Sektenartiges Geschäftsmodell

„Glänzende Aussichten“: Ein Bewerbungsgespräch im Bahnhofsviertel

Gold, Diamanten für Kapitalanleger, Yachten und Luxusjets für die Scheichs: Das Geschäft von Herrn P. scheint glänzend zu laufen. So gut sogar, dass er „ständig motivierte Mitarbeiter“ sucht. Zum Beispiel per Aushang am Hauptbahnhof. Wir haben uns beworben. Wofür genau, das ist bislang nicht klar. Etwas anderes schon: Herr P. ist nur einer von vielen, die im Auftrag eines dubiosen Unternehmens unterwegs sind. Eine renommierte Münchner Anwaltskanzlei bereitet derzeit mehrere Strafanzeigen gegen die AGLH GmbH vor.

Gold, Diamanten, schnelle Autos: Wer träumt nicht davon? Eine dubioses Unternehmen geht auch in Regensburg auf Kundenfang.

Herr P. verspätet sich. Er komme gerade aus Nürnberg, sagt er mir am Telefon. Später muss er noch weiter nach München. Herr P. ist ein vielbeschäftigter Mann. Trotzdem hat er Zeit für mich. Eine halbe Stunde am Freitagnachmittag. Ich suche einen Job und er hat ein attraktives Angebot. Es geht um Gold, Diamanten, Privatjets – Luxusgüter. 15.30 Uhr. Ich erkenne Herrn P. an seiner Selbstbeschreibung: „Ein junger, smarter Typ mit Anzug und rotem Hemd.“ Wir setzen uns in ein Café in den Regensburger Arcaden, um über meine berufliche Zukunft zu sprechen. „Wie viel würden Sie gern verdienen?“, fragt Herr P., lächelt und holt einen „Bewerbungsbogen“ aus der Tasche.

Mitarbeiter-Suche per Aushang

Am Abend zuvor. Burger-King am Regensburger Hauptbahnhof. „Interviewer/in gesucht“, steht auf dem Flyer, der dort in großer Stückzahl mit Tesafilm aufgehängt wurde.

„Unsere Branche umfasst die schönsten und werthaltigsten Dinge dieser Welt“, steht darauf. Die Umsetzung unserer einzigartigen Handelsplattform ist gelungen. Wir schreiten voran und stärken uns im europäischen Markt.“

Hört sich das nicht gut an? Am nächsten Morgen rufe ich die Nummer auf dem Zettel an und vereinbare einen Gesprächstermin. Wir wollen uns am Nachmittag treffen.

„Sie holen Informationen ein“

„Sie holen bei einem genau definierten Personenkreis, von sogenannten Bewerbern, Auskünfte und Informationen ein“, heißt es auf dem Flyer im Hauptbahnhof zur Stellenbeschreibung (Foto). Diese „zu befragenden Interessenten“ wähle man „strikt nach den vorgegebenen Kriterien“ aus und habe bei der Befragung und Auswahl „unterschiedliche Methoden“ anzuwenden. Weshalb sucht ein so erfolgreiches Unternehmen – noch dazu per Handzettel am Hauptbahnhof – eigentlich Interviewer mit solchen Anforderungen?

„Ein unschlagbares Geschäftsmodell“

Herr P. ist am Freitagnachmittag ganz in seinem Element. „Dieses Geschäftsmodell ist einfach unschlagbar“, sagt er und legt den Bewerbungsbogen kurz beiseite. Er sei von Anfang an dabei gewesen, als „Mitglied der Geschäftsleitung“. Man organisiere Yachten oder Sportwägen für Scheichs, Geschäftsleute und andere Reiche und Schöne. Zu hervorragenden Konditionen, die sich immer mehr herumsprechen würden. „Es werden immer mehr Kunden“, begeistert sich Herr P..

Wer hier motiviert sei, der könne einfach gutes Geld verdienen, sagt er und klatscht in die Hände. Dann klingelt das Telefon. Eine „Luxuszeitschrift aus England“ sei dran, sagt mir Herr P.. „Die brauchen noch Fotos von uns.“ Wir unterbrechen kurz das Gespräch. Das Telefonat wird in deutscher Sprache geführt.

„Skrupellos und gefährlich“

Herr P. hat eine Internetseite: luxury-seller.com. Und der Name ist Programm. Hier schlägt einem der pure Luxus entgegen. Yachten und Privatjets, exklusive Luxusvillen, Sportwagen, Gold und Diamanten scheinen hier irgendwie angeboten zu werden – zum Verkauf oder zur Vermittlung. Man weiß es nicht so genau.

