Klasse bleibt, 3. alleine im Haushalt sein und 4. keine weiteren Verpflichtungen haben (Unterhalt, zu pflegende Angehörige, Schulden, …). Das alles zusamme trifft wohl auf die Wenigsten zu.

    Mit drei Kinder, einem Lebenspartner und einem unbezahlten Auto, Haus oder sonstwas z.B. sind 2500 im Monat gar nicht mehr so viel. Um es aber wirklich sagen zu können, muss man die Veröffentlichung abwarten, in der dann hoffentlich die Erhebungsgrundlagen genauer benannt werden.

  • Alexander Gruber

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    Ich bekomme nur 906 € als Referendar. Ich bin bettelarm!

  • Joachim Datko

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    Armutsbericht macht arm!

    Viele Sozialdemokraten glauben daran, dass Bürokratismus den Menschen hilft. In Wirklichkeit belastet Bürokratismus! Von einem Armutsbericht kann niemand abbeißen. Wenn man in Zukunft regelmäßig Armutsberichte erstellt, belastet man die Menschen damit regelmäßig.

  • Joachim Datko

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    Zu „Alexander Gruber 29. Juni 2011 um 13:57 Uhr“

    Das mag für einen Referendar stimmen, da ist man ja auch in der Ausbildung. Aber Sie haben wahrscheinlich blendende Aussichten, vielleicht gelingt es Ihnen dauerhaft beim Steuerzahler auf die Gehaltsliste zu kommen.

    Allgemein gilt, die Einnahmen sind nur eine Seite der Medaille, die zweite Seite, es ist die goldene Seite, ist das Ausgabeverhalten.

  • Jochen Schweizer

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    mit diesem Armutbericht kann man die Forderung nach einem neuen Fußballstadium für den Jahn unterstützen!
    Denn die Armen in Regensburg haben auch etwas davon, „Brot und Spiele“ wie im alten Rom!
    Quo vadis Regensburg?

  • Nordmann

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    Hallo,

    dieser Bericht ist ein Armutszeugnis, Geldverschwendung.
    Was hat der Bericht gekostet ?
    Der Inhalt war in weiten Teilen bereits jedem länger in Regensburg wohnenden bekannt, grundsätzlich ist es in anderen Städten nicht anders.
    Abschreiben wäre billiger gewesen, Quellennachweis nicht vergessen.

    Untere Einkommensschicht (2500 €), da sind ja unsere Politiker nicht betroffen, Unfähigkeit wird deutlich besser bezahlt und mit Mehrfacheinkünften (ein Aufsichtsratpöstchen oder gleich zwei bis drei) vergütet.

    Unsere beiden Sozialheros (Foto).

  • Veits M.

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    Bericht der Vereinten Nationen über die sozialen Verhältnisse in Deutschland
    Eine Art „Armutsbericht“ über Regensburg hinaus
    Heute in der SZ, auch auf meiner Seite.

  • Veits M.

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    Soziale Stadtentwicklung – fes

    A L S E I N Z E N T R A L E R A S P E K T D E R K O M M U N A L P O L I T I K
    gehört die Stadtentwicklung zu den Zukunftsthemen, denen sich die Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrer Bildungsarbeit in Deutschland widmet. Es ist insbesondere die Soziale Stadtentwicklung, die dabei
    im Fokus steht.

    Einzelheiten
    http://library.fes.de/pdf-files/fes/06976.pdf

    (Suchfunktion: „Armut“ eingeben – 4 Treffer führen zum erweiterten Thema)

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