"So jemand ist eine Gefährdung."

Busfahrer contra Rollifahrer

Wegen Beleidigung, Nötigung und Körperverletzung will ein Rollstuhlfahrer einen Busfahrer anzeigen. Bei den Regensburger Verkehrsbetrieben versucht man, die Wogen zu glätten.

"Das war schon krass." Stefan Schwarzkönig mit seiner Tochter Samantha. Foto: as

„Das war schon krass.“ Stefan Schwarzkönig mit seiner Tochter Samantha. Foto: as

„Du Arschloch, ich zeig Dich an!“ Das soll ein Busfahrer der Regensburger Verkehrsbetriebe (RVB) am Halloween-Abend zu Stefan Schwarzkönig gesagt haben, ehe er zurück in seinen Bus stieg und davon fuhr. Die verbale Auseinandersetzung war allerdings nur der Höhepunkt eines Konflikts zwischen Busfahrer und Rollstuhlfahrer, die bereits am Nachmittag ihren Anfang genommen hatte. Schwarzkönig will jetzt seinerseits Strafanzeige gegen den Busfahrer erstatten – „wegen Beleidigung, Nötigung und eventuell auch versuchter Körperverletzung“, kündigt der 46jährige an.

Gefährliche Situation beim Einsteigen

Nach einer Operation sitzt Schwarzkönig seit zweieinhalb Jahren im Rollstuhl. Und seitdem hat er die Erfahrung gemacht, „dass sich nur sehr wenige Fahrer darum kümmern, wie Du mit dem Rollstuhl in den Bus kommst“. Viele würden auch losfahren, bevor man die Bremsen am Rollstuhl festgestellt habe. „Da ist viel Teilnahmslosigkeit vorhanden“, sagt Schwarzkönig. Doch darüber rege er sich allenfalls noch ein wenig auf. „Was aber da passiert ist, war schon krass.“

Am späten Nachmittag des 31. Oktober wollte Schwarzkönig mit seiner Frau und seinen drei Kindern an der Liebigstraße in den Bus steigen, um zu einer kleinen Halloween-Party zu fahren. „Die hintere wurde Türe geöffnet, aber der Bus nicht abgesenkt oder die Rampe ausgefahren. Also versuchte meine Tochter, mich mit dem Rollstuhl in den Bus zu hieven, schaffte es aber nicht.“ Dann habe sich plötzlich die Türe geschlossen und der Bus sei losgefahren. „Dabei hat eine Frau sogar noch dem Fahrer zugerufen.“ Schwarzkönig war erschrocken. „Das war richtig gefährlich.“ Mit einer Krücke, die er immer dabei hat, schlug der 46jährige gegen die Tür. „Der Bus hielt und an, der Fahrer öffnete und schrie mich an: ‚Was willst Du‘?“ Es kam zu einem kleinen Wortgefecht, an dessen Ende Schwarzkönig den Busfahrer mitteilte, er solle weiterfahren und könne mit einer Beschwerde rechnen. Die Familie nahm den nächsten Bus und fuhr zu der Party.

Wie es der Teufel haben will…

„Als wir gegen 21 Uhr zurückfuhren, kam wie es der Teufel haben will, der gleiche Busfahrer“, erzählt Schwarzkönig. „Der Bus wurde abgesenkt und die elektrische Rampe ausgefahren. Als meine Tochter den Rollstuhl hineinschieben wollte, wurde die Rampe wieder eingezogen. Nachdem sie eingezogen worden war, wurde sie wieder ausgefahren, als sie mich hinein schieben wollte, wieder eingezogen.“ Das habe sich drei Mal wiederholt.