Erst im Kleingedruckten findet man ein verantwortliches Unternehmen: Die Allgemeine Gold und Luxusgüter Handelsgesellschaft mbH, kurz: AGLH, in Vaterstetten im Landkreis Ebersberg. Ein Blick ins Handelsregister zeigt eine bewegte Firmengeschichte.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1988 hatte die Gesellschaft viele verschiedene Namen. ADFM GmbH und Riverblue GmbH waren die letzten.

„Skrupellos und gefährlich“, nannte die Münchner Anwaltskanzlei Lachmair und Kollegen die ADFM im Jahr 2006.

„Aggressive Kloppertruppe“

Eine „aggressive Kloppertruppe“ sei da am Werk, die mit „höchst anstößigen Vertriebspraktiken“ Interessenten und vermeintliche Bewerber („fingierte Stellenanzeigen“) um ihre Lebensversicherungen und andere Kapitalanlagen bringe. Dubiose Finanzprodukte, etwa unter dem Namen „Bavaria Fonds“ (mehr darüber), waren es, die seinerzeit vertrieben wurden. Die angebotenen Fonds werden nach Informationen der Kanzlei derzeit abgewickelt.

Bei der AGLH, für die ich doch so gerne arbeiten würde, scheinen sich im Vergleich zur ADFM allenfalls Name und Produktpalette geändert zu haben. Man macht jetzt – vorgeblich jedenfalls – mehr in Gold. Doch unabhängig von Namen und Produkten – es ist nach wie vor dieselbe Firma. Und die Praktiken scheinen sich nicht geändert zu haben. „Wir bereiten gerade einige Klagen gegen dieses ausgesprochen unseriöse Unternehmen vor“, sagt Rechtsanwalt Wilhelm Lachmair am Telefon.

„Wie viel könnten Sie investieren?“

„Nehmen wir mal an, wir beide würden ein Geschäft gründen – wie viel könnten Sie dann investieren?“, fragt mich Herr P.. Eine schwierige Frage. Aber ich will den Job. Unbedingt. Also lüge ich.

„15.000 bis 20.000 Euro.“ Da gebe es noch einen Bausparvertrag. Ja, Bausparverträge, das sei auch nichts, sagt Herr P. und erzählt von der sich rasch wandelnden Finanzwelt. Er selbst habe den seinen erst aufgelöst. „Da verdienen doch nur die Bank und der Vermittler.“ Ich könnte also 20.000 investieren?, fragt er noch mal, bevor er diese Summe in meinen Bewerbungsbogen schreibt.

„Wir sehen unser Ziel darin, möglichst vielen Menschen wieder glänzende Aussichten zu verschaffen“, heißt es auf der Internetseite von Herrn P.. Er sucht ständig „motivierte Mitarbeiter“: „Interessante Menschen, Visionäre, Selbstständige, Unternehmer, Vertriebsmitarbeiter, Geschäftsführer, Angestellte, kreative Menschen, anspruchsvolle Kunden, neue Geschäftspartner“, schreibt er auf Facebook. Was diese motivierten Mitarbeiter genau tun sollen, wie das alles organisiert ist – all das geht aus den „Informationen“ von Luxury-Seller.com nicht hervor. Dafür erfährt man etwas zur Geschichte des Goldhandels.

Erst mal den Bewerbungsbogen auswerten…

Herr P. wird etwas wortkarg. Was ich denn nun genau machen müsse in diesem Job, diesem attraktiven Geschäftsmodell. Vermittle ich nun Luxusgüter? Oder soll ich sie verkaufen? Und was hat es eigentlich mit den Interviews auf sich? „Wir werten jetzt erst einmal ihren Bewerbungsbogen aus“, erklärt mir Herr P..

Auf dieser DINA 4-Seite stehen eigentlich nur meine Gehaltsvorstellungen, meine Investitionsmöglichkeiten („20.000 Euro“) und mein Beruf (freischaffender Publizist). Aber wenn diese Auswertung abgeschlossen sei, „dann entscheiden wir, wo wir Sie einsetzen können“. Näheres dazu könne er mir vorher nicht sagen. Das müsse ich verstehen. „Aber wenn wir Sie nehmen – und ich werde mich für Sie einsetzen, weil Sie mir sympathisch sind“, verspricht mir Herr P., „dann erfahren Sie bei einem Gespräch in unserer Firmenzentrale in München mehr.“

Zur Geschäftsleitung der AGLH gehört Herr P. nicht, er hat auch nie dazu gehört. Das geht aus den Einträgen im Handelsregister hervor. Sucht man im Internet nach der AGLH finden sich auf die Schnelle einige Seiten, die exakt so aussehen wie die von Herrn P..

