„Fair feiern“ in Regensburg: Aktionsbündnis zieht Bilanz und beschließt weitere Maßnahmen

Das Nachtleben in der Regensburger Altstadt lässt kaum einen kalt: Die Anwohner wünschen sich mehr Ruhe, Rücksichtnahme und ein härteres Durchgreifen der Behörden. Die jungen Leute, die in der Altstadt Spaß haben wollen, fordern mehr Freiheiten und kürzere Sperrzeiten. Und wo die Lärmbelastung besonders hoch ist, bangt so mancher Gastronom um seine Existenz. All diese Bedürfnis­se und Befindlichkeiten bestmöglich unter einen Hut zu bringen, ist das Ziel von „fair feiern“. Das Aktionsbündnis setzt sich zusammen aus Vertretern der Stadt, der Regensburger Szene-Gastronomie, Anwohnern, der Polizei und vielen weiteren Akteuren, die sich für ein gutes Miteinander in der Altstadt einsetzen wollen. Am gestrigen Dienstag trafen sie sich einmal mehr im Alten Rathaus, um über aktuelle Entwicklungen zu sprechen und neue Maßnahmen zu planen.   „Wir sind auf einem guten Weg“ „Fair feiern ist uns nach wie vor ein wichtiges Anliegen“, stellt Bürgermeister Joachim Wolbergs fest, der die Sitzung leitete: „Und ich habe den Eindruck, dass wir auf einem gutem Weg sind.“ Dafür spricht auch das Bild, das Polizeidirektor Wolfgang Mache von der Polizei skizzierte: „Was die Gesamtstraftaten im Stadtgebiet betrifft, verzeichnen wir im ersten Halbjahr 2013 ein leichtes Minus im Vergleich zum Vorjahreszeitrum. Auch die Zahl der Sachbeschädigungen ist deutlich zurückgegangen.“ Besorgniserregend sei jedoch der Trend bei der Gewaltkriminalität, die im Vergleich zum ersten Halbjahr 2012 um 35 Prozent zugelegt hat. „Ob das direkt mit dem Nachtleben in der Altstadt zusammenhängt, können wir allerdings nicht sagen, da unsere Statistik nicht erfasst, zu welcher Tageszeit die Taten begangen wurden“, räumt Mache ein. Zweifelsfrei belegen lässt sich hingegen der große Einfluss, den Alkohol auf die – in vielen Fällen jugendlichen – Täter hat. In 69 Prozent der Fälle von vorsätzlicher Körperverletzung, bei 57 Prozent der Gewaltdelikte und 47 Prozent der Sachbeschädigungen sei Alkohol im Spiel gewesen.   Happy-Hour-Angebote lassen Hemmungen fallen In diesem Zusammenhang kritisierte Anwohner Helmut Knyrim (Bürgerinitiative „Bewohnbare Altstadt Regensburg“) die zahlreichen Happy-Hour-Angebote der Gastronomen. Sie würden junge Leute dazu anleiten, schon früh am Abend zu günstigen Preisen vorzuglühen, zu viel zu trinken und alle Hemmungen fallen zu lassen.   In der Tat sei es ein Problem, dass das Regensburger Nachtleben so viele attraktive Angebote für feierwillige Leute von nah und fern bereithalte, bestätigte Dr. Wolfgang Schörnig, Umwelt- und Rechtsreferent der Stadt Regensburg und Schirmherr von „fair feiern“: „Besonders die Junggesellen-Abschiedsgesellschaften, die von weiter her kommen, stellen ein Problem für uns dar. Sie verschwenden in der Regel keinen Gedanken daran, ob sie sich hier schlecht benehmen. Schließlich kennt sie in Regensburg keiner.“   Forderung: „Vorglühen“ in Bus und Bahn eindämmen Gemeinsam mit den Rechtsreferenten anderer bayerischer Städte habe Schörnig daher im Innenministerium in München vorgesprochen, um zu erreichen, dass auf Landes- und Bundesebene über mögliche Abhilfen diskutiert wird. „Beispielsweise ein Verbot von Alkohol in Bus und Bahn, damit die Leute dort nicht länger vorglühen und bereits betrunken hier ankommen“, so Schörnig.   