„Meine Kinder gerieten schon langsam in Panik. Passanten wollten mir den Bus helfen. Irgendwann blieb die Rampe aber schließlich unten und wir stiegen ein.“ In der Liebigstraße angekommen sei der Bus wieder nicht abgesenkt worden „Meine große Tochter hat mich Rückenlage fast liegend rausgehievt. Als ich gerade draußen war, wurde der Bus abgesenkt.“ Dann sei der Busfahrer nach hinten gekommen und habe ihn von der offenen Tür aus angeschrien: „Hey Du, wenn Du nochmal gegen die Scheibe schlägst, zeig ich Dich wegen Sachbeschädigung an.“ Nach einem kurzen Wortwechsel habe der Fahrer ihn schließlich als „Arschloch“ tituliert und sei gefahren. Schwarzkönig ist verärgert: „Eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass Busfahrer etwas geschult sind – im Umgang mit Rollstuhlfahrern im Bus, aber auch mit verschiedenen Menschen und Stresssituationen. Aber wenn jemand so reagiert, dann ist er eine Gefährdung.“

RVB bietet Treffen mit dem Fahrer an

Laut RVB-Sprecher Martin Gottschalk gibt es tatsächlich regelmäßige Schulungen, auch in Zusammenarbeit mit Behindertenverbänden. „Die Fahrer machen dabei auch einen Praxistest mit dem Rollstuhl – steigen damit zu und fahren mit, um sie besser in die Situation hineinversetzen zu können.“ Grundsätzlich seien sie auch „angehalten, Rollstuhlfahrer beim Einsteigen zu unterstützen“.

Der beschuldigte Fahrer sei seit 15 Jahren bei den RVB und es habe noch nie Beschwerden über ihn gegeben. Tatsächlich räumt er Gottschalk zufolge auch ein, dass er in der Liebigstraße losgefahren sei. „Er konnte die Rampe an der Stelle nicht ausfahren und wollte ein kleines Stück nach vorne fahren. Aber er hat Herrn Schwarzkönig nicht vorgewarnt.“ Diesen Fehler sehe der Fahrer auch ein. Ebenfalls räumt er ein, dass es zu Wortgefechten gekommen sei, „bei denen er vielleicht zu laut geworden ist“. Dass er Schwarzkönig als „Arschloch“ beleidigt habe aber bestreite der Fahrer vehement. Gottschalk bietet ein Gespräch an. „Vielleicht wäre es gut, wenn sich die beiden nochmal treffen, um die Sache auszuräumen.“

Schwarzkönig hat mittlerweile seine Beschwerde an die RVB abgeschickt. Auch die Strafanzeige hat er mit seiner Rechtsanwältin schon ausgearbeitet. „Meine Familie kann das alles bestätigen. Die waren ja dabei“, sagt er. Zu dem von Gottschalk in Aussicht gestelltem Gespräch wäre er dennoch bereit. „Ich hätte gern eine Entschuldigung.“

Mehr Infos

Rollstuhlrampen

Laut Gottschalk sind nur noch 19 der 106 RVB-Busse mit manuellen Rampen ausgerüstet. Bis Ende 2016 sollen alle durch elektronische Rampen ersetzt werden.

Beschwerden

Die RVB nennt keine Zahlen zu den Beschwerden von Fahrgästen. Diese blieben aber seit Jahren konstant. Die meisten Beschwerden gebe es wegen Verspätungen, eher weniger bezogen auf die Fahrer.

Konsequenzen

Bei Beschwerden die sich bestätigen greift das Arbeitsrecht – die Konsequenzen reichen von einer Belehrung bis zur Abmahnung.

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Kommentare (9)

  • Jürgen Rei

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    Selbst wenn einer noch nicht im Rollstuhl sitzt, kann dies schneller als erwartet – nach meinen pers. Erfahrungen – aufgrund der rücksichtslosen Fahrweise mancher RVB-Busfahrer schneller als erwartet zutreffen

  • Sebastian Wild

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    Ich möchte jetzt nichts zum Ton oder Wortwahl des Busfahrers sagen, denn das kann ich nicht beurteilen weil ich ja nicht dabei war.
    Ich möchte aber etwas zur Technik sagen:

    Die Technik ist hier das wahre Problem. Die elektronischen Rampen in den Bussen sind nämlich, wie mir nicht nur ein mir gut bekannter Fahrer erzählte, relativ unzuverlässig.
    Nicht nur sind sie öfter mal defekt (was bei der Hinfahrt des Hr. Schwarzkönig der Fall gewesen sein könnte – und das kann er ja nicht sehen und der Fahrer in dem Fall auch nicht viel machen) und wenn sie funktionieren sind sie relativ empfindlich (das dürfte ihm auf der Rückfahrt passiert sein). Dann fährt die Rampe aus, stösst auf irgendeinen widerstand und fährt sich wieder ein. Erst dann kann sie erneut ausgefahren werden und wenn dann wieder ein Widerstand… da reicht übrigens schon ein über die ausfahrende Rampe trampelnder Fahrgast aus.
    Wer die Technik nicht kennt dem erschliesst sich das nicht. Dann kann man schon mal empfinden wie Hr. Schwarzkönig.
    Obendrein sind die Dinger auch recht langsam, die mechanische Rampe manuell auszuklappen geht wesentlich schneller und klappt aufs erste Mal :)

    De Facto haben daher auch schon mehrere Busunternehmer die im RVV Linie fahren begonnen diese Rampen wieder abzuschaffen und durch rein mechanische zu ersetzen. Oder neue Busse gleich mit letzterer zu beschaffen.
    Insofern weiss ich nicht ob das so eine gute Idee ist wenn die RVB in Ihren Bussen den umgekehrten Weg gehen…

  • Mathilde Vietze

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    Ich fahre seit fast 60 Jahren täglich mehrmals mit dem Bus. Seit des die
    Niederflurbusse gibt, habe ich d i e Erfahrung gemacht, daß die Busfahrer,
    sobald sie einen Rollstuhlfahrer sehen, aussteigen, die Einsteigevorrichtung
    bedienen und erst dann wieder weiterfahren, wenn der Behinderte sicher
    im Bus ist. Daß es auch den einen oder anderen unhöflichen Busfahrer gibt,
    will ich nicht abstreiten, aber die Mehrheit ist es sicher nicht.

  • Edeltraud Senger

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    Selber schuld könnte man meinen wer mit dem RVB fährt.
    100 % zu teuer, unbequem, unpünktlich, überfüllt, uralt Technik,
    Es wird Zeit das endlich auch in Regensburg das Monopol gekippt wird und öffentliche Ausschreibungen durchgeführt werden.
    Bezüglich unfreundlich, uninformiert und Rambos hinterm Steuer kann sich jeder selbst ein Bild machen. Jedoch sagt der Tenor ‚die Sache auszuräumen‘ schon einiges über den guten Willen der RVB Geschäftsleitung.

  • Wassermann

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    Ich hatte bereits mehrmals mit unfreundlichen RVB-Busfahrern bzw. Kontrolleuren zu tun. Kam mit Krücken frisch aus dem Krankenhaus und wurde angemotzt, wieso ich das Geld für Fahrschein nicht passend habe.
    Ein andermal wollte mich Kontrolleur nicht an meiner Station aussteigen lassen. Er vermutete fälschlicherweise, ich hätte keinen Fahrschein. Auf sowas kann ich verzichten, ich bevorzuge – wenn möglich – mein Fahrrad oder halt Auto, so gern ich auch darauf verzichten würde. Ich sehe mich dennoch als Kunde und als solcher wünsche ich mit einem etwas höflicheren Umgang. Der arme Rollstuhlfahrer hat mein Mitgefühl – auch wenn die Technik hier Macken haben sollte, sollte doch wenigstens ein höflicher Umgangston möglich sein. Vielleicht würde ein Training in Höflichkeit und sich hineinversetzen in die Lage von Menschen mit Behinderung.

  • Pöschl Karin

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    Ich bin als Rollstuhlfahrerin wochenlang mit dem Bus gefahren und habe nur positive Erfahrungen gemacht. Alle Busfahrer waren mit immer sofort behilflich und dabei nett und zuvorkommend
    Da hat wohl leider ein Rollstuhlfahrer eine ungute Ausnahmesituation erleben müssen.