Von Burglengenfeld bis Baldham: „glänzende Aussichten“

Ob nun in Pfaffenhofen oder Weidenbach, in Landshut oder Jettingen: Immer findet man dieselben schönen Fotos von Goldbarren, Villen, Schmuck und Yachten. Überall die aktuelle Kurstabelle für Edelmetall. Überall dieselben, wohlklingenden und gleichzeitig nichtssagenden Texte. Nur die „Handelspartner“, wie eben Herr P. einer ist, sind andere.

Sucht man etwas länger, stellt man fest, dass diese „Handelspartner“ zwar kaum um Kunden, dafür aber umso mehr um „motivierte Mitarbeiter“ werben. Mal nennen sich die „Handelspartner“ „Luxury-Seller“, mal „Gold Diamanten Luxusgüter International (GDLI)“. Diese Namen spielen allerdings keine Rolle, diese Unternehmen gibt es nicht. Die Geschäftsbedingungen diktiert die AGLH.

„Sektenartige Motivationskurse“

Als Geschäftsführerin der AGLH fungiert seit einigen Jahren eine gewisse Dagmar Klausing. Sie hat bereits diverse Namenswechsel des Unternehmens mitgemacht. Sie war schon verantwortlich für Vertriebspraktiken, die von der Anwaltskanzlei Lachmair als „höchst anstößig“, „offensichtlich wettbewerbswidrig“ und „für die Betroffenen regelmäßig mit einem erheblichen Schaden verbunden“ beschrieben werden. Und ist der eine Name verbraucht, gibt man sich einfach einen neuen.

Von „sektenartige Motivations- und Aquisitionsveranstaltungen“ ist in einer Pressemitteilung der Kanzlei die Rede, von „Money-Coach-Meetings“, in denen man darüber unterrichtet werde, wie man es – durch den Vertrieb der wechselnden Produktpalette des Unternehmens – in sieben Jahren zum Millionär bringe.

Als Geschäftszweck der AGLH sind solche Trainings ausdrücklich aufgeführt – nicht bei der öffentlichen Bewerbung, aber im Handelsregister. Dass das alles etwas kostet – davon ist auszugehen. In Landshut gibt es ein eigenes Unternehmen, das Visitenkarten, Broschüren und Bekleidung für die „Handelspartner“ von Frau Klausing anbietet. Zu recht stolzen Preisen.

Und sollte mal doch jemand Gold über die ADHL kaufen wollen: Frau Klausing ist auch Aufsichtsratsvorsitzende der Axxiom AG, einer Goldhandelsgesellschaft.

Demnächst: Ein erneuter Namenswechsel

Ob Herr P. nun ein Opfer dieses Unternehmens ist oder ein Profiteur dieser Praktiken? Es ist am Freitag schwer festzustellen. Er scheint auf jeden Fall ebenso Interviewer zu sein wie auch Vertriebler. Nach einer halben Stunde verabschiedet Herr P. sich, übernimmt die Rechnung für meinen Kaffee und verrät mir noch: „Demnächst werden wir unser Unternehmen umbenennen.“ „Luxus-Scout24“ soll es bald heißen. „Das wird das Geschäft noch einmal ankurbeln.“

UPDATE 19.03.12: Tatsächlich dürfte der von Herrn P. angekündigte Namenswechsel schwierig werden. Ein Unternehmen namens Luxus-Scout24 ist bereits im Handelsregister eingetragen. Und hier ist klar: Es handelt sich um eine seriöse GmbH, die mit Uhren und Schmuck handelt. UPDATE ENDE

Dann muss Herr P. nach München in die Zentrale und sich dort „für mich und andere Bewerber einsetzen“. Neben mir hätten sich noch drei weitere beworben, sagt Herr P.. Ob sie zu einem weiteren Gespräch eingeladen werden? Das wird nun sicher genau geprüft. Vor allem wohl, wie viel sie in ihr neues Geschäft investieren würden. Mit meinen 20.000 liege ich sicher gut im Rennen und warte gespannt auf einen Anruf.

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Kommentare (4)

  • Mathilde Vietze

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    Vielen Dank daß Du uns über solche üblichen Machen-
    schaften aufklärst; es gibt ja leider immer noch ein paar
    Dumme, die auf so etwas hereinfallen.