Schörnig und seine Kollegen würden auch das Gesetz begrüßen, das der Landtag vor kurzem verabschiedet hat, damit die Kommunen zwischen 22 und 5 Uhr unter Umständen ein Alkohol-Verbot auf öffentlichen Plätzen erlassen können. „Das müsste dann natürlich auch rigide kontrolliert werden. Dafür hat aber kaum eine Stadt die nötigen Kapazitäten“, so Schörnig: „Und auch bei der Polizei müsste hierfür deutlich mehr Personal zur Verfügung stehen.“   Anwohner fordern härteres Durchgreifen Damit sprach Schörnig ein wichtiges Anliegen der Anwohner an. Johanna Bayer-Riepl sagte, sie fühle sich von der Polizei und Stadt oft alleingelassen, wenn auf der Straße vor ihrem Fenster einmal mehr lautstark gefeiert wird – mit allen Begleiterscheinungen. Sie wohne Hinter der Grieb, wo über viele Jahrzehnte die „Alte Filmbühne“ zuhause war. Als diese aufgrund von Umbauarbeiten schließen musste, habe sich die Situation auf einen Schlag deutlich verbessert. Sie forderte mehr ordnungsrechtliche und polizeiliche Maßnahmen.   Ruhestörungen rückläufig Wolbergs verteidigte die Linie der Stadt, die sich dafür einsetzt, dass die Altstadt für junge Leute attraktiv bleibe: „Hier soll schließlich auch gelebt werden dürfen.“ Nichts desto trotz sei es wichtig, Leute, die nicht fair feiern, in ihre Schranken zu weisen. „Wir müssen jedoch auch akzeptieren, dass Ruhestörungen für die Polizei nachts nicht immer erste Priorität haben“, räumt der Bürgermeister ein. Umso erfreulicher sei es aber, dass die Polizei bei Ruhestörungen, die von Gaststätten ausgehen, eine deutlich rückläufige Tendenz beobachten konnte, wie Peter Mache zu berichten wusste: Nach 240 Einsätzen im Jahr 2011 seien es zuletzt nur mehr 190 gewesen und für 2013 zeichne sich zumindest kein erneuter Anstieg ab. Der Polizeidirektor führte diese positive Entwicklung auch darauf zurück, dass die Stadt einen Kommunalen Ordnungsdienst (KOS) eingerichtete hat. „Das entlastet uns auch ein Stück weit“, so Mache.   Als Konsequenz aus den bisherigen Treffen des Aktionsbündnisses habe der KOS  seine nächtlichen Streifendienste zeitlich ausgedehnt, bestätigt Alfred Santfort, Leiter des Amtes für öffentliche Ordnung und Straßenverkehr: „Früher waren wir an Wochenenden regelmäßig bis etwa halb eins in der Nacht unterwegs. Nun sind wir bis 3 Uhr im Einsatz. Und gelegentlich finden Kontrollen auch noch später statt.“ Die Mitarbeiter und Mitarbeiter würden unter anderem prüfen, ob die Fenster und Türen von Gaststätten, welche Musik spielen, während des Betriebs ordnungsgemäß geschlossen sind oder die zulässigen Betriebszeiten von Freisitzen eingehalten werden.   Polizei zeigt verstärkte Präsenz Der Forderung von Anwohnern und Gastronomen, dass der Kommunale Ordnungsdienst auch dann eingreifen sollte, wenn Situationen zwischen Feiernden zu eskalieren drohen, erteilte Santfort eine entschiedene Absage und verwies auf die Polizei: „Die Mitarbeiter des KOS durchlaufen zwar eine besondere Ausbildung, damit sie für die vielfältigen Herausforderungen im Nachtleben sensibilisiert sind. Damit entlasten wir auch ein Stück weit die Polizei. Wir können und wollen sie jedoch nicht ersetzen, da wir nicht über die Möglichkeiten und Befugnisse der Polizei verfügen.