Hochwasserschutz am Unteren Wöhrd in Regensburg: Wie mauert man eine Insel ein?
Die Planungen für den Hochwasserschutz am Unteren Wöhrd stoßen auf Widerstand und Kritik. Es gibt 57 Einwendungen gegen das beispiellos aufwändige Projekt. Ein Aktionsbündnis macht mobil.

Visualisierung des Wasserwirtschaftsamts zum Hochwasserschutz am Unteren Wöhrd. Foto: Christoph Gabler; Visualisierung: Rakete
Es ist das größte und aufwendigste Projekt, das der Freistaat Bayern beim städtischen Hochwasserschutz plant: der Schutz Regensburgs vor einem hundertjährlichen Donauhochwasser. Seit dem Jahr 2000 läuft die Umsetzung. Der Abschnitt, der nun ansteht, übertrifft alle bisher umgesetzten Maßnahmen zusammen: der Hochwasserschutz für den Unteren Wöhrd.
Mehr als 1.000 Seiten stark sind die Antragsunterlagen, 1,6 Gigabyte Daten, 179 Einzeldateien. Schon deshalb ist dieses „Mammutprojekt“, so nennt es Rainer Zimmermann, der Vizechef des Wasserwirtschaftsamts Regensburg, für den Normalbürger kaum zu überblicken. Entsprechend hat es bislang keine öffentlich wahrnehmbare Debatte gegeben.
„Wohl brachialster Eingriff seit Verkehrsplanungen 1970.“
Wenn sich jemand zu Wort meldete, dann eher mit dem Wunsch: Es möge bald losgehen. Kritik und Bedenken hörte man kaum – denn wer wäre schon gegen Hochwasserschutz? So war es zumindest bis vor Kurzem.
Inzwischen hat sich das „Aktionsbündnis zum Erhalt der Donauinseln“ gegründet. Der Verein spricht mit Blick auf die geplanten Maßnahmen von „Gigantomanie und technokratischem Größenwahn ohne Garantie“.
„Die geplanten Vorhaben an den drei Donauinseln stellen den wohl brachialsten Eingriff in den altstädtischen Kernzonen Regensburgs seit den Überlegungen für eine Großstadtkreuzung nahe des Domplatzes dar, wie sie in den Verkehrsplanungen 1970 vorgesehen war“, sagt Sprecher Bernhard Löffler. Er spricht von einem „Auswuchs technischen Machbarkeitswahns“.
Mauern: Unterirdisch statt oberirdisch
Tatsächlich ist das, was Freistaat und Stadt am Unteren Wöhrd planen, bisher ohne Vorbild. Ende der 1980er Jahre waren für Stadtamhof noch oberirdisch sichtbare, hohe Mauern vorgesehen, die am Widerstand der Bürgerschaft scheiterten.
Ein exemplarischer Streitpunkt damals: die Mauer vor dem Spitalgarten, die den Blick auf die Donau versperrt hätte. Der vielzitierte Satz jener Zeit: „Lieber einmal in hundert Jahren überschwemmt werden, als hundert Jahre hinter einer Mauer leben müssen.“

Die größtenteils unterirdischen Mauern rund um den Unteren Wöhrd. Grafik: Aktionsbündnis
Diesen Fehlversuch von damals habe man bei den aktuellen Planungen stets vor Augen, sagte Wasserwirtschaftsamts-Vize Zimmermann kürzlich im Regensburger Stadtrat. Am Widerstand der Bürger wolle man nicht mehr scheitern.
Wesentlicher Kern des Hochwasserschutzes am Unteren Wöhrd ist nun nicht mehr die oberirdische Mauer, sondern die „Untergrundabdichtung“ – unterirdische Wände, die bis zu 20 Meter tief rund um die Donauinsel in den Boden getrieben werden.
Schweres Gerät nötig
Zimmermann nennt das „eine mit hohem Aufwand möglichst unauffällige und städtebaulich aufwertende Integration des Hochwasserschutzes in einen sensiblen Bestand“.
Doch um diesen Schutz zu bauen, braucht es schweres Gerät: Drehbohrgeräte oder Dieselrammen, so groß wie Bagger, treiben die Spundpfähle rund um den Wöhrd in die Erde.