  • Gerdrud Meininger

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    Ich kann mich noch gut daran erinnern, als eine junge Frau im Rollstuhl an einer Haltstelle im Landkreis in den Bus einsteigen wollte, der Busfahrer ihr aber nicht wollte, da er „Rücken“ hatte. Zum Glück haben das dann die Fahrgäste getan, sonst wäre sie wahrscheinlich an der Haltestelle erfroren.

  • Tobias

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    Ich fahre seit knapp 14 Jahren mit dem RVV. Das RVV leistet eine gute Arbeit; so gut, dass ich bis heute den Führerschein hinten anstelle. Die Fahrzeuge im Stadtverkehr (deshalb RVV, nicht zu verwechseln mit RBO u.ä.) sind moderne Citaro-Flotten, nahezu immer pünktlich und auch ich merke bei Rollstuhlfahrern keine Defizite. Fahrer gucken aufmerkam im Spiegel zu, ob er sich an das Polster gerollt und seine Bremsen angezogen hat. Das gilt auch bei alten Leuten, sofern diese gut sichtbar sind/vorne einsteigen. Ein „einfaches Losfahren“ sodass wir alle durch die Gegend taumeln habe ich bisher nicht gesehen.

    Ich kann mich dem Geschriebenen von Sebastian Wild auch anschließen. Ob das die Türen sind, deren Widerstandssensoren oder die Lichtschranken die Türen scheinbar durch den Druck vom Fahrer geöffnet werden haben häufig schon „So ein Ar..loch, der Fahrer!“ durch den Bus schreien lassen (der „Tür schließt automatsich“-Aufkleber wird gerne übersehen) oder eben die Rampen. Da piept es noch, weil die Rampe noch eine letzte Stufe ausfährt, um die Konstruktion zu stützen, da rollen viele schon drauf. Vor allem die elektrischen Rollstühle, welche wirklich extrem schwer sind, sind in dieser noch nicht befahrbereiten Situation auch ein Grund für das schnelle einfahren.

    Ich glaube nicht, dass ein Fahrer, der vom Beruf her unter Zeitdruck steht (kann man ja schön auf den neuen Touchscreens beobachten!) mit Absicht alle Fahrgäste, die laut Schilderung ja im Fahrzeug waren, dadurch verärgert und zahlreiche Beschwerden provoziert, in dem er mit Absicht die Rampe rein- und rausfahren lässt. Das Gepiepe währenddessen ist bereits nervig genug und jeder weiß, was lost ist.

    Ansonsten sollte man die Barrierefreiheit mal überprüfen. In Dresden gibt es bei einigen Haltestellen ein Symbol auf dem Schild, dass ein durchgestrichenes Rollstuhl-Piktogramm zeigt. Da kann man nunmal nix machen. Mit Krüken auf das Fahrzeug zu schlagen ist allerdings auch unter aller Sau.

  • Fritz Walter

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    Bei den städtischen Unternehmen und Behörden und in den Köpfen der meisten „Unbehinderten“ scheint die Gleichbehandlung von behinderten Menschen noch vom guten Willen und Geldbeutel abhängig zu sein („Da kann man nunmal nix machen“). Dabei ist es eine gesellschaftliche und gesetzliche Verpflichtung und findet sich zum Beispiel im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz wieder.

    Ziel des gesellschaftlichen und politischen Handelns muss sein, die Benachteiligung von behinderten Menschen zu beseitigen und zu verhindern sowie die gleichberechtigte Teilhabe von behinderten Menschen am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen.
    So z.B. die Herstellung von Barrierefreiheit in den Bereichen Bau und Verkehr. Barrierefrei sind alle von Menschen gestalteten Lebensbereiche, z. B. Bauten, Verkehrsmittel, Systeme der Informationsverarbeitung und Kommunikationseinrichtungen, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.

    Davon sind wir in Regensburg noch meilenweit entfernt und es ist keine Annäherung in Sicht!

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