“   Dass die Polizei im Rahmen der Kooperation „sichere Altstadt“ gemeinsam mit der Stadt und Staatsanwaltschaft auch weiterhin verstärkt Präsenz zeigen will in der Altstadt, begrüßten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Treffens einhellig. Karin Griesbeck, Betreiberin der „Filmbühne“ auf dem Bismarckplatz, beispielsweise forderte: „Die Leute sollen nicht den Eindruck bekommen, dass sie hier alles manchen können, was sie wollen. Beispielsweise um 3 Uhr morgens mit dem Pizzadienst kistenweise Bier an einen öffentlichen Platz liefern lassen. Oder nach Lust und Laune den Ghettoblaster hochdrehen.“   „Wir brauchen wieder mehr Live-Angebote in der Altstadt“ Mathias Wagner, Musikbeauftragter der Stadt, mahnte außerdem an, dass es in der Altstadt mittlerweile an Live-Angeboten mangeln würde. „Wir müssen schauen, dass wir wieder mehr Klientel anziehen, die nicht allein wegen des Alkohols in die Altstadt kommt“, sagte Wagner und schlug vor, mehr Veranstaltungen in Kneipen möglich zu machen. Diese Ansicht teilte auch Bürgermeister Wolbergs: „Je mehr an Live-Angeboten verloren geht, desto schlimmer wird die Situation.“   Aktionstag: Keiner kommt an „fair feiern“ vorbei! Er zeigte sich erfreut, dass einzelne Veranstalter und Gastronomen mittlerweile aktiv Giveaways und Promotion-Material rund um „fair feiern“ anfordern, um diese bei verschiedensten Veranstaltungen an ihre Gäste auszugeben. Besonders begrüßte Wolbergs auch die Idee, dass möglichst alle Gastronomen im Aktionsbündnis im Rahmen einer neuen „fair-feiern“-Kampagne  an einem gemeinsamen Aktionstag teilnehmen. „An diesem Abend soll keiner in Regensburg an dem Thema „fair feiern“ vorbeikommen“, kündigte Wolbergs an und sprach sich dafür aus, dass die Initiative künftig verstärkt auf die direkte Ansprache junger Menschen setzen sollte.   Neuer Anlauf mit „Nachtwanderern“ geplant In diesem Zusammenhang berichtete er auch von anderen Städten, die vor ähnlichen Herausforderungen stünden – und diese mit sogenannten „Nachtwanderern“ in den Griff bekommen hätten: „Besonders geschulte Erwachsene sind dort nachts auf den Straßen unterwegs, sprechen junge Leute an, wenn sie es für angebracht halten, und leisten bei Bedarf Hilfestellung“, erklärt er. Obgleich einige Teilnehmer zweifelten, dass sich das Partypublikum von „Nachtwanderern“ beeindrucken ließe, viel die Resonanz positiv aus. Und Wolbergs kündigte an, einmal mehr einen Versuch zu starten, so eine Initiative in Regensburg ins Leben zu rufen: „Es müsste sich nur ein Träger dafür finden.“ Denn die Erfahrung habe gezeigt, dass die „Nachtwanderer“ auf weniger Akzeptanz stießen, sobald sie von der Kommune organisiert würden und damit „verordnet“ seien, so Wolbergs: „Überall dort, wo sich ein nicht-staatlicher Träger gefunden hat, funktioniert dieses Konzept ganz ausgezeichnet.“ Er forderte insbesondere die Anwohner auf, sich an einem solchen Projekt zu beteiligen, und bat Helmut Knyrim, dies allen Mitgliedern seiner Bürgerinitiative vorzutragen.  

Bitte unterstützen Sie eine unabhängige Berichterstattung in Regensburg.

 
Verein zur Förderung der Meinungs- und Informationsvielfalt e.V.
IBAN: DE14750900000000063363
BIC: GENODEF1R01