Mit einem solche Drehbohrgerät oder Dieselrammen werden die unterirdischen Wände in den Boden getrieben. Fozto: Aktionsbündnis
Die Befürchtung: Neben den knapp 130, teils wertvollen Bäumen, die laut Planung ohnehin fallen sollen, könnte weiterer Naturraum durch die Bauarbeiten verloren gehen.
Vorhaben ohne Beispiel
Vorbilder, bei denen eine Insel von der Größe des Unteren Wöhrd unterirdisch eingemauert beziehungsweise abgedichtet wurde, scheint es nicht zu geben. „Ein vergleichbar hoher planerischer, aber auch technischer Aufwand ist uns nicht bekannt“, so Zimmermann auf Nachfrage.
Vor diesem Hintergrund zweifelt das Aktionsbündnis, dass dieses Vorgehen den gewünschten Effekt erzielt – und nicht neue Probleme schafft. Bei Starkregenereignissen könnten Schäden entstehen, die ohne diesen Hochwasserschutz nicht entstünden, heißt es auch in den offiziellen Planungsunterlagen.
Risiken bergen zudem veränderte Grundwasserströme. Architekt Florian Gebauer, Anwohner und Mitglied des Aktionsbündnisses, warnt: „Eine tiefreichende Untergrundabdichtung schafft dauerhafte künstliche Verhältnisse und birgt ein erhebliches Risiko – Setzungen, Feuchteschäden und Substanzverlust.“ Das sei weder nachhaltig noch verhältnismäßig.
Bisherige Schätzungen: Fünf Jahre, 55 Millionen Euro
Apropos Verhältnismäßigkeit: Aktuell rechnen die Planer mit Kosten von 55 Millionen Euro und einer Bauzeit von fünf Jahren. Preissteigerungen und unvorhergesehene Probleme nicht eingerechnet. 80 Prozent trägt der Freistaat, 20 Prozent die Stadt Regensburg. Betrieb und Unterhalt liegen anschließend bei der Stadt – Höhe: „noch nicht ermittelt“.

Blick von oben auf das Hochwasser 2024 in Regensburg. Foto: Stefan Effenhauser/Stadt Regensburg
Diesen Aufwand hält das Aktionsbündnis weder für realistisch berechnet noch für verhältnismäßig. Ein hundertjährliches Hochwasser habe es in Regensburg zuletzt 1845 gegeben. Die „Gefahr für Leib und Leben“, mit der die Maßnahme begründet werde, bestehe in dieser Dringlichkeit nicht.
Das Donautal in Regensburg sei nicht das Ahrtal. „Die Donau in Regensburg fließt durch ein breites Sohlental — flach, weit, mit der Vorwarnzeit, die daraus folgt: rund 48 Stunden.“
Aktionsbündnis trifft sich Anfang Juni
Aktuell liegen 57 Einwendungen gegen das Vorhaben vor. Als Nächstes steht ein Erörterungstermin an – wann, ist offen. Dazu, wann der Bau beginnen könnte, kann die Stadt Regensburg „nur sehr grobe Angaben“ machen: in zwei bis fünf Jahren.
Das Aktionsbündnis hat für Anfang Juni zu einem größeren Treffen eingeladen. Man sei nicht gegen Hochwasserschutz, plädiere aber für eine kleinere Variante und für eine konsequente Prüfung von Objektschutz für die rund 140 Häuser am Unteren Wöhrd.
Aktuell würden solche Alternativen nicht ernsthaft geprüft. „Der bayerische Bemessungsstandard ist HW100 — alles darunter müsste die Stadt allein finanzieren. Nicht der Bedarf bestimmt über HW100, sondern die Förderung.“
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Novalis
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„Der bayerische Bemessungsstandard ist HW100 — alles darunter müsste die Stadt allein finanzieren. Nicht der Bedarf bestimmt über HW100, sondern die Förderung.“
Das ist natürlich grotesk. Und wenig sparsam. Wenn einer günstigere Variante reicht UND diese sinnvoll ist (zwei Bedingungen), sollte auch diese gefördert werden.
Mr. T.
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Meine Ahnung von Hydrologie oder Hochwasserschutz geht gerade so weit, dass ich weiß, dass dies ein sehr komplexes Thema ist, von dem ich noch weniger weiß als vom Umgang mit kranken Walen – falls sich mal einer in die Donau verirrt.
Man kann maximal versuchen, die Studien und Gutachten der Experten zu untersuchen. Auf jeden Fall sollte man solche weitreichenden Entscheidungen erst treffen, wenn man sich ziemlich sicher ist, dass es was bringt und dass es nicht schadet.
Man sollte es nicht nur machen, weil man gerade ziemlich viel Zuschuss dafür bekommt. Dieses Subventionssystem setzt zu viele Fehlanreize.
Dominik Müller_alt
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Nun, landauf-landab wird mehr Resilienz gegen häufigere und heftigere Hochwässer gefordert, so haben z.B. die bayrischen Grünen einen Pakt mit Oberösterreich geschlossen https://katharina-schulze.de/news/hochwasserschutz-pakt-bayern-oberoesterreich/. Wenn die Hochwässer künftig schärfer ausfallen, darf es gerne der HW100-Standard sein. Ich bin kein Wasserbauer, halte es aber für schlüssig, dass es eine Lösung braucht, did auch den steigenden Grundwasserspiegel berücksichtigt.