„Musikkult" erhebt Vorwürfe

Dirty Notes am Stammtisch

Die Initiative „Musikkult“ sieht sich vom Ordnungsamt schikaniert. Doch die Stadt weist alle Vorwürfe von sich.

Der Musikkult-Stammtisch am Dienstagabend im Kneitinger-Keller. Auf der Bühne: Giselher Gollwitz. Foto: ld.

Der Musikkult-Stammtisch am Dienstagabend im Kneitinger-Keller. Auf der Bühne: Giselher Gollwitz. Foto: ld.

Ein bisschen hat es tatsächlich etwas von einem „Kult“, wenn Giselher Gollwitz auf der Bühne im Kneitinger Keller Platz nimmt, als einziger mit Mikrofon spricht, und direkt vor ihm an den Tischen etwa 20 vornehmlich ältere Herren aufmerksam lauschen. Es fallen aber auch politische Kampffloskeln wie „in den Untergrund gehen” oder „zivilen Ungehorsam üben”. Dabei ist dieses Treffen natürlich kein okkultes und auch kein vornehmlich politisches – es ist ein musikalisches.

Der „Musikkult”, ein loser Zusammenschluss von Musikern und Musikinteressierten, organisiert in Regensburg seit fünf Jahren Konzerte und Jam Sessions – früher im alten Schlachthof, zuletzt eher an Orten wie dem kürzlich geschlossenen L.E.D.E.R.E.R., der Klappe in Stadtamhof oder eben dem Kneitinger Keller am Galgenberg. Mehr als 550 Musiker vertritt der ehrenamtlich agierende Musikkult nach eigenen Angaben.

Ordnungsamt soll Jam Session untersagt haben

Auch an diesem Dienstagabend sollte eigentlich eine Jam Session – ein buntes, improvisiertes Zusammenspiel verschiedener Musiker – im Kneitinger Keller stattfinden. „Ein bisschen, wie ich es in Havanna erlebt habe”, sollte es werden, so Gollwitz. Doch das Ordnungsamt habe die Veranstaltung untersagt. Das hatten Gollwitz bzw. der Musikkult im Vorfeld über Email-Verteiler und Facebook verkündet. Deshalb treffe man sich jetzt spontan zu einem Musikerstammtisch, um über die Zukunft der Liveszene in Regensburg zu reden. 

Es ist das selbe Lied – der selbe Blues – den zur Zeit viele Veranstalter, Musiker und Kulturbeflissene in der Stadt singen. Viel zu rigide sei das Ordnungsamt bei seinen Genehmigungen, immer weniger Livemusik-Bühnen seien verfügbar. Insbesondere die Praxis, Schankwirtschaften maximal zwölf „öffentliche Vergnügungen” im Jahr zu genehmigen, stößt auf breite Kritik.

Giselher Gollwitz: "Neid der städtischen Behörden auf das, was wir hier machen." Foto: ld.

Giselher Gollwitz: „Neid der städtischen Behörden auf das, was wir hier machen.“ Foto: ld.

Der Musikkult spielt diesen Blues am Dienstag nun besonders „dirty”, um in der Musikersprache zu bleiben. Man habe zum Stammtisch sogar den Oberbürgermeister eingeladen, um ihm Fragen zu stellen, die den Musikern unter den Nägeln brennen. Der habe zwar früh abgesagt, dann aber versucht, einen Vertreter zu der Abendveranstaltung zu schicken. Vom Kulturreferenten sei die Rede gewesen, vom Chef des Ordnungsamtes oder sogar vom „Clustermanager Kreativ- und Kulturwirtschaft”, Sebastian Knopp. Letztlich seien „alle Rückantworten mager und restriktiv gewesen”, so Gollwitz.

Sommerfest soll als sechs Veranstaltungen gewertet worden sein

Am Ende ist am Dienstag niemand von städtischer Seite da. Giselher Gollwitz sagt, er wolle „nicht über die Beweggründe spekulieren”, die Anwesenden aber „zum Nachdenken bringen, was hier los sein mag”. Was die „Wahrheit” sei, könne man ohne einen Vertreter der Stadt oder des Ordnungsamtes ja leider nicht erfahren. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs nahm am Donnerstag zu seinem Fernbleiben Stellung. „Wenn jemand möchte, dass ich zu einer Veranstaltung kommen soll, wäre es wirklich sinnvoll, den Termin vorher mit meinen Mitarbeiterinnen im Büro abzustimmen”, hieß es in einer Pressemitteilung.

