„Mit kleinen Kuchenstücken“ zum Stadtmuseum Regensburg: Das Warten auf den großen Aufschlag ist vorbei
Mit einer Mischung aus Zweckoptimismus, Realismus und Galgenhumor stellte Sebastian Karnatz die Pläne für ein Stadtmuseum Regensburg bei einer öffentlichen Diskussion vor. Mit Mut zur Lücke, kostensparend und ressourcenschonend will der Leiter der städtischen Museen aber schon jetzt die Identifikation der Regensburger mit ihrem Museum erhöhen.

Entwaffnend offen: Sebastian Karnatz, Chef der städtischen Museen in Regensburg.
Schonungslos, aber ohne Schuldzuweisungen fiel Sebastian Karnatz’ Bestandsaufnahme zum Zustand des Historischen Museums in der letzten Sitzung des Kulturausschusses aus. Und dabei geht es nur am Rande um den baulichen Zustand des Hauses am Dachauplatz.
Pläne für eine Generalsanierung reichen bis ins Jahr 1981 zurück; umgesetzt wurden sie – abgesehen von wenigen Teilbereichen – nie. Doch das ist für Karnatz, seit etwas mehr als 15 Monaten Leiter der städtischen Museen, nicht das zentrale Problem.
Auf die Höhe des aktuellen Diskurses kommen: „Sonst verlieren wir unsere Daseinsberechtigung.“
Sanierungsbedarf gebe es, vor allem bei der Barrierefreiheit, aber der sei nicht erheblich. „Dringend notwendig“ sei hingegen die inhaltliche Überarbeitung. Museen könnten im öffentlichen Diskurs eine wichtige Rolle spielen, sagt Karnatz. Das sehe man in anderen Städten.
In Regensburg müsse man es jedoch erst einmal schaffen, wieder auf die Höhe des aktuellen Diskurses zu kommen, um überhaupt eine Rolle in der Stadt zu spielen. So lasse sich dann auch eine Sanierung mit entsprechenden Kosten begründen. „Scheitern wir daran, verlieren wir unsere Daseinsberechtigung.“
Es dürfte das erste Mal seit Jahrzehnten sein, dass ein Verantwortlicher in leitender Position ausspricht, was in Regensburg jeder weiß: Das Historische Museum ist weitgehend bedeutungslos. Ein Flickenteppich aus erratisch angeordneter Dauerausstellung, in dem vor allem die neuere Geschichte fehlt.
Oder, wie es Karnatz formuliert: Den vielfältigen Kosmos, den das Museum auf seiner Homepage anpreist, „bilden wir nicht ab“. „Die Geschichte im Historischen Museum endet schon sehr früh“, sagt er an anderer Stelle. „Wir blenden 500 Jahre Stadtgeschichte kategorisch aus.“
Das Historische Museum: ein selbstverschuldeter Stillstand
Das Warten auf den großen Wurf, die Generalsanierung, hat in Verbindung mit regelmäßigen Zerwürfnissen in der Führungsriege zum inhaltlichen Stillstand geführt. „Selbstverschuldet“, sagt Karnatz. Das will er ändern – „im Rahmen des jährlichen Budgets, kostensparend und ressourcenschonend“.
Bei einer Podiumsdiskussion im Evangelischen Bildungswerk (EBW) am Dienstag nutzt Karnatz das Bild eines großen Kuchens, auf den alle gewartet hätten. Er will es anders angehen: „Viele kleine Stücke ergeben auf Dauer auch einen Kuchen.“ Und: „Wir brauchen kleine Schritte, um uns Beinfreiheit zu verschaffen, damit wir nicht in Problemen ersticken.“
Das Zauberwort: Professionalisierung
Konkret: eine einheitliche Beschriftung im Museum, neues Logo, überarbeitete Homepage und Newsletter. Zum ersten Mal habe man in diesem Jahr eine Besucherbefragung durchgeführt. Professionalisierung laute das Zauberwort. Außerdem verweist Karnatz auf fünf Sonderausstellungen, die man 2026 auf die Beine gestellt habe. Aktuell: „Tanzen und Taumeln“ über Regensburg in den 50er-Jahren.
Diese Schau sorgte vor allem mit dem für die Hitler-Brücke gefertigten Granit-Adler für Aufmerksamkeit. Dass bei der Ausstellung Exponenten des Kunst- und Gewerbevereins (KGV) wie Max Wissmer, Jo Lindinger und Walter Boll mit ihrer NS-Vergangenheit entsprechend eingeordnet werden, während das bei der Jubiläumsschau des KGV am anderen Ende der Altstadt unterbleibt, kann man als aktive Beteiligung am städtischen Diskurs über Verdrängung und Vergangenheitsbewältigung verstehen.