  • Luna Schneck

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    Mich hat im DEZ auch mal ein junger „Geschäftsmann“ im Kommunionanzug angesprochen und mir seine Visitenkarte unter die Nase gehalten. Ich sei genau die richtige Person, die seine Firma sucht. Als ich fragte was das sein soll, meinte er, ich würde Ivents für z. B. Lady Gaga organisieren. Da ich der Meinung bin, dass genau Lady Gaga auf mich wartet, sagte ich zu Supergeschäftsmännchen: „ich bin Lady Gaga“! Er glotzte, ich ging.
    Dumm von mir, hab ich diese Superchane vertan.

  • Trauriger Hanswurst

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    Na dann wissen wir ja, was wir davon halten dürfen, wenn wir demnächst hier nur noch aufdringliche Werbung für Goldkettchen und mit Diamanten besetzte Uhren lesen können ;-)

  • Manager

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    WA R N U N G !!!!!
    Auch ich habe im November 2011 zwei dieser Info-Veranstaltungen besucht und ich musste mich bei der zweiten Veranstaltung sehr wundern dass der Kellerraum dermaßen gefüllt war… Es ist unglaublich bei wie vielen Menschen, egal ob Mann oder Frau, der Verstand aussetzt wenn es um Gold, Yachten und Flugzeuge geht. Ich muss aber dazu sagen dass der Vortrag rhetorisch absolut perfekt ist und man ständig in eine Richtung gedrängt wird und ständig die Millioneneinkünfte dargestellt werden aber “fairerweise” im Nebensatz wieder rechtlich einwandfrei relativiert werden denn natürlich kann für den einzelnen Erfolg keiner garantieren…

    Das System ist relativ einfach beschrieben: Es werden für teures Geld schönste Luftschlösser verkauft die es niemals geben wird und es ist absolut richtig dass es bei jedem Partner/Händler letztendlich nur darum gehen kann weitere “Opfer” zu suchen damit die eigene Investition schnell wieder reinkommt. Das nennt man dann Schadensminimierung…

    Aber es hat mich wirklich entsetzt wie gut der Vortrag, der ja über viele ermüdende Stunden geht bzw. ging, die Leute zum unterschreiben verführt hat. Natürlich auch unter dem “nur heute und nur heute Abend” Druck! Es wurden Partnervarianten für viele Tausend EUR angeboten und natürlich wurde immer auf den teuersten Vertrag verwiesen.

    Was gab es dafür: Eigentlich nur eine teure Idee und eine Subdomain der AGLH und der Traum einmal im leben eine Yacht oder ein Flugzeug verkaufen zu können. Nun will ich hier keinem der “Opfer” zu nahe treten aber das Niveau und das Betriebsumfeld eines Yacht- und Flugzeughändlers sieht völlig anders aus als nach dem was die Leute so ausstrahlten…

    Auf detaillierte Nachfragen wurde ständig ausgewichen und auf das sogenannte Backoffice verwiesen, das dem Partner sämtliche Arbeit abnimmt. Man brauchte sich wie im Schlaraffenland um wirklich nicht zu kümmern und bekam auch noch absolut abenteuerliche Provisionen versprochen. Wer einen IQ von wenigstens 80 Punkte hat, muss spätestens am Ende des zweiten Abends begriffen haben um was es der “Organisation” wirklich geht.

    Trotzdem hat es mich geschockt dass ich wirklich der Einzige war der den Keller in Baldham ohne Unterschrift verlassen habe, und obwohl ich Andere noch ganz unauffällig über diesen kunstvoll vorgetragenen Schwachsinn gewarnt habe sind sie den Rhetorikkünsten nicht gewachsen gewesen…

    Ich befürchte jedoch dass es strafrechtlich schwierig wird einen Ansatz zu finden. Ich kann auch nur bestätigen dass man den Leuten nichts falsches versprochen hat. Es gab ja nichts außer eine Subdomain, ein Backoffice welches sich um alles kümmert (die Frage ist ja nur um was?) und die Chance irgendwann einmal im Leben eines der vielen angepriesenen Luxusgüter zu vermitteln. Selber verkaufen ging ja wegen des ominösen Backoffice nicht… Insofern kann auch kein Partner jemals kontrollieren oder nachvollziehen, ob mal eine Unze Edelmetall über ihn verkauft wurde.

    Es ist leider nur zum jammern dass so viele darauf reingefallen sind und nachdem sie es endlich gemerkt haben dazu gezwungen sind andere Opfer aufzureißen damit sie wenigstens ihren eigenen Verlust wieder reinbekommen…

    Vielleicht kann dieser Kommentar andere warnen – einen Versuch war es hoffentlich wert…

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