Neben der angeblich untersagten Jam Session im Kneitinger Keller ist es vor allem ein Vorfall zwischen Ordnungamt und Kneitinger-Wirt Frank Gebhard, der Gollwitz und seine Mitstreiter empört: Das zweitägige Sommerfest der „Sozialen Initiativen”, das im August im Kneitinger Keller stattfinden soll, sei von der Sachbearbeiterin beim Ordnungamt als sechs getrennt anzumeldende Veranstaltungen gewertet worden. Das würde bedeuten, dass Gebhard die Hälfte seiner Musikveranstaltungen in 2015 nur mit diesem einen Fest aufgebraucht hätte. 

Giselher Gollwitz vermutet am Dienstag „einen gewissen Neid der städtischen Behörden auf das, was wir hier machen”, nämlich etwas aufzubauen, „was in Deutschland einmalig ist”. Auch einen Zusammenhang zur Kreativwirtschafts-Offensive der Stadt stellt Gollwitz her. „Die Kreativwirtschaft setzt nur Leute ins Büro, wir hingegen haben ein gewisses Handlungsmodell entwickelt.“

Stadt: „Darstellung ist nicht korrekt“

Belege für die restriktive Haltung des Amtes gibt es indes nicht. Der Musikkult hat sich weder für die geplante Jamsession am Dienstag einen ablehnenden Bescheid noch für das Sommerfest der „Sozialen Initiativen” (hier wollte der Musikkult die Bands organisieren) etwas Schriftliches geben lassen. Eine Rechtsauskunft erhalte man sowieso nicht, versichert den Musikern ein am Dienstag anwesender Pressevertreter.

OB Wolbergs: "Termin vorher mit meinem Büro abstimmmen." Bild: Archiv.

OB Wolbergs: „Termin vorher mit meinem Büro abstimmmen.“ Bild: Archiv.

Die Stadt Regensburg streitet die erhobenen Vorwürfe des Musikkults ihrerseits vollumfänglich ab. „Wenn die ,Sozialen Initiativen‘ an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gleichartige öffentliche Vergnügungen veranstalten, ist eine Anzeige dieser öffentlichen Vergnügungen ausreichend”, heißt es auf Nachfrage bei der Pressestelle. Und zur angeblich verbotenen Jamsession am Dienstag: „Es ist keine Anzeige einer öffentlichen Vergnügung in der Gaststätte Kneitinger Keller für 19. Mai 2015 feststellbar bzw. eingegangen. Es wurde demnach auch nichts verboten.”

Musikkult will trotzdem weitermachen

Am Dienstag jedoch ist man sich sicher: Die Stadt agiert gegen den Musikkult. Ein Gast schlägt vor, „in den Untergrund zu gehen”. Er meint damit, künftig nur noch geschlossene Veranstaltungen abzuhalten. Gollwitz antwortet, es könne sich ja auch regelmäßig ein „inner circle” des Musikkultes treffen und die Verfahrensweise beraten. Ein weiterer Musikkultler fühlt sich gar beobachtet, will das Auto vom Leiter des Ordnungsamtes draußen auf dem Parkplatz gesehen haben. Spontan stehen zwei Herren auf, um nachzuschauen, „ob der draußen sitzt und wartet”, was nicht der Fall ist.

Nach dem Ende des offiziellen Teils holen einige Musiker dann doch noch ihre Instrumente hervor, um den Blues zu spielen. Schon in der öffentlichen Einladung zum Stammtisch hieß es: „Wir können natürlich nicht ,verhindern‘, dass bei diesen Gesprächen einige von euch, die gewohnt sind, sich musikalisch ,auszudrücken‘, auch ihr Instrument dabei haben und auf der dortigen Bühne, die eben noch vom letzten MUSIKKULT-EVENT aufgebaut ist, spielen werden.”

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Kommentare (3)

  • erik

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    Kommentar gelöscht. Bleiben Sie sachlich.

  • altstadtkid

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    Während die einen drangsaliert werden, kriegen andere eine Konzession als Live Bar,
    mitten in der Altstadt .
    Man muss halt nur die richtigen Spezeln haben, dann geht in dieser Stadt alles.
    Schön ist das allerdings nicht!

  • alstadtkid

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    Wie ich gestern dem Wochenblatt entnommen habe, bekommt jeder eine Lizenz für einen Liveclub.
    Das sagt da zumindest Herr Schörnig der Leiter vom Ordnungsamt.
    Allerdings muss er eine Nutzungsänderung beantragen, in einen Disco oder Liveclub.
    Da ist es dann egal ob Platten aufgelegt werden oder eine Live Band spielt.
    Er muss dann natürlich die Auflagen des Ordnungsamtes erfüllen, was die Meisten dann fürchten, so Herr Schörnig.
    Wenn das so ist muss ich mich für meinen vorherigen Beitrag natürlich in aller Form entschuldigen, und hoffe das jetzt damit endlich die Türen aufgemacht worden sind, um die Livekultur in dieser Stadt zu beleben.

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