Eingeladen zur Diskussion hatten das EBW und der Arbeitskreis Kultur (AKK), der seit 30 Jahren den Finger in die offene Museumswunde legt. AKK-Vertreter Joachim Buck hält große Stücke auf Karnatz: „Wir haben gesehen, dass inzwischen im Hintergrund viel gearbeitet wird.“
KI, professionelle Erzähler und ein alter Regensburger
Wie weit das Feld Museum reicht, zeigte – nach einem kurzen Input von Karnatz – die Diskussion am Podium und mit dem Publikum im vollen Melanchthonsaal.
Bernhard Löffler, Direktor des Zentrums für Erinnerungskultur an der Universität Regensburg, spricht als Besucher. Wenn er mit seinen Kindern dort gewesen sei, sei man immer schnell wieder draußen gewesen. „Da hat sich wenig verändert.“ Birgit Angerer vom Förderkreis der Museen der Stadt Regensburg hofft, künftig im Museum öfter überrascht zu werden und die Stadtteile stärker in den Fokus zu rücken.

Dümpelt seit Jahrzehnten in der Bedeutungslosigkeit dahin: das Historische Museum in Regensburg: Foto: Stadt Regensburg
Joachim Buck formuliert zum Teil sehr konkrete Vorstellungen, etwa zur zwiegespaltenen Rolle von Albrecht Altdorfer, zum Neupfarrplatz und zur dortigen jüdischen Gemeinde und deren Vertreibung.
Ein „alter Regensburger“, wie er sich vorstellt, bietet seine Fotos fürs Museum an und fordert, dass die Geschichte Regensburgs von ebensolchen alten Regensburgern erzählt werden solle. Es geht um die künftige Rolle von KI im Museum, und eine professionelle Erzählerin fragt, welche Rolle ihre Berufsgruppe bei der Neukonzeption spielen könne.
NS-Geschichte: Langwierige Aufarbeitung als Thema im Museum?
Gegen Ende wird breiter diskutiert, inwiefern die NS-Vergangenheit im Museum ihren Platz finden wird. Die Stadt sucht derzeit geeignete Räumlichkeiten für ein NS-Dokumentationszentrum. Dennoch müsse das Thema auch im Museum verankert sein, so Karnatz – schon die Architektur, in Teilen aus dieser Zeit, biete sich dafür an.
Sein Amtskollege Martin Speidel – früher in Stuttgart, jetzt in München – rät am Podium zu Mut. „Museen sind nie neutral.“ Sie bezögen Position durch das, was sie zeigen, und durch das, was sie nicht zeigen.
In Regensburg könne man zum Beispiel thematisieren, wie lange es gedauert habe (und immer noch dauert), bis sich die Stadt der Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit gestellt habe. Dafür gibt es Applaus – und zustimmendes Nicken von Karnatz.
„Wir werden immer irgendjemanden enttäuschen.“
Um das Stadtmuseum Regensburg, so der angepeilte zukünftige Name, wieder zu einem „Ort der Identifikation“ zu machen, setzt Karnatz auf Mut zur Lücke. „Ein Museum ist keine Enzyklopädie.“ Und: „Wir werden immer irgendjemanden enttäuschen.“
Eine Dauerausstellung mit 100 Objekten aus Regensburg ist derzeit in Planung. „Dafür braucht es keinen 700-seitigen Methodenteil und keine wissenschaftliche Arbeit.“ Eine Sonderausstellung zur Migrationsgeschichte im Mittelalter könne auch aktuelle Themen in den Blick nehmen. Pläne für eine grundlegende Neukonzeption, auch baulich, soll es 2028 geben. Mit deren Umsetzung ist nicht vor 2030 zu rechnen.
Rausgehen, Debatten anstoßen – das will Karnatz aber schon jetzt. Damit die Menschen wieder Vertrauen in ihr Museum fassen. „Ich habe die Vermutung, wir haben in den letzten Jahren nicht immer vertrauenerweckend gewirkt.“ In Einklang mit Kulturreferent Wolfgang Dersch hofft Karnatz, dass man irgendwann auf 2026 zurückschauen werden als das Jahr, in dem sich alles zum Bessseren gewandt habe.
Vielleicht sieht man diese Rückschau irgendwann in einem Museum…
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